{"id":106697,"date":"1990-02-28T00:09:32","date_gmt":"1990-02-27T23:09:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106697"},"modified":"2025-07-11T13:16:47","modified_gmt":"2025-07-11T11:16:47","slug":"5-brief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/02\/28\/5-brief\/","title":{"rendered":"5. Brief"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Mannheim, den 28. 2. 1778<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mademoiselle<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ma tr\u00e9s ch\u00e9re Cousine!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sie werden vielleicht glauben oder gar meynen ich sey gestorben! \u2013 \u2013 ich sey Crepirt? \u2013 oder verreckt? \u2013 doch nein! meynen sie es nicht, ich bitte sie; denn gemeint und geschissen ist zweyerley! \u2013 wie k\u00f6nnte ich denn so sch\u00f6n schreiben wenn ich tod w\u00e4re? \u2013 wie w\u00e4re das wohl m\u00f6glich? \u2013 \u2013 \u2013 wegen meinem so langen stillschweigen will ich mich gar nicht entschuldigen, denn sie w\u00fcrden mir so nichts glauben; doch, was wahr ist, bleibt wahr! \u2013 ich habe so viell zu thun gehabt, da\u00df ich wohl zeit hatte, an das b\u00e4sle zu denken, aber nicht zu schreiben, mithin hab ichs m\u00fcssen lassen bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber habe ich die Ehre, sie zu fragen, wie sie sich befinden und sich tragen? \u2013 ob sie noch offens leibs sind? \u2013 ob sie etwa gar haben den grind? \u2013 \u2013 ob sie mich noch ein bischen k\u00f6nnen leiden? \u2013 ob sie \u00f6fters schreiben mit einer kreiden? \u2013 ob sie noch dann und wan an mich gedencken? \u2013 ob sie nicht bisweilen lust haben sich aufzuhencken? \u2013 ob sie etwa gar b\u00f6s waren? auf mich armen narrn; ob sie nicht gutwillig wollen fried machen, oder ich lass bei meiner Ehr einen krachen! doch sie lachen \u2013 \u2013 victoria! \u2013 \u2013 unsre arsch sollen die friedens-zeichen seyn! \u2013 ich dachte wohl, da\u00df sie mir nicht l\u00e4nger wiederstehen k\u00f6nnten. ja ja, ich bin meiner sache gewis, und sollt ich heut noch machen einen schiss, obwohl ich in 14 T\u00e4gen geh nach Paris. wenn sie mir also wolln antworten, aus der stadt Augsburg dorten, so schreiben sie mir baldt, damit ich den brief erhalt, sonst wenn ich etwa schon bin weck, bekomme ich statt einen brief einen dreck. dreck! \u2013 \u2013 dreck! \u2013 o dreck! \u2013 o s\u00fcsses wort! \u2013 dreck! \u2013 schmeck! \u2013 auch sch\u00f6n! \u2013 dreck, schmeck! \u2013 dreck! \u2013 leck \u2013 o charmante! \u2013 dreck, leck! \u2013 das fre\u00fcet mich! \u2013 dreck, schmeck und leck! \u2013 schmeck dreck, und leck dreck! \u2013 \u2013 Nun um auf etwas anders zu kommen; haben sie sich diese fasnacht schon braf lustig gemacht. in augsburg kann man sich dermalen lustiger machen als hier. ich wollte w\u00fcnschen ich w\u00e4re bey ihnen, damit ich mit ihnen recht herumspringen k\u00f6nnte. Meine Mama und ich, wir empfehlen uns beyde dem H: Vatter und frau Mutter, nebst dem b\u00e4sl, und hoffen das sie alle 3 recht gesund und wohlauf seyn m\u00f6gen. wir sind es gott lob und danck. das glaub nicht. desto besser, besser desto. aprop\u00f3s: wie stehts mit der franz\u00f6sischen sprache? \u2013 darf ich bald einen ganz franz\u00f6sischen brief schreiben? \u2013 von Paris aus, nicht wahr? \u2013 sagen sie mir doch, haben sie den spunicunifait noch? \u2013 das glaub ich. Nun mu\u00df ich ihnen doch noch bevor ich schliesse, denn ich mu\u00df bald endigen, weil ich Eile habe, denn ich habe izt just gar nichts zu thun; und dann auch, weil ich keinen Plaz mehr habe, wie sie sehen; das Papier ist schon bald gar; und m\u00fcd bin ich auch schon; die finger brennen mich ganz vor lauterschreiben; und endlich