{"id":104945,"date":"2003-12-19T06:12:40","date_gmt":"2003-12-19T05:12:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104945"},"modified":"2023-09-16T06:23:06","modified_gmt":"2023-09-16T04:23:06","slug":"ueber-ludwig-boerne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/19\/ueber-ludwig-boerne\/","title":{"rendered":"\u00dcber Ludwig B\u00f6rne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war im Jahr 1815 nach Christi Geburt, da\u00df mir der Name B\u00f6rne zuerst ans Ohr klang. Ich befand mich mit meinem seligen Vater auf der Frankfurter Messe, wohin er mich mitgenommen, damit ich mich in der Welt einmal umsehe; das sei bildend. Da bot sich mir ein gro\u00dfes Schauspiel. In den sogenannten H\u00fctten, oberhalb der Zeil, sah ich die Wachsfiguren, wilde Tiere, au\u00dferordentliche Kunst- und Naturwerke. Auch zeigte mir mein Vater die gro\u00dfen, sowohl christlichen als j\u00fcdischen Magazine, worin man die Waren zehn Prozent unter dem Fabrikpreis einkauft, und man doch immer betrogen wird. Auch das Rathaus, den R\u00f6mer, lie\u00df er mich sehen, wo die deutschen Kaiser gekauft wurden, zehn Prozent unter dem Fabrikpreis. Der Artikel ist am Ende ganz ausgegangen. Einst f\u00fchrte mich mein Vater ins Lesekabinett einer der \u2206 oder \u2395 Logen, wo er oft soupierte, Kaffee trank, Karten spielte und sonstige Freimaurer-Arbeiten verrichtete. W\u00e4hrend ich im Zeitungslesen vertieft lag, fl\u00fcsterte mir ein junger Mensch, der neben mir sa\u00df, leise ins Ohr:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist der Doktor B\u00f6rne, welcher gegen die Kom\u00f6dianten schreibt!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich aufblickte, sah ich einen Mann, der, nach einem Journale suchend, mehrmals im Zimmer sich hin- und herbewegte und bald wieder zur T\u00fcr hinausging. So kurz auch sein Verweilen, so blieb mir doch das ganze Wesen des Mannes im Ged\u00e4chtnisse, und noch heute k\u00f6nnte ich ihn mit diplomatischer Treue abkonterfeien. Er trug einen schwarzen Leibrock, der noch ganz neu gl\u00e4nzte, und blendend wei\u00dfe W\u00e4sche; aber er trug dergleichen nicht wie ein Stutzer, sondern mit einer wohlhabenden Nachl\u00e4ssigkeit, wo nicht gar mit einer verdrie\u00dflichen Indifferenz, die hinl\u00e4nglich bekundete, da\u00df er sich mit dem Knoten der wei\u00dfen Krawatte nicht lange vor dem Spiegel besch\u00e4ftigt, und da\u00df er den Rock gleich angezogen, sobald ihn der Schneider gebracht, ohne lange zu pr\u00fcfen, ob er zu eng oder zu weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schien weder gro\u00df noch klein von Gestalt, weder mager noch dick, sein Gesicht war weder rot noch bla\u00df, sondern von einer <a id=\"page424\" title=\"Epiphanius\/VerbOrg\" name=\"page424\"><\/a> anger\u00f6teten Bl\u00e4sse oder verbla\u00dften R\u00f6te, und was sich darin zun\u00e4chst aussprach, war eine gewisse ablehnende Vornehmheit, ein gewisses Dedain, wie man es bei Menschen findet, die sich besser als ihre Stellung f\u00fchlen, aber an der Leute Anerkenntnis zweifeln. Es war nicht jene geheime Majest\u00e4t, die man auf dem Antlitz eines K\u00f6nigs oder eines Genies, die sich inkognito unter der Menge verborgen halten, entdecken kann; es war vielmehr jener revolution\u00e4re, mehr oder minder titanenhafte Mi\u00dfmut, den man auf den Gesichtern der Pr\u00e4tendenten jeder Art bemerkt. Sein Auftreten, seine Bewegung, sein Gang hatten etwas Sicheres, Bestimmtes, Charaktervolles. Sind au\u00dferordentliche Menschen heimlich umflossen von dem Ausstrahlen ihres Geistes? Ahnet unser Gem\u00fct dergleichen Glorie, die wir mit den Augen des Leibes nicht sehen k\u00f6nnen? Das moralische Gewitter in einem solchen au\u00dferordentlichen Menschen wirkt vielleicht elektrisch auf junge, noch nicht abgestumpfte Gem\u00fcter, die ihm nahen, wie das materielle Gewitter auf Katzen wirkt. Ein Funken aus dem Auge des Mannes ber\u00fchrte mich, ich wei\u00df nicht wie, aber ich verga\u00df nicht diese Ber\u00fchrung und verga\u00df nie den Doktor B\u00f6rne, welcher gegen die Kom\u00f6dianten schrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, er war damals Theaterkritiker und \u00fcbte sich an den Helden der Bretterwelt. Wie mein Universit\u00e4tsfreund Dieffenbach, als wir in Bonn studierten, \u00fcberall, wo er einen Hund oder eine Katze erwischte, ihnen gleich die Schw\u00e4nze abschnitt, aus purer Schneidelust, was wir ihm damals, als die armen Bestien gar entsetzlich heulten, so sehr verargten, sp\u00e4ter aber ihm gern verziehen, da ihn diese Schneidelust zu dem gr\u00f6\u00dften Operateur Deutschlands machte, so hat sich auch B\u00f6rne zuerst an Kom\u00f6dianten versucht, und manchen jugendlichen \u00dcbermut, den er damals beging an den Heigeln, Weidnern, Urspr\u00fcngen und dergleichen unschuldigen Tieren, die seitdem ohne Schw\u00e4nze herumlaufen, mu\u00df man ihm zugute halten f\u00fcr die besseren Dienste, die er sp\u00e4ter als gro\u00dfer politischer Operateur mit seiner gewetzten Kritik zu leisten verstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war Varnhagen von Ense, welcher etwa zehn Jahre nach dem erw\u00e4hnten Begebnisse den Namen B\u00f6rne wieder in meiner Erinnerung heraufrief, und mir Aufs\u00e4tze dieses Mannes, namentlich in der \u00bbWage\u00ab und in den \u00bbZeitschwingen\u00ab, zu lesen gab. Der Ton, womit er mir diese Lekt\u00fcre empfahl, war bedeutsam dringend, und das L\u00e4cheln, welches um die Lippen der anwesenden Rahel schwebte, jenes wohlbekannte, r\u00e4tselhaft wehm\u00fctige, vernunftvoll mystische L\u00e4cheln, gab der Empfehlung ein noch gr\u00f6\u00dferes Gewicht. Rahel schien nicht blo\u00df auf literarischem Wege \u00fcber B\u00f6rne unterrichtet zu sein, und, wie ich mich erinnere, versicherte sie bei dieser Gelegenheit, es existierten Briefe, die B\u00f6rne einst an eine geliebte Person gerichtet habe, und worin sein leidenschaftlicher hoher Geist sich noch gl\u00e4nzender als in seinen gedruckten Aufs\u00e4tzen ausspr\u00e4che.<span class=\"footnote\">Die erw\u00e4hnte Korrespondenz \u2013 \u00bb<i>Briefe des jungen B\u00f6rne an Henriette Herz<\/i>\u00ab \u2013 ist aus Varnhagen&#8217;s Nachla\u00df (Leipzig, F.\u00a0W.\u00a0Brockhaus, 1861) ver\u00f6ffentlicht worden. \u2013\u00a0<i>Der Herausgeber.<\/i><\/span> <a id=\"page425\" title=\"Epiphanius\/VerbOrg\" name=\"page425\"><\/a> Auch \u00fcber seinen Stil \u00e4u\u00dferte sich Rahel, und zwar mit Worten, die jeder, der mit ihrer Sprache nicht vertraut ist, sehr mi\u00dfverstehen m\u00f6chte; sie sagte: \u00bbB\u00f6rne kann nicht schreiben, eben so wenig wie ich oder Jean Paul.