{"id":106782,"date":"1997-09-26T00:01:36","date_gmt":"1997-09-25T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106782"},"modified":"2025-09-19T13:06:59","modified_gmt":"2025-09-19T11:06:59","slug":"baroknroll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/09\/26\/baroknroll\/","title":{"rendered":"Barok&#8217;n&#8217;Roll"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Einer Legende nach entstand der Bandname \u201eProcol Harum\u201c in Bezug auf die burmesische Katze des Produzenten Gus Dudgeon, welche Procol Harun gerufen wurde. Ein \u00dcbermittlungsfehler machte schlie\u00dflich aus einem \u201en\u201c ein \u201em\u201c.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als junger Mensch war ich beeindruckt von der &#8211; wie man heute sagt &#8211; \u00b4Fusion` von Klassik und Rock. Mit Abstand geh\u00f6rt sagt mir nur noch &#8222;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z0vCwGUZe1I&amp;list=RDz0vCwGUZe1I&amp;start_radio=1\">A<strong>\u00a0<\/strong>Whiter Shade of Pale<\/a>&#8220; zu. Es ist ein Rocksong der britischen Band Procol Harum aus dem Jahre 1967 bei dem kurz nach Erschienen als Single klar war, dass die ein Song f\u00fcr die Ewigkeit war. Das St\u00fcck wurde als erste Bearbeitung von Bach-Werken in der Rockmusik eingestuft, n\u00e4mlich des Eingangschors der Kantate 140 &#8222;Wachet auf, ruft uns die Stimme\u201c (BWV 140). Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Bearbeitung, da nur die Harmonieabfolge der ersten Takte \u00fcbernommen wurde. N\u00e4her liegt der Vergleich mit Bachs &#8222;Air&#8220; aus der Suite D-Dur, da der getragene 4\u20444-Takt, die lange Note zu Beginn und der diatonische Abstieg der Basslinie zu erkennen sind (Takt 5 der Air mit Takten 2 und 3 des Songs, jeweils in eine andere Tonart gesetzt). Eine langsam absteigende, schwere Basslinie wird von den Harmonien C-Dur, a-Moll, F-Dur, d-Moll, G-Dur und e-Moll getragen. Bach-Autor Bernard S. Greenberg kommt beim Notenvergleich zu der Schlussfolgerung, dass &#8222;A Whiter Shade of Pale&#8220; bei einem Takt eine Bach-Musikzitat darstellt und eine unverkennbare Beziehung zu den beiden diskutierten Bach-St\u00fccken (der &#8222;Air&#8220; aus der Suite in D-Dur und &#8222;Wachet auf, ruft uns die Stimme&#8220;) aufweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Erst-V\u00d6:<\/span> &#8222;A Whiter Shade of Pale&#8220; erschien als Single bereits 6 Monate vor der Langspielplatte und fehlte auf der urspr\u00fcnglichen Ausgabe ihres Debutalbums. Dies ist nicht verwunderlich, weil die Single zu dieser Zeit das eigentliche Format war und sich die Langspielplatte erst sp\u00e4ter durchsetzt. Erst auf die Neuausgabe von 1972 wurde dieser Song auf LP wiederver\u00f6ffentlicht. Auch \u00fcber den Ursprung und die Bedeutung des Bandnamens gibt es verschiedensten Interpretationen; es soll urspr\u00fcnglich der Name einer Katze gewesen sein, dann wurde er als (falsche) lateinische \u00dcbersetzung von &#8222;jenseits dieser Dinge&#8220; erkl\u00e4rt. Die Songs des Debuts zeigen schon den typischen Procol Harum Stil: Matthew Fishers lange, klassisch beeinflusste Orgelschleifen, Robin Trowers bluesige Gitarre und Gary Brookers markanter Gesang. Manchmal klingt es noch nicht so ganz ausgereift, aber das liegt vielleicht eher an der Aufnahmetechnik als an der Musik selbst. Die Platte wurde in Mono aufgenommen, und die Klangqualit\u00e4t ist nicht ganz auf dem neuesten Stand (inzwischen gibt es eine Remaster-CD-Ausgabe, die als Grundlage dieser Betrachtung dient).