{"id":105824,"date":"1993-10-01T00:04:23","date_gmt":"1993-09-30T23:04:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105824"},"modified":"2024-08-30T08:41:45","modified_gmt":"2024-08-30T06:41:45","slug":"der-proberaum-in-onkel-toms-huette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/","title":{"rendered":"Der Proberaum in Onkel Toms H\u00fctte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Kombination aus Verr\u00fccktheit, innigen Texten und gespenstischer Instrumentierung ergibt ein gro\u00dfartiges Album und eine Gelegenheit, Tom Waits neu zu entdecken.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Don Shewey, Rolling Stone<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tom Waits wollte nicht mehr \u00fcber betrunkene Pianos schreiben, also wagte er einen Bruch, nachdem ein wahrscheinlich zu viel Platten von Captain Beefheart geh\u00f6rt hatte und herauskam mit <em>Swordfishtrombones <\/em>etwas, dass nicht unter dem Namen Bastard-Pop in die Musikgeschichte eingegangen ist. Der ungew\u00f6hnliche Titel formte sich ihm beim Betrachten eines Alphabet-Bilderbuchs mit seiner Tochter. Auf der linken Seite wurde der Buchstabe \u201eS\u201c mittels \u201eSwordfish\u201c vorgestellt, auf der rechten gab \u201eTrombone\u201c das Beispiel f\u00fcr den \u201eT\u201c-Anlaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im April 1982 spielte Waits dem Vertreter seines damaligen Verlags Elektra-Asylum die Demo-Versionen von <em>Frank\u2019s Wild Years<\/em>, <em>16 Shells From a Thirty-Ought Six<\/em> und <em>Shore Leave<\/em> vor. Dieser lehnte die Aufnahme solch experimenteller und unkonventioneller Musik ab. Waits beschloss trotzdem, das Album aufzunehmen. Es wurde anschlie\u00dfend von Island Records ver\u00f6ffentlicht, dessen Chef sich als offener gegen\u00fcber Waits\u2019 Experimentierfreude erwies. Es entstand ein rumpelndes Werk voll songschreiberischer Grandezza.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <em>Swordfishtrombones<\/em> betritt Waits eine surrealistische Unterwelt. Es ist der Klang eines Mannes, der die Sicherheit der Erwartungen hinter sich lie\u00df und sich auf eine neue, seltsame Reise begab. Aus der er\u00f6ffnenden Marimba und dem Horn von \u201eUnderground\u201c wird deutlich, dass der Tom Waits, der \u201eOl\u2018 55\u201c gesungen hat, in den Ruhestand getreten und durch einen geistesgest\u00f6rten Karnevalsschreier ersetzt wurde. Vom Klang seines h\u00f6llischen Grummelns bis hin zur seltsamen Instrumentierung zeigte sich Waits in knapp zwei Minuten zu einem K\u00fcnstler, der weitaus seltsamer und interessanter war, als seine Musik bis zu diesem Zeitpunkt jemals h\u00e4tte vermuten lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrere Songs auf Swordfishtrombones nehmen die Form monstr\u00f6ser Blues-Permutationen an. \u201e16 Shells from a Thirty-Ought Six\u201c ist das lauteste Lied auf dem Album, Waits schreit wie ein Verr\u00fcckter \u201eI\u2019m gonna whittle you into kindlin\u2018\u201c. \u201eGin Soaked Boy\u201c und \u201eDown, Down, Down\u201c sind k\u00fcrzer, aber im Stil \u00e4hnlich und kombinieren bluesige Gitarrenriffs mit feuriger Hammond-Orgel. Waits hat den Entwurf f\u00fcr diese Formel in \u201eHeartattack and Vine\u201c erstellt, aber er hat ihn hier in mutigere, boomende neue Interpretationen ausgeweitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album wurde in seiner G\u00e4nze von Waits geschrieben, arrangiert und produziert. Eine Tour zum Album folgte nicht, denn Waits blieb lieber zu Hause bei seiner schwangeren Frau. Daf\u00fcr hatte gerade das MTV-Zeitalter \u00a0begonnen, und mit dem Dokumentarfilmer Haskell Wexler und dem K\u00fcnstler Michael A. Russ, der auch das Cover des Albums entworfen hatte, realisierte Waits sein erstes Video zu der langsamen Ballade <em>In the Neighborhood<\/em>, das auch in seiner direkten Nachbarschaft gedreht wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es ist unglaublich, wie viele Leute sich diese Clips ansehen<\/em>,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">stellte Waits ungl\u00e4ubig fest.