{"id":105840,"date":"2000-07-30T00:43:33","date_gmt":"2000-07-29T22:43:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105840"},"modified":"2024-08-30T08:42:42","modified_gmt":"2024-08-30T06:42:42","slug":"traurige-clowns","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/","title":{"rendered":"Traurige Clowns"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Stellen Sie sich Kurt Weill vor, der uns das Vorkriegsberlin ins Ged\u00e4chtnis bringt, w\u00e4hrend ein Falsetts\u00e4nger sich durch jedes St\u00fcck kreischt, quiekt und qu\u00e4kt wie ein umherstreifender Irrer, dann haben Sie einen Begriff davon.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Tim Arthur<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn es seit den 1970-er Jahren etwas aus der Zeit gefallen ist, <em>The Tiger Lillies<\/em> ver\u00f6ffentlichen \u00fcberwiegend Konzeptalben. H\u00e4ufig beziehen sie sich dabei auf literarische Vorlagen wie beispielsweise <em>Shockheaded Peter<\/em> oder <em>The Matchgirl<\/em>. Mein Lieblingsalbum behandelt das Zirkusleben. Auch hier thematisieren sie Prostitution, Perversion und Blasphemie und verbinden das Kabarett und Vaudeville mit dem Stra\u00dfentheater.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Legende nach fand sich die Band \u00fcber des S\u00e4ngers und Quetschkommodenspielers Martyn Jacques. Der Schlagzeuger Adrian Huge und der Bassist Phil Butcher waren die einzigen, die sich auf die Anzeige meldeten und formten das Konzept und den Stil der Gruppe bis 1995, als Adrian Stout Phil Butcher ersetzte. Es wird kolportiert, der Bandname entlehne sich bei einer ermordete Prostituierten aus Soho mit einer Vorliebe f\u00fcr Tiger-Outfits, doch \u00a0Jacques widerspricht dem und erz\u00e4hlt, er sei einfach durch ein Bild an seiner Wand dazu inspiriert worden. Dennoch \u00a0thematisieren die Truppe Prostitution, Perversion, Mord, Schmutz und \u00e4hnliche Thematiken. Auf distanziert ironische Art spielen die Texte h\u00e4ufig bewusst mit Provokationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album mit den <em>Circus Songs<\/em>, die von den extravaganten Lillies aufgenommen wurden, ist einer best\u00e4ndigsten, raffiniertesten, atmosph\u00e4rischsten und zugleich zur\u00fcckhaltendsten Werk dieser Combo. Kein Elefantenmensch trampelt mit voller Wucht durch den Raum, dieses Album bleibt ein entschieden langsam brennendes Vergn\u00fcgen, das aus \u00fcberraschend subtilem Songwriting und ged\u00e4mpfter Instrumentierung besteht. Ihre Bandbreite zeigt die Band mit den ausgew\u00e4hlten Coverversionen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Send in the Clowns<\/em>, ein Sondheim-Standard ausgesprochen kommt ausgesprochen minimalistisch und d\u00fcster daher. Passen zu diesem Trio, dass eher minimalistisch daherkommt und das Falsett von Jacques in den Vordergrund r\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Danced All Night<\/em> (aus My Fair Lady) ist eine erstaunliche Erg\u00e4nzung und bietet der Combo eine beeindruckend geschmackvolle Interpretation des Originals, die am Ende zu einem Sound f\u00fchrt, der der traditionellen, von Akkordeons gef\u00fchrten Volksmusik nahekommt. Material wie dieses scheint seit dem Wirken von Kurt Weil in einer Art zeitlosem Vakuum zu existieren und k\u00f6nnte in den 1920-er auf genau die gleiche Weise aufgef\u00fchrt worden sein. Aber Achtung, nostalgisch ist das keineswegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span data-extra-container-classes=\"tw-verified-tooltip\" data-hover-hide-delay=\"1000\" data-hover-open-delay=\"500\" data-theme=\"0\" data-width=\"0\"><em>Circus Songs<\/em> changiert entschlossen zwischen Punk und Polka. Es ist ein Paradebeispiel f\u00fcr ein Konzeptalben, bei dem das Material im Laufe der Zeit immer st\u00e4rker wird und insbesondere die letzten vier Songs nahezu zeitlos sch\u00f6n sind. <em>Pretty Lisa<\/em> bietet eine der fesselndsten Gesangsdarbietungen von Jaques, die dieses unkomplizierte, h\u00fcbsche Liedchen in die Gefilde klassischer zweimin\u00fctiger Erz\u00e4hlkompositionen aller Zeiten erhebt. Es gelingt dem Trio alle Themen und Charaktere des Albums f\u00fcr einen Moment der Abrechnung zusammenzubringen, wobei die Texte das grausame Herz dieses Zirkus treffen, einen Ort, an dem \u201enichts ganz so ist, wie es scheint\u201c. Als H\u00f6hepunkt offenbart sich <em>Pall Bearers<\/em>, ein intensiver Song, der die Bandbreite des Gesangs von Jacques aufzeigt und gleichsam unter die Haut.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz des hochstilisierten musikalischen Ansatzes bleiben die Lillies eine der unglaublich seltenen Acts, bei denen man sich darauf verlassen kann, dass sie immer neue Varianten finden, die immer gleichen Ideen umzusetzen. Wer keine Spannung in sich selbst versp\u00fcrt, darf darauf gespannt sein<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Circus Songs<\/strong>, The Tiger Lillies, 2000<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-105841 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/TigerLillies-_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"268\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/TigerLillies-_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/TigerLillies-_Cover-160x143.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde ver\u00f6ffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein <em>Alternative<\/em>, was das R\u00e4tsel aufgab, was genau man h\u00f6rte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen gibt es: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/07\/ruckzuck\/\">Pop mit Pensionsanspruch<\/a>. Daher auch schnellstens der Schlussakkord: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/01\/die-erde-ist-keine-scheibe\/\">Die Erde ist keine Scheibe<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich Kurt Weill vor, der uns das Vorkriegsberlin ins Ged\u00e4chtnis bringt, w\u00e4hrend ein Falsetts\u00e4nger sich durch jedes St\u00fcck kreischt, quiekt und qu\u00e4kt wie ein umherstreifender Irrer, dann haben Sie einen Begriff davon. 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