{"id":105096,"date":"2003-10-17T00:53:34","date_gmt":"2003-10-16T22:53:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105096"},"modified":"2024-09-21T15:42:29","modified_gmt":"2024-09-21T13:42:29","slug":"eine-chronotransduction","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/","title":{"rendered":"Eine Chronotransduction"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Carla Bley<\/em><em> l\u00f6st souver\u00e4n den\u00a0 alten Antagonismus von Emotionalit\u00e4t und Form auf, indem sie das Sinnliche intellektuell \u00fcberh\u00f6ht und die Abstraktion mit einer gro\u00dfen Portion Gef\u00fchl anreichert.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Harry Lachner<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Escalator over the Hill<\/em> von Carla Bley wird als Jazzoper bezeichnet; zu Recht? Ver\u00f6ffentlicht wurde die Jahrhundertaufnahme des Jazz im Fr\u00fchjahr 1972 mit dem Untertitel \u201eChronotransduction\u201c mit \u201eWorten von Paul Haines, Adaptation und Musik von Carla Bley, Produktion und Koordination von Michael Mantler\u201c, gespielt von einer Vielzahl namhafter Musiker aus (Free) Jazz, Rock und Pop, unter anderem auch aus dem Jazz Composer\u2019s Orchestra (JCOA).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;It&#8217;s again, and again, and again&#8230;&#8220; &#8211; so lauten die ersten und die letzten Worte in Carla Bleys &#8222;Escalator Over The Hill&#8220;. Somit erscheint uns diese Oper nach Texten des Dichters Paul Haines als ein ewiger Zyklus, ohne Beginn, ohne Abschluss, ein endloses Band, verr\u00e4tselt und vielschichtig wie &#8222;Finnegans Wake&#8220;, jenes Buch aller B\u00fccher, dessen &#8222;riverrun&#8220; Einstieg, Mitte und Schlusswort zugleich ist. Die von Carla Bleys damals in Indien lebendem guten Freund Paul Haines verfassten Texte liefern kein f\u00fcr eine Oper mit fortlaufender Handlung geeignetes Libretto, sondern sind eher surreale Poesie. Erz\u00e4hlt wird eine Geschichte \u00fcber das dadaistische Leben von Ginger, David, Calliope Bill, Jack und vielen anderen in einem Hotel in Indien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bei Carla Bley z\u00e4hlte, waren die Untert\u00f6ne und Zwischent\u00f6ne, vielleicht auch die gar nicht gespielten, aber eigentlich gemeinten T\u00f6ne. <em>Escalator Over The Hill<\/em> wurde in einer gigantischen Anstrengung, einem langanhaltenden Anfall kreativen Slidens und musikalischer Weltrevolte \u00fcber einen Zeitraum von drei Jahren &#8211; zwischen 1968 und 1971 &#8211; hinweg aufgenommen. Dieses zweist\u00fcndige, sich \u00fcber 6 LP-Seiten erstreckende Konzeptalbum, besitzt einen Stellenwert f\u00fcr den Jazz der siebziger Jahre, der nur vergleichbar ist mit dem Rang, den das Beach Boys Album <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/12\/meine-erste-schallplatte\/\"><em>Smile<\/em><\/a> f\u00fcr die Popmusik besitzt. Die Ersch\u00fctterungen waren programmatisch. Denn zum ersten Mal pr\u00e4sentierte sich ein Album in der vom Begriff der Authentizit\u00e4t verstrahlten Jazzlandschaft als reines Artefakt; als ein waghalsiges und fragiles Konzept, das zu Recht vor dem Licht der B\u00fchne zur\u00fcckschreckte und sich damit begn\u00fcgte, ein Studioprodukt ohne Anspruch auf Auff\u00fchrbarkeit zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den Aufnahmen zu \u201eEscalator over the Hill\u201c, ein Werk, das sie Chronotransduktion nannte \u2013 \u201eIch habe vergessen, was das bedeutet, schlag im W\u00f6rterbuch nach oder nenn es einfach Oper\u201c \u2013, hat Carla Bley ein abenteuerliches Ensemble geleitet. Linda Ronstadt singt eine Doppelarie mit dem Kontrabassisten Charlie Haden, begleitet von dem Saxophonisten Gato Barbieri, dem Jazzrockgitarristen John McLaughlin und dem Free-Jazz-Klarinettisten Perry Robinson. Mit diesem Werk hat sich Jazz zum ersten Mal einen k\u00fcnstlichen Raum geschaffen, wies eine Musik erstmals \u00fcber s\u00e4mtliche bis dato gepflegten Bedingungen und