{"id":106689,"date":"1989-11-05T00:01:35","date_gmt":"1989-11-04T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106689"},"modified":"2025-07-11T12:54:35","modified_gmt":"2025-07-11T10:54:35","slug":"2-brief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/05\/2-brief\/","title":{"rendered":"2. Brief"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Mannheim, den 5. 11. 1777<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allereliebstes b\u00e4sle h\u00e4sle!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe dero mir so werthes schreiben richtig erhalten falten, und daraus ersehen drehen, da\u00df der H: vetter retter, die fr: baa\u00df has, und sie wie, recht wohl auf sind hind; wir sind auch gott lob und danck recht gesund hund. ich habe he\u00fct den brief schief, von meinem Papa haha, auch richtig in meine klauen bekommen strommen. Ich hoffe sie werden auch meinen brief trief, welchen ich ihnen aus Mannheim geschrieben, erhalten haben schaben. desto besser, besser desto! Nun aber etwas gesche\u00fcdes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mir ist sehr leid, da\u00df der H: Pr\u00e6lat Salat schon wieder vom schlag getrofen worden ist fist. doch hoffe ich, mit der h\u00fclfe Gottes spottes, wird es von keinen folgen seyn schwein. sie schreiben mir stier, da\u00df sie ihr verbrechen, welches sie mir vor meiner abreise von ogspurg voran haben, halten werden, und das bald kalt; Nu, da\u00df wird mich gewi\u00df re\u00fcen. sie schreiben noch ferners, ja, sie lassen sich heraus, sie geben sich blos, sie lassen sich verlauten, sie machen mir zu wissen, sie erkl\u00e4ren sich, sie de\u00fcten mir an, sie benachrichtigen mir, sie machen mir kund, sie geben de\u00fctlich am tage, sie verlangen, sie begehren, sie w\u00fcnschen, sie wollen, sie m\u00f6gen, sie befehlen, da\u00df ich ihnen auch mein Portrait schicken soll schroll. Eh bien, ich werde es ihnen gewis schicken schlic\u00e4ken. Oui, par ma la foi, ich scheiss dir auf d\u2019nasen, so, rinds dir auf d\u2019koi. approp\u00f3s. haben sie den spuni cuni fait auch? \u2013 \u2013 \u2013 was? \u2013 \u2013 ob sie mich noch immer lieb haben \u2013 \u2013 das glaub ich! desto besser, besser desto! Ja, so geht es auf dieser welt, der eine hat den beutel, der andere hat das geld; mit wem halten sie es? \u2013 \u2013 mit mir, nicht wahr? \u2013 \u2013 das glaub ich! ietz ists noch \u00e4rger. approp\u00f3s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">m\u00f6chten sie nicht bald wieder zum H: <em>Gold<\/em>-schmid gehen?<br \/>\n\u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<br \/>\naber was thun dort? \u2013 \u2013 was? \u2013 \u2013 nichts! \u2013 \u2013 um den Spuni Cuni fait fragen halt, sonst weiter nichts. sonst nichts? \u2013 \u2013 \u2013 Nu Nu; schon recht Es leben alle die, die \u2013 die \u2013 \u2013 die \u2013 \u2013 \u2013 wie heist es weiter? \u2013 \u2013 iezt w\u00fcnsch ich eine gute nacht, scheissen sie ins beet da\u00df es kracht; schlafens gesund, reckens den arsch zum mund; ich gehe izt nach schlaraffen, und thue ein wenig schlaffen. Morgen werden wir uns gesche\u00fct sprechen brechen. ich sage ihnen eine sache menge zu haben, sie glauben es nicht gar k\u00f6nnen; aber h\u00f6ren sie morgen es schon werden. leben sie wohl unterdessen, ach Mein <em>arsch<\/em> brennt mich wie fe\u00fcer! was mu\u00df das nicht bede\u00fcten! \u2013 \u2013 vielleicht will <em>dreck<\/em> heraus? \u2013 ja ja, <em>dreck<\/em>, ich