\u00ab Unter Schreiben verstand sie n\u00e4mlich die ruhige Anordnung, sozusagen die Redaktion der Gedanken, die logische Zusammensetzung der Redeteile, kurz jene Kunst des Periodenbaues, den sie sowohl bei Goethe wie bei ihrem Gemahl so enthusiastisch bewunderte, und wor\u00fcber wir damals fast t\u00e4glich die fruchtbarsten Debatten f\u00fchrten. Die heutige Prosa, was ich hier beil\u00e4ufig bemerken will, ist nicht ohne viel Versuch, Beratung, Widerspruch und M\u00fche geschaffen worden. Rahel liebte vielleicht B\u00f6rne um so mehr, da sie ebenfalls zu jenen Autoren geh\u00f6rte, die, wenn sie gut schreiben sollen, sich immer in einer leidenschaftlichen Anregung, in einem gewissen Geistesrausch befinden m\u00fcssen, \u2013 Bacchanten des Gedankens, die dem Gotte mit heiliger Trunkenheit nachtaumeln. Aber bei ihrer Vorliebe f\u00fcr wahlverwandte Naturen hegte sie dennoch die gr\u00f6\u00dfte Bewunderung f\u00fcr jene besonnenen Bildner des Wortes, die all ihr Denken, F\u00fchlen und Anschauen, abgel\u00f6st von der geb\u00e4renden Seele, wie einen gegebenen Stoff zu handhaben und gleichsam plastisch darzustellen wissen. Ungleich jener gro\u00dfen Frau, hegte B\u00f6rne den engsten Widerwillen gegen dergleichen Darstellungsart; in seiner subjektiven Befangenheit begriff er nicht die objektive Freiheit, die Goethe&#8217;sche Weise, und die k\u00fcnstlerische Form hielt er f\u00fcr Gem\u00fctlosigkeit; er glich dem Kinde, welches, ohne den gl\u00fchenden Sinn einer griechischen Statue zu ahnen, nur die marmornen Formen betastet und \u00fcber K\u00e4lte klagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem ich hier antizipierend von dem Widerwillen rede, welchen die Goethe&#8217;sche Darstellungsart in B\u00f6rne aufregte, lasse ich zugleich erraten, da\u00df die Schreibart des letztern schon damals kein unbedingtes Wohlgefallen bei mir hervorrief. Es ist nicht meines Amtes, die M\u00e4ngel dieser Schreibweise aufzudecken, auch w\u00fcrde jede Andeutung \u00fcber das, was mir an diesem Stile am meisten mi\u00dffiel, nur von den wenigsten verstanden werden. Nur so viel will ich bemerken, da\u00df, um vollendete Prosa zu schreiben, unter anderm auch eine gro\u00dfe Meisterschaft in metrischen Formen erforderlich ist. Ohne eine solche Meisterschaft fehlt dem Prosaiker ein gewisser Takt, es entschl\u00fcpfen ihm Wortf\u00fcgungen, Ausdr\u00fccke, Z\u00e4suren und Wendungen, die nur in gebundener Rede statthaft sind, und es entsteht ein geheimer Mi\u00dflaut, der nur wenige, aber sehr feine Ohren verletzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sehr ich aber auch geneigt war, an der Au\u00dfenschale, an <a id=\"page426\" title=\"Epiphanius\/VerbOrg\" name=\"page426\"><\/a> dem Stile B\u00f6rne&#8217;s zu m\u00e4keln, und namentlich, wo er nicht beschreibt, sondern r\u00e4sonniert, die kurzen S\u00e4tze seiner Prosa als eine kindische Unbeholfenheit zu betrachten, so lie\u00df ich doch dem Inhalt, dem Kern seiner Schriften die reichlichste Gerechtigkeit widerfahren, ich verehrte die Originalit\u00e4t, die Wahrheitsliebe, \u00fcberhaupt den edlen Charakter, der sich durchg\u00e4ngig darin aussprach, und seitdem verlor ich den Verfasser nicht mehr aus dem Ged\u00e4chtnis. Man hatte mir gesagt, da\u00df er noch immer zu Frankfurt lebe, und als ich mehre Jahre sp\u00e4ter, Anno 1827, durch diese Stadt reisen mu\u00dfte, um mich nach M\u00fcnchen zu begeben, hatte ich mir bestimmt vorgenommen, dem Doktor B\u00f6rne in seiner Behausung meinen Besuch abzustatten. Dieses gelang mir, aber nicht ohne vieles Umherfragen und Fehlsuchen; \u00fcberall wo ich mich nach ihm erkundigte, sah man mich ganz befremdlich an, und man schien in seinem Wohnorte ihn entweder wenig zu kennen, oder sich noch weniger um ihn zu bek\u00fcmmern. Sonderbar! H\u00f6ren wir in der Ferne von einer Stadt, wo dieser oder jener gro\u00dfe Mann lebt, unwillk\u00fcrlich denken wir uns ihn als den Mittelpunkt der Stadt, deren D\u00e4cher sogar von seinem Ruhme bestrahlt w\u00fcrden. Wie wundern wir uns nun, wenn wir in der Stadt selbst anlangen und den gro\u00dfen Mann wirklich darin aufsuchen wollen und ihn erst lange erfragen m\u00fcssen, bis wir ihn unter der gro\u00dfen Menge herausfinden! So sieht der Reisende schon in weitester Ferne den hohen Dom einer Stadt; gelangt er aber in ihr Weichbild selbst, so verschwindet derselbe wieder seinen Blicken, und erst hin- und herwandernd durch viele krumme und enge Str\u00e4\u00dfchen kommt der gro\u00dfe Turmbau wieder zum Vorschein, in der N\u00e4he von gew\u00f6hnlichen H\u00e4usern und Boutiken, die ihn schier verborgen halten\u202f.\u202f.\u202f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte M\u00fche, den Mann wiederzuerkennen, dessen fr\u00fcheres Aussehen mir noch lebhaft im Ged\u00e4chtnisse schwebte. Keine Spur mehr von vornehmer Unzufriedenheit und stolzer Verd\u00fcsterung. Ich sah jetzt ein zufriedenes M\u00e4nnchen, sehr schm\u00e4chtig, aber nicht krank, ein kleines K\u00f6pfchen mit schwarzen glatten H\u00e4rchen, auf den Wangen sogar ein St\u00fcck R\u00f6te, die lichtbraunen Augen sehr munter, Gem\u00fctlichkeit in jedem Blick, in jeder Bewegung, auch im Tone. Dabei trug er ein gesticktes Kamis\u00f6lchen von grauer Wolle, welches, eng anliegend wie ein Ringpanzer, ihm ein drollig m\u00e4rchenhaftes Ansehen gab. Er empfing mich mit Herzlichkeit und Liebe; es vergingen keine drei Minuten, und wir gerieten ins vertraulichste Gespr\u00e4ch. Wovon wir zuerst redeten? Wenn K\u00f6chinnen zusammenkommen, sprechen sie von ihrer Herrschaft, und wenn deutsche Schriftsteller zusammenkommen, sprechen sie von ihren Verlegern. Unsere Konversation begann daher mit Cotta und Campe, und als ich, nach einigen gebr\u00e4uchlichen Klagen, die guten Eigenschaften des letztern eingestand, vertraute mir B\u00f6rne, da\u00df er <a id=\"page427\" title=\"Epiphanius\/VerbOrg\" name=\"page427\"><\/a> mit einer Herausgabe seiner s\u00e4mtlichen Schriften schwanger gehe, und f\u00fcr dieses Unternehmen sich den Campe merken wolle. Ich konnte n\u00e4mlich von Julius Campe versichern, da\u00df er kein gew\u00f6hnlicher Buchh\u00e4ndler sei, der mit Edlen, Sch\u00f6nen, Gro\u00dfen nur Gesch\u00e4fte machen und eine gute Konjunktur benutzen will, sondern da\u00df er manchmal das Gro\u00dfe, Sch\u00f6ne, Edle unter sehr ung\u00fcnstigen Konjunkturen druckt und wirklich sehr schlechte Gesch\u00e4fte damit macht. Auf solche Worte horchte B\u00f6rne mit beiden Ohren, und