{"id":106750,"date":"2003-11-02T00:02:09","date_gmt":"2003-11-01T23:02:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106750"},"modified":"2025-08-22T12:16:27","modified_gmt":"2025-08-22T10:16:27","slug":"auch-der-gelbe-hai-hat-zaehne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/02\/auch-der-gelbe-hai-hat-zaehne\/","title":{"rendered":"Auch der Gelbe Hai hat Z\u00e4hne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Ensemble ist beeindruckend. Es ist ein reiches Farbenspiel aus Texturen. Es spiegelt die Klarheit seines vollkommenen Wahnsinns und seiner Meisterschaft wider. Frank regiert mit Elmore James zu seiner Linken und Strawinsky zu seiner Rechten. Frank regiert und herrscht mit den seltsamsten Mitteln.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Tom Waits<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich Onkel Frank in den 1970-er Jahren erstmals in der Grugahalle sah, war ich etwas irritiert, denn der Bandleader f\u00fchrt sich teilweise wie ein Dirigent auf. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass Frank Zappas wichtigstes musikalisches Vorbild der Komponist Edgar Var\u00e8se war, der ihn mit seinen Werken und seiner Verwendung von Klangbl\u00f6cken und komplexen Rhythmen besonders beeinflusste. Weitere Einfl\u00fcsse waren der russische Komponist Igor Strawinsky mit seinen komplexen Metren und metrischen Verschiebungen sowie Anton Webern, der sich neben der Ordnung der Tonh\u00f6hen auch auf die Dynamik konzentrierte. Zappa integrierte Elemente der Neuen Musik und der klassischen Moderne in seine eigene Musik, die von Rhythm &amp; Blues bis zur amerikanischen Avantgarde reichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zappas Engagement f\u00fcr die Neue Musik f\u00fchrte zu einer Zusammenarbeit mit Ensembles wie dem Ensemble Modern und dem Ensemble Intercontemporain, was seine Verbindung zu dieser Musikrichtung unterstreicht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren erschien mit <em>The Yellow Shark<\/em> ein Album mit der Orchestermusik des amerikanischen Musikers. Es erschien am 2. November 1993 und war Zappas letztes Album zu seinen Lebzeiten, fast genau einen Monat vor seinem Tod an Krebs, an dem er mehrere Jahre lang gelitten hatte. Es enth\u00e4lt Live-Mitschnitte von Zappas Auff\u00fchrungen durch das Ensemble Modern aus dem Jahr 1992. In den Albumnotizen beschreibt Zappa <em>The Yellow Shark<\/em> als eines der erf\u00fcllendsten Projekte seiner Karriere und als beste Repr\u00e4sentation seiner Orchesterwerke. Traut man den Erbsenz\u00e4hlern, so ist <em>\u201eThe Yellow Shark\u201c<\/em> Zappas 62. Album und eines der wenigen, auf dem er nicht als Musiker auftrat. Zappa komponierte die Musik, betreute die Auff\u00fchrungen und produzierte die Aufnahme mit dem Ensemble Modern, einem klassischen Ensemble aus Frankfurt. H\u00f6rer, die Zappas skurilen Humor sch\u00e4tzten, waren vom klassischen Charakter von \u201eThe Yellow Shark \u201c zun\u00e4chst abgeschreckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eDoes Humor Belong in Music?\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">FZ<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ensemble Modern bestand aus mehr als zwei Dutzend Musikern unter der Leitung des Dirigenten und Geigers Peter Rundel. <em>\u201eThe Yellow Shark\u201c<\/em> bietet nicht nur eine F\u00fclle bisher unver\u00f6ffentlichten Materials, sondern auch moderne klassische Bearbeitungen von Zappa-Werken aus seiner gesamten Karriere. Das Ensemble greift f\u00fcr eine gek\u00fcrzte Version von \u201eUncle Meat\u201c (vom gleichnamigen Album, das selbst der Soundtrack zu einem Film war, der erst viele Jahrzehnte sp\u00e4ter erschien) bis in die sp\u00e4ten 1960er Jahre zur\u00fcck und widmet sich einigen anderen Kompositionen dieser Doppel-LP von 1969. Zappas Progressive-\/Fusion-Phase wird durch \u201eBe-Bop Tango\u201c repr\u00e4sentiert, und sein Sp\u00e4twerk \u2013 das zun\u00e4chst gr\u00f6\u00dftenteils auf dem Synclavier und nicht mit klassischer Instrumentierung entstand \u2013 wird durch \u201eG-Spot Tornado\u201c repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Strawinskys Musik inspirierte Zappa zu seinen charakteristischen &#8222;rhythmischen Kapriolen&#8220;, bizarren Marschthemen und abrupten Tempowechseln.