{"id":106907,"date":"2004-02-08T00:01:06","date_gmt":"2004-02-07T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106907"},"modified":"2025-12-12T14:17:01","modified_gmt":"2025-12-12T13:17:01","slug":"futuristische-surrealitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/02\/08\/futuristische-surrealitaet\/","title":{"rendered":"Futuristische Surrealit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&#8222;Here Come the Warm Jets&#8220; ist ein Album des Aufbruchs. Es ist eine f\u00fcr diese Zeit irritierende Mischung aus Theatralik, avantgardistischen Texturen und spielerischem Proto-Punk. Wir h\u00f6ren eine bahnbrechende Kombination aus Melodie und Experiment, die sp\u00e4tere Indie-Bands beeinflussen solltet.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Eno die Musiker f\u00fcr dieses Album zusammenstellte, w\u00e4hlte er bewusst solche aus, die seiner Meinung nach nicht zusammenpassten \u2013 in der Hoffnung, etwas Ungew\u00f6hnliches zu schaffen. Er gab ihnen auch genaue Anweisungen, wie sie zu spielen hatten oder eben nicht \u2013 oft durch visuelle Signale (einschlie\u00dflich Tanz) \u2013 anstatt Worte zu benutzen. Anschlie\u00dfend bearbeitete und mischte er die Aufnahmen und Spuren so intensiv, dass sie oft ganz anders klangen als das, was die Musiker im Studio gespielt hatten. Zu den Musikern geh\u00f6ren Hawkwind-Schlagzeuger Simon King, Phil Manzanera, Schlagzeuger Paul Thompson und Andy Mackay von Roxy Music, King Crimson-Gitarrist Robert Fripp und Bassist\/S\u00e4nger John Wetton sowie Pink-Fairies-Gitarrist Paul Rudolph.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die rohe, chaotische und bewusst unprofessionell wirkende Produktion und Enos absurde, aggressive klingen wie ein Vorbote dessen, was sp\u00e4ter Punk ausmachen sollte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eno pr\u00e4sentiert sich auf <em>Here Come the Warm Jets<\/em> als charismatischer S\u00e4nger, dessen Einfluss auf David Byrne nicht zu untersch\u00e4tzen ist, w\u00fcrde doch &#8222;The Paw Paw Negro Blowtorch&#8220; problemlos als Talking Heads-Song durchgehen. &#8222;Needles in the Camel&#8217;s Eye&#8220; wirkt noch stark an Roxy Music angelehnt, es ist einer der zug\u00e4nglicheren Titel \u2013 glamour\u00f6s, rockig und fast schon poppig, abgesehen von der scharfen und schrillen Rhythmusgitarre. &#8222;Cindy tells me&#8220; ist ein psychedelisch angehauchter Pop-Song, wahrscheinlich der normalste Song des Albums. Scheinbar unspektakul\u00e4r kommt auch die Ballade &#8222;On Some Faraway Beach&#8220; r\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie die Dadaisten, die traditionelle Kunst ablehnten, hinterfragte Eno die Definition von Musik und Kunst, indem er Kl\u00e4nge als Umgebung (&#8222;Ambient&#8220;) statt als fokussierte Kunstwerke pr\u00e4sentierte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0\u201eBaby\u2019s On Fire\u201c<\/em> \u00fcberzeugt mit zwei der gro\u00dfartigsten Gitarrensoli der 1970-er Jahe. Eines von Rudolph und ein noch besseres von Fripp. Tats\u00e4chlich besteht der Song fast ausschlie\u00dflich diesen Gitarrensoli, eingerahmt von Strophen und ohne Refrain.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim H\u00f6ren von &#8222;Driving me backwards&#8220; genie\u00dft man die atonale Gesangsmelodie, die wie r\u00fcckwarts abgespielt anmutet, diesmal erinnert Enos Gesang sehr stark an Adrian Belew. &#8222;Blank Frank&#8220; klingt wie die Sounds, die einige Jahre sp\u00e4ter als sehr innovativ galten. Die musikalischen Beitr\u00e4ge auf dem Song reichen von seltsamen Orgelsounds bis zur Gitarre, die einer Maschinenpistole \u00e4hnelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eno nutzte Zufallsprinzipien (z. B. in seinen &#8222;Oblique Strategies&#8220;, die er mit Peter Schmidt entwickelte) zur Komposition, \u00e4hnlich dem Dada-Einsatz von Zufall in Gedichten oder Collagen, um rationale Strukturen zu untergraben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Dead Finks don&#8217;t talk&#8220; vereinigt Elemente von Roxy Music, Lou Reed und Bowie zu einer neuen Mixtur, ganz besonders w\u00e4re das Outro zu