{"id":106330,"date":"2011-01-01T00:58:22","date_gmt":"2010-12-31T23:58:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106330"},"modified":"2024-09-24T14:35:34","modified_gmt":"2024-09-24T12:35:34","slug":"dae-stadtstruenzer-eine-rheinische-legende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/01\/dae-stadtstruenzer-eine-rheinische-legende\/","title":{"rendered":"D\u00e4 Stadtstr\u00fcnzer, eine rheinische Legende"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der rheinische Dialekt ist voller seltsamer Worte mit einer putzigen Punktierung. Das Leben der Rheinl\u00e4nder beginnt oft als <em>Str\u00fcnzer<\/em> P\u00e4nz, womit die jungen Menschen bereits im Vorschulalter die punktierten Buchstaben kennenlernen. Wenn die Kinder eingeschult werden vollzieht sich der n\u00e4chste Bewusstseinswandel, sie werden zum i-D\u00f6tzchen und lernen neben den Buchstaben \u00fc und \u00e4 auch das \u00f6 kennen. Das i in diesem Wort hat einen Punkt, das \u00f6 hat gleich zwei P\u00fcnktchen, aber die sind den P\u00e4nz bereits aus den Kindergarten vertraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht P\u00fcnktchen, sondern die \u00fcberlieferten Legenden sind es, die diesen Landstrich ausmachen. Das Rheinland ist ein Flickenteppich aus Geschichten, ein Geflecht aus Erinnerungen, Gef\u00fchlen, sowie Schicksalen. Eine Legende, die im Rheintal von Generation zu Generation weitergegeben wird, erz\u00e4hlt vom Gastwirt Jupp aus dem Schwedenkrieg, den die Stadtv\u00e4ter von Linz zu Beginn der Belagerung um einen Ausweg gefragt haben. Der Wirt hatte in seiner Schankstube diverse Fabeln vernommen. Nach einer kurzen \u00dcberlegung schlug er vor, einige Gruppen mutiger M\u00e4nner sollten versuchen, die Schweden durch n\u00e4chtliche Feuerbr\u00e4nde und L\u00e4rmschlagen mit Eisent\u00f6pfen rings um ihr Lager in Angst vor einer unerwarteten \u00dcbermacht der Verteidiger zu versetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt die bunte Stadt am Rhein weiterhin zu belagern, sollen sie daraufhin in Panik geflohen und nie wieder gekommen sein. Anstelle eines Schwedentrunks k\u00f6nnen die Linzer weiterhin einen lekker Rieslung genie\u00dfen. D\u00e4 Jupp gilt seither als der bekanntester Str\u00fcnzer und ist als Lokalheld ein herzlicher, fast liebevoller Zeitgenosse in Erinnerung geblieben, der zu \u00dcbertreibungen im Schwatzen und beim Feiern neigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Str\u00fcnzer praktizieren t\u00e4glich die Sagbarkeit des Uns\u00e4glichen mit dem rheinischen Dialektrick, demzufolge der These: <em>Von nix k\u00fctt nix<\/em> die Antithese: <em>M&#8217;r moss och j\u00f6nne k\u00f6nne <\/em>folgt. F\u00fcr jede neue These lassen sich selbstverst\u00e4ndlich Belege finden, man muss nur lange und m\u00f6glichst einseitig suchen, je nach Tagesform variiert deshalb die Synthese, meist einigt man sich auf den kategorische Komparativ: <em>Et h\u00e4tt noh emmer joot jejange<\/em>, wobei die Wahrheit von dieser Population l\u00e4ngst gegen Klarheit getauscht worden ist. Die rheinische Sprache erscheint transitiv: sie spricht die Dinge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Regelm\u00e4\u00dfig werden die Linzer auch noch heute in ihrem Alltag an d\u00e4 Jupp erinnert, wenn sie am Str\u00fcnzerbrunnen am Linzer Burgplatz vorbeigehen. Auch der Str\u00fcnzerkeller im Haus Bucheneck l\u00e4dt die Besucher ein, sich mit den D\u00f6nekes von diesem Rheinischen Original und seinen zahlreichen Nachfolgern auseinanderzusetzen. Tagt\u00e4glich versuchen die Str\u00fcnzer in dem\u00fctiger Ergriffenheit ein Ebenbild der Existenz zu werden und an gro\u00dfe Zeiten anzukn\u00fcpfen. Hier ist alles Bl\u00f6dsinn, alles wahrscheinlich, alle auf der Suche, weil keine Legenden nachpr\u00fcfbar sind. Das Rheinland hat eine fast schon nervende Gelassenheit, es ist eine selbstbewusste, auf sich bezogene Region, die mit sich weitgehend im Reinen ist, ein magisches Traumland f\u00fcr all jene, die ein <em>unbestimmt Anderes<\/em> suchen und dabei in einer ausgewogenen Mischung aus Aufgeschlossenheit und D\u00fcnkel auf eine befestigte Wirklichkeit nicht verzichten wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen dem i-D\u00f6tzchen und dem Str\u00fcnzer spannt sich im Rheinland oft ein ganzen Leben. Erst wenn et L\u00e4we im Rheinland erz\u00e4hlt wird, wird das Erlebte zum Leben. Indem et L\u00e4we erz\u00e4hlbar geworden ist, wird es von seiner blossen Ereignishaftigkeit befreit. Der letzte Punkt, der gesetzt wird, befindet sich am Schluss des Satzes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rheintor, Linz \u2013 Anno Domini 2011<\/strong>, Edition Das Labor 2011. \u2013 Limitierte und handsignierte Auflage von 100 Exemplaren. \u2013 Dem Exemplar 1 \u2013 50 liegt ein Holzschnitt von Haimo Hieronymus bei.<\/p>\n<div id=\"attachment_106331\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106331\" class=\"wp-image-106331 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Stadtstruenzer-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-106331\" class=\"wp-caption-text\">Der Rheintaler, Urheber: Martin Vreden und Asia Rauf. Die Freigabe zur Nutzung dieses Werks wurde im System des Wikimedia-VRT archiviert; dort kann die Konversation von Nutzern mit VRTS-Zugang eingesehen werden.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Einen Essay zur Rheintorreihe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/10\/rheintor-revisited\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der rheinische Dialekt ist voller seltsamer Worte mit einer putzigen Punktierung. Das Leben der Rheinl\u00e4nder beginnt oft als Str\u00fcnzer P\u00e4nz, womit die jungen Menschen bereits im Vorschulalter die punktierten Buchstaben kennenlernen. 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