{"id":10659,"date":"2013-08-09T00:01:02","date_gmt":"2013-08-08T22:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10659"},"modified":"2022-02-19T14:11:54","modified_gmt":"2022-02-19T13:11:54","slug":"alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/","title":{"rendered":"\u201eAlles klappt in ihrem Leben. Doch nichts gl\u00fcckt.\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Kapitalismus bleibt \u00fcbrig, wenn Rituale oder elaborierte Symbolwelten kollabiert sind und nur noch der Zuschauer\u2013Konsument durch die Ruinen und Relikte wandert.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Mark Fisher<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis Novellenbuch endet mit: <em>\u2026 \u00fcbrigens gibts ein Leben nach der Kunst, vielleicht ist es das bessere. Who cares?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich das &#8218;Kunstwerk&#8216; ausgelesen hatte, versp\u00fcrte ich umgehend die Sehnsucht nach einem (wenigstens) anderen Leben. Die Novellen hatten mich in eine k\u00fcnstliche Welt medialer Kunst hineingezogen. Immerhin kostet das 319 Seiten umfassende Buch mich Wochen, da ich es nur langsam lesen und verstehen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei durchaus vorhandenen <em>\u00c4tschen<\/em>-Teilen zieht es immer wieder in intensiv geschilderte Szenen und in nachdenkenswerte Dialoge hinein, die in der jeweilig dazu geh\u00f6rigen Fachsprache gef\u00fchrt werden. Allein wer diese Szenen nachf\u00fchlen und die Dialoge verstehen will, braucht Zeit und nicht selten Fachw\u00f6rterb\u00fccher. Nat\u00fcrlich lassen sich, ganz der real virtuellen Welt dieser Lekt\u00fcre gehorchend, die meisten den jeweiligen Fachjagons entlehnten W\u00f6rter auch stilgerecht ergooglen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Lautmalend verdichtet<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Un\u00fcberlesbar ist der Autor ein begabter <a href=\"http:\/\/www.bookrix.de\/_title-de-matthias-hagedorn-portraet-eines-ohryeurs\">Lyriker<\/a>. Er versteht es, die Erlebnisse seiner Protagonisten auch lautmalend so zu verdichten, dass er seinen Lesern damit zumutet und erm\u00f6glicht, sie immer wieder durch eigene dazu fantasierte Wortbilder und Vermutungen aufzulockern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer dem Kapitalismus dienenden Welt ger\u00e4t, wenn der Leser sich auf die Folgerungen des Autor einl\u00e4sst, offenbar alles zum Gesch\u00e4ft und nimmt sowohl als Hobby und als auch als Beruf Liebhaber sowie Profis in seinen Besitz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mediensprache &#8211; einschlie\u00dflich ihrer mehr oder weniger originellen Werbespr\u00fcche und Politphrasen &#8211; wird zu beherrschenden Alltagssprache, welche die Muttersprache im eigentlichen Sinne \u00fcberlagert, verdr\u00e4ngt oder gar zu widerlegen versucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Krimi und Liebesgeschichten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis Novellen haben dabei durchaus aufregende Krimi-Anteile. Selbst Liebesgeschichten kommen nicht zu kurz. Dennoch bleiben die daraus entstehenden Spannungsh\u00f6hepunkte und emotionalen Szenen irgendwo zwischen Realit\u00e4t und Virtualit\u00e4t stecken. Sie hinterlassen den Eindruck, als w\u00fcrden die Protagonisten nicht leben sondern sich gegen eine gewisse Langeweile um ein vermeintlich zeitgem\u00e4\u00dfes selbst bestimmtes Leben bem\u00fchen. Eigentlich aber werden sie gelebt<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Spannendes Detektivspiel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Leser bleibt das Buch bei aller Verstehensm\u00fche dennoch ein spannendes und verzwicktes Detektiv-Spiel auf der Suche nach einem erf\u00fcllteren Leben mit mehr Tiefe \u2013 und das umso mehr, \u00a0je weiter die handelnden Personen sich davon entfernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von ihnen angestrebte <em>Cyberspasz<\/em> gleicht bei allem Bem\u00fchen um individuelle Originalit\u00e4t eher seichter Comedy und nicht jenem tiefgr\u00fcndigen Humor, der durchaus noch lebenslustvermittelnd sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Massenmedien l\u00e4sst der Autor feststellen, <em>forcieren das niedere Niveau, z\u00fcchten es gar teilweise.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u00a0\u201eAlles klappt. Doch nichts gl\u00fcckt.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>utopische Konzept der Eigenverantwortung einer Declaration of Independence als MAGNA CHARTA F\u00dcR DAS ZEITALTER DES WISSENS<\/em> in Weignonis Buch behauptet. <em>Cyberspace<\/em> sei d<em>as Land des Wissens<\/em>, und <em>dessen Erforschung die wahrste und h\u00f6chste Berufung der Zvilisation<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst wenn das f\u00fcr die Zivilisation stimmen mag, dr\u00e4ngt sich dem Leser unweigerlich die Frage auf, wie es um unsere Kultur steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei ihr geht es nur angeblich um Aufkl\u00e4rung und eigentlich um deren Wiederverschleierung durch so genannte Wirtschaftwissenschaften und Medien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit kommt Weigoni \u00fcber das Zusammenleben seiner Figuren zu dem Fazit:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Zusammenhang gibt es nur durch Zitate, Wiederholungen, W\u00f6rterschleifen und Textspiralen. Alles klappt in ihrem Leben. Doch nichts gl\u00fcckt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Buch f\u00fcr kritische Leser, das bei allen vermittelten Sach-Inhalten dennoch ein ausgesprochen belletristisches geblieben ist und daher nacherlebbar unsere kapitalistische Bild und Wort verwertende Mediengesellschaft zu durchschauen hilft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=8114&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von Jo Wei\u00df aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Christine Kappe<\/span><\/span> <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">aus der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht in <em>Cyberspasz<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt in der <em>real virtuality<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet diese Novellen als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a>s Nachwirken im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitalismus bleibt \u00fcbrig, wenn Rituale oder elaborierte Symbolwelten kollabiert sind und nur noch der Zuschauer\u2013Konsument durch die Ruinen und Relikte wandert. 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