sie haben ihn sp\u00e4terhin veranla\u00dft, nach Hamburg zu reisen und sich mit dem Verleger der \u00bbReisebilder\u00ab \u00fcber eine Herausgabe seiner s\u00e4mtlichen Schriften zu verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald die Verleger abgetan sind, beginnen die wechselseitigen Komplimente zwischen zwei Schriftstellern, die sich zum ersten Male sprechen. Ich \u00fcbergehe, was B\u00f6rne \u00fcber meine Vorz\u00fcglichkeit \u00e4u\u00dferte, und erw\u00e4hne nur den leisen Tadel, den er bisweilen in den sch\u00e4umenden Kelch des Lebens eintr\u00f6pfeln lie\u00df. Er hatte n\u00e4mlich kurz vorher den zweiten Teil der \u00bbReisebilder\u00ab gelesen, und vermeinte, da\u00df ich von Gott, welcher doch Himmel und Erde erschaffen und so weise die Welt regiere, mit zu wenig Reverenz, hingegen von dem Napoleon, welcher doch nur ein sterblicher Despot gewesen, mit \u00fcbertriebener Ehrfurcht gesprochen habe. Er schien den Napoleon wenig zu lieben, obgleich er doch unbewu\u00dft den gr\u00f6\u00dften Respekt vor ihm in der Seele trug. Es verdro\u00df ihn, da\u00df die F\u00fcrsten sein Standbild von der Vendomes\u00e4ule so ungro\u00dfm\u00fctig herabgerissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch!\u00ab rief er mit einem bittern Seufzer, \u00bbihr konntet dort seine Statue getrost stehen lassen; ihr brauchtet nur ein Plakat mit der Inschrift: \u203aAchtzehnter Brumaire\u2039 daran zu befestigen, und die Vendomes\u00e4ule w\u00e4re seine verdiente Schands\u00e4ule geworden! Wie liebte ich diesen Mann bis zum achtzehnten Brumaire; noch bis zum Frieden von Campo Formio bin ich ihm zugetan; als er aber die Stufen des Thrones erstieg, sank er immer tiefer im Werte; man konnte von ihm sagen: er ist die rote Treppe hinaufgefallen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe noch diesen Morgen\u00ab, setzte B\u00f6rne hinzu, \u00bbihn bewundert, als ich in diesem Buche, das hier auf meinem Tische liegt \u2013 er zeigte auf Thier&#8217;s Revolutionsgeschichte \u2013 die vortreffliche Anekdote las, wie Napoleon zu Udine eine Entrevue mit Kobentzel hat und im Eifer des Gespr\u00e4chs das Porzellan zerschl\u00e4gt, das Kobentzel einst von der Kaiserin Katharina erhalten und gewi\u00df sehr liebte. Dieses zerschlagene Porzellan hat vielleicht den Frieden von Campo Formio herbeigef\u00fchrt. Der Kobentzel dachte gewi\u00df: \u00bbMein Kaiser hat so viel Porzellan, und das gibt ein Ungl\u00fcck. Wenn der Kerl nach Wien k\u00e4me und gar zu feurig in Eifer geriete \u2013 das Beste ist, wir machen mit ihm Friede.\u00ab Wahrscheinlich in jener Stunde, als zu Udine das Porzellanservice von Kobentzel zu Boden purzelte und in lauter Scherben zerbrach, zitterte zu Wien alles <a id=\"page428\" title=\"Epiphanius\/VerbOrg\" name=\"page428\"><\/a> Porzellan, und nicht blo\u00df die Kaffeekannen und Tassen, sondern auch die chinesischen Pagoden, sie nickten mit den K\u00f6pfen vielleicht hastiger als je, und der Friede wurde ratifiziert. In Bilderl\u00e4den sieht man den Napoleon gew\u00f6hnlich, wie er auf b\u00e4umendem Ro\u00df den Simplon besteigt, wie er mit hochgeschwungener Fahne \u00fcber die Br\u00fccke von Lodi st\u00fcrmt usw. Wenn ich aber ein Maler w\u00e4re, so w\u00fcrde ich ihn darstellen, wie er das Service von Kobentzel zerschl\u00e4gt. Das war seine erfolgreichste Tat. Jeder K\u00f6nig f\u00fcrchtete seitdem f\u00fcr sein Porzellan, und gar besondere Angst \u00fcberkam die Berliner wegen ihrer gro\u00dfen Porzellanfabrik. Sie haben keinen Begriff davon, liebster Heine, wie man durch den Besitz von sch\u00f6nem Porzellan im Zaum gehalten wird. Sehen Sie z.\u00a0B. mich, der ich einst so wild war, als ich wenig Gep\u00e4ck hatte und gar kein Porzellan. Mit dem Besitztum, und gar mit gebrechlichem Besitztum kommt die Furcht und die Knechtschaft. Ich habe mir leider vor kurzem ein sch\u00f6nes Teeservice angeschafft \u2013 die Kanne war so lockend pr\u00e4chtig vergoldet \u2013 auf der Zuckerdose war das eheliche Gl\u00fcck abgemalt, zwei Liebende, die sich schn\u00e4beln \u2013 auf der einen Tasse der Katharinenturm, auf einer andern die Konstablerwache, lauter vaterl\u00e4ndische Gegenden auf den \u00fcbrigen Tassen. \u2013 Ich habe wahrhaftig jetzt meine liebe Sorge, da\u00df ich in meiner Dummheit nicht zu frei schreibe und pl\u00f6tzlich fl\u00fcchten m\u00fc\u00dfte. \u2013 Wie k\u00f6nnte ich in der Geschwindigkeit all&#8216; diese Tassen und gar die gro\u00dfe Kanne einpacken? In der Eile k\u00f6nnten sie zerbrochen werden, und zur\u00fccklassen m\u00f6chte ich sie in keinem Falle. Ja, wir Menschen sind sonderbare K\u00e4uze! Derselbe Mensch, der vielleicht Ruhe und Freude seines Lebens, ja das Leben selbst aufs Spiel setzen w\u00fcrde, um seine Meinungsfreiheit zu behaupten, der will doch nicht gern ein paar Tassen verlieren, und wird ein schweigender Sklave, um seine Teekanne zu konservieren. Wahrhaftig, ich f\u00fchle, wie das verdammte Porzellan mich im Schreiben hemmt, ich werde so milde, so vorsichtig, so \u00e4ngstlich\u202f.\u202f.\u202f. Am Ende glaub&#8216; ich gar, der Porzellanh\u00e4ndler war ein \u00f6streichischer Polizeiagent, und Metternich hat mir das Porzellan auf den Hals geladen, um mich zu z\u00e4hmen. Ja, ja, deshalb war es so wohlfeil, und der Mann so beredsam. Ach, die Zuckerdose mit dem ehelichen Gl\u00fcck war eine so s\u00fc\u00dfe Lockspeise! Ja, je mehr ich mein Porzellan betrachte, desto wahrscheinlicher wird mir der Gedanke, da\u00df es von Metternich herr\u00fchrt. Ich verdenke es ihm im mindesten, da\u00df man mir auf solche Weise beizukommen sucht. Wenn man kluge Mittel gegen mich anwendet, werde ich nie unwirsch; nur die Plumpheit und die Dummheit ist mir unausstehlich. Da ist aber unser Frankfurter Senat\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe meine Gr\u00fcnde, den Mann nicht weiter sprechen zu lassen, und bemerke nur, da\u00df er am Ende seiner Rede mit gutm\u00fctigem Lachen ausrief:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page429\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page429\"><\/a> \u00bbAber noch bin ich stark genug, meine Porzellanfesseln zu brechen, und macht man mir den Kopf warm, wahrhaftig, die sch\u00f6ne vergoldete Teekanne fliegt zum Fenster hinaus mitsamt der Zuckerdose und dem ehelichen Gl\u00fcck und dem Katharinenturm und der Konstablerwache und den vaterl\u00e4ndischen Gegenden, und ich bin dann wieder ein freier Mann, nach wie vor!