{"id":105276,"date":"2024-02-27T00:01:25","date_gmt":"2024-02-26T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105276"},"modified":"2024-02-19T11:12:57","modified_gmt":"2024-02-19T10:12:57","slug":"von-zirpenden-menschen-und-dichtenden-tieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/27\/von-zirpenden-menschen-und-dichtenden-tieren\/","title":{"rendered":"Von zirpenden Menschen und dichtenden Tieren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zoon poietikon<\/em>&#8211; so nennt sich der neue, eben im Sisyphus-Verlag erschienene Band der besonderen Dichterin und allj\u00e4hrlichen Herausgeberin des \u00f6sterreichischen Lyrik-Jahrbuchs Alexandra Bernhardt. Dass sie sich mit dem Altgriechischen auskennt (wie der Titel beweist), ist aber l\u00e4ngst noch nicht alles. Auch die Sprache der Tiere scheint der in Bayern geborenen Dichterin vertraut zu sein. In ihren 50 Gedichten ihres neuen Werkes sp\u00fcrt Bernhardt n\u00e4mlich dem nach, was in der Fauna so zirpt und t\u00f6nt- und gibt diesem in einer Art symbolischem Bestiarium eine neue, kondensierte Sprachstruktur. Das klingt allerdings viel verkopfter, als es ist. Bernhardts Texte sind trotz ihres Konzepts n\u00e4mlich nahe am Leben und erz\u00e4hlen in pr\u00e4gnanten Sprachbildern von der menschlichen Wirklichkeit, f\u00fcr die die Tiere als Metapher stehen. Das wird gleich zu Beginn des Bandes in dem titelgebenden Gedicht <em>Zoon poietikon<\/em> (s. 8) klar, in dem es hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer Mensch<\/p>\n<p>ein Tier<\/p>\n<p>gemacht<\/p>\n<p>dem Wort<\/p>\n<p>gesponnen<\/p>\n<p>aus dem<\/p>\n<p>Widersinn<\/p>\n<p>gedacht<\/p>\n<p>der Sprache<\/p>\n<p>machtvoll<\/p>\n<p>Fleisch.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sinnlich sind diese ersten Zeilen gestaltet &#8211; und sp\u00e4testens bei dem Wort \u201eFleisch\u201c bekommt der lesende Mensch Lust auf mehr!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer mit altgriechischen Begriffen und Buchtiteln um sich wirft, der sollte etwas von der Zeit, aus der sie stammen, verstehen. Und das tut Alexandra Bernhardt auch. So ist dem Band, der nach dem eben zitierten Epilog startet, ein philosophisches Zitat Platons vorangestellt, in dem er den Menschen als \u201ezweibeiniges Tier ohne Federn\u201c beschreibt. (s.9). Sp\u00e4testens jetzt sind wir neugierig geworden, oder? Und wir tauchen in die Welt der Tiere ein. Bald schon ist klar: Alexandra Bernhardts Texte sind fluide, luftig, geben dem\/ der Lesenden in ihrer Knappheit Raum f\u00fcr eigene Bilder. Umso wichtiger ist es, wie die Autorin wei\u00df, ihnen eine formale Struktur zu geben, ein Gitter, das zusammenh\u00e4lt, was sonst auseinander bricht \u2013 und sie w\u00e4hlt ganz einfach das griechische Alphabet daf\u00fcr. So beginnen wir diesen Band mit einem sprachlichen Sinkflug auf den Spuren des Adlers (s.11), wenn es hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer du bist<\/p>\n<p>zu kreisen<\/p>\n<p>auszubahnen<\/p>\n<p>zu ermessen<\/p>\n<p>Schluchten Wasser<\/p>\n<p>H\u00f6hen: (&#8230;)\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n ist bei diesem Gedicht, dass die Syntax genauso in der Luft h\u00e4ngt wie das Tier, das hier beschrieben wird \u2013 es wird mit einem Nebensatz gestartet, was dem Text eine fliegende Energie verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch unser Weg f\u00fchrt uns bald schon hinab auf die Erde \u2013 denn nach dem folgenden Gedicht \u201eAmsel\u201c kommt auch schon der Armadillo ins Spiel! Und weiter geht die Reise, die uns mit in unserem Sprachraum bekannten und weniger bekannten Lebewesen konfrontiert. Da werden exotische, fremdartige Tiere wie die F\u00e4he oder der Pirol, der Axolotl und die Seenadel genauso zum Thema gemacht wie in unseren Breitengraden bekannte und durchaus beliebte Kreaturen \u2013 der Wolf beispielsweise, oder das Reh. Auch den einfachsten Wesen kann Alexandra Bernhardt etwas abgewinnen, wie das Gedicht \u201eHuhn\u201c (s. 53) beweist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eBeseelt<\/p>\n<p>von