{"id":106215,"date":"2003-08-26T00:23:42","date_gmt":"2003-08-25T22:23:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106215"},"modified":"2024-08-31T13:38:48","modified_gmt":"2024-08-31T11:38:48","slug":"polka-und-punk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/26\/polka-und-punk\/","title":{"rendered":"Polka und Punk"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Alben, bei denen man sich nach mehrmaligem Anh\u00f6ren fragt, warum darauf noch niemand gekommen ist. Die Violent Femmes kamen zu Beginn der 1980-er Jahre auf die Idee Folk und Schrammel-Punk zu verbinden. Das Rezept ist denkbar einfach, sch\u00e4bige Instrumentierung trifft auf die boshaft witzige Texte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Let me go on, like I blister in the sun \/ Let me go on, big hands I know you&#8217;re the one.<\/span> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Band wurde 1981 von Gordon Gano (Gesang, Gitarre, Banjo), Brian Ritchie (Gesang, Akustik- und E-Bassgitarre) und Victor DeLorenzo (Schlagzeug) in Milwaukee gegr\u00fcndet. Ritchie spielte in einer Band namens <em>Ruthless Acoustics<\/em>, der zuvor schon DeLorenzo angeh\u00f6rt hatte und \u00fcber den Ritchie als Musikjournalist schon sehr lobende Worte gefunden hatte. In einer Bar namens <em>Harp<\/em> lernten sie sich schlie\u00dflich kennen und stellten gemeinsame musikalische Vorlieben fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Why can\u2019t I get just one fuck \/ I guess it\u2019s got something to do with luck<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der widerspr\u00fcchliche Bandname entstand aus einer Idee Ritchies: Aus <em>violent<\/em>, einem englischen Adjektiv f\u00fcr \u201ebrutal\u201c und dem Begriff <em>femme<\/em> (franz. \u201eFrau\u201c), der im Jargon von Milwaukee \u201eWeichei\u201c bedeutete. Von einem Theaterbesitzer wurde Ritchie Gano empfohlen, ein \u201ezu klein geratener Lou Reed-Imitator.\u201c Sie trafen sich bei Auftritten des jeweils anderen, und spielten spontan miteinander, ihr erstes gemeinsames Konzert improvisierten sie als <em>Gordon Gano and the Violent Femmes plus Curtis<\/em>. Der Legende nach hat Chrissie Hynde die Band bei einem Stra\u00dfenkonzert vor dem <em>Milwaukee Oriental Theatre<\/em> entdeckten und lud \u00a0sie spontan als Vorband zu ihrem ausverkauften Konzert ein. Kurz darauf unterschrieben sie bei Slash Records und ver\u00f6ffentlichten 1983 ihr Deb\u00fct. Polka trifft auf Punk und m\u00f6glicherweise war es Gordon Gano, der den Gitarren-Schrammelpunk erfunden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>I\u2019m gonna get her drunk \/ I\u2019m gonna make her cry \/ I\u2019m gonna get her high<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Deb\u00fct l\u00e4sst sich als Blaupause f\u00fcr zahlreiche Indie-Bands h\u00f6ren. Auch wenn die Adepten das leicht Eiernde, \u00fcber das Gano \u00a0n\u00f6lt und seinen Gesang auf eigene Art ins Micro nuschelt. Jeder Song ein wildes, unberechenbares Mini-Drama, auch mit Abstand fasziniert das frustrierte und doch so dynamische <em>Kiss off<\/em> mit den Yeah-Yeahs und der grandiose Ohrwurm <em>Gone daddy gone, der mit dem <\/em>das durchgedrehten Xylophon. Nicht zu vergessen <em>Good feeling<\/em>, das bezaubernde, streicherselige Finale der urspr\u00fcnglichen Albumfassung. Dazu der eigenwillige Bass und das nebenherhoppelnde Schlagzeug und ab und an ist eine umgedrehte Metallwanne. Vor allem aber ist es der Melodienreichtum, den die Violent Femmes nie wieder so gut hinbekommen \u00a0haben. Und mit <em>Blister in the sun<\/em> findet sich auf diesen Deb\u00fct ein unverw\u00fcstlicher Gassenhauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Alben, die altern nicht, wir sind es, die graue Haare bekommen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Violent Femmes<\/strong>, 1983<\/p>\n<div id=\"attachment_106216\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106216\" class=\"wp-image-106216 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/violent-femmes_Cover-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-106216\" class=\"wp-caption-text\">Polka trifft auf Punk und m\u00f6glicherweise war es Gordon Gano, der den Gitarren-Schrammelpunk erfunden hat.