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00f6rne&#8217;s Humor, wovon ich eben ein sprechendes Beispiel gegeben, unterschied sich von dem Humor Jean Paul&#8217;s dadurch, da\u00df letzterer gern die entferntesten Dinge ineinanderr\u00fchrte, w\u00e4hrend jener, wie ein lustiges Kind, nur nach dem Nahliegenden griff, und w\u00e4hrend die Phantasie des konfusen Polyhistors von Bayreuth in der Rumpelkammer aller Zeiten herumkramte und mit Siebenmeilenstiefeln alle Weltgegenden durchschweifte, hatte B\u00f6rne nur den gegenw\u00e4rtigen Tag im Auge, und die Gegenst\u00e4nde, die ihn besch\u00e4ftigen, lagen alle in seinem r\u00e4umlichen Gesichtskreis. Er besprach das Buch, das er eben gelesen, das Ereignis, das eben vorfiel, den Stein, an den er sich eben gesto\u00dfen, Rothschild, an dessen Haus er t\u00e4glich vorbeiging, den Bundestag, der auf der Zeil residiert und den er ebenfalls an Ort und Stelle hassen konnte, endlich alle Gedankenwege f\u00fchrten ihn zu Metternich. Sein Groll gegen Goethe hatte vielleicht ebenfalls \u00f6rtliche Anf\u00e4nge; ich sage Anf\u00e4nge, nicht Ursachen; denn wenn auch der Umstand, da\u00df Frankfurt ihre gemeinschaftliche Vaterstadt war, B\u00f6rne&#8217;s Aufmerksamkeit zun\u00e4chst auf Goethe lenkte, so war doch der Ha\u00df, der gegen diesen Mann in ihm brannte und immer leidenschaftlicher entloderte, nur die notwendige Folge einer tiefen, in der Natur beider M\u00e4nner begr\u00fcndeten Differenz. Hier wirkte keine kleinliche Schelsucht, sondern ein uneigenn\u00fctziger Widerwille, der angebornen Trieben gehorcht, ein Hader, welcher, alt wie die Welt, sich in allen Gesichtern des Menschengeschlechts kundgibt und am grellsten hervortrat in dem Zweikampfe, welchen der jud\u00e4ische Spiritualismus gegen hellenische Lebensherrlichkeit f\u00fchrte, ein Zweikampf, der noch immer nicht entschieden ist und vielleicht nie ausgek\u00e4mpft wird, der kleine Nazarener ha\u00dfte den gro\u00dfen Griechen, der noch dazu ein griechischer Gott war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Werk von Wolfgang Menzel war eben erschienen, und B\u00f6rne freute sich kindisch, da\u00df jemand gekommen sei, der den Mut zeige, so r\u00fccksichtslos gegen Goethe aufzutreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Respekt\u00ab, setzte er naiv hinzu, \u00bbhat mich immer davon abgehalten, dergleichen \u00f6ffentlich auszusprechen. Der Menzel, der hat Mut, der ist ein ehrlicher Mann und ein Gelehrter; den m\u00fcssen Sie kennenlernen, an dem werden wir noch viele Freude erleben; der hat viel Courage, der ist ein grundehrlicher Mann und ein gro\u00dfer Gelehrter! An dem Goethe ist gar nichts, er ist eine Memme, ein serviler Schmeichler und ein Dilettant.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dieses Thema kam er oft zur\u00fcck; ich mu\u00dfte ihm versprechen, <a id=\"page430\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page430\"><\/a> in Stuttgart den Menzel zu besuchen und er schrieb mir gleich zu diesem Behufe eine Empfehlungskarte, und ich h\u00f6re ihn noch eifrig hinzusetzen: \u00bbDer hat Mut, au\u00dferordentlich viel Courage, der ist ein braver, grundehrlicher Mann und ein gro\u00dfer Gelehrter!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in seinen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Goethe, so auch in seiner Beurteilung anderer Schriftsteller, verriet B\u00f6rne seine nazarenische Beschr\u00e4nktheit. Ich sage nazarenisch, um mich weder des Ausdrucks \u00bbj\u00fcdisch\u00ab noch \u00bbchristlich\u00ab zu bedienen, obgleich beide Ausdr\u00fccke f\u00fcr mich synonym sind und von mir nicht gebraucht werden, um einen Glauben, sondern um ein Naturell zu bezeichnen. \u00bbJuden\u00ab und \u00bbChristen\u00ab sind f\u00fcr mich ganz sinnverwandte Worte, im Gegensatz zu \u00bbHellenen\u00ab, mit welchem Namen ich ebenfalls kein bestimmtes Volk, sondern eine sowohl angeborene als angebildete Geistesrichtung und Anschauungsweise bezeichne. In dieser Beziehung m\u00f6chte ich sagen: alle Menschen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit asketischen, bildfeindlichen, vergeistungss\u00fcchtigen Trieben, oder Menschen von lebensheiterem, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen. So gab es Hellenen in deutschen Predigerfamilien, und Juden, die in Athen geboren und vielleicht von Theseus abstammen. Der Bart macht nicht den Juden, oder der Zopf macht nicht den Christen, kann man hier mit Recht sagen. B\u00f6rne war ganz Nazarener, seine Antipathie gegen Goethe ging unmittelbar hervor aus seinem nazarenischen Gem\u00fcte, seine sp\u00e4tere politische Exaltation war begr\u00fcndet in jenem schroffen Asketismus, jenem Durst nach M\u00e4rtyrtum, der \u00fcberhaupt bei den Republikanern gefunden wird, den sie republikanische Tugend nennen, und der von der Passionsfrucht der fr\u00fcheren Christen so wenig verschieden ist. In seiner sp\u00e4teren Zeit wendete sich B\u00f6rne sogar zum historischen Christentum, er sank fast in den Katholizismus, er fraternisierte mit dem Pfaffen Lamennais und verfiel in den widerw\u00e4rtigsten Kapuzinerton, als er sich einst \u00fcber einen Nachfolger Goethe&#8217;s einen Pantheisten von der heitern Observanz, \u00f6ffentlich aussprach. \u2013 Psychologisch merkw\u00fcrdig ist die Untersuchung, wie in B\u00f6rne&#8217;s Seele allm\u00e4hlich das eingeborene Christentum emporstieg, nachdem es lange niedergehalten worden von seinem scharfen Verstand und seiner Lustigkeit. Ich sage Lustigkeit, <i>gait\u00e9<\/i>, nicht Freude, <i>joie;<\/i> die witzige, eichk\u00e4tzchenhafte Munterkeit, gar lieblich kaprizi\u00f6s, gar s\u00fc\u00df, auch gl\u00e4nzend, worauf aber bald eine starre Gem\u00fctsvertr\u00fcbung folgt; es fehlt ihnen die Majest\u00e4t der Genu\u00dfseligkeit die nur bei bewu\u00dften G\u00f6ttern gefunden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist aber in unserem Sinne kein gro\u00dfer Unterschied zwischen Juden und Christen, so existiert dergleichen desto herber in der Weltbetrachtung Frankfurter Philister; \u00fcber die Mi\u00dfst\u00e4nde, die sich daraus ergeben, sprach B\u00f6rne sehr viel und sehr oft w\u00e4hrend den <a id=\"page431\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page431\"><\/a> drei Tagen, die ich ihm zuliebe in der freien Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main verweilte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, mit drolliger G\u00fcte drang er mir das Versprechen ab, ihm drei Tage meines Lebens zu schenken, er lie\u00df mich nicht mehr von sich, und ich mu\u00dfte mit ihm in der Stadt herumlaufen, allerlei Freunde besuchen, auch Freundinnen\u202f.