{"id":105041,"date":"2003-09-03T06:11:40","date_gmt":"2003-09-03T04:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=105041"},"modified":"2023-10-22T13:37:16","modified_gmt":"2023-10-22T11:37:16","slug":"elberfeld-im-dreihundertjaehrigen-jubilaeumsschmuck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/03\/elberfeld-im-dreihundertjaehrigen-jubilaeumsschmuck\/","title":{"rendered":"Elberfeld im dreihundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4umsschmuck"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eLott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es, god, dat es god, g\u00e4wt et wat tu erwen!\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin verliebt in meine buntgeschm\u00fcckte Jubil\u00e4umsstadt; das rosenbl\u00fchende Willkomm gilt mir, denn ich\u2018 bin ihr Kind, die flatternden Fahnen auf den D\u00e4chern, aus den Fenstern winken mir zu, l\u00e4nge Rotschwarzwei\u00dfarme, die mich umfangen wollen. Ich soll \u00fcberall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferd\u00e4cher. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen herrisch zur H\u00f6he, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mu\u00dften wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei sch\u00e4rfe Arzeneien und Farbstoffe f\u00e4rben die Wasser, eine Sauce f\u00fcr den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsb\u00e4che flie\u00dft die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt in meine zahnbr\u00f6ckelnde Stadt, wo br\u00fcchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in einen s\u00fc\u00dfen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht \u2014<br \/>\nwer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses aus der\u00a0Friederizianischen Zeit? Es lebt noch einbalsamiert zwischen j\u00fcngst zur\u00a0Welt gekommenen Fabrikanten- und Doktorh\u00e4uslern. Denn jeder etwas\u00a0wohlhabende B\u00fcrger der Stadt besitzt ein Wohnhaus, wor\u00fcber er Herr ist.\u00a0Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht, frech-gewordne\u00a0Sklaven, die nach Belieben ein- und heraus lassen. Selbst viele Arbeiter\u00a0leben im Eigentum ihrer M\u00fctter. Gequacksalbert hat die Alte an der\u00a0gr\u00fcnen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und Beingeschw\u00fcre. Und\u00a0das ber\u00fchmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der sterbende\u00a0Gro\u00dfvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt und der hat es wieder dem Sohn anvertraut und nun wei\u00df es der Enkel, der wahrscheinlich seiner\u00a0gespr\u00e4chigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. Und \u00fcberhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; \u2014 immer tr\u00e4umte ich davon auf\u00a0dem Schulweg \u00fcber die Au. Manchmal lief ich durch graue, lose\u00a0Schleier, Nebel war \u00fcberall; hinter mir kamen schauerliche M\u00e4nner mit\u00a0einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens H\u00e4uschen mu\u00dfte ich\u00a0vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, \u201eewwer en doller Gesell\u00a0wors gew\u00e4sen\u201c. Oft lie\u00df ich\u2018 vor Angst die B\u00fccher fallen oder der Ranzen\u00a0hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun gr\u00fcnt nicht mehr die von\u00a0Z\u00e4unen umgrenzte Au; Tore verschlie\u00dfen H\u00e4user; kein Schulkind kann mehr\u00a0auf dem Wege zur Schule s\u00e4umen, jedes Fenster zur Rechten und zur Linken\u00a0weckt es auf. Lebt der greise Direktor Schornstein noch, der nicht wie\u00a0die roten Schornsteine rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin\u00a0verliebt in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn, ein\u00a0Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und legt er sich mit\u00a0vielen Bahnhofk\u00f6pfen und spr\u00fchenden Augen \u00fcber den schwarzgef\u00e4rbten\u00a0Flu\u00df. Immer fliegt mit Tausendget\u00f6se das Bahnschiff durch die L\u00fcfte \u00fcber\u00a0das Wasser auf schweren Ringf\u00fc\u00dfen durch Elberfeld, weiter \u00fcber Barmen\u00a0zur\u00fcck nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten vorbei. Mein\u00a0Vater mu\u00dfte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten M\u00fctze. Auf dem H\u00fcgel im Tannenw\u00e4ldchen am B\u00e4renk\u00e4fig versprachen wir uns zu heiraten. \u2014<br \/>\nIch mu\u00df an alles denken\u00a0und stehe pl\u00f6tzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer\u00a0Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals\u00a0wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, da\u00df ich weine \u2014 sie\u00a0laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwerm\u00fctig erkenne ich die\u00a0vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine\u00a0M\u00e4dchen, das immer rote Kleider tr\u00e4gt. Fremd f\u00fchlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt,\u00a0weil ich sie vom Scho\u00df meiner Mutter aus sah. Von jeder H\u00f6he der vielen H\u00fcgel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines\u00a0Vaters lustige Streiche st\u00fcrmen eben um die Ecke der Stadt. \u201eWat wollt\u00a0\u00d6hr van meck, eck sie jo sing Doochter.