{"id":105691,"date":"2003-04-25T17:08:04","date_gmt":"2003-04-25T15:08:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105691"},"modified":"2024-06-03T17:17:47","modified_gmt":"2024-06-03T15:17:47","slug":"die-sprache-traegt-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/25\/die-sprache-traegt-das-leben\/","title":{"rendered":"Die Sprache tr\u00e4gt das Leben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache transportiert dich durch alle deine Zeiten, die noch kommen. Ihr Material sind Laute und Zeichen, zusammengefunden in einem vereinbarten Schein der Bedeutungen. R\u00e4tselnd schiebt dich die Sprache durchs Leben, und sie schickt dich vor, f\u00fcr sie alle Vereinbarungen auszukundschaften, die einmal andere dir entrei\u00dfen werden, wenn du dich selbst vergessen haben wirst. Jeder Buchstabe birgt alle nur m\u00f6glichen und vorstellbaren\u2006 \u2006 Welten. Es ist schwer, dem Gem\u00fct seinen eigent\u00fcmlichen Laut abzulocken. Deine Sprache ist das Bild deines Fortschreitens ins W\u00fcnschen hinein, in dem Du irgendwann verschwinden wirst. Aber wenn du mit Steinen auf den Mond zielst, wirfst, wirfst, mit Steinen nach dem Mond, immer wirfst, wirfst, bis im Mondlicht ein Wall entsteht, der wandern muss, um alles zu verdunkeln, wenn Du wirfst, wirfst, mit Steinen nach dem Mond, ohne jemanden zu verletzen, dann&#8230;. Einmal wirft der Mond dir seine Sprache zur\u00fcck. Kaltes Zeug, ungekochtes Material, das Angst und Ironie bedeuten kann,\u2006 \u2006 aber du nimmst diese Nachrichten und formst sie um im beginnenden Tageslicht, an einem Sonntag auf der Erdseite deines Antipoden. Du kannst mit Steinen nach dem Mond werfen, immer wieder, mit Steinen die in eine Mundh\u00f6hle passen, nach dem Mond werfen, werfen, werfen, irgendwann wird ein Stein nicht mehr zur\u00fcckkommen und dort oben liegenbleiben. Aber es wird eine winzige Stelle geben, dort oben, einen Flecken, der das kleine Mondlicht auf dem Weg zur Erde verschweigen und verbergen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Material der Sprache ist immer roh, und erst durch deine Stimme findet es\u2006 \u2006 seine Konsistenz und f\u00fcllt sich auf mit Versuchen, dich verst\u00e4ndlich zu machen, die nie enden werden, solange du hier bist.\u2006 \u2006 Scheitern ist der Normalfall, aber Vergeblichkeit ist nicht umsonst.\u2006 \u2006 Du kannst das Material der Sprache bis in den Tod hinein modellieren, du kannst es aber auch allein durch den Klang deiner Stimme zum Weltbotschafter k\u00fcren, ohne selbst erkannt zu werden. Das Material muss kalt gehalten bleiben, sagte ein Dichter, der Freude am Vor\u00fcbergehen fand, wenn ihn das Material der Sprache erf\u00fcllte. Das Material ist\u2006 \u2006 die Spur zum Allerweitesten mit gr\u00f6\u00dfter N\u00e4he zu dir, Spur, Transportmittel, Ziel und Versprechen auf dein Weiterleben zugleich, Sirene und Notbeleuchtung. Oft ist es das Zucken einer Unterlippe, das der blo\u00dfen Klinge die Spitze bricht. Iss das Eisen solange es hei\u00df ist. Die offenen Ausg\u00e4nge der Leiber \u2013 als Sprache sind sie am Ende vernichtend. Aber das zwischen Lippen entwichene Wort, die\u2006 \u2006 zwischen zwei Fingern gef\u00fchrte Spitze, die sich auf unerkl\u00e4rliche Weise in unsichtbare Bilder \u00fcbersetzt, Geist und Geister befl\u00fcgelt, das ist da,\u2006 \u2006 ist Material mit wachsenden Pr\u00e4senzr\u00e4umen zwischen dir und den anderen Lebendwesen. Immer ist es einer, der nicht spricht, aber sieht und h\u00f6rt. Oder einer spricht und sieht, h\u00f6rt aber nicht. Sprich la-la- la-laut-ter! Man m\u00fcsste im Ofen singen k\u00f6nnen wie die J\u00fcnglinge im Alten Testament! Aus dem mitgeschickten Material ihrer Laute gegen alle Visionen dieser Sekunde wirst du das Glossolalied heraush\u00f6ren. Einer spricht und h\u00f6rt, aber was er mit seinem Sehverm\u00f6gen an Gesprochenem und Geh\u00f6rten zusammenschlie\u00dft, h\u00e4tte deinem Bewusstsein entweichen und hier ankommen k\u00f6nnen. Da l\u00f6sen die B\u00e4ume sich von den Begriffen, denn unsagbar ist der t\u00e4gliche Wortschatz wertvoll! Iss das Eisen solange es hei\u00df ist. Ger\u00e4t nicht das stolze Wild an die Futterkrippen seiner J\u00e4ger, wenn es hungert? Sing das Glossola-lie-lied,\u2006 \u2006 denn die Flut sch\u00e4umt nicht so bald um die versengten Spitzen aller Fri\u00dfv\u00f6gel, die sterben m\u00fcssen.\u2006 \u2006 Immer verhakt sich ein Schnabel im Mechanismus des Ofen-Verschlusses, und ein Gel\u00e4chter weit \u00fcber die Ebenen der ersten Stunde flieht. Ineinanderverdichtete Echos, die zu einem einzigen Wort zusammenfinden, das uns ewig un\u00fcbersetzbar bleiben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98669\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Janz_KommaStrich-e1645595426769.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Sprache transportiert dich durch alle deine Zeiten, die noch kommen. Ihr Material sind Laute und Zeichen, zusammengefunden in einem vereinbarten Schein der Bedeutungen. 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