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Punk ist eine Cover-Version des Rock\u2019n\u2018Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/12\/das-bananenalbum\/\">Bananenalbum<\/a>. Oder war es doch eher der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/29\/garagenrock\/\">Garagenrock<\/a>? \u2013 L\u00e4sst sich von MC Five (<em>Motor City Five<\/em>) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/07\/14\/drei-akkorde-fuer-ein-halleluja\/\">New Yorker Proll-Combo<\/a> ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/09\/horses\/\">Ur-Mutter<\/a>? W\u00fcrden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern \u00fcberhaupt zugeben? \u2013 Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakul\u00e4rste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/09\/30\/in-hells-kitchen\/\"><em>Blank Generation<\/em><\/a> der Song, der wohl gr\u00f6\u00dfer ist, als die Band, die ihn produziert hat. Dies ist das beste Album, das die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/09\/dies-ist-das-beste-album-das-die-buzzcocks-nie-gemacht-haben\/\">Buzzcocks<\/a> nie gemacht haben. Kaum ein Song beschreibt den beginnenden britischen Punk besser als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/25\/der-roentgenblick-auf-das-patriarchat\/\">\u201eOh Bondage Up Yours!\u201c<\/a>. Es ist ein Zeichen von <em>Chuzpe<\/em>, wenn sich eine von M\u00e4nnern dominierte Szene<em>, <\/em>eine Combo von Frauen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/20\/in-the-beginning-there-was-rhythm\/\">The Slits<\/a> nennt. Waren die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/10\/28\/trittbrettfahrer\/\">Pistols<\/a> die erste Boy-Group? Johnny Rotten predigte Anarchie, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/20\/es-gibt-keine-blaupause-fuer-ein-album-wie-y\/\">The Pop Group<\/a> praktizierte sie. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/19\/punk-he-has-his-future-in-a-british-steel\/\">PiL<\/a> has his future in a British Steel. Klingt die Trostlosigkeit des Rust Belt nach Punk oder <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/29\/avant-garage\/\"><em>Industrial Folk<\/em><\/a>? Eine weitere Seitenbemerkung \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/06\/27\/industrial-punk\/\">Industrial-Punk<\/a> der Nine Inch Nails aus Cleveland, Ohio. Tuxedomoon entwickelten einen experimentellen Sound, der seltsamer war als der ihrer Zeitgenossen aus den 80ern, indem er Jazz und hypnotisierende Elektronik auf eine Art und Weise einbezog, sie spielten einen hypnotischen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/23\/give-me-new-noise\/\">Synth-Punk<\/a>. Eine W\u00fcrdigung der s\u00fcdafrikanischen Tekkno-Punks <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/03\/pluenderer\/\">Die Antwoord<\/a>. \u2013 Gegen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/31\/california-ueber-alles\/\">Fresh Fruit for Rotting Vegetables<\/a> h\u00f6rt sich alles andere wie Pop an. Retten kann uns die Sch\u00f6nheit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/04\/ueber-die-schoenheit-der-tenorstimme-des-punk\/\">Tenorstimme des Punk<\/a>. Zu <em>Monarchie und Alltag<\/em> gibt es einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/01\/zur-lage-der-detonation-revisited\/\">Bericht zur Lage der Detonation<\/a>. \u2013 Polka trifft auf Punk und m\u00f6glicherweise waren es die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/25\/polka-und-punk\/\">Violent Femmes<\/a>, die den Gitarren-Schrammelpunk erfunden haben. Weitere ungel\u00f6ste Fragen: Stellen die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/03\/punk-against-racism\/\"><em>The Ruts<\/em><\/a> mit einem Album das Lebenswerk von The Clash in den Schatten? Wann h\u00f6rt der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/18\/substance\/\">Substance<\/a> von Punk auf? Wann beginnt der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/30\/minimal-pop\/\">Post-Punk<\/a>? Ist das bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/28\/10-years-after\/\">New Wave<\/a>? Oder stellt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/08\/tal-king-heads\/\">Polyrythmik<\/a> den H\u00f6hepunkt dar? Die Alben von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/17\/und-hier-ist-es\/\">Wire<\/a> stellen in beeindruckender Weise dar, was aus Punk eigentlich h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es gibt Alben, bei denen man sich nach mehrmaligem Anh\u00f6ren fragt, warum darauf noch niemand gekommen ist. Die Violent Femmes kamen zu Beginn der 1980-er Jahre auf die Idee Folk und Schrammel-Punk zu verbinden. Das Rezept ist denkbar einfach,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/26\/polka-und-punk\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":106216,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4373,4375,4372,4006,4374],"class_list":["post-106215","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-brian-ritchie","tag-chrissie-hynde","tag-gordon-gano","tag-johannes-schmidt","tag-victor-delorenzo"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106215"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106220,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106215\/revisions\/106220"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/106216"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}