{"id":106773,"date":"2013-11-16T00:01:07","date_gmt":"2013-11-15T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106773"},"modified":"2025-09-14T12:44:30","modified_gmt":"2025-09-14T10:44:30","slug":"mythen-neu-gelesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/16\/mythen-neu-gelesen\/","title":{"rendered":"Mythen, neu gelesen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eDer Mythos ist eine Aussage, genauer: ein Mitteilungssystem, eine Botschaft. (\u2026) Man sieht daraus, dass der Mythos kein Objekt, kein Begriff oder eine Idee sein kann; er ist eine Weise des Bedeutens, eine Form.\u201c<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich ist das kultursemiotisches Werk \u00bbMythen des Alltags\u00ab auch in Deutschland in der vollst\u00e4ndigen Ausgabe erh\u00e4ltlich. Diese Buch des franz\u00f6sischen Poststrukturalisten und Semiotikers Roland Barthes erschien im Original im Jahr 1957. Eine deutsche \u00dcbersetzung erschien erstmals 1964 stark gek\u00fcrzt im Suhrkamp Verlag mit nur 19 anstatt der urspr\u00fcnglich 53 Essays im ersten Teil, der zweite, theoretische Teil blieb unver\u00e4ndert. Im Jahr 2010 erschienen die Mythologies vollst\u00e4ndig in deutscher \u00dcbersetzung von Horst Br\u00fchmann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barthes versammelt in Mythen des Alltags Essays \u00fcber damals zeitgen\u00f6ssische kulturelle Ph\u00e4nomene, deren Gemeinsamkeit darin besteht, \u00e4hnlichen Mustern folgend moderne Alltagsmythen zu repr\u00e4sentieren. Er schreibt etwa \u00fcber Wrestling, den neuen Citro\u00ebn, Striptease oder das Gehirn von Albert Einstein. Die Essays erschienen zuerst in der Literaturzeitschrift Les Lettres nouvelles. Im zweiten Teil des Buches legt Barthes sein Mythenkonzept dar. Der erweiterte Begriff des Mythos, der nicht nur eine vielen bekannte Erz\u00e4hlung meint, sondern auch die f\u00fcr eine Gesellschaft unbewussten und kollektiven Bedeutungen, die sie \u201evon einem semiotischen Prozess ableitet\u201c, wird in den Wissenschaften Barthes zugeschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gelingt es Barthes in Mythen des Alltags, moderne und alte Mythen (wie die der conditio humana am Beispiel der Ausstellung The Family of Man) als eine Form der Naturalisierung und Essentialisierung zu analysieren: &#8222;Der Mythos von der conditio humana st\u00fctzt sich auf eine sehr alte Mystifikation, die seit jeher darin besteht, auf den Grund der Geschichte die Natur zu setzen.&#8220; Der Analyse zahlreicher Alltagsbeispiele f\u00fcr den Mythos in der Form kurzer Essays schlie\u00dft Barthes die Begr\u00fcndung f\u00fcr eine wissenschaftliche Vorgehensweise der Analyse der Mythen an und entwickelt hier die Grundlagen f\u00fcr eine kritische Semiotik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr eine Definition, was der Mythos ist, seien die unterschiedlichen Wortbedeutungen von <em>Mythos<\/em> irrelevant: &#8222;Man kann mir hundert andere Bedeutungen des Wortes Mythos entgegenhalten. Ich habe versucht, Dinge zu definieren, nicht W\u00f6rter.