diesem Song zu beachten, wo Eno einige Sekunden lang eine Musik erzeugt, die man als au\u00dferirdisch bezeichnen darf. &#8222;Some of them are old&#8220; ist wieder so ein fieses Ding, bei dem die Grenzen zwischen Kitsch, Witz und Kunst zu verschwimmen scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eno machte Synthesizer und Studio-Effekte zu zentralen Elementen seiner Musik, was eine Form der Provokation und Innovation darstellte, \u00e4hnlich der Verwendung unkonventioneller Materialien durch Dadaisten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00fcsterer wird es \u201e<em>Driving Me Backwards\u201c<\/em> ist ein klavierbetontes, schleppendes und dissonantes St\u00fcck mit einer wilden und inspirierten Gesangsleistung. \u201e<em>Blank Frank\u201c<\/em> ist dagegen cool, eing\u00e4ngig und klingt nach Bo Diddley. In einer der sp\u00e4teren Strophen setzt eine Orgel ein \u2013 sie schwillt im Kontrast zum Gesang an und ab. Es wirkt amateurhaft und experimentell, funktioniert aber. Unglaublich inspirierend und unterhaltsam. Als n\u00e4chstes betrachten wir das hymnische <em>Some Of Them Are Old<\/em> \u2013 mit seinem zarten und zerbrechlichen Slide-Gitarrensolo von Lloyd Watson. Das Album endet mit dem im Wesentlichen instrumentalen Titeltrack, dessen Gitarrensound offenbar die Inspiration f\u00fcr den Titel lieferte. Eno selbst bezeichnete den Klang als \u201ewarmen Jet-Gitarrensound\u201c. Sein erstes Soloalbum. verk\u00f6rperte alles, was Eno sich immer gew\u00fcnscht hatte: die volle Kontrolle \u00fcber die Musik, die Produktion und die Pr\u00e4sentation.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Obwohl nicht direkt im Sinne von Hugos Ball Nonsens-Gedichten, teilte Eno die Freude am Spiel mit Sprache und Sinn, was sich in seinen Songtiteln, Konzepten und dem experimentellen Sound zeigt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf <em>Here Come the Warm Jets<\/em> deutet sich an, wie stark Brian Eno wurde vom Dadaismus beeinflusst war, insbesondere durch dessen Ablehnung konventioneller Kunst, die Betonung von Zufall, Absurdit\u00e4t, Provokation und die Infragestellung von Kunst selbst, was sich in Enos Pionierarbeit f\u00fcr Ambient-Musik, der Nutzung von Zufallsgeneratoren, seiner experimentellen Herangehensweise und seiner Rolle in der Popul\u00e4rkultur (Roxy Music, Talking Heads) widerspiegelt, indem er die Grenzen von Musik und Produktion sprengte. Dies ist ein sehr einflussreiches Album, das viele sp\u00e4tere Punk- und Indie-Entwicklungen vorwegnahm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Here Come the Warm Jets<\/strong> von Brian Eno, 1974 \u2013 30 Jahre nach dem Erscheinen gibt es dieses Album in einer neuen Abmischung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-106908 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Jets-300x266.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"266\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Die Rockmusik erlebte in den 1970-er Jahren eine enorme Vielfalt und ihren H\u00f6hepunkt in der Popularit\u00e4t verschiedener Subgenres wie Glam Rock, Punk und Ambiet. Als Innovator wirkte Brian Eno u.a. mit bei: <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/12\/06\/decadenz\/\"><strong>Roxy Music<\/strong><\/a><\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/12\/06\/decadenz\/\">,<\/a> der Begr\u00fcndung des Ambient <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/06\/30\/kein-ort-nirgends\/\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">Music For Airports<\/span><\/strong><\/a>, der Lancierung einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/08\/05\/ambient-music\/\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">Fourth World: 01 Possible Music<\/span><\/strong><\/a>, mit Jon Hassell und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/08\/tal-king-heads\/\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">Remain in Light<\/span><\/strong><\/a> von den Talking Heads.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Here Come the Warm Jets&#8220; ist ein Album des Aufbruchs. 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