{"id":106501,"date":"2003-04-07T00:35:54","date_gmt":"2003-04-06T22:35:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106501"},"modified":"2024-11-27T04:39:45","modified_gmt":"2024-11-27T03:39:45","slug":"jemandate","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/07\/jemandate\/","title":{"rendered":"Jemandate"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand, der etwas Au\u00dferordentliches lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dessen Sprechen ausgespart bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dinge, die er streift, ber\u00fchrt, bewegt, erz\u00e4hlen, was mit ihm geschieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Abfolge von deutlich dekodiertbaren Ger\u00e4uschen, das wollen wir nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand spricht. Nicht der Protagonist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er spricht von den Dingen, der Erz\u00e4hler, und nirgends taucht die Person des Protagonisten auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es klaffen Pausen an den Stellen, wo \u00fcber die Person erz\u00e4hlt werden sollte. Diese Pausen m\u00fcssen so dicht gef\u00fcllt sein mit den Vorstellungsenden der Zuh\u00f6rer, dass die Person in der Negativform (in der Stille, dem Schweigen) sich formen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand, der nichts Au\u00dferordentliches, der nichts, au\u00dfer Ordentliches lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der immer spricht, wenn er muss. Er l\u00e4sst die Dinge sprechen, wenn er sie aufruft, indem er sie beim bekannten Namen nennt, sie analysiert. Das wollen wir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand spricht. Es ist der Protagonist. Er spricht von sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nirgends taucht eine Idee von den Dingen auf, die nicht bereits bekannt w\u00e4ren. Jede Stelle, die pers\u00f6nliche Andeutungen fasst, wird durch das Paradigma gel\u00f6scht, ohne \u00dcbergang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werden einmal doch \u00dcberg\u00e4nge notwendig, m\u00fcssen diese so d\u00fcnnh\u00e4utig sein, dass die Zuh\u00f6rer zu tiefst betroffen sind von der \u00fcberzeugenden Darstellung eines diskreten Drahtziehers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lust formt sich, und ber\u00fchmte Idole wirken eindringlicher, weil sie zum Anfassen geeignet sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand, der au\u00dfer der Ordnung lebt. Der, wenn er muss, es sagt, dass er sich nicht verpflichtet sieht. Die Dinge, die ihn umkreisen, t\u00e4uschen ihn oft, und er blamiert sich, wenn er das zugibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn verfolgt Deutliches bis zur Unkenntlichkeit, seiner Unkenntlichkeit auch, wenn sich Wort und\u00a0\u00a0 Ding distanziert bis distinguiert begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das will, legt sich mit ihm an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist es, \u00fcber den er Dinge sprechen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er spricht von den Anderen. Nirgends taucht ihm die Ersch\u00fctterung ganz unter die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Pausen, die allen kommen, nur nicht ihm, l\u00e4sst er die offenen Stellen w\u00e4ssrig eintr\u00fcben. Irgendwie f\u00fchlt er sich unterbrochen. Diese Eintr\u00fcbungen k\u00f6nnen so wirksam ins Geschehen einsickern, dass die Zuh\u00f6rer sich verstreiten, ob von einem Anfang oder von einem Ende her heute oder f\u00fcr alle Male gesprochen werden darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sich formt, kann n\u00e4chtliche Traumzumutung sein. Keinem, der ber\u00fchmt sein will, hat schon der Lorbeer in der Suppe gemundet, \u2013 vorausgesetzt, der Geschmack dominierte nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand, der in Ordnung lebt. Der spricht. Der die Dinge sagt, die ihn angehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der allem folgt, wenn man auch ihm gehorcht. Das will er. Ein anderer spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht unbedingt sein Vater.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er spricht \u00fcber seine Influenza, seine Bakterien. Er spricht dar\u00fcber, wie Menschen schwitzen. Nirgends taucht ein Emblem auf, das in seiner W\u00e4sche h\u00e4tte einge\u00e4ht worden sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Pausen lehnt er an Eisbl\u00f6cken und verbrennt sich daran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Pausen verharmlosen trotzdem seine besten Gestattungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn etwas in formt, ist es nichts, was <em>ihn<\/em> verlieren darf. In schalschmeckender Verzweiflung, man m\u00f6chte sagen,\u201cRoutineverzweiflung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer besser \u00fcber ihn schreiben kann, hat ihn einmal angefasst, w\u00e4hrend er seine Stimme vernahm. Doch in der Pause des Schweigens hat er ihn betrogen, indem er von ihm lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand, der au\u00dfer sich lebt. Wenn er spricht, Antworten ihm die Dinge, und wenn sie sprechen, wendet er sich Ihnen zu. Er erkennt ihre Sprachen. Er will wie Andere nicht sein, er muss sich daf\u00fcr nicht anstrengen. Nirgends taucht er zweimal auf. Nirgendwo ein zweites Mal. In den Pausen schweigt er so lange, bis Stille eintritt. Wenn sich vor seinen Augen etwas formt, an dem er nicht beteiligt ist, springt er ins Weiche, bevor die Form hart wird. Fast jeder will \u00fcber ihn schreiben, aber er l\u00e4sst sich niemals herbeizitieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98669\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Janz_KommaStrich-e1645595426769.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jemand, der etwas Au\u00dferordentliches lebt. Dessen Sprechen ausgespart bleibt. Die Dinge, die er streift, ber\u00fchrt, bewegt, erz\u00e4hlen, was mit ihm geschieht. Eine Abfolge von deutlich dekodiertbaren Ger\u00e4uschen, das wollen wir nicht. Jemand spricht. Nicht der Protagonist. Er spricht von den&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/07\/jemandate\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":53,"featured_media":98669,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[918],"class_list":["post-106501","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-angelika-janz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106501","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/53"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106501"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106501\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106504,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106501\/revisions\/106504"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98669"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}