{"id":106288,"date":"1999-12-26T00:51:16","date_gmt":"1999-12-25T23:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106288"},"modified":"2024-09-21T15:44:58","modified_gmt":"2024-09-21T13:44:58","slug":"extraimpoldation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/26\/extraimpoldation\/","title":{"rendered":"Extraimpoldation"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Extrapolation<\/em> gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ulrich Kurth<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Alben, die erscheinen nicht, sie explodieren geradezu von unseren Ohren. Eines davon ist <em>Birds of Fire<\/em>. Andere Alben implodieren, es braucht einige Zeit, bis die Schallwellen \u2013 und somit die wahre Bedeutung der Musik beim Zuh\u00f6renden ankommt. <em>Extrapolation<\/em> ist das Deb\u00fctalbum von John McLaughlin. Es erschien zun\u00e4chst bei <em>Marmalade Records in 1969<\/em>; auch aufgrund des Zusammenbruchs dieses Labels wurde das Album international erst seit 1972 vertrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es handelt sich um eines der originellsten und prophetischsten Alben, das im britischen Jazz zum \u00dcbergang in die 1970er Jahre entstanden sei.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eric Thacker<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichfalls in 1969 erschien das Album <em>Hot Rats<\/em> von Frank Zappa, das ist das erste Jazzrock-Album. Hier wie dort ist die Verwendung elektrischer Instrumente, die exzessive Nachbearbeitung der Aufnahmen im Studio, die Aufl\u00f6sung der Liedstrukturen zugunsten freier Improvisation sowie die lange Dauer der einzelnen Musikst\u00fccke charakterisieren das Album. F.Z. hat den Rhythm and Blues mit dem Jazz fusioniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Album ist nicht nur rhythmisch und harmonisch fl\u00fcssig, sondern benutzt sowohl modale Harmonien und das Time, no Change-Prinzip als Basis der Improvisationen, wobei die Komposition Tempo, Tonart und Stimmung festlegt, aber die Wahl der Akkordwechsel der spontanen Wechselwirkung von Interpret und Begleitmusikern \u00fcberl\u00e4sst.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Stuart Nicholsen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr sein Deb\u00fctalbum wollte McLaughlin zun\u00e4chst im Trio mit Holland und Oxley aufnehmen; da Holland aufgrund des Dr\u00e4ngens von Miles Davis nach Amerika ging, trat Brian Odgers an seine Stelle. Relativ kurzfristig wurde entschieden, das Trio um John Surman zu erweitern. Und dies sollte das Konzept grundst\u00fcrzend ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>John Surman dominiert das Album stellenweise.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Scott Albin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Thema das Titelst\u00fccks <em>Extrapolation<\/em> ist bebopartig und wird nach einer Einleitung durch Odgers und Oxley, die von Ferne an die Arbeit von Charlie Haden und Billy Higgins in Lonly Women denken l\u00e4sst, zun\u00e4chst im Unisono von Gitarre und Saxophon vorgestellt. <em>It\u2019s Funny<\/em> erinnert thematisch, insbesondere in der Saxophonlinie, an <em>Goodbye Pork Pie Hat<\/em> von Charles Mingus und stellt das K\u00f6nnen des Studiomusikers Brian Odgers heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Extrapolation<\/em> ist eines der gro\u00dfartigsten Alben, die je in Europa aufgenommen wurden [\u2026] Es ist essentiell und zeitlos.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Richard Cook<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Arjen\u2019s Bag<\/em> spielt auf den niederl\u00e4ndischen Bassisten Arjen Corter an, die H\u00fclle von dessen Bass sei immer dort, wo man sie nicht erwarte. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich hier mit der rhythmischen Betonung: Das St\u00fcck hat einen 11\/8-Takt, den Roger T. Dean in seiner Analyse nach den Akzenten des Schlagzeugers in 4\/4 und 3\/8 unterteilte. Aufgrund dieser Akzentuierung der ungeraden Metren entstehen hier zwei Pulsgeschwindigkeiten, \u00fcber die parallel improvisiert werden kann. Sp\u00e4ter entwickelte McLaughlin das St\u00fcck zu <em>Follow Your Heart<\/em> weiter. Dieses oszillierende \u201e11\/8-Metrum geht im n\u00e4chsten St\u00fcck nahtlos in einen schnellen 3\/8 Takt \u00fcber\u201c: <em>Pete the Poet<\/em>, ein trolliges St\u00fcck, war nach dem Lyriker und S\u00e4nger Pete Brown benannt. Dort setzte McLaughlin einen kr\u00e4ftig fetten Gitarrenton ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Album zeigt eine strukturelle Einheit und einen Gruppenzusammenhalt. Neben dem Gruppengef\u00fchl ist die Soloarbeit durchweg ausgezeichnet. M\u00e4chtig agiert Surman mit seinem rumpelnden Baritonsaxophon und bringe ein wehm\u00fctiges Sopran in It&#8217;s Funny ein, w\u00e4hrend McLaughlin sein Instrument wirklich zum Singen bringe.