{"id":105268,"date":"2024-03-02T00:01:09","date_gmt":"2024-03-01T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105268"},"modified":"2024-02-19T04:53:41","modified_gmt":"2024-02-19T03:53:41","slug":"mit-dem-hut-in-der-hand-kommt-man-gut-durchs-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/03\/02\/mit-dem-hut-in-der-hand-kommt-man-gut-durchs-land\/","title":{"rendered":"Mit dem Hut in der Hand kommt man gut durchs Land"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMit dem Hut in der Hand kommt man gut durchs Land\u201c besagt ein altes Sprichwort, das f\u00fcr jeden und jede gelten soll. Dass H\u00fcte aber auch eine besondere Faszination auf Schreibende aus\u00fcben, ist sp\u00e4testens seit dem Auftreten des legend\u00e4ren Hutmachers in Lewis Carrolls \u201eAlice in Wonderland\u201c klar. Und wen wundert es? H\u00fcte haben eine magische Aura! Sie k\u00f6nnen uns besch\u00fctzen, k\u00f6nnen helfen, dass wir uns unter ihnen verstecken \u2013 nicht umsonst kommt daher ja auch das Wort \u201ebeh\u00fctet\u201c \u2013 aber wir k\u00f6nnen uns auch durch sie verwandeln, k\u00f6nnen andere werden, wenn wir sie aufsetzen. Einer, der diese Objekte in seinem neuen Band einer literarischen Versuchsanordnung unterzogen hat, ist Christian Steinbacher. In <em>Dass es auch z\u00e4hlt<\/em>, seinem j\u00fcngst in der Edition Tanh\u00e4user erschienen Lyrikband, das den uneitlen Untertitel <em>9 Ziffern, 6 H\u00fcte<\/em> tr\u00e4gt, thematisiert der originelle Lyriker den Kopfbedeckungs-Fetisch auf etwas andere Art.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Form ist klar und strukturiert: Die Basis von <em>Dass es auch z\u00e4hlt<\/em> bilden zwei Ebenen: da ist einerseits die Lied-Ebene, die die franz\u00f6sischem Werke Joseph Racailles zitiert und \u00fcbersetzt, und andererseits die Lyrik- Ebene, die aus der Feder des Autors stammt, die einen Hut zum Thema hat \u2013 und in der sich der jeweilige Songtext widerspiegelt. So sieht beispielsweise das Gedicht \u201eEins\u201c (s.8) folgenderma\u00dfen aus<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKreisch nicht gleich, wenn\u2019s bricht<\/p>\n<p>Pl\u00e4rr doch bitte nicht<\/p>\n<p>Weil der Autobus riss ab den Arm o schlicht (dicht)<\/p>\n<p>Mach doch kein Trara<\/p>\n<p>Ist da einer dran noch ja.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wobei der originale Songtext so lautet: \u201e<strong>Un <\/strong><\/p>\n<p>Ne crie pas comme \u00e7a<\/p>\n<p>Non, ne pleure pas<\/p>\n<p>Parce que l\u2019autobus t\u2019a arrach\u00e9 le bras (droit)<\/p>\n<p>Ce n\u2019est pas tr\u00e8s bien<\/p>\n<p>Mais il t\u2019en reste encore un.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die \u00dcbersetzung allein zu pr\u00e4sentieren w\u00e4re zu einfach. So f\u00fcgt der Autor dem lustigen Text \u201eEins\u201c auch gleich eine poetische Meta-Ebene hinzu, indem es (s.9) in einem erg\u00e4nzenden Gedicht hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eGeborene versichern uns: <\/em><\/p>\n<p><em>Wer fr\u00fcher lebt, birgt mehr Konflikt. <\/em><\/p>\n<p><em>Geht\u2019s denn noch tr\u00e4chtiger im ersten Stand?<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht Zug noch Fuhr, verneint das gute, alte Horn.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eSag ich dir wohl.\u201c M\u00fcsst\u2019s wer betonen? <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eUms andere\u201c, wird ausgewischt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nicht nur franz\u00f6sische Liedtexte und Gedichte w\u00fcrzen diesen lyrischen Band- auch Christian Tanh\u00e4users abstrakt gehaltene Bilder von H\u00fcten, kaum mehr als Skizzen oder Umrisse, werden zwischen die literarischen Arbeiten gestreut, die ihrerseits wieder durch kursive Kommentare beleuchtet und mit Zitaten angereichert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick wirkt der Band sehr einfach strukturiert: Die Textfl\u00e4chen zu den Ziffern sind alle gleich gehalten: Original, \u00dcbertragung, poetische Reaktion formal unterschiedlicher Art, Zitat. \u201eIn den Hutgedichten\u201c, so der Autor, \u201enehme ich in gewisser Weise die Perspektive von H\u00fcten ein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wird sp\u00e4testens auf S. 5 klar, wenn es hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201estreckt von sich sehr wie unter Augen <\/em><\/p>\n<p><em>spielt Sitzfleischletter f\u00fcr die Bande allemal <\/em><\/p>\n<p><em>unter Augen die Bande <\/em><\/p>\n<p><em>Buchstaben Bande <\/em><\/p>\n<p><em>O welch Bande <\/em><\/p>\n<p><em>Bande\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inspiriert zu dieser Struktur haben den Autor, wie er im Gespr\u00e4ch meint, \u201eLiedchen auf einer Vinyl (damals: LP) von Patrick Portella &amp; Joseph Racaille mit dem Titel &#8222;Les Flots Bleus&#8220;, die ich seit Mitte der 1980er-Jahre immer wieder gerne geh\u00f6rt habe.\u201c Was Christian Steinbacher schon damals an diesen Chansons besonders fasziniert hat, ist klar: nicht nur ist die Form dieser K\u00fcrzest-Lieder durch ihre Knappheit bestechend, auch der dadaistische Inhalt hat eine Menge literarisches Potenzial. Steinbacher versuchte, den Songschreiber Joseph Racaille \u2013 eigentlich kein Poet, sondern ein Musiker \u2013 im Vorfeld zu kontaktieren \u2013 doch es gelang leider nicht. Diese Tatsache hat jedoch in keiner Weise einen Einfluss auf dieses fulminant geschriebene Buch gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christian Steinbacher ist ein Wortk\u00fcnstler. Die Arbeit mit Reimen und einfachen Lied-Formen wirkt bei ihm nie peinlich oder aufgesetzt \u2013 und besonders die Originalit\u00e4t der unreinen Reime wie im Gedicht \u201eZwei\u201c ist bestechend:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMan wei\u00df zu tr\u00f6sten sich gar weit<\/p>\n<p>Wenn man verliebt sich freit<\/p>\n<p>Man merkt gar nicht, dass Zeit vergeht<\/p>\n<p>Wenn man sich so versteht<\/p>\n<p>Doch vor dem K\u00e4s\u2019<\/p>\n<p>Man nimmt zu voll kein Dress<\/p>\n<p>Wenn man zu zweit.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>dichtet Steinbacher so den Songtext nach \u2013 und bringt uns zum Schmunzeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht nur das Buch an sich hat viele Ebenen, sei es visuell, sei es formal \u2013 auch die Performance des Dichters selbst verleiht dem Ganzen eine besondere Facette. So gleicht sein Vortrag aus <em>Dass es auch z\u00e4hlt: 9 Ziffern, 6 H\u00fcte <\/em>einer Art Sprech-Gesang und bezieht au\u00dferdem alle Sinne des Publikums mit ein: Denn die Herk\u00fcnfte der H\u00fcte, die Christian Thanh\u00e4user in seine Bilder gebannt hat, werden durch eine Liste offengelegt, die man unter den Zuh\u00f6renden verteilt. Ein Gesamtkunstwerk, oder?<\/p>\n<p>Hut ab!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Dass es auch z\u00e4hlt: 9 Ziffern, 6 H\u00fcte, <\/strong>von Christian Steinbacher. Edition Thanh\u00e4user, 2023<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-105270 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Steinbacher_Cover-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0<strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p>\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<p>\u2192\u00a0 In 2024 stellt die Edition Das Labor ein nachgelassenes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1849\">Langstreckenpoem<\/a> von A.J. Weigoni in 366 Strophen vor. Diese <em>consolatio poesiae<\/em> hat keinen Ort, sie wird f\u00fcr eine Weile im Datennirvana existieren und wie KUNO irgendwann ganz verschwinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eMit dem Hut in der Hand kommt man gut durchs Land\u201c besagt ein altes Sprichwort, das f\u00fcr jeden und jede gelten soll. 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