Ideologien, Restriktionen und Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse hinaus. Musikalisch war <em>Escalator Over The Hill<\/em>, das seine endg\u00fcltige Gestalt erst am Schneidetisch erhielt, ein Monstrum an Kreativit\u00e4t: ein Schnitt durch die Welt s\u00e4mtlicher Spielarten der Musik zu einer Zeit, als der Begriff Polystilistik noch nicht inflation\u00e4r grassiert, als man noch nicht von Stilpluralismus oder postmoderner Ironie daherfabulierte. In diesem musikalischen Fiebertraum, der nicht mehr den alten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten von Komposition und Improvisation zu folgen wagte, der sich um den Genre-Begriff so wenig scherte wie um die Gesetze des Marktes, trafen Rock-Elemente mit Vaudeville-Anfl\u00fcgen zusammen, rieb sich klassische indische Musik an den am Jazz reflektierten und gebrochenen Klangvorstellungen der zeitgen\u00f6ssischen Musik und verschmolz Beatnik-Attit\u00fcde mit amerikanischen Alltags-Surrealismen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielen unterschiedlichen an der Originalaufnahme kollektiv beteiligten Musiker agieren in verschiedenen Kombinationen und decken dabei ein weites Spektrum musikalischer Ausdrucksformen ab: Kl\u00e4nge, die an die Theatermusik Kurt Weills erinnern, Free Jazz, Rock, Weltmusik (auch wenn dieser Begriff damals noch nicht existierte) \u2013 eine Collage aus den unterschiedlichsten Stilen der popul\u00e4ren Musik oder, wie ein englischsprachiger Kritiker formuliert, \u201eeine Zusammenfassung gro\u00dfer Teile der kreativen Energie, die von 1968 bis 1972 vorhanden war\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Liste der beteiligten Musiker zeigt, was Carla Bley hier an Stilrichtungen versammelt hat: neben den Jazzmusikern Roswell Rudd, Gato Barbieri, Charlie Haden, Don Cherry, Enrico Rava, Jimmy Knepper, Jimmy Lyons, Paul Motian,\u00a0 Howard Johnson, Sheila Jordan, Bob Stewart, Jeanne Lee, John McLaughlin finden sich Don Preston, der Bassist der Rockgruppe Cream Jack Bruce, die Warhol-Schauspielerin Viva, die Country-S\u00e4ngerin Linda Ronstadt &#8211; und viele andere mehr. Carla Bley gelang mit den raffinierten Arrangements, diese unterschiedlichsten Stilmomente zu b\u00fcndeln, kontrastiv gegeneinander zu setzen und teilweise auch zu synthetisieren. Man hatte in jener Zeit bereits damit begonnen, Mischformen quer durch alle Stile und Genres zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als im 21. Jahrhundert, wo es kein Wagnis sei, in einer Oper Jazz, Rock, Country, indische Musik, Hipsterlyrik und Ausbr\u00fcche freier Improvisation zu kombinieren, sei dies 1970 unvorstellbar gewesen. Dies stellt John Fordham von <em>The Guardian<\/em> zu Beginn seiner W\u00fcrdigung des Albums als eines der f\u00fcnfzig wichtigsten Jazzalben fest. Ohne finanzielle Unterst\u00fctzung oder Produktionshilfe durch eine Plattenfirma habe Bley diese Jazzoper eingespielt. Carla Bley war klug genug, nichts zu verw\u00e4ssern oder zu relativieren; und so lie\u00df sie Dinge gelassen nebeneinander stehen, die ihre Spannung erst aus der Konfrontation mit anderen heraus erhielten, aus Kontrasten, harschen Br\u00fcchen und unerwarteten Ausschreitungen gegen den klassischen Jazz-Kanon. Beispielsweise setzte sie programmatisch eine &#8222;akustische&#8220; gegen eine &#8222;elektrische&#8220; Band &#8211; ein ironischer Reflex auf Ornette Colemans &#8222;Free Jazz&#8220;-Konzept, bei dem zwei Quartette mit- und gegeneinander spielten. Bei &#8220; Escalator Over The Hill&#8220; gestaltet Bley daraus ein subtil ironisches Spiel mit Einmischungen, Ein- und Widerspr\u00fcchen, gezielten Abirrungen. Sie l\u00e4sst die Erwartung nicht ins Leere laufen &#8211; sie \u00fcbertrumpft sie auf immer absurdere und unerwartete Weise. Das gipfelt schlie\u00dflich in der Weigerung, sich den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten jeglicher Genres zu unterwerfen: erlaubt ist alles, was das Denken und die Emphase befeuert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trevor