{"id":104953,"date":"2023-10-14T00:01:14","date_gmt":"2023-10-13T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104953"},"modified":"2023-10-14T14:29:16","modified_gmt":"2023-10-14T12:29:16","slug":"hamburger-oktober-1923","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/14\/hamburger-oktober-1923\/","title":{"rendered":"Hamburger Oktober 1923"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gro\u00dfen St\u00e4dten vergeht ein Aufstand spurlos. Eine Revolution mu\u00df gro\u00df und sieghaft sein, wenn die Spuren der Zerst\u00f6rungen, ihre heroischen Wunden, die wei\u00dfen Trichter der Kugeln an den Mauern, die mit den Pockennarben des Maschinengewehrfeuers bedeckt sind, sich einige Jahre lang erhalten sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zwei, drei Tagen, nach zwei, drei Wochen verschwindet zusammen mit den von schmutzigen Regeng\u00fcssen umsp\u00fclten, mit einer Bajonettspitze von der Mauer abgerissenen Fetzen der Plakate \u2014 die kurze Erinnerung an den Stra\u00dfenkampf, an das aufgew\u00fchlte Pflaster, an die B\u00e4ume, die, Br\u00fccken gleich, \u00fcber die Fl\u00fcsse der Stra\u00dfen und die B\u00e4che der Gassen hin\u00fcbergeworfen waren. Hinter den Schuldigen schlagen die Gef\u00e4ngnistore zu; aus den Fabriken hinausgeworfen, sind die Teilnehmer an einem Aufstande gezwungen, in einer anderen Stadt, in einem entfernten Viertel Arbeit zu suchen; nach der Niederlage verkriechen sich die Arbeitslosen in fernen namenlosen Winkeln, die Frauen schweigen, die Kinder leugnen, in ewiger Furcht vor den allzufreundlichen Fragen eines Spitzels, und die Legende \u00fcber die Tage des Aufstandes verweht, wird vergessen, \u00fcbert\u00f6nt von dem L\u00e4rm des wiederhergestellten Verkehrs, der wiederaufgenommenen Arbeit. Die neue Arbeiterschicht in den Fabriken tritt an die verlassenen Werkb\u00e4nke, raunt sich eine Weile einige Namen und einige besonders gegl\u00fcckte Sch\u00fcsse zu, aber auch das vergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arbeiter hat in den Grenzen eines b\u00fcrgerlichen Staates keine Geschichte; die Liste seiner Helden f\u00fchren das Standgericht und der Fabrikportier aus dem reformistischen Gewerkschafts-Verband. Nachdem sie mit Waffen gesiegt hat, sucht die Bourgeoisie das verha\u00dfte Andenken an die k\u00fcrzlich erlebte Gefahr mit Vergessenheit zu ersticken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem Hamburger Aufstand ist bereits \u00fcber ein Jahr vergangen. Aber seltsam genug \u2014 sein Andenken will nicht weichen, obwohl die Spuren der Barrikaden sorgsam beseitigt sind und die Z\u00fcge friedlich \u00fcber die D\u00e4mme und Viadukte laufen, die der Verteidigung oder dem Angriff dienten; M\u00f6wen ruhen auf ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei standrechtliche Fleischmaschinen stecken die Teilnehmer der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe in aller Eile in die Gef\u00e4ngnisse; \u00c4rzte und Gef\u00e4ngnisaufseher haben schon l\u00e4ngst die durch die Mi\u00dfhandlungen bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichname an die Verwandten abgeliefert. Aber die Erinnerung an den tollk\u00fchnen Oktober will trotzdem nicht dem Alltag weichen. Es gibt in der alten Hansestadt Hamburg keine Kneipe, keine Arbeiterversammlung, keine proletarische Familie, wo die Namen der Teilnehmer nicht mit Stolz genannt, wo nicht wenigstens von Beobachtern mit unwillk\u00fcrlicher Achtung von den erstaunlichen Szenen in den Stra\u00dfen der Vorst\u00e4dte gesprochen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Hartn\u00e4ckigkeit, mit der das Proletariat der Wasserkante die lebendige Erinnerung an die Oktobertage wachh\u00e4lt, liegt darin, da\u00df der Hamburger Aufstand weder in milit\u00e4rischer noch politischer noch moralischer Hinsicht besiegt war. Es ist in den Massen nicht die tiefe Bitterkeit einer Niederlage geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der anhaltende revolution\u00e4re Proze\u00df, der sie im Oktober auf