{"id":105689,"date":"2003-06-08T16:57:22","date_gmt":"2003-06-08T14:57:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105689"},"modified":"2024-06-03T17:27:50","modified_gmt":"2024-06-03T15:27:50","slug":"ist-die-zeit-ein-planet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/08\/ist-die-zeit-ein-planet\/","title":{"rendered":"Ist die Zeit ein Planet?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zeitw\u00f6rter, T\u00e4tigkeitsw\u00f6rter.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Zeit, Phantomschmerz der<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Ewigkeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das einzige Thema f\u00fcr den Schriftsteller, bei dem seine Bedingungen, seine Form und sein Inhalt schlichtweg ineinander fallen und untrennbar zusammengeh\u00f6ren, ist die Zeit. Das Wirken mit, in und aus ihr ist mindestens so alt wie das Menschengedenken. Und wenn ich auf diesem &#8222;mindestens&#8220; bestehe, so, weil in ihrer Thematik begr\u00fcndet ist, dass zu allen Zeiten versucht wurde, \u00fcber ihre Grenzen hinauszugelangen, auch und gerade deshalb, weil der Mensch, w\u00e4hrend er dies versuchte, unersch\u00fctterlich in ihr gefangen blieb, auch, wenn die Menschen auf vielf\u00e4ltigste Weise Methoden, Rituale, Systeme, ja, Stoffe entwickelt haben, ihr zu entfliehen. Oder: gibt es eine andere Erz\u00e4hlung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzlich fand ich in meinen fr\u00fchen Notizen zu einem Projekt \u00fcber die Sichtbarmachung von Zeit den Satz: &#8222;Erarbeiten, dass Zeit ohne Ausdehnung im Raum unerfahrbar ist.&#8220; Ich suchte nach der entsprechenden Ausarbeitung, aber ich fand sie nicht. Stattdessen befand sich in der Mappe eine Stoffsammlung von Begriffen, die in unserer Sprache mit Zeit eine Verbindung eingegangen waren: von Zeitarbeit bis Zeitz\u00fcnder, Worte, die die Zeit benutzten, um die begrenzte Dauer von etwas anderem auszudr\u00fccken, angef\u00fcllt mit einer F\u00fclle von Aktionen, Behauptungen und Ergebnissen. Hatten wir nicht gelernt, dass die eigentlichen Zeitw\u00f6rter die T\u00e4tigkeitsw\u00f6rter sind, W\u00f6rter, die sich im Raum ausdehnen, indem wir unser T\u00e4tigwerden in Worte fassen?<\/p>\n<p>Man nannte sie wohl Zeitw\u00f6rter, weil unser Tun mittels der Sprache zeitlich gebeugt werden kann, dachte ich. Aber ich wusste von Sprachen, deren Substantive, also &#8222;Hauptw\u00f6rter&#8220; ebenfalls in entsprechende Zeitformen gebracht werden k\u00f6nnen, je nachdem, in welchem Zustand sie sich befanden:so gibt es z.B. f\u00fcr das Wort Blume minimale sprachliche Abweichungen f\u00fcr die verschiedenen Stadien ihres Wachstums in ihrer Ganzheit (also nicht &#8222;Knospe&#8220; oder &#8222;Bl\u00fcte&#8220;), ohne ein Adjektiv vorzuschalten und noch einmal minimale Abweichungen, ob diese Blume in der Wirklichkeit des Sprechenden in der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft wahrgenommen wird &#8211; und doch traute ich den \u00dcbersetzern, wenn sie betonten, dass es sich dabei um Worte der reinen Gegenwart handelte, Worte, die auch die augenblickliche Befindlichkeit des Sprechenden ausdr\u00fcckten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches Wort meiner Liste ich auch n\u00e4her unter die gedankliche Lupe nahm, ob Zeitbild, Zeitdruck, Zeitgeist, Zeitschrift, Zeitvergleich: immer galt es, die Vorschaltung des Wortes Zeit als eine Eingrenzung des nachfolgenden Wortes herauszulesen, und ich empfand unsere Sprache zum ersten Mal als eingegrenzt, zusammengesetzt und arm.