{"id":105849,"date":"1996-02-05T00:02:57","date_gmt":"1996-02-04T23:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105849"},"modified":"2026-07-16T13:17:20","modified_gmt":"2026-07-16T11:17:20","slug":"der-schmerzensmann-des-blues","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/02\/05\/der-schmerzensmann-des-blues\/","title":{"rendered":"Der Schmerzensmann des Blues"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Nick Cave versuchte sich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule f\u00fcr Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung, die auf der CD The Secret Life of the Love Song mit Songbeispielen nachzuh\u00f6ren ist. Darin formulierte Cave den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten m\u00fcsse. Caves Poetik weist eine N\u00e4he zur Romantik auf, nach deren theoretischem Konzept jedes Kunstwerk durch Ironie gebrochen werden m\u00fcsse.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">(Quelle: Wikipedia)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt selten vor, dass sich ein r\u00e4udiger Punk-Rocker und eine Disco-Maus zusammentun und ein Bastard dabei herauskommt, der ein internationaler Hit wird. Selbstverst\u00e4ndlich ist <em>Where the Wild Roses Grow<\/em> ein schmucker Schlager, der jedoch eher harmlos daherkommt, gegen\u00fcber dem Duett mit P.J. Harvey.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Nick Cave &amp; The Bad Seeds - Henry Lee ft. P.J Harvey (Official 4K Video)\" width=\"860\" height=\"484\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QzmMB8dTwGs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album <em>Murder Ballads<\/em> war der gr\u00f6\u00dfte kommerzielle Erfolg der Band, was h\u00f6chstwahrscheinlich auf die unerwartete wiederholte Ausstrahlung des Videos <em>Where the Wild Roses Grow<\/em> auf MTV zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. MTV nominierte Cave sogar f\u00fcr die Auszeichnung \u201eBester m\u00e4nnlicher K\u00fcnstler\u201c des Jahres, diese Nominierung wurde jedoch sp\u00e4ter auf Caves Wunsch hin zur\u00fcckgezogen. Cave sagte sp\u00e4ter dazu:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Mir war irgendwie bewusst, dass die Leute das Album Murder Ballads kaufen w\u00fcrden, es sich anh\u00f6rten und sich fragten: \u201aWof\u00fcr zum Teufel habe ich das gekauft?\u2018 weil der Kylie-Song keinen wirklichen Hinweis darauf gab, wie die Platte tats\u00e4chlich war.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Yo! Mir geht es \u00e4hnlich, w\u00e4re da nicht <em>Stagger Lee<\/em>. Es ist ein Song, der daran erinnert, wohin es mit der Karriere von Cave hatte hingehen k\u00f6nnen, w\u00fcrde er heute noch Blues-Alben wie <em>The Firstborn Is Dead<\/em> machen, er w\u00e4re eine Legende.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nobody wanted to make a blues record. So we made a record that was steeped in the blues but didn\u2019t really have anything to do with the blues on a musical level.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nick Cave<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Album <em>The Firstborn Is Dead<\/em> pr\u00e4sentierte Caves Faszination f\u00fcr den amerikanischen S\u00fcden mit seinen Anspielungen auf <em>Elvis Presley<\/em> und Bluesm\u00e4nner wie <em>Blind Lemon Jefferson<\/em>. Das Album wurde jedoch nicht etwa in Memphis, <em>Tennessee<\/em>, sondern in den Hansa Studios, Berlin, aufgenommen. Cave sagte \u00fcber dieses Album:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Berlin gab uns die Freiheit und die Ermutigung, zu tun, was immer wir wollten. Wir hatten drei Jahre in London gelebt und es schien, als w\u00fcrden die Leute ziemlich schnell anklopfen, wenn man den Kopf \u00fcber den Tellerrand hinausstreckte.\u201c es wieder rein. Besonders wenn man Australier war, war es das Gegenteil. Die Leute sahen uns eher als eine Art Kraft denn als eine Art verr\u00fcckte Neuheit.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fetzt los mit <em>Tupelo<\/em>, ein Song, der lose auf dem gleichnamigen Lied von John Lee Hooker basiert, das von einer \u00dcberschwemmung in Tupelo, Mississippi, handelt. Zugleich ist Tupelo auch der Geburtsort von Elvis Presley. Caves Lied enth\u00e4lt Bilder der Geburt von Elvis und die Apokalypse bei der Wiederkunft Christi. Das Motiv \u201eLooky, Looky Yonder\u201c, das in dem Lied vorkommt, ist jedoch von einem gleichnamigen Lied abgeleitet, das von Lead Belly aufgenommen wurde und normalerweise Teil eines Medleys ist, das Cave selbst singt und unter dem Titel \u201eBlack Betty\u201c gecovert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">See above for \u201cBlack Crow King.