die Barrikaden warf, nahm am 24. kein Ende, als die gesamte Polizei und ausgew\u00e4hlte Schwarzhundert-Garden der Marine-Division und der Reichswehr mobilisiert wurden, und auch nicht am 26., als kompakte Massen der Polizei, tausendk\u00f6pfige Abteilungen der Kavallerie und Infanterie, eine Menge von Panzerwagen endlich in die revolution\u00e4ren Vorst\u00e4dte einbrachen, die schon einige Stunden vorher von den Arbeiter-Hundertschaften freiwillig verlassen wurden. Im Gegenteil, die Bewegung, die in den Oktobertagen zum Durchbruch kam, die sechzig Stunden \u00fcber der Stadt herrschte, die den Gegner an allen Punkten schlug, wo er es wagte, zum Angriff gegen die geschickt angelegten Barrikaden \u00fcberzugehen; eine Bewegung, die den Arbeitern nur zehn Tote und der Polizei und den Truppen Dutzende von Toten und Verwundeten kostete \u2013 diese Bewegung hat ihre K\u00e4mpfer in aller Ruhe und Ordnung zur\u00fcckgezogen, ihre Waffen gerettet und verborgen, die Verwundeten in eine sichere Unterkunft geschafft, kurz, sie hat sich planm\u00e4\u00dfig zur\u00fcckgezogen, sich in illegale Schlupfwinkel verkrochen, um sich bei dem ersten Ruf der gesamtdeutschen Revolution wieder zu erheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anfang der revolution\u00e4ren Bewegung beginnt nicht im Oktober, sondern im August des Vorjahres, als Hamburg zu einer Arena von hartn\u00e4ckigen und erbitterten K\u00e4mpfen f\u00fcr den Arbeitslohn, f\u00fcr den achtst\u00fcndigen Arbeitstag, f\u00fcr die Entlohnung in Goldw\u00e4hrung, f\u00fcr eine ganze Reihe nicht nur \u00f6konomischer, sondern auch rein politischer Forderungen wurde: Arbeiterregierung, Produktionskontrolle und so weiter. Diese gewerkschaftlichen K\u00e4mpfe waren begleitet von Streikausbr\u00fcchen und st\u00fcrmischen Eruptionen des anwachsenden revolution\u00e4ren Hasses: von der Demolierung von Lebensmittell\u00e4den, von der Verpr\u00fcgelung der Polizisten und Streikbrecher. Die Hamburger Arbeiterinnen haben sich in diesen Monaten besonders ausgezeichnet; im allgemeinen sind die Frauen einer gro\u00dfen Hafenstadt weitaus selbst\u00e4ndiger und politisch gereifter, als ihre Genossinnen in den meisten Industriezentren Deutschlands. Sie waren es, die im August des Vorjahres ihre M\u00e4nner hinderten, die Arbeit in den streikenden Werften wiederaufzunehmen. Ihre lebendige Kette vermochten weder Polizeibajonette, noch kleinm\u00fctige Arbeiterhaufen, die bereit waren, jede Bedingung der Arbeitgeber anzunehmen, von dem Elbtunnel zu verdr\u00e4ngen und zu durchbrechen. Einer dieser Zusammenst\u00f6\u00dfe endete mit der Entwaffnung und Verpr\u00fcgelung einer Polizeiabteilung, zumal ihres Leutnants, der sie leitete und daf\u00fcr im schmutzigen, kalten Elbwasser ein Bad nehmen mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Begonnen im August, konnte diese Bewegung nicht mit einem Zusammenbruch enden \u2014 wie es die Bourgeoisie ausposaunt hat \u2014 und auch nicht mit der \u00abgl\u00e4nzenden\u00bb milit\u00e4rischen Demonstration der Reichswehrkr\u00e4fte vom 23. bis 26. Oktober. Diese Bewegung konnte nur mit einem Sieg oder mit einer Niederlage der gesamten Arbeiterklasse Deutschlands enden. In dieser Kontinuierlichkeit, in diesem steten und anhaltenden Wachstum, das die Hamburger Genossen auszeichnet, liegt der grundlegende Unterschied des bewaffneten Aufstandes von dem sogenannten politischen \u00abPutsch\u00bb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00abPutsch\u00bb hat weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft; er ist entweder ein endg\u00fcltiger Sieg oder eine ebensolche nicht wieder gutzumachende hoffnungslose Niederlage. Wenn eine Revolution stark ist und von einer starken, kampff\u00e4higen Partei geleitet wird, dann kann sie sich zur\u00fcckziehen, ihre Federn wieder spannen, sich auch nach dem verzweifeltsten Durchbruchsversuch wieder zusammenrollen. Wenn das Proletariat schwach, politisch nicht trainiert, nicht gest\u00e4hlt ist, dann lebt es in der Hoffnung auf einen kurzen