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine R\u00fcckblende: 1991 wurde Zappa als einer von vier Komponisten f\u00fcr das Frankfurter Festival 1992 ausgew\u00e4hlt (die anderen waren John Cage, Karlheinz Stockhausen und Alexander Knaifel). FZ wurde vom deutschen Kammerensemble Ensemble Modern angesprochen, das daran interessiert war, seine Musik bei der Veranstaltung zu spielen. Obwohl er krank war, lud Zappa das Ensemble nach Los Angeles ein, um neue Kompositionen und neue Arrangements \u00e4lteren Materials zu proben. Zappa war nicht nur mit den Auff\u00fchrungen seiner Musik durch das Ensemble zufrieden, sondern verstand sich auch mit den Musikern, und die Konzerte in Deutschland und \u00d6sterreich wurden f\u00fcr den Herbst geplant. Die neueren Kompositionen strahlen eine eindringliche, majest\u00e4tische Atmosph\u00e4re aus. Der Titel \u201eOutrage at Valdez\u201c bezieht sich auf eine \u00d6ltankerkatastrophe vor der K\u00fcste Alaskas; hier schafft Zappa ein Werk von atemberaubendem Ausma\u00df. Zappa arbeitete oft im ungeraden Takt (nach Rockstandards bedeutet das fast alles au\u00dferhalb des 4\/4-Takts), und die Kompositionen hier setzen diesen Stil fort. Ein Beat \u2013 \u00fcblich im Rock und anderen Popmusikformen \u2013 ist jedoch oft kein wesentlicher Bestandteil dieser Darbietungen. Tats\u00e4chlich spielen nur zwei der rund 25 Musiker des Ensemble Modern Schlagzeug.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Welcome to the United States<\/em> beginnt mit einem z\u00fcnftigen Karnevalstusch und der Frage: &#8222;Wolle mer\u00b4n reinlasse?&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Klagende, fast atonale Geigenkl\u00e4nge stehen im Mittelpunkt des kurzen \u201eIII Revised\u201c. Die Komposition h\u00e4tte auch gut in das ausgedehnte St\u00fcck <em>Lumpy Gravy<\/em> , den Soundtrack zu <em>200 Motels<\/em> oder die Sessions aus den sp\u00e4ten 1970ern gepasst, die schlie\u00dflich als <em>Lather<\/em> neu zusammengestellt wurden. Die Dialogfetzen, die ein Merkmal vieler von Zappas modern-klassischen Werken waren, tauchen hier nur gelegentlich auf, vor allem in den Sprechkonzertst\u00fccken \u201eFood Gathering in Post-industrial America, 1992\u201c und \u201eWelcome to the United States\u201c, zwei Kompositionen, die nachhallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zappa verband die Techniken der Neuen Musik und der Klassik mit der Rockmusik und schuf so ein einzigartiges Werk, das zwischen den Genres changiert.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kanadische Choreograf \u00c9douard Lock, die kanadische T\u00e4nzerin Louise Lecavalier und seine Kompanie La La La Human Steps waren Teil der Show. Im September 1992 fanden die Konzerte wie geplant statt, doch Zappa konnte krankheitsbedingt nur bei zweien in Frankfurt auftreten. Beim ersten Konzert dirigierte er die er\u00f6ffnende \u201eOuvert\u00fcre\u201c und das abschlie\u00dfende \u201eG-Spot Tornado\u201c sowie die theatralischen St\u00fccke \u201eFood Gathering in Post-Industrial America, 1992\u201c und \u201eWelcome to the United States\u201c (das restliche Programm dirigierte der eigentliche Dirigent des Ensembles, Peter Rundel). Das erste Konzert wurde live vom deutschen Pay-TV-Sender Premiere ausgestrahlt und vom \u201eSpecial\u201c-Moderator des Senders, Christian Eckert, pr\u00e4sentiert. Zappa erhielt 20-min\u00fctige Ovationen. Es sollte sein letzter professioneller \u00f6ffentlicher Auftritt sein, da sich der Krebs bereits so weit ausgebreitet hatte, dass er zu starke Schmerzen hatte, um ein Ereignis zu genie\u00dfen, das er sonst als \u201eaufregend\u201c empfand. Aufnahmen der Konzerte erschienen auf <em>The Yellow Shark<\/em>, Zappas letzter Ver\u00f6ffentlichung zu Lebzeiten. Virtuose Respektlosigkeit und postserielle Introspektion bilden die perfekten Partner f\u00fcr dieses ehrgeizige Projekt, dessen Referenzpunkte Weill, Berg, Varese und Zappas eigenen Neo-Dada umfassen. Ein kraftvoller diskografischer Schwanengesang. Mit Abstand geh\u00f6rt, bleibt dieses Album eine spannende k\u00fcnstlerische Versuchsanordnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>The Yellow Shark<\/strong>, Frank Zappa and Ensemble Modern in Frankfurt am Main 1993<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-106751 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Cover_Yellow_Shark.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Cover_Yellow_Shark.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Cover_Yellow_Shark-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Cover_Yellow_Shark-160x160.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet \u201eZappas Mothers of Invention\u201c als \u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\">Carla Bley<\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ensemble ist beeindruckend. Es ist ein reiches Farbenspiel aus Texturen. Es spiegelt die Klarheit seines vollkommenen Wahnsinns und seiner Meisterschaft wider. Frank regiert mit Elmore James zu seiner Linken und Strawinsky zu seiner Rechten. 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