{"id":105698,"date":"2024-12-09T00:01:10","date_gmt":"2024-12-08T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105698"},"modified":"2024-06-06T15:30:51","modified_gmt":"2024-06-06T13:30:51","slug":"erinnerung-an-innige-momente","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/12\/09\/erinnerung-an-innige-momente\/","title":{"rendered":"erinnerung an innige momente"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">oder zwischen ich und du, krieg und frieden<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">den knappen, pr\u00e4zisen, leisen, behutsamen und unaufdringlichen gedichten von philipp l\u00e9tranger, der in m\u00fcnchen lebt, merkt man lebenserfahrung an, so als h\u00e4tte er schon jahrzehnte lang gedichte ver\u00f6ffentlicht. je mehr man sieht und wei\u00df, umso einfacher schreibt man meist. und auch das lesen wird dann leichter. der name l\u00e9tranger, der auf den roman \u00bbDer Fremde\u00ab von albert camus zur\u00fcckgeht, originaltitel \u00bbL \u00b4\u00c9tranger\u00ab, meint hier gef\u00fchle, h\u00e4ufig vage, der fremdheit und distanz der wirklichkeit gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der lyriker schreibt von lebensfr\u00fcchten und traumtagen. \u00bbwenn die tage reif sind \/ lese ich die fr\u00fcchte aus sonnigen tagen \/ in weite k\u00f6rbe\u00ab, hei\u00dft es in \u00bboktober\u00ab. vielfach spricht er ein du in innigen partnerschaftlichen momenten an. \u00bbjuli\u00ab beginnt mit: \u00bbblicke senken sich \/ und weiden sich auf der haut \/ ich flechte dir ein band aus hellen stunden um den hals.\u00ab in \u00bbfl\u00fcchtig\u00ab lesen wir: \u00bbmanchmal sehe ich deine spuren \/ bist du barfu\u00df \/ durch ein gedicht \/ gewandert.\u00ab es ist sensibel, wenn gedichte nicht mit schuhen betreten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mitunter kann das du auch das lyrische ich sein, das sich so im dialog mit dem blick von au\u00dfen erkundet, wie in \u00bbbrache\u00ab: \u00bbnur selten erinnerst du dich an die tage \/ als das netz der worte \/ dicht gekn\u00fcpft die tr\u00e4ume fing.\u00ab oder \u00bbvom gl\u00fcck\u00ab. in \u00bbunter sternen\u00ab vergleicht der lyriker die eigenen jahre mit geh\u00fcteten schafen. wenn manche menschen schafe z\u00e4hlen, um einzuschlafen, so leben sie demnach umso l\u00e4nger, je sp\u00e4ter sie schlaf finden. das ist wie beim fr\u00fcher im volksbrauch verbreiteten orakel, die anzahl der lebensjahre, die einem bleiben, anhand der rufe eines kuckucks zu ermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">manche texte trauern und nehmen melancholisch abschied. \u00a0\u00bbvom gl\u00fcck\u00ab endet mit \u00bbwenn du einmal aus gezogen sein wirst \/ aus deiner zukunft, \/\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und die t\u00fcren zu \/ geschlagen sind\u00a0\u00a0\u00a0 zur vergangenheit, \/ die leere\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 eingezogen, \/ dann schau, wer spricht\u00a0\u00a0\u00a0 vom gl\u00fcck?\u00ab. im leben entspricht die st\u00e4rke der schmerzen h\u00e4ufig der intensit\u00e4t der hoffnungen, erwartungen und verhei\u00dfungen, die man hat, oder hatte. man erkennt dann, vieles ist umso sch\u00f6ner, je weniger es der mensch unbedingt braucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im zyklus \u00bbGespr\u00e4che mit den f\u00fcnf Elementen\u00ab schreibt er \u00fcber holz, feuer, erde, metall und wasser. das gedicht \u00bberde\u00ab, an die mutter gerichtet, endet mit \u00bbf\u00fcrchte nicht den kalten wind der zeiten \/ sagst du leise \/\/ deine wurzeln sind tief \/ und halten dich fest \/ bis an dein ende \/ in mir\u00ab. wurzeln sind das gehirn der