auch w\u00fcst ich nicht, wenn auch wircklich noch Plaz w\u00e4re, was ich noch schreiben sollte, als die historie, die ich ihnen zu erz\u00e4hlen in sinn habe. h\u00f6ren sie also. es ist noch nicht lange, das es sich zugetragen hat; es ist hier im land geschehen. es hat auch hier viell aufsehens gemacht, denn es scheint ohnm\u00f6glich; man weis auch, unter uns gesagt, den ausgang von der sache noch nicht. also, kurz zu sagen, es war, etwa 4 stunde von hier, das ort weis ich nicht mehr \u2013 \u2013 es war halt ein dorf oder so etwas; Nu, das ist endlich ein ding, ob es tribsterill wo der dreck ins meer rinnt, oder burmesquick wo man die krummen arschl\u00f6cher dr\u00e4ht, war; mit einem wort, es war halt ein ort. da war ein hirt oder sch\u00e4fer, der schon ziemlich alt war, aber doch noch robust und kr\u00e4ftig dabey aus-sah; der war ledig, und gut bemittelt, und lebte recht vergn\u00fcgt. ja, das mu\u00df ich ihnen noch vorher sagen, ehe ich die geschichte auserz\u00e4hle, er hatte einen erschr\u00f6cklichen ton, wen er sprach; man muste sich allzeit f\u00fcrchten, wenn man ihn reden h\u00f6rte. Nu, um kurz von der sache zu reden, so m\u00fcssen sie wissen \u2013 er hatte auch einen hund den er Bellot nannte, einen sehr sch\u00f6nen grossen hund, weis mit schwarzen flecken. Nu, eines tages, gieng er mit seinen schaafen daher, deren er 11 tausend unter sich hatte; da hatte er einen stock in der hand, mit einem sch\u00f6nen rosenfarben stockband. denn er gieng niemahlen ohne stock. das war schon so ein gebrauch; nun weiter. da er so eine gute stunde gieng, so war er m\u00fcde, und sezte sich bey einen flu\u00df nieder. Endlich schlief er ein, und da traumte ihm, er habe seine schaaf verlohren, und in diesen schrocken erwachte er, und sahe aber zu seiner gr\u00f6sten fre\u00fcde alle seine schaafe wieder. endlich stund er auf, und gieng wieder weiter, aber nicht lang; denn es wird kaum eine halbe stunde vorbeygegangen seyn, so kamm er zu einer br\u00fccke, die sehr lang war, aber auf beyden seiten gut gesch\u00fctzt war, damit man nicht hinab fallen k\u00f6nne; nu da betrachtete er seine heerde; und weil er dann hin\u00fcber muste, so fieng er an seine 11 tausend schaaf hin\u00fcber zu treiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun haben sie nur die gewogenheit, und warten bis die 11 tausend schaaf dr\u00fcben sind, dann will ich ihnen die ganze histori auserz\u00e4hlen. ich habe ihnen vorher schon gesagt, da\u00df man den ausgang noch nicht weis, ich hoffe aber, da\u00df, bis ich ihnen schreibe, sie gewis dar\u00fcber sind; wo nicht, so liegt mir auch nichts daran; wegen meiner h\u00e4tten sie her\u00fcben bleiben k\u00f6nnen. sie m\u00fcssen sich schon unterdessen so weit begn\u00fcgen; was ich davon gewust habe, das hab ich geschrieben. und es ist besser, da\u00df ich aufgeh\u00f6rt habe, als wenn ich etwas dazugelogen h\u00e4tte. da h\u00e4tten sie mir etwa die ganze schistori nicht geglaubt, aber so \u2013 \u2013 glauben sie mir doch \u2013 die halbe nicht. nun mu\u00df ich schliessen, ob es mich schon thut verdriessen, wer anf\u00e4ngt mu\u00df auch aufh\u00f6ren, sonst thut man die leute st\u00f6hren, an alle meine fre\u00fcnde mein Compliment, und wers nicht glaubt, der soll mich lecken ohne End, von nunan bis in Ewickeit, bis ich einmahl werd wieder gescheid. da hat er gwis zu lecken lang, mir wird dabey schier selbsten bang, ich f\u00fcrcht der dreck der geht mir aus, und er bekommt nicht gnug zum schmaus. Adieu b\u00e4\u00e4sle. ich bin, ich war, ich w\u00e4r, ich bin gewesen, ich war gewesen, ich w\u00e4r gewesen, o wenn ich w\u00e4re, o da\u00df ich w\u00e4re, wollte gott ich w\u00e4re, ich wurde seyn, ich werde seyn, wenn ich seyn w\u00fcrde, o das ich seyn w\u00fcrde, ich wurde