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Zur Einordnung:<\/span> Procol Harum spielt eine Musik, die zwischen Bach, Soul und Modern Jazz changiert. Die Konfusion \u00fcber die textliche Bedeutung ist auch dem Umstand geschuldet, dass die H\u00e4lfte des Textes vor der Aufnahmesession herausgenommen wurde. Urspr\u00fcnglich bestand er n\u00e4mlich aus vier Strophen, die zweite und dritte wurden bei der Musikaufnahme gestrichen. Die inhaltliche Bedeutung erschlie\u00dft sich eher, wenn man die fehlenden Strophen hinzunimmt. Dann wird klar, dass sich der Erz\u00e4hler auf einem Schiff auf See befindet. Hinzu kommen surrealistische Wortspiele und bizarre Wortkaskaden, die auch in sp\u00e4teren Werken der Gruppe anzutreffen sind. Der auch f\u00fcr englischsprachige Zuh\u00f6rer r\u00e4tselhafte, mystische, wenn nicht gar undurchdringliche Text \u00fcbernimmt zudem klangliche Funktionen, was durch die ausdrucksstarke Stimme von Brooker unterstrichen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>to be listened in the spirit in which it was made<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Procol Harum auf ihrem Deb\u00fct auszeichnet, ist der Sound. Keine andere band dieser Zeit hatte einen solchen Sound, so tiefgr\u00fcndig, gef\u00fchlvoll und all die guten Dinge, die dazugeh\u00f6ren. Neben Brooker, einem exzellenten Keyboarder und S\u00e4nger, sind Keyboarder Matthew Fisher die wichtigsten S\u00e4ulen der Band. W\u00e4hrend Booker am Klavier blieb, bespielte Fisher die Orgel. Diese Kombination sorgte f\u00fcr einen dichten Keyboard-Sound, der in der Rockwelt seinesgleichen sucht. Das T\u00fcpfelchen auf war jedoch Trower, ein exzellenter Gitarrist. Als Meister aller Arten cooler, harter Gitarrenkl\u00e4nge und als \u00e4u\u00dferst versierter und intelligenter Solist und Riffer sorgte er f\u00fcr den Rock in Harums Barok-Rock\u2019n\u2019Roll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in der CD-Version enth\u00e4lt das Deb\u00fctalbum den urspr\u00fcnglichen bluesigen Rock, der von Gary Brookers angenehmer Stimme dominiert wird. Bereits mit dem Titel &#8222;Conquistador&#8220; gelingt es der Band sich stilistisch eindeutig von der gerade mal verklungenen Beat-\u00c4ra abgrenzen kann. &#8222;She Wandered Through The Garden Fence&#8220; bietet eine gef\u00e4llige Melodie, die trotz ihrer Schlichtheit nachhaltig \u00fcberzeugen kann. Auch reine Bluesnummern wie &#8222;Something Following Me&#8220; und &#8222;Cerdes (Outside The Gates Of)&#8220; \u00fcberzeugen. &#8222;A Christmas Camel&#8220; und &#8222;Salad Days (Are Here Again)&#8220; sind dann wieder von ausdrucksstarkem Gesang, Klavierspiel und markanter Hammond dominierte Titel, die trotz ihrer Eing\u00e4ngigkeit schon als erste Vorboten der symphonisch ausgepr\u00e4gten Rockmusik angesehen werden k\u00f6nnen. Das von Hammondspieler Matthew Fisher geschriebene Instrumental &#8222;Repent Walpurgis&#8220; ist ein weiterer Klassiker im Repertoire von Procol Harum und diente im Laufe der folgenden Jahre als stimmungsvoller Abschluss eines jeden Konzerts der Band. Auch als Abschluss des insgesamt sehr sch\u00f6nen ersten Lebenszeichens einer britischen Legende erf\u00fcllt dieser Titel seinen \u00fcberaus stimmungsvollen Zweck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Conclusio:<\/span> Auf dem Deb\u00fct &#8222;Procol Harum&#8220; h\u00f6rt man Pop, Rock und Blues-Musik, die einen Hang zum Barok besitzt. Immer wieder schimmern diese Ans\u00e4tze durch, was beim urspr\u00fcnglich letzten Titel des Albums, &#8222;Repent Walpurgis&#8220;, nochmals deutlicher zu Tage kommt, hier wurde ein Bach-Zitat mit eingeschlossen. Auch sonst gibt es beim digitalen Wiederh\u00f6ren nichts zu m\u00e4keln am Debut der Briten. Der Sound der Lieder wurde auf der vorliegenden, remasterten Version des Albums deutlich aufgefrischt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Procol Harum<\/strong><em>, <\/em>Erstver\u00f6ffentlichung am 26. September 1967 &#8211; Von den Original Masterb\u00e4ndern \u00fcberarbeitet. Neu remasterte und erweiterte Edition des Deb\u00fctalbums auf CD und mit vier Bonus Tracks erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-106783 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Procol-Harum-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192 <\/strong> Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer Legende nach entstand der Bandname \u201eProcol Harum\u201c in Bezug auf die burmesische Katze des Produzenten Gus Dudgeon, welche Procol Harun gerufen wurde. 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