pflanzen. und dichter haben oft etwas vegetarisches. metalle werden dem k\u00f6rper der erde, embryos oder herzen gleich, von menschen zum profanen gebrauch entrissen, um sie in produkte, geld und gewinn zu verwandeln. dichter der deutschen romantik, die den erdinnenraum symbolisch als einen seelenraum sahen, verbanden dieses motiv mit dem des kalten herzens. das gedicht zum feuer ist ein partnergedicht. doch bei feuer bleibt vorsicht geboten. denn z\u00fcngelnde flammen k\u00f6nnen auch die form der h\u00f6rner des teufels haben. das element luft, das man nicht sehen kann, sondern nur seine wirkungen, fehlt hier. im gedicht \u00bbgift\u00ab lesen wir: \u00bbdas wort ist ein br\u00fcchiges gef\u00e4\u00df \/ f\u00fcr die fragen der zeit\u00ab, in \u00bbsprach:los\u00ab: \u00bbschatten schl\u00fcpfen \/ in die falten der lichter \/\/ leben unter die haut geritzt \/ von den scherben der tr\u00e4ume \/ im narbigen gewebe \/ nie verheilt\u00ab. das gemahnt an die zerbrochenen gef\u00e4\u00dfe der \u00bbKabbala\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wir finden r\u00fcckblicke, bis in die eigene kindheit hinein, mit maik\u00e4fern und eisenbahnen. in \u00bbich \u00fcbe vergessen\u00ab erfahren wir: \u00bbda winken kindgestalten aus fahrenden z\u00fcgen \/ wie reisende aus bunten lebenstr\u00e4umen.\u00ab diese gedichte k\u00f6nnen beim leser eigene erinnerungen wecken. ich winkte, teils mit andern kindern gemeinsam, an der schranke stehend zum zug hin. und manchmal winkten reisende, auch kinder, und gelegentlich sogar lokf\u00fchrer, zur\u00fcck. bewegung stimuliert bewegung. an z\u00fcgen fasziniert kinder, zumal sofern sie darin sitzen, wohl vor allem die geschwindigkeit, auch wenn sie noch nicht an ihre lebensreise denken. als die ersten eisenbahnen im 19. jahrhundert fuhren, wurden die lokomotiven teils mit feuerschnaubenden drachen verglichen. manche reisende, insbesondere frauen, sollen damals bei ihrer ersten bahnfahrt wegen des tempos und der vorbeirasenden orte und landschaften ohnm\u00e4chtig geworden sein. kinobesucher sind vor der ersten lokomotive, die auf sie zufuhr, entsetzt geflohen. was erwachsene \u00e4ngstigt, begeistert, historisch betrachtet, sp\u00e4ter kinder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">einige gedichte beziehen sich auf den ukraine-krieg. \u00bb[in diesen tagen sehe ich nach dem osten]\u00ab beginnt ersch\u00fcttert und entsetzt: \u00bbin diesen tagen sehe ich nach dem osten \/ und rufe das licht \/ doch das echo kehrt blutbefleckt zur\u00fcck\u00ab, und endet mit der leisen hoffnung: \u00bbin diesen tagen sehe ich nach osten \/ und rufe das licht.\u00ab der buchtitel \u00bbzwischen die kriege geworfen\u00ab l\u00e4\u00dft mich an das buch \u00bbVerhaltenslehren der K\u00e4lte. Lebensversuche zwischen den Kriegen\u00ab von helmut lethen denken, worin der autor denkundverhaltensweisen zwischen erstem und zweitem weltkrieg beschreibt und bedenkt. \u00fcber vorfahren, die selbst noch kriege erlebten, schreibt l\u00e9tranger in \u00bbnachkommen\u00ab: \u00bbdie lebten \/ haben sich ans Leben geklammert \/ und wollten nicht wissen \/ was fehlte\u00ab, also ertragen und verdr\u00e4ngt. doch kriege k\u00f6nnen psychisch 100 jahre nachwirken, vor allem unbewu\u00dft durch traumatisierungen, die, und deren belastungen, dann \u00fcber mehrere generationen weitergereicht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der kalte krieg, der nun aufs neue zu beginnen scheint, war keine kriegsfreie zeit. die kriege fanden blo\u00df woanders statt. aktuell erleben wir die zunahme stereotyper, einseitiger und grober denkweisen mit entsprechenden ressentiments, die nie verschwunden waren, die