&#8220; Barthes beschreibt zun\u00e4chst die Form und sp\u00e4ter f\u00fcr eben &#8222;diese Form die historischen Grenzen, die Bedingungen ihrer Verwendung&#8220;, in der auch &#8222;die Gesellschaft wieder in sie eingef\u00fchrt werden&#8220; m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um den Mythos zu erkennen, ist es nicht notwendig, zwischen den mythischen Objekten &#8222;eine substantielle Unterscheidung (\u2026) treffen zu wollen&#8220; \u2013 denn nicht die Objekte bestimmen, was der Mythos ist, sondern die Art und Weise, <em>wie<\/em> die Objekte angesprochen werden: &#8222;da der Mythos eine Aussage ist, kann alles, wovon ein Diskurs Rechenschaft ablegen kann, Mythos werden. Der Mythos wird nicht durch das Objekt seiner Botschaft definiert, sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mythos kennt keine inhaltlichen Beschr\u00e4nkungen. Fast alles kann mit einer Aussage, mit einem Mythos versehen und dabei gesellschaftlich angeeignet werden: &#8222;Es gibt formale Grenzen des Mythos, aber keine inhaltlichen\u2026 Jeder Gegenstand der Welt kann von einer geschlossenen, stummen Existenz zu einem besprochenen, f\u00fcr die Aneignung durch die Gesellschaft offenen Zustand \u00fcbergehen, denn kein \u2013 nat\u00fcrliches oder nichtnat\u00fcrliches \u2013 Gesetz verbietet, von den Dingen zu sprechen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit Dinge eine Bedeutung bekommen und nicht mehr allein Materia sind, bedarf es der Gesellschaft. Neben der rein materiellen Seite der Dinge tritt durch die Aussage \u00fcber die Dinge ein gesellschaftlicher Gebrauch zu den Dingen hinzu: &#8222;Ein Baum ist ein Baum. Gewi\u00df! Aber ein Baum, der von Minou Drouet ausgesprochen wird, ist schon nicht mehr ganz ein Baum, er ist ein geschm\u00fcckter Baum, der einem bestimmten Verbrauch angepa\u00dft ist, der mit literarischen Wohlgef\u00e4lligkeiten, mit Auflehnungen, mit Bildern versehen ist, kurz: mit einem gesellschaftlichen Gebrauch, der zu der reinen Materie hinzutritt.&#8220; Erst das gesellschaftliche Ansprechen der Dinge macht sie zu Objekten des Mythos: &#8222;Selbstverst\u00e4ndlich wird nicht alles zur gleichen Zeit ausgesprochen. Manche Objekte werden nur f\u00fcr einen Augenblick Beute des mythischen Wortes, dann verschwinden sie wieder, andere treten an ihre Stelle und gelangen zum Mythos.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mythos verwandelt das &#8222;Wirkliche&#8220; in den &#8222;Stand der Aussage&#8220;. Eine grundlegende Bedingung f\u00fcr den Mythos ist dabei seine zeitliche und geschichtliche Bestimmtheit, denn Mythen entstehen nicht zwangsl\u00e4ufig und erwachsen nicht aus dem, was sich die Gesellschaft als &#8222;Natur&#8220; vorstellt: &#8222;Gibt es zwangsl\u00e4ufig suggestive Objekte (\u2026)? Sicher nicht: man kann sich sehr alte Mythen denken, aber es gibt keine ewigen; denn nur die menschliche Geschichte l\u00e4sst das Wirkliche in den Stand der Aussage \u00fcbergehen, und sie allein bestimmt \u00fcber Leben und Tod der mythischen Sprache. Ob weit zur\u00fcckliegend oder nicht, die Mythologie kann nur eine <em>geschichtliche<\/em> Grundlage haben, denn der Mythos ist eine von der Geschichte gew\u00e4hlte Aussage; aus der \u201aNatur\u2018 der Dinge verm\u00f6chte er nicht hervorzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mythos als Botschaft kann in unterschiedlichster Form, \u00fcber unterschiedlichste Medien \u00fcbermittelt werden: &#8222;Sie kann deshalb sehr wohl auch anders als m\u00fcndlich sein, sie kann aus Geschriebenem oder aus Darstellungen bestehen. Der geschriebene Diskurs, der Sport, aber auch die Photographie, der Film, die Reportage, Schauspiele und Reklame, all das kann Tr\u00e4ger der mythischen Aussage sein.