<\/p>\n<p>Zeit, Planet, der einen anderen streift?<\/p>\n<p>Wie kommt es, dachte ich, dass ich mir immer eine Landschaft vorgestellt habe, wenn ich lange genug \u00fcber Zeit nachdachte, eine Landschaft, die unbegrenzt ist, also etwas R\u00e4umliches, das jedoch an keine Grenze st\u00f6\u00dft? Und auch jetzt trat ich ans Fenster meines Arbeitszimmers und lie\u00df meine Augen wandern \u00fcber das im gleichm\u00e4\u00dfigen Nachmittagslicht ausgedehnte frisch gepfl\u00fcgte Feld, das an unseren Garten grenzt, das einfach da war, ohne eine sich aufdr\u00e4ngende Symbolik, bewacht an seinem Rand von einer kleinen Kiefergruppe, die vom Grundst\u00fcck des Nachbarn her so in den Blick hineinragt, dass die Tiefe der Landschaft dort ihren Anfang zu nehmen scheint. Eines meiner ersten Gedichte fiel mir ein, das ich einem Landschaftsmaler, meinem ersten Kunstlehrer, gewidmet hatte, und das, weil ich sehr lange daran gearbeitet hatte, meinem Ged\u00e4chtnis eingeschrieben war, es handelte von der Zeit, es hie\u00df:<\/p>\n<p>Landschaft im Stundenglas<\/p>\n<p>Wenn Zeit sich von den Dingen scheidet,<\/p>\n<p>zerbricht ihr Klang in Nichts.<\/p>\n<p>Und feine St\u00e4ubchen<\/p>\n<p>ihrer alten Stille<\/p>\n<p>verharren in den lichten<\/p>\n<p>Bildern unseres Tuns.<\/p>\n<p>Ich schulde dir schon lange<\/p>\n<p>eine Landschaft, die fern<\/p>\n<p>von der Verwesung in dir w\u00e4chst<\/p>\n<p>und traumverl\u00e4sslich<\/p>\n<p>deine Wirklichkeit<\/p>\n<p>beschw\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte dieses Gedicht in der Gegenwartsform geschrieben, obwohl es auf Zukunft hin orientiert war und sich durch das Wort alt in Verbindung mit Stille auf etwas Vergangenes zur\u00fcckbewegt. Ich hatte das Wachsen als die Urform alles Lebendigen und als die Wahrnehmbarkeit von Zeit seiner Verg\u00e4nglichkeit entbunden. Ich hatte die Zeit als etwas angesehen, das Klang erzeugt, als eine unsichtbare Ausdehnung im Raum, die wahrnehmbar wird immer dann, wenn sie an die Dinge st\u00f6sst und die, wenn sie sich von ihnen abwendet, dennoch etwas zur\u00fcckl\u00e4sst: feine St\u00e4ubchen ihrer alten Stille, Worte f\u00fcr eine Zeit vor der Zeit, die f\u00fcr uns Menschen, die die Dinge gemacht haben, das Nichts bedeutet. Und, ich hatte zum Schluss das menschliche Dasein umgedeutet, indem ich den Traum als verl\u00e4sslich benannt hatte, von dem wir wissen, dass in ihm eine andere unberechenbare Zeit wirkt, hatte die magische Kraft des Traumes hineinreichen lassen in eine menschliche Wirklichkeit, die eine bewusste geworden ist durch die Wahrnehmung der Lichtheit, des Erhelltseins unseres Tuns, das nicht anders als: in Bildern gedacht werden kann, denn die Bilder sind wandelbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und w\u00e4hrend ich dies alles dachte und zum ersten Mal nach 30 Jahren Schreibarbeit ein eigenes Gedicht zu deuten versucht hatte, legte sich der fr\u00fchabendliche Vorfr\u00fchlingsd\u00e4mmer \u00fcber das Feld, an dessen Rand die Gruppe der 3 alten Kiefern mit ihren gesch\u00e4lten, gekr\u00fcmmten St\u00e4mmen das letzte Sonnenlicht wie ein Spiegel einfing. Die St\u00e4mme gl\u00fchten sanft in diesem Bild, alles, was sie umgab, lag vom Glanz dieses Lichtes unber\u00fchrt schon im D\u00e4mmer, und mit dem nicht sichtbaren Untergehen der Sonne von der R\u00fcckseite des Hauses wanderte dieses Rotgl\u00fchen entlang der St\u00e4mme, erzeugte schattig\u00a0 bewegte Regionen, um sie sofort wieder aufzudecken, um jenes Licht auf ihnen noch zu vertiefen, bis&#8230;ohne \u00dcbergang pl\u00f6tzlich alles erloschen war. Nichts war angek\u00fcndigt, kein Schw\u00e4cherwerden, kein Verblassen in Allm\u00e4hlichkeit, f\u00fcr ein vorbereitendes Bewusstsein: Gleich ist es vorbei, wie es sich der Romantiker w\u00fcnscht, um sentimental die Verg\u00e4nglichkeit zu beklagen, &#8211; nein, die St\u00e4mme lagen unvermittelt im Dunkeln, und noch dunkler setzte sich das gepfl\u00fcgte Feld vor einem feinwattig- grauen Horizont ab, in den die frostig werdende Vorfr\u00fchlingsnacht schon eingeschrieben war wie auf einem Schwarzweiss-Foto, das durch seine ins Dunkel hinein gestufte Tiefe der Farbe nicht mehr bedarf. Und w\u00e4hrend ich noch eine Zeitlang in diesem Zwielichtspiel zwischen drinne und draussen stand, wurde mir klar, dass ich dieses alte Gedicht nur hatte f\u00fcr mich deuten k\u00f6nnen, weil es dieses Bild gegeben hatte, ja, dass es dies Landschaft gewesen war, von der ich gewusst haben musste, als ich dieses Gedicht geschrieben hatte, eine Gegenw\u00e4rtigkeit, die \u00fcber viele Jahre hinweg in mein Heute hin\u00fcbergereicht hatte, um mich in diesen stillen Augenblicken zu ber\u00fchren. Zeit, dachte es in mir, Phantomschmerz der Ewigkeit, ausgel\u00f6st durch einen Infekt der menschlichen Vernunft, und es war einer nur von vielen m\u00f6glichen Gedanken, die mir die Poetik der Zeit ins immer Gegenw\u00e4rtige hinein signalisieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch bevor ich zum Schreibtisch zur\u00fcckkehren konnte, zerriss ein Klingelton meine aufs Neue beginnende Nachdenklichkeit; da stand das sechsj\u00e4hrige Nachbarkind, das viel Zeit mit Bildermalen und Erz\u00e4hlen bei mir verbringt, klein, zitternd, weinend im d\u00fcsteren Geviert der Haust\u00fcr: sein Kaninchen war gestorben. Wir umarmten uns und gingen wortlos die Treppe hinauf ins warme\u00a0 Arbeitszimmer &#8211; und nachdem wir uns lange im ruhigen Licht der chinesischen Tischlampe dar\u00fcber unterhalten hatten, wie eigenwillig dieses Kaninchen gewesen war, sagte das Kind: Tot ist man am l\u00e4ngsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dies die Wahrheit ist, dann ist die Zeit ein Planet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98669\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Janz_KommaStrich-e1645595426769.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitw\u00f6rter, T\u00e4tigkeitsw\u00f6rter. Zeit, Phantomschmerz der Ewigkeit. Das einzige Thema f\u00fcr den Schriftsteller, bei dem seine Bedingungen, seine Form und sein Inhalt schlichtweg ineinander fallen und untrennbar zusammengeh\u00f6ren, ist die Zeit. 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