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dave Hollingworth<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>This Is for Us to Share<\/em> hat gro\u00dfe Rubato-B\u00f6gen, zu denen McLaughlin auf der akustischen Gitarre beeindruckend beitr\u00e4gt. Losgel\u00f6st vom Tempo nutzt Oxley sein Schlagzeug hier, um inspirierende Kl\u00e4nge auf seinen Trommeln und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Becken_(Musikinstrument)\">Becken<\/a> zu erzeugen. In <em>Spectrum<\/em> konnte Surman nach dem unisono vorgestellten Thema zun\u00e4chst ein Baritonsaxophon-Solo spielen, bevor ein schnelles Solo der Gitarre folgte. Das St\u00fcck geht \u00fcber in <em>Binky\u2019s Beam<\/em>. Mit dem Bassisten Binky McKenzie, dem McLaughlin diese Komposition des Albums widmete, spielte McLaughlin unter anderem in Pete Browns Gruppe <em>Huge Local Sun<\/em>. In den Liner Notes pries er Binky McKenzie als einen der besten Bassisten; er war damals zusammen mit seinem Bruder Bunny verurteilt worden, nach Ansicht des Gitarristen ungerechterweise. <em>Binky\u2019s Beam<\/em> ist ein Blues im11\/8-Takt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">McLaughlin hat mit <em>Extrapolation<\/em> sein eigenes Denkmal gebaut hatte, das bis heute stabil und weithin sichtbar in der weiten Landschaft der Jazz- und Fusiongitarristik steht, ein Monolith, an dem niemand vorbei kommt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alexander Schmitz<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie in diesem St\u00fcck \u00fcberlagert Oxley auch in <em>Really You Know<\/em> die verschiedenen Metren \u201emit delikater Leichtigkeit\u201c, wie dessen Biograph Ulrich Kurth feststellt; die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der Oxley spielt, \u201everleiht dem Album einen t\u00e4nzerischen Gestus.\u201c Das letzte St\u00fcck des Albums, <em>Peace Piece<\/em>, das dem Frieden gewidmet war und zun\u00e4chst Z\u00fcge der gleichnamigen Melodie von Bill Evans hat, spielte McLaughlin unbegleitet auf der akustischen Gitarre; auch hier ist jedoch kein hymnischer, sondern ein vergleichsweise aggressiver und \u201ebrutaler Zugang\u201c des Gitarristen feststellbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Extrapolation,<\/strong> John McLaughlin, 1969<\/p>\n<div id=\"attachment_106289\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106289\" class=\"wp-image-106289 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/John-McLaughlin-Extrapolation-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" \/><p id=\"caption-attachment-106289\" class=\"wp-caption-text\">1969 in England ver\u00f6fentlicht. Aufgrund des Zusammenbruchs dieses Labels wurde das Album international erst seit 1972 vertrieben<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues\u2026 und diese Abwege m\u00fcnden in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/17\/wahrhaft-kolossal\/\">suitenartigen Kompositionen<\/a>. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/26\/extraimpoldation\/\"><em>Extrapolation<\/em><\/a> gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden.&#8220;, schrieb Ulrich Kurth. Das Album d\u00fcrfte neben Hot Rats von FZ f\u00fcr den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine H\u00e4lfte der Freude ausmacht; die andere H\u00e4lfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/25\/der-canterbury-sound\/\">Soft Machine<\/a> aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, h\u00e4tte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begr\u00fc\u00dft. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas f\u00fcr sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/06\/unangestrengte-laessigkeit\/\">Traffic<\/a>, mit zeitlichem Abstand l\u00e4sst sich h\u00f6ren, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu h\u00f6ren ist auch auf \u201eBitches Brew\u201c ein kollektives Musizieren, das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/03\/30\/jazzrock-wer-hats-erfunden\/\">Miles Davis<\/a> als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuh\u00f6ren vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/30\/fake-jazz-2\/\">Fake Jazz<\/a> erscheint pl\u00f6tzlich als das Eigentliche!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Extrapolation gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden. Ulrich Kurth Es gibt Alben, die erscheinen nicht, sie explodieren geradezu von unseren Ohren. Eines davon ist Birds of Fire. 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