&#8220; Entsprechend kann der Mythos nicht durch &#8222;sein Objekt&#8220; und die Materie des Objekts bestimmt werden, &#8222;denn jede beliebige Materie kann willk\u00fcrlich mit Bedeutung ausgestattet werden.&#8220; Als Beispiel nennt Barthes den \u201ePfeil, der \u00fcberreicht wird und Herausforderung bedeutet\u201c. Dieses \u00dcbergeben ist, unabh\u00e4ngig von der materiellen Gestalt des Gegenstands, &#8222;ebenfalls eine Aussage&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese verallgemeinerte Konzeption von Sprache, die sich nicht nur auf alphabetische Schriftzeichen bezieht, sieht Barthes durch &#8222;die Geschichte der Schriften selbst gerechtfertigt&#8220;, denn &#8222;lange vor der Erfindung unseres Alphabets waren Objekte wie das Kipu der Inkas oder Zeichnungen wie diee Bilderschriften regelrechte Aussagen gewesen&#8220;. An diesem Punkt behandelt Barthes die Frage nach der wissenschaftlichen Vorgehensweise f\u00fcr die Analyse der Mythen, und ob die Analyse von Mythen Gegenstand der Linguistik sein kann: \u201eDas soll jedoch nicht hei\u00dfen, da\u00df die mythische Aussage wie die Sprache behandelt werden m\u00fcsse. Der Mythos geh\u00f6rt in eine Wissenschaft, die \u00fcber die Linguistik hinausgeht; er geh\u00f6rt in die <em>Semiologie<\/em>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein &#8222;semiologisches System&#8220; besteht f\u00fcr Barthes \u2013 anders als etwa f\u00fcr Ferdinans de Sassure \u2013 aus <em>drei<\/em> verschiedenen Termini: dem <em>Bedeutenden<\/em> (dem Signifikanten bei Saussure), dem <em>Bedeuteten<\/em> (dem Signifikat) und dem Zeichen, &#8222;das die assoziative Gesamtheit der ersten beiden Termini ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barthes erl\u00e4utert diese Dreistelligkeit am Beispiel der Rose: &#8222;Man denke an einen Rosenstrau\u00df: ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Gibt es hier nicht doch nur ein Bedeutendes und ein Bedeutetes, die Rose und meine Leidenschaft? Nicht einmal das, in Wahrheit gibt es hier nur die \u201averleidenschaftlichten\u2018 Rosen. Aber im Bereich der Analyse gibt es sehr wohl drei Begriffe, denn diese mit Leidenschaft besetzten Rosen lassen sich durchaus und zu Recht in Rosen und Leidenschaft zerlegen. Die einen ebenso wie die andere existierten, bevor sie sich verbanden und dieses dritte Objekt, das Zeichen, bildeten. So wenig ich im Bereich des Erlebens die Rosen von der Botschaft trennen kann, die sie tragen, so wenig kann ich im Bereich der Analyse die Rosen als Bedeutende den Rosen als Zeichen gleichsetzen: das Bedeutende ist leer, das Zeichen ist erf\u00fcllt, es ist ein Sinn.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mythos besteht aus einer Verkettung von semiologischen Systemen. Ein einfaches System bildet analytisch betrachtet aus dem Bedeutenden und dem Bedeuteten das Zeichen, wobei das Zeichen als assoziatives Ganzes sich ergibt. Der Mythos beinhaltet bereits das erste Zeichen eines semiologischen Systems, nur fungiert es hier als Bedeutendes im zweiten System: So lautet die zentrale Definition in <em>Mythen des Alltags<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Im Mythos findet man das (\u2026) dreidimensionale Schema wieder: das Bedeutende, das Bedeutete und das Zeichen. Aber der Mythos ist insofern ein besonderes System, als er auf einer semiologischen Kette aufbaut, die bereits vor ihm existiert; <em>er ist ein sekund\u00e4res