Sto\u00df, auf einen blutigen, scharfen Ausbruch, aber zu einer anhaltenden Spannung ist es nicht f\u00e4hig. Mag dieser kurze Sto\u00df die gr\u00f6\u00dfte Anspannung, die ungeheuerlichsten Opfer kosten \u2013 die schlecht zusammengef\u00fcgten lockeren Massen werden zu allem bereit sein, wenn eine starke Hoffnung auf einen vollen, endg\u00fcltigen Sieg besteht. Wenn aber einem solchen Versuch, die Macht zu erobern, aus diesem oder jenem Grunde ein Mi\u00dferfolg folgt, dann zerfallen diese Massen, l\u00f6sen sich aus jeder Organisation heraus, verst\u00e4rken ihre Niederlage durch eine w\u00fctende Selbstkritik. Die regul\u00e4ren Stammtruppen der politisch gereiften Massen dagegen kehren nach einem Sturmangriff zu ihren alten Sch\u00fctzengr\u00e4ben zur\u00fcck, sie sind f\u00e4hig, die langweilige, langsame Belagerungsarbeit, die Minierarbeit des illegalen Kampfes und die allt\u00e4glichen kleinen Scharm\u00fctzel wiederaufzunehmen. Der Hamburger Aufstand bietet \u2013 sowohl nach dem anhaltenden ihm vorangegangenen politischen Proze\u00df, als auch, und das ganz besonders, nach der gl\u00e4nzenden Arbeit, die in den Tagen und Wochen nach seiner Liquidation geleistet wurde \u2013 ein klassisches Beispiel f\u00fcr einen echten revolution\u00e4ren Aufstand, der die interessanteste Strategie der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und eines einzigartigen, idealen R\u00fcckzugs ausgearbeitet und in den Massen das Gef\u00fchl einer zweifellosen \u00dcberlegenheit \u00fcber den Feind, das Bewu\u00dftsein des moralischen Sieges zur\u00fcckgelassen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ergebnisse dieser Arbeit sind nicht zu \u00fcbersehen. Noch nie hat der Zerfall der alten Gewerkschaftsorganisationen ein so gewaltiges Ausma\u00df erreicht wie gerade nach den Oktobertagen. Vom 25. Oktober 1923 bis 1. Januar 1924 sind aus den Reihen der reformistischen Gewerkschaftsverb\u00e4nde mehr als 30 000 alte, langj\u00e4hrige Mitglieder ausgetreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir werden weiter unten die traurige Rolle n\u00e4her beleuchten, die die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und ihr rechter Fl\u00fcgel in den Oktobertagen gespielt haben. Als Leibgarde des Reformismus haben die Verb\u00e4nde \u00abVereinigung Republik\u00bb und \u00abVaterl\u00e4ndische Verteidigung\u00bb offen die Funktionen der Polizei in den ruhigeren Stadtgebieten \u00fcbernommen und es ihr auf diese Weise erm\u00f6glicht, ihre Kr\u00e4fte auf die Unterdr\u00fcckung von Hamm und Schiffbek zu konzentrieren. Davon wird weiter unten noch die Rede sein; wir wollen hier nur bemerken, da\u00df alle diese kriegerischen Taten der rechten F\u00fchrer der Sozialdemokratie dazu gef\u00fchrt haben, da\u00df vor den T\u00fcren ihrer Registrationsb\u00fcros sich Haufen von zerrissenen Mitgliedsb\u00fcchern bildeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergeweise lagen sie neben der Schwelle, und Hunderte von Arbeitern, die riskierten, verhaftet oder von patrouillierender Reichswehr erschossen zu werden, st\u00fcrzten zum Gewerkschaftshaus, um ihre Mitgliedsb\u00fccher den B\u00fcrokraten in das Verr\u00e4tergesicht zu werfen. Eine Reihe der gr\u00f6\u00dften Gewerkschaften der Wasserkante wie der \u00abVereinigte Verband der Bauarbeiter\u00bb kracht nach dem Oktoberaufstand in allen Fugen. Ihre Mitglieder sind faktisch nicht daran zu hindern, demonstrativ in Massen aus dem Verband auszutreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte Gelegenheit, an einer Versammlung eines der Zweige des Bauarbeiter-Verbandes teilzunehmen, der beschlossen hatte, in einer St\u00e4rke von achthundert Mann aus dem Verband auszutreten und seine eigene Vereinigung zu gr\u00fcnden. Unter den Anwesenden waren \u00e4ltere, teils parteilose Arbeiter, Meister ihres Fachs, die keinerlei Not litten, die ihre Mitgliedsbeitr\u00e4ge seit Jahrzehnten regelm\u00e4\u00dfig zahlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Versammlung forderten alte Leute mit