denkatmosph\u00e4re vergiften und die gesellschaft ideell und geistig zur\u00fcckwerfen k\u00f6nnen. theodor w. adorno dokumentierte in seinem sozialpsychologischen buch \u00bbStudien zum autorit\u00e4ren Charakter\u00ab, das 1949 erschien, siehe auch elias canetti \u00bbMasse und Macht\u00ab, wie entweder\/oder-raster, vorurteile und intoleranzen in feindbilder mit verachtung und ha\u00df \u00fcbergehn und t\u00f6dliche gewalt verursachen. eine, zumal \u00f6ffentliche, und (vor)herrschende, meinung, die nur nach freund und feind, gut und b\u00f6se sortiert, und man sieht weltweit solche muster, kann ebenfalls gewalt legitimieren. auch demokratien k\u00f6nnen, wie wir derzeit sehen, von autorit\u00e4ren weltbildern und strukturen unterwandert und sogar regiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die gedichte sprechen in metaphern. die bilder von eleonore gleich aus regensburg, die auch auf destruktionen hinweisen, so auf seite 75 und 99, sind farbcollagen. der leser und betrachter sieht sie jeweils am anfang der neun kapitel des buches. das bild auf seite 89, kapitel \u00bbdie nacht tr\u00e4gt wieder uniform\u00ab, scheint einen magier, schamanen, priester mit runen\u00e4hnlichen zeichen am feuer darzustellen. das bild seite 75, kapitel \u00bbein wildes tier tanzt auf meiner haut\u00ab, zeigt feurig rote oberfl\u00e4chen und blaue tiefen, das bild seite 99, kapitel \u00bbdie schwere des himmels\u00ab, das erfahrene verletzungen und \u00e4ngste beschreibt und mit dem wort \u00bbstille\u00ab endet, licht, das aus dem dunkel kommt, wie leben aus dem tod, und in eine dunkle welt mit schattengestalten f\u00e4llt, was mir gnostische bildwelten assoziiert. manche bilder haben die leuchtkraft von glasmalerei. das bild seite 41, kapitel \u00bbkomm zeit bleib stehen\u00ab, wirkt mit seinen formen dekorativ. lateinisch decor\u0101re bedeutet zieren, schm\u00fccken, ehren, verherrlichen, also das sch\u00f6ne zeigen, decor anmut, liebreiz, zier, schmuck. menschen suchen immer nach sch\u00f6nem, das sie ersehnen und lebensreal zu selten finden. in der kunst und im gedicht werden sie f\u00fcndig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Z<\/strong><strong>wischen die Kriege geworfen<\/strong>, Gedichte von Philipp L\u00e9tranger. Mit Bildern von Eleonore Gleich. Edition offenes feld dortmund, 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-105699 size-large alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Letranger_Cover-343x500.jpg\" alt=\"\" width=\"343\" height=\"500\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder zwischen ich und du, krieg und frieden &nbsp; den knappen, pr\u00e4zisen, leisen, behutsamen und unaufdringlichen gedichten von philipp l\u00e9tranger, der in m\u00fcnchen lebt, merkt man lebenserfahrung an, so als h\u00e4tte er schon jahrzehnte lang gedichte ver\u00f6ffentlicht. je mehr man&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/12\/09\/erinnerung-an-innige-momente\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":105699,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,4005],"class_list":["post-105698","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-philipp-letranger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105698","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=105698"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105703,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105698\/revisions\/105703"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/105699"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=105698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=105698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}