kenne dich, sehe dich, und schmecke dich \u2013 \u2013 und \u2013 \u2013 was ist das? \u2013 \u2013 ists m\u00f6glich! \u2013 \u2013 ihr g\u00f6tter! \u2013 \u2013 Mein <em>ohr<\/em>, betr\u00fcgst du mich nicht? \u2013 \u2013 Nein, es ist schon so \u2013 \u2013 welch langer, trauriger ton! \u2013 \u2013 he\u00fct den schreiben f\u00fcnfte ich dieses. gestern habe ich mit der gestrengen fr: Churf\u00fcrstin gesprochen, und Morgen als den 6:<sup>ten<\/sup> werde ich in der grossen galla-accademie spiellen; und dann werde ich extra in Cabinet, wie mir die f\u00fcrstin-chur selbst gesagt hat, wieder spiellen. Nun was recht gesche\u00fctes!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1: es wird ein brief, oder es werden briefe an mich in ihre h\u00e4nde kommen, wo ich sie bitte da\u00df \u2013 \u2013 was? \u2013 \u2013 ja, kein fuchs ist kein haa\u00df, ja das \u2013 \u2013 Nun, wo bin ich den geblieben? \u2013 \u2013 ja, recht, beym kommen; \u2013 \u2013 ja ja, sie werden kommen \u2013 \u2013 ja, wer? \u2013 wer wird kommen \u2013 \u2013 ja, izt f\u00e4llts mir ein. briefe, briefe werden kommen \u2013 \u2013 aber was f\u00fcr briefe? \u2013 \u2013 je nu, briefe an mich halt, die bitte ich mir gewis zu schicken; ich werde ihnen schon nachricht geben wo ich von Mannheim weiters hin gehe, iezt Numero 2. ich bitte sie, warum nicht? \u2013 ich bitte sie, allerliebster fex, warum nicht? \u2013 \u2013 da\u00df wenn sie ohnedem an die Mad: Tavernier nach M\u00fcnchen schreiben, ein Compliment von mir an die 2 Mad:<sup>selles<\/sup> freysinger schreiben, warum nicht? \u2013 \u2013 Curios! warum nicht? \u2013 \u2013 und die J\u00fcngere, n\u00e4mlich die frl: Josepha bitte ich halt recht um verzeyhung, warum nicht? \u2013 warum sollte ich sie nicht um verzeyhung bitten? \u2013 Curios! \u2013 ich w\u00fcste nicht warum nicht? \u2013 \u2013 Ich bitte sie halt recht sehr um verzeyhung, da\u00df ich ihr bishero die versprochene sonata noch nicht geschickt habe, aber ich werde sie, so bald es m\u00f6glich ist \u00fcbersenden. warum nicht? \u2013 \u2013 was \u2013 \u2013 warum nicht? \u2013 \u2013 warum soll ich sie nicht schicken? \u2013 warum soll ich sie nicht \u00fcbersenden? \u2013 \u2013 warum nicht? \u2013 \u2013 Curios! ich w\u00fcste nicht warum nicht? \u2013 \u2013 Nu, also, diesen gefallen werden sie mir thun; \u2013 \u2013 warum nicht? \u2013 \u2013 warum sollen sie mirs nicht thun? \u2013 \u2013 warum nicht, Curios! ich thue ihnens ja auch, wenn sie wollen, warum nicht? \u2013 \u2013 warum solle ich es ihnen nicht thun? \u2013 \u2013 Curios! warum nicht? ich w\u00fcste nicht warum nicht? \u2013 \u2013 vergessen sie auch nicht von mir ein Compliment an Papa und Mama von die 2 frl: zu entrichten, denn das ist grob gefehlt, wenn man vatter und Mutter vergessen thut seyn m\u00fcssen lassen haben. ich werde hernach wenn die Sonata fertig ist, \u2013 selbe ihnen zuschicken, und einen brief darzu; und sie werden die g\u00fcte haben, selben nach M\u00fcnchen zu schicken. Nun mu\u00df ich schliessen, und das thut mich verdriessen. herr vetter, gehen wir geschwind zum hl: kre\u00fcz, und schauen wir ob noch wer auf ist? \u2013 \u2013 wir halten uns nicht auf, nichts als anleiten, sonst nichts. iezt mu\u00df ich ihnen eine trauerige geschichte erzehlen, die sich jezt den augenblick erreignet hat. wie ich an besten an dem brief schreibe, so h\u00f6re ich etwas auf der gasse. ich h\u00f6re auf zu schreiben \u2013 \u2013 stehe auf, gehe