K\u00f6rnern<\/p>\n<p>Samen Suchen<\/p>\n<p>spelzt du Silben<\/p>\n<p>in den Sand : so<\/p>\n<p>lebenssatt bestellst<\/p>\n<p>du heiter dein<\/p>\n<p>Revier im Gras<\/p>\n<p>sp\u00e4ter sitzt du<\/p>\n<p>dann auf<\/p>\n<p>B\u00e4umen\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar wird die Einfachheit des H\u00fchnerlebens in diesen Zeilen klar \u2013 aber dennoch geben Worte wie \u201ebeseelt\u201c oder \u201eRevier\u201c dem Federvieh ein gewisses Ma\u00df an W\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache der 1974 in Bayern geborenen Dichterin, die Philosophie, Komparatistik, Gr\u00e4zistik und Orientalistik in M\u00fcnchen und Wien studierte, wo sie seit 2002 lebt und auch den Verlag \u201eEdition Melos\u201c ins Leben gerufen hat, ist klar, sie scheint Wasser schneiden zu k\u00f6nnen. Da werden Teile der Syntax weggelassen, wird jede Zeile auf das Wesentliche reduziert. Komplex sind jedoch die Perspektiven, die das dichtende Ich in <em>Zoon poietikon <\/em>einnimmt: So verwandeln sich \u2013 wie etwa im Gedicht \u201eAdler\u201c &#8211; Tiere in gleichwertige Partner, die das lyrische Ich mit \u201eDu\u201c ansprechen, werden dann aber wieder, wie zum Beispiel im Text \u201eBrachk\u00e4fer\u201c (s.21) gleichsam \u201evon oben\u201c und aus der dritten Perspektive betrachtet:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eF\u00fchlt hinein<\/p>\n<p>in den Fr\u00fchling<\/p>\n<p>den sp\u00e4t begonnenen<\/p>\n<p>Anfang\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hei\u00dft es in diesem Text- und sofort sehen wir dieses Insekt in einer gewissen Distanz unter uns kriechen. Aber die Autorin geht noch einen Schritt weiter: So wird sie bezeichnenderweise ausgerechnet in dem Gedicht \u201eGottesanbeterin\u201c, das ein Tier thematisiert, mit dem sich die meisten nicht so gerne identifizieren, selbst zu dem alles verschlingenden Fangschrecken, wenn es da (s.48) hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGottesanbeterin: (\u2026)<\/p>\n<p>nur Weisung<\/p>\n<p>ich zu sein\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Gedichte wiederum kommen gleichsam ohne jedes Subjekt, jedes ich, du, er oder sie aus \u2013 wie etwa die \u201eLerche\u201c (s. 67), in dem der erste Satz, \u00e4hnlich wie bei \u201eAdler\u201c, im luftleeren Raum h\u00e4ngen bleibt: \u201eHinauf in den Himmel<\/p>\n<p>der Ungest\u00fcmen<\/p>\n<p>die unverdorbene Frucht<\/p>\n<p>aller Wildnis\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Texte sind also in ihrer Machart facettenreich und vielschichtig. Wen wundert es, dass Alexandra Bernhardt f\u00fcr ihr Werk vielfach ausgezeichnet wurde? So erhielt sie beispielsweise im Jahre 2021 das Wiener Literatur Stipendium und gewann 2022 den Medienpreis der RAI S\u00fcdtirol beim Lyrikpreis Meran. Wir folgen ihr gern auf ihrer Reise durch die Elemente und \u00fcber die Kontinente \u2013 und wenn uns das letzte Gedicht \u201eZebra\u201c wieder in unseren Alltag entl\u00e4sst, sind wir fast ein bisschen traurig!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zoon poietikon<\/strong>, von Alexandra Bernhardt<em>. <\/em>Sisyphus Verlag, Wien 2024<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-105277 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zoon_poietikon_COVER-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0<strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192\u00a0 In 2024 stellt die Edition Das Labor ein nachgelassenes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1849\">Langstreckenpoem<\/a> von A.J. Weigoni in 366 Strophen vor. Diese <em>consolatio poesiae<\/em> hat keinen Ort, sie wird f\u00fcr eine Weile im Datennirvana existieren und wie KUNO irgendwann ganz verschwinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zoon poietikon&#8211; so nennt sich der neue, eben im Sisyphus-Verlag erschienene Band der besonderen Dichterin und allj\u00e4hrlichen Herausgeberin des \u00f6sterreichischen Lyrik-Jahrbuchs Alexandra Bernhardt. 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