{"id":104990,"date":"1992-09-13T15:59:53","date_gmt":"1992-09-13T13:59:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104990"},"modified":"2023-10-02T16:09:09","modified_gmt":"2023-10-02T14:09:09","slug":"die-spielerische-offenheit-vielfaeltiger-abschweifungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/09\/13\/die-spielerische-offenheit-vielfaeltiger-abschweifungen\/","title":{"rendered":"Die spielerische Offenheit vielf\u00e4ltiger Abschweifungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die anderen bilden den Menschen, ich bilde ihn ab; und stelle hier einen einzelnen vor, der recht mangelhaft gebildet ist und den ich, wenn ich ihn neu zu formen h\u00e4tte, gewiss weitgehend anders machen w\u00fcrde. Doch nun ist er halt so.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 400 Jahren starb Michel de Montaigne. \u00a0Er gilt als Begr\u00fcnder der philosophisch-literarischen Essays als eigenst\u00e4ndiger literarischer Form, den er zur Darstellung seiner Reflexionen \u00fcber Literatur, Politik, Geschichte, Philosophie, Religion, Fragen der pers\u00f6nlichen Lebensf\u00fchrung, der Kindererziehung u. a. verwendete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essais<\/em> entstanden in den Jahren von 1572 bis zu seinem Tod im Jahr 1592. In zahlreichen Abschnitten beschreibt er unterschiedliche Objekte von ebenso unterschiedlichem Rang; diese reichen etwa von konfessionellen Streitfragen \u00fcber die Medizin und Heilkunde zu grundlegenden Problemen menschlicher Erkenntnis. Themen wie das zwischenmenschliche Zusammenleben, Hexenprozesse und Aberglauben, aber auch Reiten und Pferde werden in kaleidoskopischer Vielfalt nebeneinander behandelt. Leitmotivische Gedanken ergeben sich erst auf den zweiten Blick. Die <em>Essais<\/em> ver\u00e4ndern den Stil des bislang vorherrschenden Traktates. Montaigne verfolgt eine eklektische Behandlung seiner Themen. Angeregt durch antike Autoren und philosophische Schulen, etwa Lukrez und dessen <em>De rerum natura<\/em>, Cicero, die Epikureer, die Stoa und die Skeptiker, f\u00fcgte er spontan wirkende, assoziative und volatile Einf\u00e4lle zu anekdotischen Texten zusammen. Montaigne las die Schriften von Gaius Iulius Caesar um das Jahr 1578, Werke von Francisco L\u00f3pez de G\u00f3mara in der Zeit zwischen 1584 und 1588, sp\u00e4ter Texte von Platon und Herodot. Fundamental f\u00fcr die skeptische Grundhaltung in seinen <em>Essais<\/em> war Montaignes Auseinandersetzung mit dem griechischen Arzt und Philosophen Sextus Empiricus, einem Vertreter des Pyrrhonismus, jener pyrrhonischen Skepsis, die auf Pyrrhon von Elis zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Montaignes Schreiben l\u00e4sst sich eine Entwicklung erkennen: Zun\u00e4chst finden sich h\u00e4ufiger bekannte Textpassagen, <em>loci communes<\/em>, aus der klassischen Literatur. Diese werden von Schilderungen aus seiner pers\u00f6nlichen Erfahrungswelt abgel\u00f6st und m\u00fcnden letztlich ein in die <em>conditio humana<\/em>, die Ergr\u00fcndung des menschlichen Seins. Montaigne beschrieb sehr pr\u00e4zise seine inneren Empfindungen und soziale Begegnungen. Die <em>Essais<\/em> folgen dem \u201eBewusstseinsstrom\u201c des Autors in die verschiedensten Lebensbereiche. Skepsis gegen\u00fcber jeglichen Dogmen, stoische Geringsch\u00e4tzung von \u00c4u\u00dferlichkeiten sowie Ablehnung menschlicher \u00dcberheblichkeit gegen\u00fcber anderen Naturgesch\u00f6pfen kennzeichnen die <em>Essais<\/em>, in denen sich der Autor mit Bereichen wie Literatur, Philosophie, Sittlichkeit, Erziehung und vielem anderem auseinandersetzt. Ihm ging es in erster Linie um den Wert konkreter Erfahrung und unabh\u00e4ngigen Urteilens als wichtigstem Bildungsziel. Darum besch\u00e4ftigte er sich mit herausragenden antiken Philosophen und Literaten. Die am h\u00e4ufigsten vorkommenden Autoren waren Horaz, Plutarch, Martial, Catull, Lucan, Quintilian und vor allem Cicero, Lukrez, Seneca, Vergil, Properz, Platon, Ovid und Juvenal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie mein Geist m\u00e4andert, so auch mein Stil\u201c \u2013 diese Worte sind charakteristisch f\u00fcr die spielerische Offenheit seiner vielf\u00e4ltigen Abschweifungen sowie der Entwicklung seiner zu Papier gebrachten Gedanken. Seine Schriften sind so reichhaltig und flexibel, dass sie von nahezu jeder philosophischen Schule adaptiert werden k\u00f6nnten. Andererseits widersetzen sie sich noch heute so konsequent jeder konsistenten Interpretation, dass sie eben dadurch deren Grenzen aufzeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Montaigne erweiterte und redigierte seine <em>Essais<\/em> zeitlebens. Die einzelnen B\u00e4nde wurden in drei Etappen vollendet. 1579 schloss er Buch I der <em>Essais<\/em> ab und verfasste Buch II. Am 1.\u00a0M\u00e4rz 1580 wurden die ersten beiden B\u00e4nde in Bordeaux bei Simon Milanges, einem <em>imprimeur ordinaire du Roy<\/em> verlegt. Beide B\u00e4nde waren so erfolgreich, dass sie schon 1582 und nochmals 1587 leicht erweitert nachgedruckt wurden. Der dritte Band entstand zwischen 1586 und 1587. Die Ausgabe von 1588, die auch den Band III beinhaltet, ist als Bordeaux-Exemplar bekannt; sie wurde weiterhin von ihm erg\u00e4nzt. In den letzten vier Lebensjahren erhielt er dabei Unterst\u00fctzung von der jungen Adeligen Marie de Gournay. Eine Gesamtausgabe der Essais erschien posthum 1595 in Paris, herausgegeben von seiner Frau Fran\u00e7oise, seiner <em>geistigen Adoptivtochter<\/em> Marie de Gournay und Pierre de Brach. Grundlage hierf\u00fcr war die Abschrift eines Manuskripts, die dem letzten Stand der Arbeit Montaignes zu entsprechen schien. Diese Ausgabe wurde immer wieder nachgedruckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Les essais von <\/em><\/strong>Michel de Montaigne, (1580-1588) &#8211; Grundlage der heutigen kritischen Editionen ist jedoch das sp\u00e4ter aufgefundene, weitere \u00c4nderungen enthaltende, Original, das \u201eExemplaire de Bordeaux\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98980 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" \/>Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Holger Benkel machte sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die anderen bilden den Menschen, ich bilde ihn ab; und stelle hier einen einzelnen vor, der recht mangelhaft gebildet ist und den ich, wenn ich ihn neu zu formen h\u00e4tte, gewiss weitgehend anders machen w\u00fcrde. 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