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Swordfishtrombones<\/em> stellt eine Z\u00e4sur in Waits\u2019 Werk dar, eine Abkehr von Lounge-Jazz hin zum experimentellen Blues mit einem kr\u00e4ftigen Schluck aus Kurt Weils Pulle. Viele Elemente, die bis dahin f\u00fcr seine Musik typisch waren, wurden bewusst aufgegeben, so beispielsweise Streicherpartien. Die Klavierpartien wurden sehr sp\u00e4rlich eingesetzt. Stattdessen wurde der Klang deutlich perkussiver, viele un\u00fcbliche Trommel- und Perkussionsinstrumente wurden bei den Aufnahmen genutzt. Im Zentrum der im Vergleich zu fr\u00fcheren Alben sp\u00e4rlich arrangierten Lieder steht Waits\u2019 charakteristische Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Album ist als die Geschichte eines Mannes konzipiert, der <em>\u201e\u2026sein altes Viertel verl\u00e4sst und zur Handelsmarine geht, in Hongkong in Schwierigkeiten ger\u00e4t, heimkehrt, sein M\u00e4dchen heiratet, sein Haus abfackelt, und sich in ein Abenteuer st\u00fcrzt.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eShore Leave\u201c erz\u00e4hlte Waits die Begegnungen eines Seemanns im gesprochenen Wortformat, w\u00e4hrend das vom Jazz angehauchte \u201eSoldier&#8217;s Things\u201c eine \u00e4hnliche Idee aufgreift und sie vereinfacht. Der Songwriter geht eine seltsame Checkliste mit Gegenst\u00e4nden durch, die zu einer Titelfigur geh\u00f6ren, die nie genannt wird. erst durch seine Bestandsaufnahme verst\u00e4ndlich (\u201eManschettenkn\u00f6pfe und Radkappen\/Troph\u00e4en und Taschenb\u00fccher\u201c). Seine Figurengruppe scheint aus einer \u00e4hnlichen Schurkengalerie von Ausgesto\u00dfenen zu bestehen, aber sie f\u00fchlten sich surrealer an, eher wie abstrakte Kohlezeichnungen von Seeleuten und Betrunkenen als wie lebendige Fotos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab und an \u00fcberrascht uns Pop, in dem jemand Stilmittel aus der Rumpelkammer v\u00f6llig neu zusammenstellt und jeder wundert sich, dass bis dahin noch niemand darauf gekommen ist. Au\u00dfer Frank Zappa, der <em>Trout Mask Replica<\/em> von Captain Beefheart im Juni 1969 auf Straight Records ver\u00f6ffentlicht hat. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Swordfishtrombones<\/strong>, von Tom Waits 1983<\/p>\n<div id=\"attachment_105825\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-105825\" class=\"wp-image-105825 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Swordfishtrombones.Cover_-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-105825\" class=\"wp-caption-text\">Das Cover des Albums wurde entworfen von Michael A. Russ<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde ver\u00f6ffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein <em>Alternative<\/em>, was das R\u00e4tsel aufgab, was genau man h\u00f6rte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen gibt es: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/07\/ruckzuck\/\">Pop mit Pensionsanspruch<\/a>. Daher auch schnellstens der Schlussakkord: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/01\/die-erde-ist-keine-scheibe\/\">Die Erde ist keine Scheibe<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kombination aus Verr\u00fccktheit, innigen Texten und gespenstischer Instrumentierung ergibt ein gro\u00dfartiges Album und eine Gelegenheit, Tom Waits neu zu entdecken. 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