{"id":106281,"date":"1999-01-26T00:13:30","date_gmt":"1999-01-25T23:13:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106281"},"modified":"2024-09-14T13:30:44","modified_gmt":"2024-09-14T11:30:44","slug":"ein-guerteltier-als-symbol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/26\/ein-guerteltier-als-symbol\/","title":{"rendered":"Ein G\u00fcrteltier als Symbol"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0<em>Bei all dem Mist, der in letzter Zeit ver\u00f6ffentlicht wurde, war es eine besondere Freude, auf dieses Album zu sto\u00dfen\u2026 Kottke ist kein Neuzugang in der Page-Beck-Schule.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Carl Bauer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur zahlreiche Gitarristen erinnern sich an das <em>Armadillo Album<\/em> als ihre erste Begegnung mit dem Fingerpicking einer Solo-Stahlsaitengitarre und dem modernen Konzept des Gitarristen\/Komponisten Leo Kottke. Sein Deb\u00fct kam zustande, nachdem er eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/27\/lost-and-found-im-underground\/\">Compact-Cassette<\/a> an John Faheys Takoma-Label geschickt hatte. Es \u00fcberrascht Kenner keineswegs, dass es in vielerlei Hinsicht an Faheys eigene Arbeit erinnert: die Synthese zahlreicher Einfl\u00fcsse aus Blues, Pop, Klassik und Folk. Als junger Musikh\u00f6rer half mir dieser Gitarrist einen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln, es beeindruckte mich, wie Kottke so unterschiedliche Genres wie Folk, Country, Bluegrass und Blueseinfl\u00fcsse zu einem charakteristischen Fingerpicking<em>&#8211;<\/em>Stil polyphoner Musik ineinander verschraubt, die zudem stark von der Bottleneck<em>&#8211;<\/em>Technik gepr\u00e4gt war. Titel wie Vaseline Mashine Gun sind zudem durch eine Selbstironie unterf\u00fcttert, die sowohl dem Rezensenten als auch dem H\u00f6rer ein Vergn\u00fcgen bereiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Polyphoner Fingerstyle<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf <em>6- and 12-String Guitar<\/em> h\u00f6ren wir treibendes polyphones Fingerpicking. Selbst bei den schnellsten Tempi sind die Noten sauber und klar, zudem in einem unverwechselbaren Klang. Das Album wurde an einem Nachmittag genau in der Reihenfolge des Albums aufgenommen. Die meisten Tracks wurden in einem einzigen Take erstellt. Kottke h\u00e4lt nicht einmal inne, als er bei <em>The Sailor&#8217;s Grave on the Prairie<\/em> h\u00f6rbar mit dem Slide auf den Gitarrenhals schl\u00e4gt. Mich erinnert diese Vorgehensweise an eine andere Einspielung, die ich gleichfalls \u00fcberaus sch\u00e4tze, Grete Sultans Einspielung der <em>Goldberg Variationen<\/em>. Die Pianistin kam 1959 in das Studio von David Hancock in N.Y.C., setzte sich an den B\u00f6sendorfer und spielte die Variationen ohne Noten in einem Take ein.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Klampfer, in den Liner Notes von Kottke hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wir wussten nichts \u00fcber die Reihenfolge, also ist die Aufnahme in der Reihenfolge, in der sie aufgenommen wurde &#8230; Die Aufnahme hat dreieinhalb Stunden gedauert, und das war alles, was ich tun musste. Was ich tun konnte, war, mich hinzusetzen und alles zu spielen, was ich je wusste.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso wie das Cover kann die Musik die unterschwelligsten Reflexionen hervorrufen oder einen in h\u00f6chste Freude versetzen. Kottkes nah am Mikrofon platziertes, knackiges, aggressives und einfallsreiches Steady-Bass-Fingerpicking auf dieser LP von 1969 definierte den Markt f\u00fcr dieses Genre neu, das von Fahey und Robbie Basho Anfang und Mitte der 1960er Jahre erfunden und gef\u00f6rdert worden war. Auch dies ist ein ist ein Album, das aufmerksames Zuh\u00f6ren belohnt, Kottkes musikalische Meisterschaft verlangt danach, bemerkt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0<em>Kottkes Art von Virtuosit\u00e4t ist jedoch beruhigender und angenehmer f\u00fcr das Ohr als die von Fahey. Es ist jedoch alles andere als kitschig, das reiche und resonante Zupfen deutet auf eine gewisse unterschwellige Unruhe hin, wie friedlich.<\/em>Richie Unterberger\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Wiederh\u00f6ren fiel mir ein St\u00fcck besonders ins Ohr, an dass ich mich nicht erinnerte, Bachs Choral <em>O Jesu, meine Freude<\/em>, von Kottke beseelt interpretiert Ein ebenso freundvolles Wiederh\u00f6ren war diese Begegnung mit der Musik von Leo Kottke. Wof\u00fcr das G\u00fcrteltier als Symbol steht, hat sich mir nicht erschlossen, wahrscheinlich ist es eine Anspielung auf die verhornten Fingerkuppen, der sicht- und sp\u00fcrbaren Erh\u00e4rtung, dass Kunst letztlich dorch vom K\u00f6nnen herkommt und jeden Schwei\u00dftropfen wert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6- and 12-String Guitar<\/strong>, Leo Kottke, 1969<\/p>\n<div id=\"attachment_106282\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106282\" class=\"wp-image-106282 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Kottke_Cover-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-106282\" class=\"wp-caption-text\">Angeblich hat ein G\u00fcrteltier im Korpus der Gitarre von Leo Kottke rumort. Aber wer mag dies zu konrtollieren und w\u00fcrde sich wagen ein gut verleimtes Instrument aufzuschneiden um nachzusehen ob diese Legende stimmt? &#8211; Wie sagte man einst im Wilden Westen: &#8222;Wenn die Legende zur Tatsache wird, drucken Sie die Legende!&#8220;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Charakteristisch sind die verschiedenen k\u00fcnstlerischen Handschriften und Organisationsstrukturen. Dieses Album wurde ver\u00f6ffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein <em>Alternative<\/em>, was das R\u00e4tsel aufgab, was genau man h\u00f6rte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz, verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Versenkung in den tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>, dem Abschied von <em>Mr. Mojo risin\u2019. <\/em>Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Bei all dem Mist, der in letzter Zeit ver\u00f6ffentlicht wurde, war es eine besondere Freude, auf dieses Album zu sto\u00dfen\u2026 Kottke ist kein Neuzugang in der Page-Beck-Schule. 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