\u202f.\u202f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich interessiert bei ausgezeichneten Leuten der Gegenstand ihrer Liebesgef\u00fchle immer weniger als das Gef\u00fchl der Liebe selbst. Letzteres aber \u2013 das wie ich \u2013 mu\u00df bei B\u00f6rne sehr stark gewesen sein. Wie sp\u00e4ter bei der Lekt\u00fcre seiner gesammelten Schriften, so schon in Frankfurt durch manche hingeworfene \u00c4u\u00dferung, merkte ich, da\u00df B\u00f6rne zu verschiedenen Jahrzeiten seines Lebens von den T\u00fccken des kleinen Gottes weidlich geplagt worden. Namentlich von den Qualen der Eifersucht wei\u00df er viel zu sagen, wie denn \u00fcberhaupt die Eifersucht in seinem Charakter lag und ihn, im Leben wie in der Politik, alle Erscheinungen durch die gelbe Lupe des Mi\u00dftrauens betrachten lie\u00df. Ich erw\u00e4hnte, da\u00df B\u00f6rne zu verschiedenen Zeiten seines Lebens von Liebesleiden heimgesucht worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch\u00ab, seufzte er einmal wie aus der Tiefe schmerzlicher Erinnerungen, \u00bbin sp\u00e4tern Jahren ist diese Leidenschaft noch weit gef\u00e4hrlicher als in der Jugend. Man sollte es kaum glauben, da sich doch mit dem Alter auch unsere Vernunft entwickelt hat und diese uns unterst\u00fctzen k\u00f6nnte im Kampfe mit der Leidenschaft. Saubere Unterst\u00fctzung! Merken Sie sich das: die Vernunft hilft uns nur, jene kleinen Kapricen zu bek\u00e4mpfen, die wir auch ohne ihre Intervention bald \u00fcberwinden w\u00fcrden. Aber sobald sich eine gro\u00dfe, wahre Leidenschaft unseres Herzens bem\u00e4chtigt hat und unterdr\u00fcckt werden soll, wegen des positiven Schadens, der uns dadurch bedroht, alsdann gew\u00e4hrt uns die Vernunft wenig Hilfe, ja, die Kanaille, sie wird alsdann sogar eine Bundesgenossin des Feindes, und anstatt unsere materiellen oder moralischen Interessen zu vertreten, leiht sie dem Feinde der Leidenschaft alle ihre Logik, alle ihre Syllogismen, alle ihre Sophismen, und dem stummen Wahnsinn liefert sie die Waffe des Wortes. Vern\u00fcnftig, wie sie ist, schl\u00e4gt sich die Vernunft immer zur Partei des St\u00e4rkern, zur Partei der Leidenschaft, und verl\u00e4\u00dft sie wieder, sobald die Force derselben durch die Gewalt der Zeit oder durch das Gesetz der Reaktion gebrochen wird. Wie verh\u00f6hnt sie alsdann die Gef\u00fchle, die sie kurz vorher so eifrig rechtfertigte! Mi\u00dftrauen Sie, lieber Freund, in der Leidenschaft immer der Sprache der Vernunft, und ist die Leidenschaft erloschen, so mi\u00dftrauen Sie ihr ebenfalls, und sein Sie nicht ungerecht gegen Ihr Herz!\u202f.\u202f.\u202f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00f6rne wollte mich die Merkw\u00fcrdigkeiten Frankfurt&#8217;s sehen lassen, und vergn\u00fcgt, im gem\u00fctlichsten Hundetrab, lief er mir zur Seite, als wir durch die Stra\u00dfen wanderten. Ein wunderliches <a id=\"page432\" title=\"Epiphanius\/cal\" name=\"page432\"><\/a> Ansehen gab ihm sein kurzes M\u00e4ntelchen und sein wei\u00dfes H\u00fctchen, welches zur H\u00e4lfte mit einem Schwarzen Flor umwickelt war. Der schwarze Flor bedeutete den Tod seines Vaters, welcher ihn bei Lebzeiten sehr knapp gehalten, ihm jetzt aber auf einmal viel Geld hinterlie\u00df. B\u00f6rne schien damals die angenehmen Empfindungen solcher Gl\u00fccksver\u00e4nderungen noch in sich zu tragen und \u00fcberhaupt im Zenit des Wohlbehagens zu stehen. Er klagte sogar \u00fcber seine Gesundheit, d.\u00a0h., er klagte, er werde t\u00e4glich ges\u00fcnder und mit der zunehmenden Gesundheit schw\u00e4nden seine geistigen F\u00e4higkeiten. \u00bbIch bin zu gesund und kann nichts mehr schreiben\u00ab, klagte er im Scherz, vielleicht auch im Ernst, denn bei solchen Naturen ist das Talent abh\u00e4ngig von gewissen krankhaften Zust\u00e4nden, von einer gewissen Reizbarkeit, die ihre Empfindungs- und Ausdrucksweise steigert, und die mit der eintretenden Gesundheit wieder verschwindet. \u00bbEr hat mich bis zur Dummheit kuriert\u00ab, sagte B\u00f6rne von seinem Arzte, zu welchem er mich f\u00fchrte, und in dessen Haus ich auch mit ihm speiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenst\u00e4nde, womit B\u00f6rne in zuf\u00e4llige Ber\u00fchrung kam, gaben seinem Geiste nicht blo\u00df die n\u00e4chste Besch\u00e4ftigung, sondern wirkten auch unmittelbar auf die Stimmung seines Geistes, und mit ihrem Wechsel stand seine gute oder b\u00f6se Laune in unmittelbarer Verbindung. Wie das Meer von den vor\u00fcberziehenden Wolken, so empfing B\u00f6rne&#8217;s Seele die jedesmalige F\u00e4rbung von den Gegenst\u00e4nden, denen er auf seinem Weg begegnete. Der Anblick sch\u00f6ner Gartenanlagen oder einer Gruppe sch\u00e4kernder M\u00e4gde, die uns entgegenlachte, warfen gleichsam Rosenlichter \u00fcber B\u00f6rne&#8217;s Seele, und der Widerschein derselben gab sich kund in spr\u00fchenden Witzen. Als wir aber durch das Judenquartier gingen, schienen die schwarzen H\u00e4user ihre finstern Schatten in sein Gem\u00fct zu gie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBetrachten Sie diese Gasse\u00ab, sprach er seufzend, \u00bbund r\u00fchmen Sie mir alsdann das Mittelalter! Die Menschen sind tot, die hier gelebt und geweint haben, und k\u00f6nnen nicht widersprechen, wenn unsere verr\u00fcckten Poeten und noch verr\u00fccktern Historiker, wenn Narren und Sch\u00e4lke von der alten Herrlichkeit ihre Entz\u00fcckungen drucken lassen; aber wo die toten Menschen schweigen, da sprechen desto lauter die lebendigen Steine.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat, die H\u00e4user jener Stra\u00dfe sahen mich an, als wollten sie mir betr\u00fcbsame Geschichten erz\u00e4hlen, Geschichten, die man wohl wei\u00df, aber nicht wissen will oder lieber verg\u00e4\u00dfe, als da\u00df man sie ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckriefe. So erinnere ich mich noch eines giebelhohen Hauses, dessen Kohlenschw\u00e4rze um so greller hervorstach, da unter den Fenstern eine Reihe kreidewei\u00dfer Talglichter hingen; der Eingang, zur H\u00e4lfte mit rostigen Eisenstangen vergittert, f\u00fchrte in eine dunkle H\u00f6hle, wo die Feuchtigkeit von den W\u00e4nden herabzurieseln schien, und aus dem Innern t\u00f6nte ein <a id=\"page433\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page433\"><\/a> h\u00f6chste sonderbarer, n\u00e4selnder Gesang. Die gebrochene Stimme schien die eines alten Mannes, und die Melodie wiegte sich in den sanftesten Klagelauten, die allm\u00e4hlich bis zum entsetzlichsten Zorne anschwollen. Was ist das f\u00fcr ein Lied? frug ich meinen Begleiter. \u00bbEs ist ein gutes Lied\u00ab, antwortete dieser mit einem m\u00fcrrischen Lachen, \u00bbein lyrisches Meisterst\u00fcck, das im diesj\u00e4hrigen Musenalmanach schwerlich seinesgleichen findet\u202f.