semiologisches System<\/em>. Was im ersten System Zeichen ist (das hei\u00dft assoziatives Ganzes eines Begriffs und eines Bildes), ist einfaches Bedeutendes im zweiten. (\u2026) Ob es sich um eigentliches oder um bildliches Schreiben handelt, der Mythos erblickt darin eine Ganzheit von Zeichen, ein globales Zeichen, den Endterminus einer ersten semiologischen Kette. Und gerade dieser Endterminus wird zum ersten oder Teilterminus des vergr\u00f6\u00dferten Systems, das er errichtet. Alles vollzieht sich so, als ob der Mythos das formale System der ersten Bedeutung um eine Raste verstellte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bereits erw\u00e4hnt ist es f\u00fcr den Mythos nicht wichtig, ob seine Aussage schriftlich, fotografisch, k\u00fcnstlerisch oder in der materiellen Form eines Geb\u00e4udes, einer Pflanze oder eines Ritus zum Ausdruck gebracht wird: &#8222;Man mu\u00df hier daran erinnern, da\u00df die Materialien der mythischen Aussage (Sprache, Photographie, Gem\u00e4lde, Plakat, Ritus, Objekt usw.), so verschieden sie auch zun\u00e4chst sein m\u00f6gen, sich auf die reine Funktion des Bedeutens reduzieren, sobald der Mythos sie erfa\u00dft. Der Mythos sieht in ihnen ein und denselben Rohstoff. Ihre Einheit besteht darin, da\u00df sie alle auf den einfachen Status einer Ausdrucksweise zur\u00fcckgef\u00fchrt sind.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Rande seiner Untersuchung des Mythos, gleichsam in einer Fu\u00dfnote, formuliert Barthes seine ethischen Aspekte auf den Mythos. Danach ist &#8222;das St\u00f6rende im Mythos gerade, da\u00df seine Form motiviert ist.&#8220; G\u00e4be es so etwas wie eine &#8222;Gesundheit\u201c der Sprache, begr\u00fcnde sich diese \u201edurch die Willk\u00fcrlichkeit des Zeichens&#8220;. Jeder Mythos jedoch besitzt eine motivierende Form, Sinn wird in Form verwandelt, deformiert, seiner Geschichte beraubt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Widerw\u00e4rtige im Mythos ist seine Zuflucht zu einer falschen Natur, ist der <em>Luxus<\/em> der bedeutungsvollen Formen, wie bei jenen Objekten, die ihre N\u00fctzlichkeit durch einen nat\u00fcrlichen \u00e4u\u00dferen Schein dekorieren. Der Wille, die Bedeutung durch die ganze B\u00fcrgschaft der Natur schwerer zu machen, ruft eine Art von Ekel hervor: der Mythos ist zu reich, und gerade seine Motivierung ist zuviel an ihm.\u201c F\u00fcr diese Abneigung, die der Mythos f\u00fcr Barthes erzeugt, bringt er eine Entsprechung aus dem Bereich der Kunst, die zwischen <em>Natur<\/em> und der <em>Anti-Natur<\/em> changiert: &#8222;Diese Angewidertheit ist dieselbe, die ich angesichts von K\u00fcnsten empfinde, die nicht zwischen der <em>Natur<\/em> und der <em>Anti-Natur<\/em> w\u00e4hlen wollen und die erste als Ideal und die zweite als Ersparnis benutzen. Ethisch gesehen zeugt es von Niedrigkeit, gleichzeitig in beiden Bereichen spielen zu wollen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mythen des Alltags<\/strong>, von Roland Barthes. Suhrkamp 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-106774 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Mythologies-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zu Beginn des Essayjahres machte sich Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eDer Mythos ist eine Aussage, genauer: ein Mitteilungssystem, eine Botschaft. 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