{"id":106482,"date":"1992-07-30T00:01:33","date_gmt":"1992-07-29T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106482"},"modified":"2024-11-04T15:20:11","modified_gmt":"2024-11-04T14:20:11","slug":"uhrwerk-orange","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/07\/30\/uhrwerk-orange\/","title":{"rendered":"Uhrwerk Orange"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>1945, als ich von der Army kam, h\u00f6rte ich einen achtzigj\u00e4hrigen Cockney in einem Londoner Pub von jemandem sagen, er sei \u201eas queer as a clockwork orange\u201c. Der Ausdruck faszinierte mich als eine \u00c4u\u00dferung volkst\u00fcmlicher Surrealistik.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Anthony Burgess<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stanley Kubrik wollte dem Film eine traum\u00e4hnliche, fantastische Qualit\u00e4t verpassen und verwendete f\u00fcr viele Szenen Ultraweitwinkeobjektive. Au\u00dferdem benutzte er Zeitraffer und Zeitlupe. <em>A Clockwork Orange<\/em> ist ein typischer Kubrik-Film, er ist im ersten Moment irritierend und schockierend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film spielt im England der nahen Zukunft. Alex, ein eigentlich intelligenter Teenager, erz\u00e4hlt seine Geschichte selbst: Aus Spa\u00df an der Gewalt verbringen er und seine drei Freunde ihre Zeit damit, wahllos wehrlose Opfer brutal zusammenzuschlagen, auszurauben und, sofern diese Frauen sind, zu vergewaltigen. Schl\u00e4gereien und Messerstechereien mit anderen Banden, mit denen sie um die Vorherrschaft in ihrer Gegend konkurrieren, sind an der Tagesordnung. Es werden in Milch aufgel\u00f6ste synthetische Drogen wie Drenchrom, Synthemesc und Vellocet konsumiert. Die Polizei steht dem herrschenden Verbrechen weitestgehend machtlos gegen\u00fcber und verkommt teilweise selbst zum Schl\u00e4gertrupp. Alex\u2019 Eltern sind unf\u00e4hig, auch nur zu versuchen, auf ihn Einfluss zu nehmen. Er respektiert sie nicht im Geringsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alex\u2019 Freunde sind mit seiner F\u00fchrungsrolle in der Gruppe nicht mehr zufrieden. Es gibt Unstimmigkeiten, und bei einem ihrer Raubz\u00fcge lassen sie ihn im Stich und \u00fcberlassen ihn der nahenden Polizei. Das Opfer ihres Verbrechens stirbt ungl\u00fccklicherweise an den Misshandlungen, sodass Alex wegen Mordes angeklagt und zu 14 Jahren Haft verurteilt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wegen seines unterw\u00fcrfigen Verhaltens wird Alex f\u00fcr ein neuartiges Experiment der Gehirnw\u00e4sche vorgeschlagen, welches ihn zu einem guten B\u00fcrger umerziehen soll. Dabei wird er so konditioniert, dass er unf\u00e4hig zur Gewalt wird, weil ihm der Gedanke an Gewalt sofort \u00dcbelkeit verursacht. Seine moralische Einstellung zur Gewalt \u00e4ndert sich dadurch allerdings nicht. Im Vorfeld warnte ihn der Gef\u00e4ngnispfarrer vor den Konsequenzen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wenn ein Mensch nicht w\u00e4hlen kann, h\u00f6rt er auf, Mensch zu sein.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der 14-t\u00e4gigen Behandlung wird Alex als \u201egeheilt\u201c in die Freiheit entlassen. Zunehmend wird deutlich, dass auch in die Gesellschaft integrierte B\u00fcrger ihm \u201eein paar verpassen\u201c wollen, da sie jetzt die M\u00f6glichkeit haben. Er trifft auf einige seiner Opfer und wird zusammengeschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eins seiner Opfer (dessen Frau Alex vergewaltigt hat) engagiert sich \u2013 ironischerweise \u2013 gegen die Brutalit\u00e4t und Unmenschlichkeit des staatlichen Systems. Es versucht, Alex in den Selbstmord zu treiben, um von seinem Tod politisch zu profitieren, aber auch, weil ihm durch einen Zufall bewusst wird, wer dieses \u201eOpfer der modernen Gesellschaft\u201c tats\u00e4chlich ist. Alex \u00fcberlebt jedoch und erwacht