\u202f.\u202f. Sie kennen es vielleicht in der deutschen \u00dcbersetzung: Wir sa\u00dfen an den Fl\u00fcssen Babel&#8217;s, unsere Harfen hingen an den Trauerweiden usw. Ein Prachtgedicht! und der alte Rabbi Chayim singt es sehr gut mit seiner zittrigen, abgemergelten Stimme; die Sonntag s\u00e4nge es vielleicht mit gr\u00f6\u00dferem Wohllaut, aber nicht mit so viel Ausdruck, mit so viel Gef\u00fchl\u202f.\u202f.\u202f. Denn der alte Mann ha\u00dft noch immer die Babylonier und weint noch t\u00e4glich \u00fcber den Untergang Jerusalem&#8217;s durch Nebukadnezar\u202f.\u202f.\u202f. Dieses Ungl\u00fcck kann er gar nicht vergessen, obgleich so viel Neues seitdem passiert ist, und noch j\u00fcngst der zweite Tempel durch Titus, den B\u00f6sewicht, zerst\u00f6rt worden. Ich mu\u00df ihnen n\u00e4mlich bemerken, der alte Rabbi Chayim betrachtet den Titus keineswegs als ein <i>delicium generis humani<\/i>, er h\u00e4lt ihn f\u00fcr einen B\u00f6sewicht, den auch die Rache Gottes erreicht hat\u202f.\u202f.\u202f. Es ist ihm n\u00e4mlich eine kleine M\u00fccke in die Nase geflogen, die, allm\u00e4hlich wachsend, mit ihren Klauen in seinem Gehirn herumw\u00fchlte und ihm so grenzenlose Schmerzen verursachte, da\u00df er nur dann einige Erholung empfand, wenn in seiner N\u00e4he einige hundert Schmiede auf ihre Ambosse losh\u00e4mmerten. Das ist sehr merkw\u00fcrdig, da\u00df alle Feinde der Kinder Israel ein so schlechtes Ende nehmen. Wie es dem Nebukadnezar gegangen ist, wissen Sie, er ist in seinen alten Tagen ein Ochs geworden und hat Gras essen m\u00fcssen. Sehen Sie den persischen Staatsminister Haman, ward er nicht am Ende gehenkt zu Susa, in der Hauptstadt? Und Antiochus, der K\u00f6nig von Syrien, ist er nicht bei lebendigem Leibe verfault durch die L\u00e4usesucht? Die sp\u00e4tern B\u00f6sewichter, die Judenfeinde, sollten sich in acht nehmen\u202f.\u202f.\u202f. Aber was hilft&#8217;s, es schreckt sie nicht ab, das furchtbare Beispiel, und dieser Tage habe ich wieder eine Brosch\u00fcre gegen die Juden gelesen, von einem Professor der Philosophie, der sich <i>Magis amica<\/i> nennt. Er wird einst Gras essen, ein Ochs ist er schon von Natur, vielleicht gar wird er mal gehenkt, wenn er die Sultanin Favorite des K\u00f6nigs von Flachsenfingen beleidigt, und L\u00e4use hat er gewi\u00df auch schon wie der Antiochus. Am liebsten w\u00e4r&#8216; mir&#8217;s, er ginge zur See und machte Schiffbruch an der nordafrikanischen K\u00fcste. Ich habe n\u00e4mlich j\u00fcngst gelesen, da\u00df die Muhammedaner, die dort wohnen, sich durch ihre Religion berechtigt glauben, alle Christen, die bei ihnen Schiffbruch leiden und in ihre H\u00e4nde fallen, als Sklaven zu behandeln. Sie verteilen unter sich diese Ungl\u00fccklichen und benutzen jeden derselben nach seinen F\u00e4higkeiten. So hat nun j\u00fcngst ein Engl\u00e4nder, der jene K\u00fcste <a id=\"page434\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page434\"><\/a> bereiste, dort einen deutschen Gelehrten gefunden, der Schiffbruch gelitten und Sklave geworden, aber zu gar nichts anderem zu gebrauchen war, als da\u00df man ihm Eier zum Ausbr\u00fcten unterlegte; er geh\u00f6rte n\u00e4mlich zur theologischen Fakult\u00e4t. Ich w\u00fcnsche nun, der Doktor <i>Magis amica<\/i> k\u00e4me in eine solche Lage; wenn er auf seinen Eiern drei Wochen unausstehlich sitzen m\u00fc\u00dfte (sind es Enteneier, sogar vier Wochen), so k\u00e4men ihm gewi\u00df allerlei Gedanken in den Sinn, die ihm bisher nie eingefallen, und ich wette, er verw\u00fcnscht den Glaubensfanatismus, der in Europa die Juden und in Afrika die Christen herabw\u00fcrdigt, und sogar einen Doktor der Theologie bis zur Bruthenne entmenscht\u202f.\u202f.\u202f. Die H\u00fchner die er ausgebr\u00fctet, werden sehr tolerant schmecken, besonders wenn man sie mit einer Sauce <i>\u00e0\u00a0la Marengo<\/i> verzehrt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus leicht begreiflichen Gr\u00fcnden \u00fcbergehe ich die Bemerkungen, die mein Begleiter in bitterster F\u00fclle loslie\u00df, als wir auf unserer Wanderung im Weichbilde Frankfurt&#8217;s dem Hause vor\u00fcbergingen, wo der Bundestag seine Sitzungen h\u00e4lt. Die Schildwache hielt ihr Mittagsschl\u00e4fchen in aufrechter Stellung, und die Schwalben, die an den Fliesen der Fenster ihre friedlichen Nester gebaut, flogen seelenruhig auf und nieder. Schwalben bedeuten Gl\u00fcck, behauptete meine Gro\u00dfmutter; sie war sehr abergl\u00e4ubisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Ecke der Schnurgasse bis zur B\u00f6rse mu\u00dften wir uns durchdr\u00e4ngen; hier flie\u00dft die goldene Ader der Stadt, hier versammelt sich der edle Handelsstand und schachert und mauschelt\u202f.\u202f.\u202f. Was wir n\u00e4mlich in Norddeutschland Mauscheln nennen, ist nichts anders als die eigentliche Frankfurter Landessprache, und sie wird von der unbeschnittenen Population ebenso vortrefflich gesprochen, wie von der beschnittenen. B\u00f6rne sprach diesen Jargon sehr schlecht, obgleich er, ebenso wie Goethe, den heimatlichen Dialekt nie ganz verleugnen konnte. Ich habe bemerkt, da\u00df Frankfurter, die sich von allen Handelsinteressen entfernt hielten, am Ende jene Frankfurter Aussprache, die wir, wie gesagt, in Norddeutschland Mauscheln nennen, ganz verlernten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Strecke weiter, am Ausgange der Saalgasse, erfreuten wir uns einer viel angenehmeren Begegnung. Wir sahen n\u00e4mlich ein Rudel Knaben, welche aus der Schule kamen, h\u00fcbsche Jungen mit rosigen Gesichtchen, einen Pack B\u00fccher unterm Arm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWeit mehr Respekt\u00ab, \u2013 rief B\u00f6rne, \u2013 \u00bbweit mehr Respekt habe ich f\u00fcr diese Buben, als f\u00fcr ihre erwachsenen V\u00e4ter. Jener Kleine mit der hohen Stirn denkt vielleicht jetzt an den zweiten punischen Krieg, und er ist begeistert f\u00fcr Hannibal, als man ihm heute erz\u00e4hlte, wie der gro\u00dfe Karthager schon als Knabe den R\u00f6mern Rache schwur \u2013 ich wette, da hat sein kleines Herz mitgeschworen\u202f.\u202f.\u202f. Ha\u00df und Untergang dem b\u00f6sen Rom! Halte Deinen Eid, mein kleiner Waffenbruder! Ich m\u00f6chte ihn k\u00fcssen, den vortrefflichen Jungen! Der andere Kleine, der so pfiffig h\u00fcbsch aussieht, denkt vielleicht <a id=\"page435\" title=\"mikee\/Miloch\" name=\"page435\"><\/a> an den Mithridates und m\u00f6chte ihn einst nachahmen\u202f.