{"id":106835,"date":"1998-07-22T00:01:49","date_gmt":"1998-07-21T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106835"},"modified":"2025-11-08T15:29:17","modified_gmt":"2025-11-08T14:29:17","slug":"ein-zwangloses-zusammenspiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/07\/22\/ein-zwangloses-zusammenspiel\/","title":{"rendered":"Ein zwangloses Zusammenspiel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich wollte vom Konzept her die Blue-Note-Jazzplatten der 50er-Jahre nachahmen, \u201eeinfach ein paar richtig gute Musiker zusammenbringen und jammen lassen. Rock \u2019n\u2019 Roll zu einer Kunstform erheben und ihn mit diesen Jazzplatten vergleichen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Al Kooper<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Musikgeschichte ohne Vorspiel. Das Projekt wurde von dem vielgereisten Multiinstrumentalisten Al Kooper initiiert, und \u00b4<em>Super Session`<\/em> entstand aus Koopers Frustration dar\u00fcber, dass kein Produzent das beeindruckende Talent seines Freundes, des Bluesgitarristen Mike Bloomfield, angemessen in Szene setzen konnte. Die beiden hatten sich kennengelernt (und sich damit unbewusst musikalische Unsterblichkeit gesichert), indem sie Dylan assistierten \u201e<em>Like A Rolling Stone\u201c<\/em> elektrisch zu spielen. Sie begleiteten auch Dylans kontroversen Auftritt mit elektrischen Instrumenten beim Newport Folk Festival im Juli 1965. Aber His Bobness duldet keine weiteren G\u00f6tter neben sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Al Kooper fungierte als Mastermind hinter dem Projekt, er rekrutierte die Musiker und leitete die Aufnahmen. Seine F\u00e4higkeit, diese kreativen Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln und das Projekt zu realisieren, unterstreicht seine Bedeutung als Produzent und Musiker.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kooper hatte Blood, Sweat &amp; Tears kurz nach deren Deb\u00fctalbum verlassen und arbeitete als A&amp;R-Manager f\u00fcr Columbia Records. Bloomfield stand kurz vor seinem Ausstieg bei Electric Flag und war arbeitslos. Kooper rief Bloomfield an, um zu fragen, ob er Zeit h\u00e4tte, ins Studio zu kommen und zu jammen; Bloomfield sagte zu, und Kooper \u00fcbernahm die Organisation. So beil\u00e4ufig k\u00f6nnen Geschichten beginnen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Musiker spielten gr\u00f6\u00dftenteils improvisiert, und Kooper f\u00fcgte sp\u00e4ter lediglich Bl\u00e4serarrangements hinzu. Diese Herangehensweise fing die Energie und Kreativit\u00e4t der beteiligten K\u00fcnstler authentisch ein und stand im Gegensatz zu oft entt\u00e4uschenden, \u00fcberm\u00e4\u00dfig geplanten Jam-Ver\u00f6ffentlichungen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut wenn bei einen Session ein Tonband mitl\u00e4uft und die Musik aufzeichnet. Kooper buchte im Mai 1968 zwei Tage Studiozeit bei CBS Columbia Square in Los Angeles und engagierte den Keyboarder Barry Goldberg und den Bassisten Harvey Brooks, beide Mitglieder der Electric Flag, sowie den bekannten Session-Schlagzeuger \u201eFast\u201c Eddie Hoh. Am ersten Tag nahm das Quintett eine Reihe von \u00fcberwiegend bluesbasierten Instrumentalst\u00fccken auf. Darunter befand sich auch das modale St\u00fcck \u201eHis Holy Modal Majesty\u201c, eine Hommage an den im Vorjahr verstorbenen Modal-Jazz-Musiker John Coltrane, das zudem an \u201eEast-West\u201c vom zweiten Album der Butterfield Blues Band erinnerte. Am zweiten Tag, als die B\u00e4nder zum Abspielen bereit waren, kehrte Bloomfield in sein Haus in Mill Valley in der San Francisco Bay Area zur\u00fcck und erkl\u00e4rte, er habe nicht schlafen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Er hinterlie\u00df eine Nachricht: \u201aKonnte nicht schlafen, tsch\u00fcss.