gewesen, ich werde gewesen seyn, o wenn ich gewesen w\u00e4re, o da\u00df ich gewesen w\u00e4re, wolltegott ich w\u00e4re gewesen, was? \u2013 ein stockfisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">addieu ma ch\u00e9re Cousine, wohin? \u2013 ich bin der n\u00e4mlich wahre vetter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Mannheim den 28<sup>ten<\/sup> <em>feb<sup>ro<\/sup><\/em> 1778 Wolfgang Amad\u00e9 Mozart<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<strong> B\u00e4sle-Briefe <\/strong>wurden von der Forschung lange im Giftschrank versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-106679 size-large\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/12\/Mozart_Portrait-345x500.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"500\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wolfgang Amadeus Mozart, ein Pr\u00e4DaDaist? Er ist auch ein Sprachspieler, reimte und vertauschte, schuf falsche Partizipien und neue Redewendungen, formte Worte zu Witzen zusammen und entliess seine Adressaten gern mit \u00absumma summarum 12345678987654321 Empfehlungen\u00bb, 100&#8217;000&#8217;000&#8217;000 K\u00fcssen oder \u00ab333 Complimenten\u00bb. Und \u00fcber all diesen Bl\u00f6deleien waberte der strenge Geruch seines ausgepr\u00e4gten F\u00e4kalhumors. Ganz besonders gut riechen kann man diesen in Wolfgangs Briefen ans B\u00e4sle, seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart. Im Oktober des Jahres 1777 besuchte der 21-J\u00e4hrige die zweieinhalb Jahre j\u00fcngere Tochter seines Onkels Franz Alois in Augsburg. 15 Tage verbrachten sie gemeinsam. Das sind 15 Tage, dessen wohl vergn\u00fcglicher Inhalt uns f\u00fcr immer verborgen bleibt. Einzig Wolfgangs Briefe, die er nach seinem Aufenthalt in Bayern an sie schrieb, sind die Zeugen einer dort gekn\u00fcpften Verbundenheit der beiden jungen Leute. Marias Antworten sind bis heute verschollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/26\/mozart-auf-der-reise-nach-prag\/\">Mozart auf der Reise nach Prag<\/a> ist eine K\u00fcnstlernovelle von Eduard M\u00f6rike, welche an das musikgeschichtliche Genie Wolfgang Amadeus Mozart ankn\u00fcpft und \u00fcber eine v\u00f6llig frei erfundene Begebenheit berichtet. Geschildert wird ein Tag aus dem Leben Mozarts im Herbst 1787.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Vorschau auf einen Briefwechsel<\/strong> \u2192 Zwischen 1995 und 1999 hat A.J. Weigoni im Rahmen seiner Arbeit f\u00fcr den VS <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\"><em>Kollegengespr\u00e4che<\/em><\/a> mit Schriftstellern aus Belgien, Deutschland, Rum\u00e4nien, \u00d6sterreich und der Schweiz gef\u00fchrt. Sie arbeiteten am gleichen \u201eProdukt\u201c, an der deutschen Sprache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mannheim, den 28. 2. 1778 Mademoiselle ma tr\u00e9s ch\u00e9re Cousine! sie werden vielleicht glauben oder gar meynen ich sey gestorben! \u2013 \u2013 ich sey Crepirt? \u2013 oder verreckt? \u2013 doch nein! meynen sie es nicht, ich bitte sie; denn gemeint&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/02\/28\/5-brief\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":256,"featured_media":106679,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4486,4328],"class_list":["post-106697","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-baesle","tag-wolfgang-amadeus-mozart"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/256"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106697"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106698,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106697\/revisions\/106698"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/106679"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}