{"id":106695,"date":"1989-12-03T00:05:51","date_gmt":"1989-12-02T23:05:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106695"},"modified":"2025-07-11T13:09:02","modified_gmt":"2025-07-11T11:09:02","slug":"4-brief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/12\/03\/4-brief\/","title":{"rendered":"4. Brief"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Mannheim, 3. 12. 1777<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ma tr\u00e8s ch\u00e8re Cousine!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\nBevor ich Ihnen schreibe, mu\u00df ich aufs H\u00e4usel gehen \u2013 \u2013 \u2013 ietzt ist\u2019s vorbey! ach! \u2013 \u2013 nun ist mir wieder leichter ums Herz! \u2013 jetzt ist mir ein Stein vom Herzen \u2013 nun kann ich doch wieder schmausen! \u2013 nu, nu, wenn man sich halt ausgeleert hat, ist\u2019s noch so gut leben. Ich h\u00e4tte Dero Schreiben vom 25<sup>ten<\/sup> Nov. richtig erhalten, wenn Sie nicht geschrieben h\u00e4tten da\u00df Sie Kopf-, Hals- und Arm-Schmerzen gehabt h\u00e4tten, und da\u00df Sie ietzt nun, dermalen, alleweil, den Augenblick keine Schmerzen mehr haben, so habe ich Dero Schreiben vom 26<sup>ten<\/sup> Nov: richtig erhalten. Ja, ja, meine allerliebste Jungfer Baas, so geht es auf dieser Welt; einer hat den Beutel, der andere das Geld, mit was halten Sie es? \u2013 \u2013 mit der [gezeichnete Hand], nicht wahr? Hur sa sa, Kupferschmied, hals mir\u2019s Mensch, druck mir\u2019s nit, hals mir\u2019s Mensch, druck mir\u2019s nit, leck mich im Arsch, Kupferschmied, ja und das ist wahr, wers glaubt, der wird seelig, und wer\u2019s nicht glaubt, der kommt in Himmel; aber schnurgerade und nicht so, wie ich schreibe. Sie sehen also da\u00df ich schreiben kann, wie ich will, sch\u00f6n und wild, grad und krumm. Neulich war ich \u00fcbels Humors, da schrieb ich sch\u00f6n, gerade und ernsthaft; heute bin ich gut aufgereimt, da schreib ich wild, krumm und lustig; ietzt kommts nur darauf an was Ihnen lieber ist, \u2013\u2013 unter den beyden m\u00fcssen Sie w\u00e4hlen, denn ich hab kein Mittel, sch\u00f6n oder wild, grad oder krumm, ernsthaft oder lustig, die 3 ersten W\u00f6rter oder die 3 letzten; ich erwarte Ihren Entschlu\u00df im n\u00e4chsten Brief. Mein Entschlu\u00df ist gefa\u00dft; wenn mir noth ist, so gehe ich, doch nach dem die Umst\u00e4nde sind wenn ich das laxiren habe, so lauf ich und wenn ich gar nicht mehr halten kann, so schei\u00df ich in die Hosen. Beh\u00fcte dich Gott Fu\u00df, auf dem Fenster liegt d\u2019Hachsen. Ich bin Ihnen Euer liebten Fre\u00fcllen Baas sehr verbunden f\u00fcr das Compliment von Euer Fre\u00fcllen Freysinger, welches auszurichten Euer liebten Frl. Juliana so g\u00fctig gewesen ist. \u2013 Sie schreiben mir, ich w\u00fc\u00dfte zwar noch viel, aber zu viel ist zu viel; \u2013 in einem Briefe gebe ich es zu, da\u00df es zu viel ist, aber nach und nach k\u00f6nnte man viel schreiben; verstehen Sie mich, wegen der Sonata mu\u00df man sich noch ein wenig mit Geduld bewaffnen. Wenns f\u00fcrs B\u00e4sle geh\u00f6rt h\u00e4tte, so w\u00e4re sie schon l\u00e4ngst fertig \u2013\u2013 und wer wei\u00df ob die Mad<sup>selle<\/sup> Freysinger noch daran denkt \u2013\u2013 ohngeacht dessen werde ich sie doch so bald m\u00f6glich machen, einen Brief darzu schreiben und mein liebes B\u00e4\u00e4sle bitten, alles richtig zu \u00fcbermachen. A propos seit ich von Augsburg weg bin, habe ich nicht Hosen ausgezogen; \u2013 au\u00dfer des Nachts bevor ich ins Bett gehe. Was werden Sie wohl denken, da\u00df ich noch in Mannheim bin, v\u00f6llig drinn. Das macht, weil ich noch nicht abgereiset bin, nirgends hin! Doch ietzt glaub ich wird Mannheim bald abreisen. Doch kann Augsburg von Ihnen aus noch immer nach mir schreiben und den Brief an Mannheim addressiren bis auf weitere Nachricht. Der Herr Vetter, Fr: Baas und Jungfr: Baas empfiehlt sich meiner Mamma und mir. Sie waren schon in Aengsten, da\u00df wir etwa krank w\u00e4ren, weil sie so lang keinen Brief von uns bekommen haben. Vorgestern sind sie endlich mit unserm Brief vom 26t<sup>ten<\/sup> Nov. erfreuet worden und heute als den 3<sup>ten<\/sup> Decebr. haben Sie das Vergn\u00fcgen mir zu antworten, Ich werde Ihnen also das Versprochene halten? \u2013 Nu das freut Sie. Vergessen Sie nur auch nicht M\u00fcnchen nach der Sonata zu komponiren, denn was man einmal gehalten hat, mu\u00df man auch versprechen, man mu\u00df allezeit Wort von seinem Mann seyn. \u2013 Nun aber gescheut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00df Ihnen geschwind