{"id":105727,"date":"1998-08-17T00:01:07","date_gmt":"1998-08-16T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105727"},"modified":"2024-07-19T05:53:01","modified_gmt":"2024-07-19T03:53:01","slug":"eine-sternstunde-des-rocknroll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/08\/17\/eine-sternstunde-des-rocknroll\/","title":{"rendered":"Eine Sternstunde des Rock\u2019n\u2019Roll"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Jeder wei\u00df, dass der Rock im August 1972 seine Perfektion erreichte.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">(Homer Simpson)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Um der Enge eines proletarischen Haushalts zu entkommen gab es zu Beginn des 1970-er Jahre drei M\u00f6glichkeiten, entweder man entfloh zum <em>p\u00f6hlen<\/em> auf einen Bolzplatz, zum Lesen in die Stadtb\u00fccherei oder man setzte einen Sennheiser-Kopfh\u00f6rer auf, um Musik zu h\u00f6ren. Die bevorzugte Wahl war zur dieser Zeit das mutmasslich \u201ebeste Live-Album aller Zeiten\u201c, es wurde an drei Abenden im August 1972 in Osaka und Tokio aufgenommen: <em>Made in Japan<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist inzwischen 25 Jahre her. Zeit, sich der Jugenderlebnisse zu vergewissern, zumal der Begleittext der CD-Version versichert, dass die Konzertmitschnitte nicht nachtr\u00e4glich mit Overdubs ver\u00e4ndert wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster Eindruck, das unangenehme Rauschen, Knacken und Knistern der Schallplatten-Version entf\u00e4llt. Die Musiker von Mark II waren in der Form ihres Lebens und so erwachsen, dass sie ihre Konkurrenz untereinander musikalisch ausgetragen haben. \u00c4hnlich wie Led Zeppelin waren sie eine Band, die gemeinsam auf eine Abenteuerreise ging. Auf dem Live-Album aus dem fernen Osten h\u00f6ren wir pr\u00e4gnanten Hard-Rock in unmittelbarster Form: Blackmores markante Gitarrenriffs, Lords klassische Kadenzen und Gillans ekstatischen Gesang sowie die offen ausgetragene musikalische Konkurrenz zwischen Hammondorgel und Stromgitarre, vorgetragen von intensiver Improvisationsfreude. Diese Konkurrenz ist in der Form des Call an Response musikalisch sehr fruchtbar, sie vereint die markanten Hard-Rock-Riffs Blackmores mit den klassischen Kadenzen und Fugen von Lord. Dieses Wechselspiel schafft eine enorme musikalische Spannung. Die Duelle, die sich die beiden Musiker w\u00e4hrend der Live-Auftritte liefern, sind eindrucksvoll auf \u201eLive in Japan\u201c (wie die LP in Japan hei\u00dft*) dokumentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>1992, als ich in der fr\u00fcheren UdSSR auf Tour war, erfuhr ich, dass ein Song, der ohne erz\u00e4hlerischen Gehalt geschrieben worden war, von Widerstandsgruppen im Untergrund in einigen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern als Hymne \u00fcbernommen wurde. Es ist f\u00fcr einen S\u00e4nger und Songwriter be\u00e4ngstigend, wieviel Einfluss man manchmal hat, ohne es zu wissen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ian Gillan<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders die Live-Version von <em>Child in Time<\/em> unterstreicht, dass dieser Protestsong gegen den Vietnamkrieg zu den bekanntesten und wichtigsten Liedern der Rockmusik \u00fcberhaupt zu rechnen ist. Der Song beginnt mit einer klassischen instrumentalen Einleitung, in der zwei Kontrahenten vorgestellt werden: eine ruppige Rockgitarre und eine an Bach geschultem Orgelspiel. Mit der \u201eSchweine-Orgel\u201c sorgt Jon Lord f\u00fcr den unverwechselbaren Sound von Deep Purple. Zwei Grundlinien und ihr Kontrast deuten sich somit an, von denen die gesamte Rockmusik der siebziger Jahre gepr\u00e4gt war: stahlhart versus soft. Auf der fundierten Basis des Schlagwerkers Ian Paice und des Bassisten Roger Glover entwickelt Purple als improvisationsfreudige Kollektiv den Stil zu einer rhythmusbetonten, geradlinigen Musik weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Band war damals auf dem H\u00f6hepunkt ihres K\u00f6nnens.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jon Lord<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das macht den Konzertmitschnitt im Nachgang trotz des Remastering nicht besser, aber hier entfaltet sich von unseren Ohrmuscheln ein authentischer Eindruck von Ende des Industriezeitalters, wir h\u00f6ren gleichsam auf einer Metaebene den Stillstand der fordistischen Fliessb\u00e4nder, das Schlie\u00dfen von Zechen und das sich abzeichnende Ende der mechanischen Zeitalters. \u201eHard-Rock ist eine strukturkonservatische Musik, unberechenbar nur in den Solis des launischen Ritchie Blackmore; dem Faust des Rock\u2019n\u2019Roll\u201c, w\u00fcrde mein \u00e4lteres Ich dazu sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Blackmore zersplitterte in nur f\u00fcnfzig Sekunden die g\u00e4ngigen Konventionen der Beat-\u00c4ra und machte die sechziger Jahre der Popmusik zur Historie.