\u202f.\u202f. Das ist auch gut, ganz gut, und du bist mir willkommen. Aber, Bursche, wirst du auch Gift schlucken k\u00f6nnen, wie der alte K\u00f6nig des Pontus? \u00dcbe dich fr\u00fchzeitig! Wer mit Rom Krieg f\u00fchren will, mu\u00df alle m\u00f6glichen Gifte vertragen k\u00f6nnen, nicht blo\u00df plumpen Arsenik, sondern auch einschl\u00e4ferndes phantastisches Opium, und gar das schleichende Aquatoffana der Verleumdung! Wie gef\u00e4llt ihnen der Knabe, der so lange Beine hat und ein so unzufrieden aufgest\u00fclptes N\u00e4schen? Den juckt es vielleicht, ein Catilina zu werden, er hat auch lange Finger, und er wird einmal den Ciceros unserer Republik, den gepuderten V\u00e4tern des Vaterlandes, eine Gelegenheit geben, sich mit langen, schlechten Reden zu blamieren. Der dort, der arme kr\u00e4nkliche Bub&#8216;, m\u00f6chte gewi\u00df weit lieber die Rolle der Brutus spielen\u202f.\u202f.\u202f. Armer Junge, du wirst keinen C\u00e4sar finden, und mu\u00dft dich begn\u00fcgen, einige alte Per\u00fccken mit Worten zu erstechen, und wirst dich endlich nicht in dein Schwert, sondern in die Schelling&#8217;sche Philosophie st\u00fcrzen und verr\u00fcckt werden! Ich habe Respekt f\u00fcr diese Kleinen, die sich den ganzen Tag f\u00fcr die hochherzigsten Geschichten der Menschheit interessieren, w\u00e4hrend ihre V\u00e4ter nur f\u00fcr das Steigen oder Fallen der Staatspapiere Interesse f\u00fchlen und an Kaffeebohnen und Kochenille und Manufakturwaren denken! Ich h\u00e4tte nicht \u00fcbel Lust, dem kleinen Brutus dort eine T\u00fcte mit Zuckerkringeln zu kaufen\u202f.\u202f.\u202f. Nein, ich will ihm lieber Branntwein zu trinken geben, damit er klein bleibe\u202f.\u202f.\u202f. Nur solange wir klein sind, sind wir ganz uneigenn\u00fctzig, ganz heldenm\u00fctig, ganz heroisch\u202f.\u202f.\u202f. Mit dem wachsenden Leib schrumpft die Seele immer mehr ein\u202f.\u202f.\u202f. Ich f\u00fchle es an mir selber\u202f.\u202f.\u202f. Ach, ich bin ein gro\u00dfer Mann gewesen, als ich noch ein kleiner Junge war!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir \u00fcber den R\u00f6merberg kamen, wollte B\u00f6rne mich in die alte Kaiserburg hinauff\u00fchren, um dort die goldene Bulle zu betrachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe sie noch nie gesehen\u00ab, seufzte er, \u00bbund seit meiner Kindheit hegte ich immer eine geheime Sehnsucht nach dieser goldenen Bulle. Als Knabe machte ich mir die wunderlichste Vorstellung davon, und ich hielt sie f\u00fcr eine Kuh mit goldnen H\u00f6rnern; sp\u00e4ter bildete ich mir ein, es sei ein Kalb, und erst als ich ein gro\u00dfer Junge ward, erfuhr ich die Wahrheit, da\u00df sie n\u00e4mlich nur eine alte Haut sei, ein nichtsnutzig St\u00fcck Pergament, worauf geschrieben steht, wie Kaiser und Reich sich einander wechselseitig verkauften. Nein, la\u00dft uns diesen miserabelen Kontrakt, wodurch Deutschland zugrunde ging, nicht betrachten; ich will sterben, ohne die goldne Bulle gesehen zu haben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00fcbergebe hier ebenfalls die bitteren Nachbemerkungen. Es gab ein Thema, das man nur zu ber\u00fchren brauchte, um die wildesten und schmerzlichsten Gedanken, die in B\u00f6rne&#8217;s Seele lauerten, <a id=\"page436\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page436\"><\/a> hervorzurufen; dieses Thema war Deutschland und der politische Zustand des deutschen Volkes. B\u00f6rne war Patriot vom Wirbel bis zur Zehe, und das Vaterland war seine ganze Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir denselben Abend wieder durch die Judengasse gingen und das Gespr\u00e4ch \u00fcber die Insassen derselben wieder ankn\u00fcpften, sprudelte die Quelle des B\u00f6rne&#8217;schen Geistes um so heiterer, da auch jene Stra\u00dfe, die am Tage einen d\u00fcsteren Anblick gew\u00e4hrte, jetzt aufs fr\u00f6hlichste illuminiert war, und die Kinder Israel an jenem Abend, wie mir mein Cicerone erkl\u00e4rte, ihr lustiges Lampenfest feierten. Dieses ist einst gestiftet worden zum ewigen Andenken an den Sieg, den die Makkab\u00e4er \u00fcber den K\u00f6nig von Syrien so heldenm\u00fctig erfochten haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSehen Sie\u00ab, sagte B\u00f6rne, \u00bbDas ist der 18.\u00a0Oktober der Juden, nur da\u00df dieser makkab\u00e4ische 18.\u00a0Oktober mehr als zwei Jahrtausende alt ist und noch immer gefeiert wird, statt da\u00df der Leipziger 18.\u00a0Oktober noch nicht das f\u00fcnfzehnte Jahr erreicht hat und bereits in Vergessenheit geraten. Die Deutschen sollten bei der alten Madame Rothschild in die Schule gehen, um Patriotismus zu lernen. Sehen Sie, hier in diesem kleinen Hause wohnte die alte Frau, die L\u00e4titia, die so viele Finanz-Bonaparten geboren hat, die gro\u00dfe Mutter der Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer k\u00f6niglichen S\u00f6hne noch immer ihr kleines Stammschl\u00f6\u00dfchen in der Judengasse nicht verlassen will und heute wegen des gro\u00dfen Freudenfestes ihre Fenster mit wei\u00dfen Vorh\u00e4ngen geziert hat. Wie vergn\u00fcgt funkeln die L\u00e4mpchen, die sie mit eigenen H\u00e4nden anz\u00fcndete, um jenen Siegestag zu feiern, wo Judas Makkab\u00e4us und seine Br\u00fcder so tapfer und heldenm\u00fctig das Vaterland befreiten, wie in unsern Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz\u00a0II. Wenn die gute ale Frau L\u00e4mpchen betrachtet, treten ihr die Tr\u00e4nen in die alten Augen, und sie erinnert sich mit wehm\u00fctiger Wonne jener j\u00fcngeren Zeit, wo der selige Meyer Amschel Rothschild, ihr teurer Gatte, das Lampenfest mit ihr feierte, und ihre S\u00f6hne noch kleine B\u00fcbchen waren und kleine Lichtchen auf den Boden pflanzten, und in kindischer Lust dar\u00fcber hin und her sprangen, wie es Brauch und Sitte ist in Israel!