\u201c Das rettet mich vor der schon\u00a0erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte\u00a0Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von\u00b4neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das\u00a0Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Fl\u00fcchen rauher M\u00e4uler und\u00a0Kreischen frivoler Weibsbilder ist z\u00e4rtlich meinem Ohr. Denn ich bin\u00a0verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu \u00fcberreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber\u00a0ich mu\u00df noch einige Male Karussel fahren. \u201eLott es doot, Lott es doot\u2018,\u00a0ich fahr f\u00fcr mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am\u00a0fr\u00f6hlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen\u00a0Aujust und Aujuste die Bewu\u00dfte, hinter Caal und Caaroline Alma,\u00a0Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich \u2014 sie beginnen mich zu lieben.\u00a0Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf,\u00a0das \u00fcberzeugt das rohe, Gesindel.. Den H\u00e4rrn Sch\u00fcler haben viele\u00a0gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen H\u00e4usern- \u2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor \u201edreihundert\u201c Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpf\u00fc\u00dfe, ein knappes R\u00f6ckchen bedeckt ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich wei\u00df ihr Achtung einzufl\u00f6\u00dfen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zuguterletzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. \u201eDie sinn ut Engeland bei Paris.\u201c \u2014 Nun hinein ins K\u00f6llner H\u00e4lnneskein! Gewaltsam zerre ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. \u201eSie werden noch gestochen werden wie Ihr Vater einmal.\u201c Durch seine Uhr ging; die Spitze des Metzgermessers, Am anderen Morgen f\u00fchrten die jammernden Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er wu\u00dfte, da\u00df sie kommen w\u00fcrden und drei Gl\u00e4ser und eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er \u00e4chzte vor Schmerz, namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et dar wackere H\u00e4r Sch\u00fcler verzeehen m\u00f6dd \u2026 Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon mu\u00df ich Abschied nehmen wie von einem alten, d\u00fcsteren Bilderbuch mit lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner f\u00fcr mich herbeischaffen mu\u00dfte am Festtag, wenn wir dort Forellen a\u00dfen. Und die Einkehr in meine Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach mir. Paul Zechs feine k\u00fcnstlerische Gedichte duften morsch und gr\u00fcn nach\u2018 der Seele des\u2018 Wuppertals.\u201c.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Redaktioneller Nachtrag:<\/span> Am 1. September 1910 erschien in der Zeitschrift <strong>Der Sturm<\/strong> dieser Essay von Else Lasker-Sch\u00fcler \u00fcber die Jubil\u00e4umsstadt Elberfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 01.08.1929 ist die Stadtgr\u00fcndung von Wuppertal im Rahmen des Gesetzes \u00fcber die kommunale Neugliederung des rheinisch-westf\u00e4lischen Industriegebiets erfolgt. Zu dieser Zeit wohnte <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">die Elfenfelderin<\/a><\/span>\u00a0<span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Else Lasker-Sch\u00fcler bereits in Berlin.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Gleichfalls im KUNO-Online-Archiv<\/span>: Eine Erinnerung von A.J. Weigoni das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/30\/der-weisse-wal-an-der-wupper\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Tal an der Wupper<\/span><\/a>, sowie eine <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/10\/03\/erinnerungsfahrt\/\">Erinnerungsfahrt<\/a><\/span> durch das Bergische Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>In 2003 stellt KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 versucht KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 unternimmt Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es, god, dat es god, g\u00e4wt et wat tu erwen!\u201c Ich bin verliebt in meine buntgeschm\u00fcckte Jubil\u00e4umsstadt; das rosenbl\u00fchende Willkomm gilt mir, denn ich\u2018 bin ihr Kind, die flatternden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/03\/elberfeld-im-dreihundertjaehrigen-jubilaeumsschmuck\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":180,"featured_media":100418,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,2738,3331],"class_list":["post-105041","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-else-lasker-schueler","tag-paul-zech"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/180"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=105041"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105041\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105046,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105041\/revisions\/105046"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100418"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=105041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=105041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}