wuterstickter Stimme einen sofortigen und vollst\u00e4ndigen Bruch mit den \u00abBonzen\u00bb. Kein Kommunist h\u00e4tte die alte Partei mehr hassen, ihren Zusammenbruch st\u00e4rker empfinden k\u00f6nnen. Vergeblich versuchten Mitglieder der KPD, die Versammelten von der Absicht abzubringen, einen \u00abeigenen Laden\u00bb aufzumachen, bestanden darauf, die Gewerkschaften von innen heraus, durch eine starke, ihren Einflu\u00df st\u00e4ndig verbreiternde Opposition zu revolutionieren. Die Arbeiter verabscheuen die Gewerkschaft als etwas, das nicht einen einzigen Arbeitergroschen, der in ihre Kasse gezahlt wird, wert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kommunistische Partei und die hinter ihr stehenden Massen haben sich nicht nur innerlich, sondern auch \u00e4u\u00dferlich unendlich gefestigt. Ihre Aktivit\u00e4t ist nicht geschw\u00e4cht, trotz der zahlreichen Verhaftungen (\u00fcbrigens wurden die meisten nicht w\u00e4hrend des Aufstandes, sondern nachher, auf Grund von freiwilligen Denunziationen seitens der Kleinb\u00fcrger vorgenommen). Im Gegenteil: alle Mauern von Hamburg sind mit unausl\u00f6schlichen Aufschriften bedeckt. An jeder Stra\u00dfenkreuzung, an jedem \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude liest man die Aufschrift: \u00abDie Kommunistische Partei lebt. Sie kann nicht verboten werden!\u00bb Mag der Reichstag f\u00fcr das \u00abErm\u00e4chtigungsgesetz\u00bb gestimmt haben; mag Seeckt die F\u00fclle der Macht in seinen H\u00e4nden haben, mag die wei\u00dfe Diktatur die letzten Reste, die letzten kleinen Freiheiten der Arbeitergesetzgebung vernichten \u2014 dennoch sind alle W\u00e4nde der Barakken, wo die Arbeiter registriert werden, von oben bis unten wie mit Tapeten frisch mit den kleinen kommunistischen Plakaten beklebt. Wie Schneeflocken wirbeln sie in alle Versammlungen der SPD, fallen von den Galerien, kleben an den W\u00e4nden der Kneipen, an den Scheiben der Stra\u00dfen- und Untergrundbahnen. Die Frauen der entfernten Viertel, deren ganze m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung \u00abunterwegs\u00bb, das hei\u00dft geflohen ist, oder in Gef\u00e4ngnissen sitzt, fordern die Zusendung von Plakaten und Flugbl\u00e4ttern. Und wenn sie sich \u00fcber etwas beklagen, so doch nur \u00fcber das Fehlen einer billigen kommunistischen Zeitung. Alles das ist einer Niederlage so wenig \u00e4hnlich, da\u00df die Richter der Kriegsgerichte, unter dem Druck der drohenden schweigsamen Massen, die Urteile zu mildern versuchen. Die Verurteilten gehen in die Festung oder in das Zuchthaus mit dem Stolz und der Ruhe von Siegern, mit der unersch\u00fctterlichen Gewi\u00dfheit, da\u00df die Revolution den Ablauf ihrer f\u00fcnf, sieben oder zehn Strafjahre unbedingt unterbrechen wird; sie gehen mit einem herablassenden Spott f\u00fcr die Gesetze des b\u00fcrgerlichen Staates, die feige Brutalit\u00e4t seiner Polizei und die Festigkeit seiner Gef\u00e4ngnismauern. Dieser Glaube kann nicht t\u00e4uschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber warum hat das ganze Land den Hamburger Aufstand nicht unterst\u00fctzt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz Deutschland war in den Oktobertagen in zwei einander gegen\u00fcberstehende Lager gespalten, die auf das Angriffssignal warteten. Doch Sachsen war schon mit der Polizei und der Reichswehr \u00fcberf\u00fcllt. Somit h\u00f6rte einer der wichtigsten Sammelpl\u00e4tze der Revolution auf zu existieren. Zahlreiche Gruppen von Arbeitslosen f\u00fcllten noch die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen von Dresden, aber hinter ihnen, neben und vor ihnen stolzierten bewaffnete, herausfordernde und freche Reichswehrtruppen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblick w\u00e4re ein Signal zum Kampf, in Sachsen gegeben, sicherlich das Signal zum Massenterror gegen die s\u00e4chsischen Arbeiter gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur selben Zeit forderte in Hamburg eine Konferenz von Arbeitern der ungeheuren Werften