\u201d<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch des weiteren atmen die Songs eine deutlich stickige Bluesluft; was auch an der klaustrophobischen Situation in West-Berlin gelegen haben k\u00f6nnte, dass von der DDR umgeben war. Verkn\u00fcpft mit dem New Wave-Zeitgeist ab Mitte der 80er Jahre haben die d\u00fcrren australischen Punks unerreichbares Terrain betreten, somit haben sie eine irrisierende Mischung gefunden, die f\u00fcr die Bad Seeds w\u00e4hrend n\u00e4chsten 15 Minuten zum Markenzeichen wurde. Funfact: Keines der Bandmitglieder verf\u00fcgt \u00fcber einen Background im Blues, und so kaperten die Band das Genre f\u00fcr ihr Vorhaben. Die Strukturen werden vereinfacht, die Akkordfolgen reduziert, die Rhythmik entr\u00fcmpelt. So kommt eine punkige Klarheit und Pr\u00e4gnanz zum Vorschein<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eine Outlaw-Message unterstreich das d\u00fcstere Temperament des Australiers.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wanted Man<\/em> ist eine sechsmin\u00fctigen Nitroglycerin-Explosion, sie entstand aus einem von Bob Dylan und Johnny Cash komponierten Lied. Das Lied handelt von einem Fl\u00fcchtigem, der seine Zuh\u00f6rer bittet, ihn nicht zu verrate , falls er entdeckt wird, er erw\u00e4hnt mehrere St\u00e4dte und Staaten, in denen er gesucht wird, sowie andere nicht erw\u00e4hnte Orte und mehrere Frauen aus seiner Vergangenheit, die ihn ausliefern wollen. Cave erhielt die Erlaubnis, den Text zu \u00e4ndern und seine Boygroup, die Bad Seeds treiben ihn in seiner <em>Misogynie <\/em>in den Wahnsinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wir haben nicht fertig, denn mit dem letzten St\u00fcck verneigt sich die Band gekonnt vor Blind Lemon Jefferson, einen wirklichen Bluser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>The Firstborn Is Dead<\/strong>, <em>Nick Cave<\/em> and the Bad Seeds, 1985<\/p>\n<p><strong>Murder Ballads<\/strong>, <em>Nick Cave<\/em> and the Bad Seeds, 1996<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-105850 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Cave_Cover-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/11\/01\/reine-nervliche-zerruettung\/\">From Her to Eternity<\/a> hat Anita Lane f\u00fcr Nick Cave die Spannbreite des Tuns vorgegeben.\u00a0 Nicht nur im Duett ist P.J. Harvey dem Australier ebenb\u00fcrtig. Auf <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/02\/22\/die-unschuld-ist-mit-dem-monstroesen-kurzgeschlossen\/\">To Bring You My Love<\/a><\/em> \u00a0vereint sie\u00a0 den Blues mit d\u00fcsteren Erz\u00e4hlungen. Dieses Album ist dank ihrer rauen, theatralischen Intensit\u00e4t faszinierend, weil es\u00a0 biblische Metaphern rekontextualisiert und das m\u00e4nnerdominierte Musikgenre aufbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. H\u00f6ren den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <em>Swordfishtrombones<\/em>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nick Cave versuchte sich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule f\u00fcr Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung, die auf der CD The Secret Life of the Love Song mit Songbeispielen nachzuh\u00f6ren ist. Darin formulierte Cave den Gedanken,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/02\/05\/der-schmerzensmann-des-blues\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":105850,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3859,4105,3211,2079,4104,4718,4006,4106,4717,4103,4102,4719],"class_list":["post-105849","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-barry-adamson","tag-blind-lemon-jefferson","tag-blixa-bargeld","tag-bob-dylan","tag-elvis-presley","tag-hugo-race","tag-johannes-schmidt","tag-johnny-cash","tag-mick-harvey","tag-nick-cave","tag-p-j-harvey","tag-thomas-wydler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105849","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=105849"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105849\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107298,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105849\/revisions\/107298"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/105850"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105849"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=105849"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=105849"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}