\u2018 Also rief ich jeden Gitarristen an, den ich in Los Angeles und San Francisco kannte: Jerry Garcia, Randy California, Steve Stills und ich wei\u00df gar nicht mehr, wer noch. Stills war derjenige, der alles zusammengebracht hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Al Kooper<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Kooper f\u00fcr den zweiten Tag gebuchter Studiozeit etwas vorweisen musste, bat er kurzerhand Stephen Stills, der gerade seine Band Buffalo Springfield verlie\u00df, Bloomfield zu ersetzen. Mit <em>Dylans<\/em> &#8222;It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry&#8220; \u00fcbernimmt Stephen Stills die Saiten und es wird countryrockig. Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt Stills zur ersten Garnitur der Gitarristen, er klingt und spielt jedoch total anders als Mike Bloomfield. Mit ein Beweis, wie unsinnig die vielen Umfragen wie &#8218;Wer ist der beste Gitarrist&#8216; eigentlich sind. Vielleicht das Highlight der Platte &#8211; auf jeden Fall ist das elfmin\u00fctige Donavan-Cover &#8222;Season Of The Witch&#8220; ein Leckerbissen. Ein nicht enden wollender Jam mit fast erotischem Wah Wah-Einsatz. Leicht angejazzt, dann wieder runtergefahren, Bl\u00e4ser, die vehement zwischen Gitarre und Schlagzeugwirbel fahren, eine Hammond, die schwer vor dem pumpenden Bass dahinrollt. &#8222;You Don&#8217;t Love Me&#8220;, eine alte Bluesnummer von Willie Cobb ist das letzte St\u00fcck mit <em>Stills<\/em> an der Gitarre. Obwohl Harvey Brooks\u2019 abschlie\u00dfender Song \u201eHarvey\u2019s Tune\u201c nachtr\u00e4glich in New York City w\u00e4hrend des Abmischens hinzugef\u00fcgte Bl\u00e4ser enth\u00e4lt, kostete die Fertigstellung des Albums lediglich 13.000 US-Dollar.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Musiker spielten gr\u00f6\u00dftenteils improvisiert, und Kooper f\u00fcgte sp\u00e4ter lediglich Bl\u00e4serarrangements hinzu. Diese Herangehensweise fing die Energie und Kreativit\u00e4t der beteiligten K\u00fcnstler authentisch ein und stand im Gegensatz zu oft entt\u00e4uschenden, \u00fcberm\u00e4\u00dfig geplanten Jam-Ver\u00f6ffentlichungen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Albumtitel entstand erst nach den Aufnahmen und ist irref\u00fchrend, da die beiden Gitarristen w\u00e4hrend der Aufnahmen nicht zusammen spielten. Stattdessen ist Seite Eins das Ergebnis einer neunst\u00fcndigen Session mit Kooper und Bloomfield; Seite Zwei pr\u00e4sentiert Kooper und Stills. Beide Sessions wurden von den Electric-Flag-Mitgliedern Barry Goldberg an den Keyboards und Harvey Brooks am Bass sowie dem hochtalentierten Session-Schlagzeuger \u201eFast\u201c Eddie Hoh begleitet \u2013 Bl\u00e4ser und Koopers zus\u00e4tzliche Gitarrenparts wurden sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgt. <em>Super Session<\/em> war eine beeindruckend ungezwungene Pr\u00e4sentation der Talente seiner hastig zusammengestellten Besetzung. Das Album gilt als eilenstein der Rockmusik und war stilbildend f\u00fcr den Bluesrock und fr\u00fchen Fusion-Jazz\/Rock. Es zeigte, wie verschiedene musikalische Hintergr\u00fcnde \u2013 von Blues \u00fcber Rock bis hin zu Soul \u2013 nahtlos miteinander verschmelzen konnten. Das Projekt nahm das Konzept der improvisierten Jam-Session aus dem Jazz und wandte es auf den Rock an, um das zu schaffen, was als \u201edie erste echte Rock &#8217;n&#8216; Roll Jam-Session\u201c gilt.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Super Session<\/strong>, Al Kooper, Mike Bloomfield, Stephen Stills. 1968 bei Columbia Records.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-106840 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/07\/super_session-294x300.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192 <\/strong> Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde ver\u00f6ffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein <em>Alternative<\/em>, was das R\u00e4tsel aufgab, was genau man h\u00f6rte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wollte vom Konzept her die Blue-Note-Jazzplatten der 50er-Jahre nachahmen, \u201eeinfach ein paar richtig gute Musiker zusammenbringen und jammen lassen. 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