von Hamburg, L\u00fcbeck, Stettin, Bremen und Wilhelmshaven die sofortige Ausrufung des Generalstreiks; es gelang ihren Leitern nur mit gro\u00dfer M\u00fche, einen Aufschub des Generalstreiks auf einige Tage zu erzwingen; die Arbeiterkonferenz in Chemnitz lehnte infolge des rechtssozialistischen Einflusses den Generalstreik ab. Sachsen war schon erdrosselt, und das von den linken Sozialdemokraten im letzten Augenblick verratene Proletariat wich instinktiv einem Zusammensto\u00df aus, der f\u00fcr die Revolution ung\u00fcnstig, vielleicht sogar verh\u00e4ngnisvoll sein konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Berlin! Wer Berlin in den Oktobertagen gesehen hat, der erinnert sich gewi\u00df an das merkw\u00fcrdige Gef\u00fchl der Zwiesp\u00e4ltigkeit, die den Grundzug seiner revolution\u00e4ren Spannung bildete. Frauen und Arbeitslose pr\u00e4gten das Gesicht der Stra\u00dfen. Aufgeweckte Jungen trieben sich vor den Schlangen an den B\u00e4cker- und Fleischerl\u00e4den herum, dr\u00e4ngten sich durch die Gruppen verzweifelter Frauen und pfiffen die \u00abInternationale\u00bb. Der Sturz der Mark, die l\u00e4cherlich geringen Unterst\u00fctzungsgelder der Arbeitslosen, Kriegsinvaliden und Kriegerwitwen, die wucherische Ausbeutung der Arbeit, die unerschwinglichen Preise f\u00fcr alle Artikel des t\u00e4glichen Bedarfs, der Ruin der Kleinbourgeoisie, das schamlose Verhalten der \u00abgro\u00dfen Koalition\u00bb, der Aderla\u00df an der Ruhr, die Repressalien der Franzosen, die Manipulation der deutschen Kapitalisten, die die Presse ans Tageslicht gebracht hat, und die ein blutiges, staubbedecktes Gespenst an der Ruhr heraufbeschworen \u2013 das alles waren sichere Anzeichen der nahenden Revolution. Die Wagen der Reichen mieden schon die Vorst\u00e4dte, die Polizei war schon soweit, da\u00df sie gegen die Pl\u00fcnderer der Brotl\u00e4den nicht mehr allzu scharf vorging;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">drau\u00dfen, vor der Stadt dr\u00f6hnte schon die Artillerie, die man den streikenden Betrieben n\u00e4her brachte; der L\u00e4rm der Lastautos, voll beladen mit Polizei, m\u00e4\u00dfigte nicht den Zorn der Menge, die die M\u00e4rkte und Schauk\u00e4sten der Zeitungen belagerte, sondern hetzte sie noch mehr auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und daneben \u2013 vollkommen passive Arbeitermassen, breite Schichten des verb\u00fcrgerlichten Proletariats, die sich zur\u00fcckhalten, sich an ihr St\u00fcck Brot, an ihr gem\u00fctliches Heim, an ein Pfund Margarine klammern \u2014 auch wenn sie f\u00fcr diese Margarine noch so viele Stunden arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen, die bei sich zu Hause, bei einer Tasse schlechten Kaffees und mit dem \u00abVorw\u00e4rts\u00bb in der Hand ein paar Tage in aller Ruhe abwarten wollen \u2013 bis die Schie\u00dferei in den Stra\u00dfen aufh\u00f6rt, bis man die Toten und Verwundeten fortschafft, die Barrikaden wegger\u00e4umt hat, bis der Sieger, wer es auch sei, ein Bolschewik, ein Ludendorff oder ein Seeckt, die Besiegten in die Gef\u00e4ngnisse gesteckt und den Platz der gesetzm\u00e4\u00dfigen Regierung eingenommen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Berlin wie in Hamburg (Ausnahmen bilden nur einige ausschlie\u00dflich von Arbeitern bewohnte Stadtviertel) h\u00e4tte das revolution\u00e4re Proletariat der Polizei und den Truppen des Generals Seeckt vollst\u00e4ndig isoliert, ohne jede aktive Hilfe seitens der breiten Massen, ohne Hoffnung auf Unterst\u00fctzung in den schwersten Augenblicken und vielleicht, ebenso wie in Hamburg, fast waffenlos entgegentreten m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichtsdestoweniger f\u00fchrte der in Hamburg unter den gleichen oder fast den gleichen ung\u00fcnstigen Umst\u00e4nden unternommene Aufstand nicht nur zu keiner Niederlage; seine Ergebnisse waren im Gegenteil geradezu verbl\u00fcffend. Es ist wahr, hinter seinem R\u00fccken stand das ganze Arbeiterdeutschland, das von der Gegenrevolution im