{"id":106588,"date":"2023-12-30T00:01:32","date_gmt":"2023-12-29T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106588"},"modified":"2025-02-17T16:30:16","modified_gmt":"2025-02-17T15:30:16","slug":"der-entsetzte-sinn-huscht-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/30\/der-entsetzte-sinn-huscht-vorbei\/","title":{"rendered":"Der entsetzte Sinn huscht vorbei"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkels wundervoller Text \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/01\/gedanken-ueber-das-denken\/\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>\u201c ist ein Essay \u00fcber das Schreiben eines Essays \u2013 mit einer \u00fcberflutenden Flut von Zitaten ausgew\u00e4hlter Denker, sch\u00f6n gegliedert in 14 Kapiteln:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Systemdenken \u2013 Begriffe \u2013 Wahrheit \u2013 Dummheit \u2013 Geschichte \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufkl\u00e4rung \u2013 Franz\u00f6sische Essayisten \u2013 Englische und andere<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Essayisten \u2013 Deutsche Essayisten \u2013 Skepsis \u2013 Ist Gott tot? \u2013 Utopien \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denken und (Ver)dichten \u2013 Labyrinth<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eder essay ist in vielem der gro\u00dfe bruder des aphorismus\u201c, sagt Holger Benkel. Und gleich zu Beginn steht der ern\u00fcchternde Aphorismus von Ambrose Bierce, der schrieb, Wissen w\u00fcrden wir jenen Teil unserer Unwissenheit nennen, den wir geordnet haben &#8230; und Jerzy Lec erg\u00e4nzt, pr\u00e4zises Denken sei eine Einschr\u00e4nkung der sch\u00f6pferischen Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daran ist viel Wahres. Der Verfasser, Holger Benkel, will nun bewusst \u00fcber die erkannten Fallen springen und ordnet sein Denken \u00fcber Gedanken sch\u00f6pferisch in Zitaten und verbindenden Kommentaren. Und ihm gelingt da vieles. Auch das Jonglieren mit Begriffen sieht er kritisch und so zitiert er Thomas Hobbes: Ein Begriff, das lerne man schon in der Schule, sei immer sehr viel weniger als Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was ist wirklich? Das, was wir sehen, die Dinge? Und das, was wir glauben? (Lichtenberg?) Da zerrinnt die Wahrheit uns zwischen den Fingern, die nach der Wahrheit greifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkel zitiert Voltaire: Am Beispiel der Erinnerung, der Geschichte, formuliert er die Erkenntnis: Geschichte sei eine L\u00fcge, auf die man sich geeinigt hat. Und der Leser fragt sich: Wie wahr ist diese Erkenntnis, und was ist Erkenntnis \u2013 Begreifen ohne Begriff? (Siehe oben.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bleibt uns da noch, wenn alles zerrinnt und zerflie\u00dft. Das reflexive Denken, so Holger Benkel, das wichtigste Erbe der Aufkl\u00e4rung. Und die Kritik dieses Denkens. Bekommen wir nun mehr Halt? Bekommen wir wenigstens in und an uns selbst Halt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn Gott ist tot oder scheint tot zu sein, scheintot oder ganz tot, ebenso die G\u00f6tter, wir haben sie nach langen polytheistischen und monotheistischen Irrwegen umgesiedelt: jetzt sind sie in uns selbst, wir sind die G\u00f6tter im Zeitalter des Egotheismus. Aber Halt? Geben sie Halt? Brauchen wir Gott in uns? Oder w\u00e4ren wir (noch) st\u00e4rker, wenn wir Gott in uns nicht brauchten? Holger Benkel meint, es m\u00fcsste das Ziel religi\u00f6sen Denkens sein, uns vom Glauben zu befreien: \u201eglauben mu\u00df allein, wer glaubt, da\u00df etwas ohne glauben seine substanz verliert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkel schlie\u00dft an diesen Gedanken sein Kapitel UTOPIEN an \u2013 und kehrt im Kapitel DENKEN UND (VER)DICHTEN zur\u00fcck zum prae-utopischen Einzeldenker und zitiert Lichtenberg: \u201eJede tiefempfundene Philosophie ist nichts anderes als ein autobiographischer Roman.\u201c Fang an bei dir selbst, hei\u00dft das. Und was die K\u00fcnstler betrifft, so besteht ihre Aufgabe darin, aus L\u00f6sungen ein Problem zu machen, und das erinnert uns an die dialektische Methode Hegels: Setze Antithesen, um wenigstens vorl\u00e4ufige Synthesen zu erm\u00f6glichen. Eine sympathische und hoffnungsvolle Denkart ist das. Mit Sloterdijk meint Benkel: \u201eIntelligenz ist das letzte utopische Potential. Die einzige <em>terra incognita<\/em>, die die Menschheit noch besitzt, sind die Galaxien des Gehirns, die Milchstra\u00dfen der Intelligenz &#8230; Die Rettung der kognitiven Libido m\u00fc\u00dfte das Kernprojekt der Schule werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkel beschlie\u00dft sein Nachdenken \u00fcber das Denken mit mots trouv\u00e9s von Roland Barthes: \u201eliteratur sah er als kunst. vom schreiben g\u00e4be es nur eine wissenschaft, postulierte er, das schreiben selbst.\u201c Und er zitiert Nietzsche: \u201eWo ein Mensch zu der Grund\u00fcberzeugung kommt, da\u00df ihm befohlen werden\u00a0<em>mu\u00df<\/em>, wird er gl\u00e4ubig, umgekehrt w\u00e4re eine Lust und Kraft der Selbstbestimmung, eine\u00a0<em>Freiheit\u00a0<\/em>des Willens denkbar, bei der ein Geist jedem Glauben, jedem Wunsch nach Gewi\u00dfheit den Abschied gibt, ge\u00fcbt, wie er ist, auf leichten Seilen und M\u00f6glichkeiten sich halten zu k\u00f6nnen und selbst an Abgr\u00fcnden noch zu tanzen. Ein solcher Geist w\u00e4re der\u00a0<em>freie Geist par excellence<\/em>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkel meint: \u201edie besten lehrer sind die toten.\u201c In Ordnung, das schaffen auch die lebenden und ungeborenen. Und f\u00fcr alle gilt (nach Lec): Auf den Seitenwegen des Denkens huscht gelegentlich der entsetzte Sinn vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98546 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/HolgerBenkel.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"133\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/HolgerBenkel.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/HolgerBenkel-160x106.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>Was den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">Rezensionsessays<\/a> von Holger Benkel die \u00dcberzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen er sein Material unterwirft, seine Texte zeigen, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar machen kann, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, da\u00df die F\u00fclle der Literatur, der Kunst und des Lebens eben darin liegen, nie alles wissen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Holger Benkels wundervoller Text \u201egedanken \u00fcber das denken\u201c ist ein Essay \u00fcber das Schreiben eines Essays \u2013 mit einer \u00fcberflutenden Flut von Zitaten ausgew\u00e4hlter Denker, sch\u00f6n gegliedert in 14 Kapiteln: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Systemdenken \u2013 Begriffe \u2013 Wahrheit \u2013 Dummheit \u2013&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/30\/der-entsetzte-sinn-huscht-vorbei\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,866],"class_list":["post-106588","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106588","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106588"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106588\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106590,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106588\/revisions\/106590"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}