zum fenster \u2013 \u2013 und \u2013 h\u00f6re nichts mehr \u2013 \u2013 ich seze mich wieder, fange abermahl an zu schreiben \u2013 \u2013 ich schreibe kaum 10 worte so h\u00f6re ich wieder etwas \u2013 \u2013 ich stehe wieder auf \u2013 \u2013 wie ich aufstehe, so h\u00f6re ich nur noch etwas ganz schwach \u2013 \u2013 aber ich schmecke so was angebrandtes \u2013 \u2013 wo ich hingehe, so stinckt es. wenn ich zum fenster hinaus sehe so verliert sich der geruch, sehe ich wieder herein, so nimmt der geruch wieder zu \u2013 \u2013 endlich sagt Meine Mama zu mir: was wette ich, du hast einen gehen lassen? \u2013 \u2013 ich glaube nicht Mama. ja ja, es ist gewis so. ich mache die Probe, thue den ersten finger im arsch und dann zur Nase, und \u2013 \u2013 Ecce Provatum est; die Mama hatte recht. Nun leben sie recht wohl, ich k\u00fcsse sie 10000mahl und bin wie allzeit der alte junge Sauschwanz<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Amad\u00e9 Rosenkranz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<strong> B\u00e4sle-Briefe <\/strong>wurden von der Forschung lange im Giftschrank versteckt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-106679 size-large\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/12\/Mozart_Portrait-345x500.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"500\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wolfgang Amadeus Mozart, ein Pr\u00e4DaDaist? Er ist auch ein Sprachspieler, reimte und vertauschte, schuf falsche Partizipien und neue Redewendungen, formte Worte zu Witzen zusammen und entliess seine Adressaten gern mit \u00absumma summarum 12345678987654321 Empfehlungen\u00bb, 100&#8217;000&#8217;000&#8217;000 K\u00fcssen oder \u00ab333 Complimenten\u00bb. Und \u00fcber all diesen Bl\u00f6deleien waberte der strenge Geruch seines ausgepr\u00e4gten F\u00e4kalhumors. Ganz besonders gut riechen kann man diesen in Wolfgangs Briefen ans B\u00e4sle, seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart. Im Oktober des Jahres 1777 besuchte der 21-J\u00e4hrige die zweieinhalb Jahre j\u00fcngere Tochter seines Onkels Franz Alois in Augsburg. 15 Tage verbrachten sie gemeinsam. Das sind 15 Tage, dessen wohl vergn\u00fcglicher Inhalt uns f\u00fcr immer verborgen bleibt. Einzig Wolfgangs Briefe, die er nach seinem Aufenthalt in Bayern an sie schrieb, sind die Zeugen einer dort gekn\u00fcpften Verbundenheit der beiden jungen Leute. Marias Antworten sind bis heute verschollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/26\/mozart-auf-der-reise-nach-prag\/\">Mozart auf der Reise nach Prag<\/a> ist eine K\u00fcnstlernovelle von Eduard M\u00f6rike, welche an das musikgeschichtliche Genie Wolfgang Amadeus Mozart ankn\u00fcpft und \u00fcber eine v\u00f6llig frei erfundene Begebenheit berichtet. Geschildert wird ein Tag aus dem Leben Mozarts im Herbst 1787.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Vorschau auf einen Briefwechsel<\/strong> \u2192 Zwischen 1995 und 1999 hat A.J. Weigoni im Rahmen seiner Arbeit f\u00fcr den VS <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\"><em>Kollegengespr\u00e4che<\/em><\/a> mit Schriftstellern aus Belgien, Deutschland, Rum\u00e4nien, \u00d6sterreich und der Schweiz gef\u00fchrt. Sie arbeiteten am gleichen \u201eProdukt\u201c, an der deutschen Sprache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mannheim, den 5. 11. 1777 Allereliebstes b\u00e4sle h\u00e4sle! 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