im Krankenhaus. Fortan ist er wieder zur Gewalt f\u00e4hig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die politischen Machthaber arrangieren sich mit ihm, um bei der anstehenden Wahl nicht unter seiner Geschichte leiden zu m\u00fcssen. Der Systemgegner wird weggesperrt. Alex erh\u00e4lt einen gutbezahlten Job und findet neue Freunde, mit denen er wiederum Unheil stiftet. Doch die Gewalt macht ihm keinen Spa\u00df mehr. Er merkt, dass er \u00e4lter wird, und als er einen seiner fr\u00fcheren \u201eDroogs\u201c (Nadsat f\u00fcr \u201eKumpels\u201c) trifft, der gerade eine Familie gegr\u00fcndet hat, tr\u00e4umt er selbst von einer Familie und merkt schlie\u00dflich, dass sich <em>das Uhrwerk<\/em> weiter dreht und er ihm nicht entrinnen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gewalt wird \u00e4sthetisiert, wobei die Handlung zur Zeit der Filmproduktion bereits realit\u00e4tsn\u00e4her war als im damals vorliegenden Buch. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die Alex bei seinen gewaltt\u00e4tigen Handlungen zun\u00e4chst an den Tag legt, zeigt Kubrick, indem er die von brutaler Gewalt dominierten Szenen durch heitere klassische Musik untermalt. Das Leid seiner Opfer scheint Alex nicht im Geringsten zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kubricks Ablehnung des Establishments kommt auch in diesem Film zum Ausdruck, wenn er der Regierung Machthunger und der Wissenschaft Allmacht unterstellt. Der Film bezieht sich auf das zunehmende Unsicherheitsgef\u00fchl der westlichen Gesellschaft. In England verbreiteten Jugendbanden wie Rocker, Mods und Skinheads \u00a0Angst und Schrecken. Zur selben Zeit begannen die Anh\u00e4nger der Antipsychistrie, sich gegen die Techniken der psychologischen Konditionierung zu wenden und den Missbrauch der Psychopharmakatherapie anzuprangern, der der Protagonist Alex zum Opfer f\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gesellschaftskritik wird darin am deutlichsten, dass Alex der permanente Verlierer ist; von seinen Droogs verraten, als M\u00f6rder eingesperrt, als Versuchsobjekt von der Wissenschaft missbraucht, von einem zynischen Schriftsteller als politisches Vehikel eingespannt \u2013 und zu guter Letzt entschuldigt sich der Innenminister bei Alex, denn er diente nur dazu, das Image der angeschlagenen Regierung wieder aufzupolieren. Jede Institution tut das aus ihrer Sicht moralisch Richtige, verfolgt dabei aber stets nur die eigenen Interessen auf Kosten des Individuums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Bedeutung der Botschaft des Films herrscht Uneinigkeit. Eine Interpretation des Films sowie der Buchvorlage geht beispielsweise dahin, dass jedem Menschen die Freiheit zugestanden werden sollte, sich schlecht und falsch zu verhalten; denn ein Individuum, das gezwungen wird, sich gut zu verhalten, ist indoktriniert und zu keiner eigenst\u00e4ndigen Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung f\u00e4hig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A Clockwork Orange<\/strong> von Stanley Kubrik, 1972<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-106483 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Clockwork_Plakat-203x300.png\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Clockwork_Plakat-203x300.png 203w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Clockwork_Plakat-160x237.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Clockwork_Plakat.png 260w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash.\u00a0Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1945, als ich von der Army kam, h\u00f6rte ich einen achtzigj\u00e4hrigen Cockney in einem Londoner Pub von jemandem sagen, er sei \u201eas queer as a clockwork orange\u201c. Der Ausdruck faszinierte mich als eine \u00c4u\u00dferung volkst\u00fcmlicher Surrealistik. 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