etwas erzehlen: ich habe heute nicht zu Hause gespeist, sondern bey einem gewissen Mons. Wendling; nun m\u00fcssen Sie wissen, da\u00df der allzeit um halb 2 Uhr i\u00dft, er ist verheyrathet und hat auch eine Tochter, die aber immer kr\u00e4nklich ist. Seine Frau singt auf der zuk\u00fcnftigen Opera, und Er spielt die Fl\u00f6te. Nun stellen Sie sich vor, wie es halb 2 Uhr war, setzten wir uns alle, bis auf die Tochter welche im Bette blieb, zu Tisch und a\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An alle gute Freund und Freundinnen von uns beyden einen ganzen Arsch voll Empfehlungen. An Dero Eltern steht es Pag. 3 Zeile 12. Nun wei\u00df ich nichts mehr Neues, als da\u00df eine alte Kuh einen neuen Dreck geschi\u00dfen hat; und hiermit addieu Anna Maria Schlosserin geborne Schl\u00fcsselmacherin. Leben Sie halt recht wohl und haben Sie mich immer lieb; schreiben Sie mir bald, denn es ist gar kalt, halten Sie Ihr Versprechen, sonst mu\u00df ich mich brechen. addieu, mon Dieu, ich k\u00fcsse Sie tausendmal und bin knall und fall<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Mannheim<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>Ma tr\u00e8s ch\u00e8re Cousine<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>ohne Schleim<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>waren Sie nie zu Berlin?<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>den 3<sup>ten<\/sup> Decembr.<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>Der aufrichtige wahre Vetter<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>heut ist nicht Quatembr:<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>bei sch\u00f6nen und wilden Wetter<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1777 zur n\u00e4chtlichen Zeit<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>W. A. Mozart<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>von nun an bis in Ewigkeit<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>Sch: schei\u00dfen: das ist hart.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Amen.<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<strong> B\u00e4sle-Briefe <\/strong>wurden von der Forschung lange im Giftschrank versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-106679 size-large\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/12\/Mozart_Portrait-345x500.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"500\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wolfgang Amadeus Mozart, ein Pr\u00e4DaDaist? Er ist auch ein Sprachspieler, reimte und vertauschte, schuf falsche Partizipien und neue Redewendungen, formte Worte zu Witzen zusammen und entliess seine Adressaten gern mit \u00absumma summarum 12345678987654321 Empfehlungen\u00bb, 100&#8217;000&#8217;000&#8217;000 K\u00fcssen oder \u00ab333 Complimenten\u00bb. Und \u00fcber all diesen Bl\u00f6deleien waberte der strenge Geruch seines ausgepr\u00e4gten F\u00e4kalhumors. Ganz besonders gut riechen kann man diesen in Wolfgangs Briefen ans B\u00e4sle, seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart. Im Oktober des Jahres 1777 besuchte der 21-J\u00e4hrige die zweieinhalb Jahre j\u00fcngere Tochter seines Onkels Franz Alois in Augsburg. 15 Tage verbrachten sie gemeinsam. Das sind 15 Tage, dessen wohl vergn\u00fcglicher Inhalt uns f\u00fcr immer verborgen bleibt. Einzig Wolfgangs Briefe, die er nach seinem Aufenthalt in Bayern an sie schrieb, sind die Zeugen einer dort gekn\u00fcpften Verbundenheit der beiden jungen Leute. Marias Antworten sind bis heute verschollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/26\/mozart-auf-der-reise-nach-prag\/\">Mozart auf der Reise nach Prag<\/a> ist eine K\u00fcnstlernovelle von Eduard M\u00f6rike, welche an das musikgeschichtliche Genie Wolfgang Amadeus Mozart ankn\u00fcpft und \u00fcber eine v\u00f6llig frei erfundene Begebenheit berichtet. Geschildert wird ein Tag aus dem Leben Mozarts im Herbst 1787.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Vorschau auf einen Briefwechsel<\/strong> \u2192 Zwischen 1995 und 1999 hat A.J. Weigoni im Rahmen seiner Arbeit f\u00fcr den VS <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\"><em>Kollegengespr\u00e4che<\/em><\/a> mit Schriftstellern aus Belgien, Deutschland, Rum\u00e4nien, \u00d6sterreich und der Schweiz gef\u00fchrt. Sie arbeiteten am gleichen \u201eProdukt\u201c, an der deutschen Sprache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mannheim, 3. 12. 1777 Ma tr\u00e8s ch\u00e8re Cousine! 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