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">schrieb Eclipsed \u00fcber die Einleitung des Titels <em>Speed King<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mein j\u00fcngeres Ich, der sich in seinem Jugendzimmer mit einem Kopfh\u00f6rer von allen Unbillen der Welt abgeschirmt hat, war es eine Sternstunde des Rock\u2019n\u2019Roll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mein \u00e4lteres Ich schon damals gefreut h\u00e4tte, sind die Live-Versionen von &#8218;Black Night&#8216;, &#8218;Speed King&#8216; und &#8218;Lucille&#8216;. Black Night, eigentlich einer den bekanntesten Songs der Band, ist aber sonst keinem Album zuzuordnen, die Band interpretiert ihn live sehr eng am Original der Single-Version. Speed King stammt vom Album \u201eIn Rock\u201c. Im Gegensatz zu Black Night improvisiert die Band mehr, vor allem das Duell Gesang &#8211; Gitarre &#8211; Orgel im Mittelteil ist h\u00f6renswert, wenngleich als B-Note ein Minus f\u00fcr die Tontechnik anzeigt ist. &#8222;Lucille&#8220; ist eine echte \u00dcberraschung, die Coverversion eines Rock&#8217;n&#8217;Roll Titels von Little Richard. Es endet dort, wo alles begann. Danach folgte Punk, aber das ist eine andere Geschichte*.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Made In Japan<\/strong> von Deep Purple, ver\u00f6ffentlicht im April 1973 in der Mark II-Besetzung mit Ian Gillan, Ian Paice, Jon Lord, Roger Glover und Ritchie Blackmore. (Reissue, Remastered, 1998)<\/p>\n<div id=\"attachment_105728\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-105728\" class=\"wp-image-105728 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Purple_Cover-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" \/><p id=\"caption-attachment-105728\" class=\"wp-caption-text\">Japanische Wertarbeit aus der Metallwerkstatt<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*Lesenswert der Essay von Peter Glaser: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/27\/die-neue-deutsche-wanderdune-attrappe-einer-kulturgeschichte-von-neulich\/\">Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich<\/a>. Der \u201eRatinger Hof\u201c bildete in D\u00fcsseldorf eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/01\/kassettenuntergrund\/\">subkulturelle Scharnierstelle<\/a>. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der <em>Uel<\/em>, dem <em>Einhorn<\/em> und dem <em>Ratinger<\/em> <em>Hof<\/em> traf man auf geballte Zeitgeist\u2013Kompetenz. Lesen Sie auch den Artikel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> \u00fcber 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Lesen Sie auch \u00fcber <em>Kraftwerk<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/07\/ruckzuck\/\">Pop mit Pensionsanspruch.<\/a> Eine Wiederver\u00f6ffentlichung der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/03\/21\/das-herz-des-motorik-beats\/\"><em>Neu!<\/em>-Studioalben<\/a> ist auf dem Label Gr\u00f6nland erschienen. In 1999 geht KUNO der Frage <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/01\/label-oder-available\/\">Label oder available?<\/a> nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333399;\">Funfact:<\/span> *Urspr\u00fcnglich sollte \u201eLive in Japan\u201c nur in Japan erscheinen. Den Titel <strong>Made In Japan<\/strong> erhielt das Album, als sich die Plattenfirma f\u00fcr einen weltweiten Vertrieb entschied. Dieser Titel ist, laut Jon Lord, britische Ironie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder wei\u00df, dass der Rock im August 1972 seine Perfektion erreichte. (Homer Simpson) Um der Enge eines proletarischen Haushalts zu entkommen gab es zu Beginn des 1970-er Jahre drei M\u00f6glichkeiten, entweder man entfloh zum p\u00f6hlen auf einen Bolzplatz, zum Lesen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/08\/17\/eine-sternstunde-des-rocknroll\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":105728,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4019,4020,4006,4021,4023,4022],"class_list":["post-105727","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ian-gillan","tag-ian-paice","tag-johannes-schmidt","tag-jon-lord","tag-ritchie-blackmore","tag-roger-glover"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=105727"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105727\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105731,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105727\/revisions\/105731"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/105728"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=105727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=105727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}