offenen Kampfe nicht geschlagen war und daher den heroischen R\u00fcckzug seines Hamburger Schrittmachers materiell und moralisch decken konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf jeden Fall besteht die Arbeit einer sieghaften Partei nicht allein im fieberhaften Auflauern der sogenannten zw\u00f6lften Stunde der Bourgeoisie, des historischen Augenblicks, wenn der Zeiger der Zeit nach einem kurzen Augenblick des Schwankens die ersten Sekunden der kommunistischen Aera mechanisch ausl\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt ein altes deutsches M\u00e4rchen von einem tapferen Ritter, der sein ganzes Leben in einer verzauberten H\u00f6hle in der Erwartung zugebracht hat, da\u00df der langsam anschwellende, am Tropfstein sich bildende Wassertropfen ihm endlich in den Mund f\u00e4llt. Und immer hinderte ihn im letzten Augenblick irgendeine Bagatelle, irgendein dummer Zwischenfall daran, den so sehns\u00fcchtig erwarteten Tropfen aufzufangen, der dann zwecklos in den Sand fiel. Das Furchtbarste ist nat\u00fcrlich nicht der Augenblick des Mi\u00dferfolges selbst, sondern die tote, leere Pause der entt\u00e4uschten Erwartung zwischen der einen Flut und der n\u00e4chsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Hamburg wartete man nicht mit offenem Munde auf das Himmelsna\u00df. Das, was man hierzulande so wundervoll und kurz Aktion zu nennen pflegt, ist in eine starke Kette fortw\u00e4hrender K\u00e4mpfe eingeschmiedet, mit den vorhergehenden Gliedern verbunden und auf die Zukunft gest\u00fctzt, deren jeder Tag \u2013 ob des Erfolges oder der Niederlage \u2014 unter dem Zeichen des Sieges steht, das die Welt, wie die Faust eines Dampfhammers, zerbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und au\u00dferdem ereignete sich der Aufstand nicht in der Provinz Brandenburg, nicht in Preu\u00dfen, nicht im Berlin des Parlaments, der Siegesallee und des Generals Seeckt, sondern an der Wasserkante.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Essay von Larissa Reissner erschien vor 100 Jahren in <strong>Hamburg auf den Barrikaden<\/strong>. Erlebtes und Erh\u00f6rtes aus dem Hamburger Aufstand 1923<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104954 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Larisa_Rejsner-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Larisa_Rejsner-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Larisa_Rejsner-359x500.jpg 359w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Larisa_Rejsner-160x223.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Larisa_Rejsner.jpg 432w\" sizes=\"auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/12\/walden-life-in-the-woods\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/29\/die-fackel\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In gro\u00dfen St\u00e4dten vergeht ein Aufstand spurlos. Eine Revolution mu\u00df gro\u00df und sieghaft sein, wenn die Spuren der Zerst\u00f6rungen, ihre heroischen Wunden, die wei\u00dfen Trichter der Kugeln an den Mauern, die mit den Pockennarben des Maschinengewehrfeuers bedeckt sind, sich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/14\/hamburger-oktober-1923\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":252,"featured_media":104954,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3914],"class_list":["post-104953","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-larissa-reissner"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104953","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/252"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104953"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104953\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105019,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104953\/revisions\/105019"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104954"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104953"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104953"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}