MacLaren betont f\u00fcr <em>All About Jazz<\/em> das Wagnis Bleys, als ihre Deb\u00fctver\u00f6ffentlichung unter eigenem Namen gleich ein Triplealbum vorzulegen. Dieses Album sei ein Konzeptalbum, aber doch ein typisches Kind seiner Zeit, auch wenn es die Fusion zwischen Jazz und Rock noch nicht zum Abschluss gebracht h\u00e4tte. Doch dieses Werk sei eine der einzigartigsten Platten, die in der modernen Musik je entstanden sei; es klinge wie keine andere Jazzplatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00fcrgen Schwab stellt 1998 f\u00fcr <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rondo_(Musikmagazin)\">Rondo<\/a><\/em> zur Wiederver\u00f6ffentlichung auf CD fest, dass <em>Escalator over the Hill<\/em> \u201eheutzutage als zeitgeschichtliches Dokument geh\u00f6rt werden\u201c kann: \u201eEine schier grenzenlose musikalische Experimentier- und Abenteuerlust wischt Stil- und Genregrenzen mit faszinierender Unbek\u00fcmmertheit weg &#8211; und das, lange bevor der Begriff Multistilistik zum modischen Schlagwort wurde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Originalausgabe war ein Karton mit drei Langspielplatten und einem umfangreichen Beiheft, das den gesamten Text, Fotos und ausf\u00fchrliche Informationen zur Besetzung aller St\u00fccke enthielt. Die letzte der insgesamt sechs LP-Seiten endete in einer Endlosrille, sodass das letzte St\u00fcck <em>\u2026\u00a0And It\u2019s Again<\/em> in ein endloses Summen wie von einem entfernten Insektenschwarm \u00fcberging, das durch Abschalten des Plattenspielers beendet werden musste. Darauf m\u00fcssen wir bei der hervorragend edierten CD verzichten, werden daf\u00fcr mit einem Meisterwerk entsch\u00e4digt, dem der Staub aus den Ritzen gepustet wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Escalator Over The Hill, <\/strong>Carla Bley. \u201eChronotransduction\u201c mit Worten von Paul Haines, Adaptation und Musik von Carla Bley, Produktion und Koordination von Michael Mantler. JCOA Records. Rec. 1968 \u2013 1971 \u2013 Remastered auf CD 1998<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-105097 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/CarlaBley_Cover-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues\u2026 und diese Abwege m\u00fcnden in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/17\/wahrhaft-kolossal\/\">suitenartigen Kompositionen<\/a>. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/26\/extraimpoldation\/\"><em>Extrapolation<\/em><\/a> gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden.&#8220;, schrieb Ulrich Kurth. Das Album d\u00fcrfte neben Hot Rats von FZ f\u00fcr den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine H\u00e4lfte der Freude ausmacht; die andere H\u00e4lfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/25\/der-canterbury-sound\/\">Soft Machine<\/a> aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, h\u00e4tte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begr\u00fc\u00dft. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas f\u00fcr sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/06\/unangestrengte-laessigkeit\/\">Traffic<\/a>, mit zeitlichem Abstand l\u00e4sst sich h\u00f6ren, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu h\u00f6ren ist auch auf \u201eBitches Brew\u201c ein kollektives Musizieren, das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/03\/30\/jazzrock-wer-hats-erfunden\/\">Miles Davis<\/a> als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuh\u00f6ren vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/30\/fake-jazz-2\/\">Fake Jazz<\/a> erscheint pl\u00f6tzlich als das Eigentliche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carla Bley l\u00f6st souver\u00e4n den\u00a0 alten Antagonismus von Emotionalit\u00e4t und Form auf, indem sie das Sinnliche intellektuell \u00fcberh\u00f6ht und die Abstraktion mit einer gro\u00dfen Portion Gef\u00fchl anreichert. 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