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer alte Rothschild\u00ab, fuhr B\u00f6rne fort, \u00bbder Stammvater der regierenden Dynastie, war ein braver Mann, die Fr\u00f6mmigkeit und Gutherzigkeit selbst. Es war ein mildt\u00e4tiges Gesicht mit einem spitzigen B\u00e4rtchen, auf dem Kopf ein dreieckig geh\u00f6rnter Hut, und die Kleidung mehr als bescheiden, fast \u00e4rmlich. So ging er in Frankfurt herum, und best\u00e4ndig umgab ihn, wie ein Hofstaat, ein Haufen armer Leute, denen er Almosen erteilte oder mit gutem Rat zusprach; wenn man auf der Stra\u00dfe eine Reihe von Bettlern antraf mit getr\u00f6steten und vergn\u00fcgten Mienen, so wu\u00dfte man, da\u00df hier eben der alte Rothschild seinen Durchzug gehalten. Als ich noch ein kleines B\u00fcbchen war, und eines Freitags abends mit meinem Vater <a id=\"page437\" title=\"Epiphanius\/Miloch\" name=\"page437\"><\/a> durch die Judengasse ging, begegneten wir dem alten Rothschild, welcher eben aus der Synagoge kam; ich erinnere mich, da\u00df er, nachdem er mit meinem Vater gesprochen, auch mir einige liebreiche Worte sagte, und da\u00df er endlich die Hand auf meinen Kopf legte, um mich zu segnen. Ich bin fest \u00fcberzeugt, diesem Rothschild&#8217;schen Segen verdanke ich es, da\u00df sp\u00e4terhin, obgleich ich ein deutscher Schriftsteller wurde, doch niemals das bare Geld in meiner Tasche ganz ausging.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann nicht umhin, hier die Zwischenbemerkung einzuschalten, da\u00df B\u00f6rne immer im behaglichen Wohlstande lebte, und sein sp\u00e4terer Ultraliberalismus keineswegs, wie bei vielen Patrioten, dem verbissenen Ingrimm der eigenen Armut beizumessen war. Obgleich er selber reich war, ich sage reich nach dem Ma\u00dfstabe seiner Bed\u00fcrfnisse, so hegte er doch einen unergr\u00fcndeten Groll gegen die Reichen. Obgleich der Segen des Vaters auf seinem Haupte ruhte, so ha\u00dfte er doch die S\u00f6hne, Meyer Amschel Rothschild&#8217;s S\u00f6hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie weit die pers\u00f6nlichen Eigenschaften dieser M\u00e4nner zu jenem Hasse berechtigen, will ich hier nicht untersuchen; es wird an einem anderen Orte ausf\u00fchrlich geschehen. Hier m\u00f6chte ich nur der Bemerkung Raum geben, da\u00df unsere deutschen Freiheitsprediger ebenso ungerecht wie t\u00f6richt handeln, wenn sie das Haus Rothschild wegen seiner politischen Bedeutung, wegen seiner Einwirkung auf die Interessen der Revolution, kurz wegen seines \u00f6ffentlichen Charakters, mit so viel Grimm und Blutgier anfeinden. Es gibt keine st\u00e4rkere Bef\u00f6rderer der Revolution als eben die Rothschilde\u202f.\u202f.\u202f. und, was noch befremdlicher klingen mag, diese Rothschilde, die Bankiers der K\u00f6nige, diese f\u00fcrstlichen S\u00e4ckelmeister, deren Existenz durch einen Umsturz des europ\u00e4ischen Staatensystems in die ernsthaftesten Gefahren geraten d\u00fcrfte, sie tragen dennoch im Gem\u00fcte das Bewu\u00dftsein ihrer revolution\u00e4ren Sendung. Namentlich ist dieses der Fall bei dem Manne, der unter dem scheinlosen Namen Baron James bekannt ist, und in welchem sich jetzt, nach dem Tode seines erlauchten Bruders von England, die ganze politische Bedeutung des Hauses Rothschild resumiert. Dieser Nero der Finanz, der sich in der Rue Lafitte seinen goldenen Palast erbaut hat und von dort aus als unumschr\u00e4nkter Imperator die B\u00f6rsen beherrscht, er ist, wie weiland sein Vorg\u00e4nger, der r\u00f6mische Nero, am Ende ein gewaltsamer Zerst\u00f6rer des bevorrechteten Patriziertums und Begr\u00fcnder der neuen Demokratie. Einst, vor mehren Jahren, als er in guter Laune war und wir Arm in Arm, ganz famillion\u00e4r, wie Hirsch Hyacinth sagen w\u00fcrde, in den Stra\u00dfen von Paris umherflanierten, setzte mir Baron James ziemlich klar auseinander, wie eben er selber durch sein Staatspapiersystem f\u00fcr den gesellschaftlichen Fortschritt in Europa \u00fcberall die ersten Bedingnisse erf\u00fcllt, gleichsam Bahn gebrochen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page438\" title=\"Epiphanius\/Muerei\" name=\"page438\"><\/a> \u00bbZu jeder Begr\u00fcndung einer neuen Ordnung von Dingen\u00ab, sagte er mir, \u00bbgeh\u00f6rt ein Zusammenflu\u00df von bedeutenden Menschen, die sich mit diesen Dingen gemeinsam zu besch\u00e4ftigen haben. Dergleichen Menschen lebten ehemals vom Ertrag ihrer G\u00fcter oder ihres Armes, und waren deshalb nie ganz frei, sondern immer an einen entfernten Grundbesitz oder an irgendeine \u00f6rtliche Amtsverwaltung gefesselt; jetzt aber gew\u00e4hrt das Staatspapiersystem diesen Menschen die Freiheit, jeden beliebigen Aufenthalt zu w\u00e4hlen, \u00fcberall k\u00f6nnen sie von den Zinsen ihrer Staatspapiere, ihres portativen Verm\u00f6gens, gesch\u00e4ftslos leben, und sie ziehen sich zusammen und bilden die eigentliche Nacht der Hauptst\u00e4dte. Von welcher Wichtigkeit aber eine solche Residenz der verschiedenartigsten Kr\u00e4fte, eine solche Zentralisation der Intelligenzen und sozialen Autorit\u00e4ten, das ist hinl\u00e4nglich bekannt. Ohne Paris h\u00e4tte Frankreich nie seine Revolution gemacht; hier hatten so viele ausgezeichnete Geister Weg und Mittel gefunden, eine mehr oder minder sorglose Existenz zu f\u00fchren, miteinander zu verkehren, und so weiter. Jahrhunderte haben in Paris einen solchen g\u00fcnstigen Zustand allm\u00e4hlich herbeigef\u00fchrt. Durch das Rentensystem w\u00e4re Paris weit schneller Paris geworden, und die Deutschen, die gern eine \u00e4hnliche Hauptstadt h\u00e4tten, sollten nicht \u00fcber das Rentensystem klagen \u2013 es zentralisiert, es macht vielen Leuten m\u00f6glich, an einem selbstgew\u00e4hlten Orte zu leben, und von dort aus der Menschheit jeden n\u00fctzlichen Impuls zu geben\u202f.\u202f.\u202f.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesem Standpunkte aus betrachtet Rothschild die Resultate seines Schaffens und Treibens. Ich bin mit dieser Ansicht ganz einverstanden, ja ich gehe noch weiter, und ich sehe in Rothschild einen der gr\u00f6\u00dften Revolution\u00e4re, welche die moderne Demokratie begr\u00fcndeten. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind f\u00fcr mich drei terroristische Namen, und sie bedeuten die graduelle Vernichtung der alten Aristokratie. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind die drei furchtbarsten Nivelleurs Europas. Richelieu zerst\u00f6rte die Souver\u00e4nit\u00e4t des Feudaladels und beugte ihn unter jene k\u00f6nigliche Willk\u00fcr, die ihn entweder durch Hofdienst herabw\u00fcrdigte, oder durch krautjunkerliche Unt\u00e4tigkeit in der Provinz vermodern lie\u00df. Robespierre schlug diesem unterw\u00fcrfigen und faulen Adel endlich das Haupt ab. Aber der Boden blieb, und der neue Herr derselben, der neue Gutsbesitzer, ward ganz wieder ein Aristokrat, wie seine Vorg\u00e4nger, deren Pr\u00e4tensionen er unter anderem Namen fortsetzte. Da kam Rothschild und zerst\u00f6rte die Oberherrschaft des Bodens, indem er das Staatspapierensystem zur h\u00f6chsten Macht emporhob, dadurch die gro\u00dfen Besitzt\u00fcmer und Eink\u00fcnfte des Bodens belehnte. Er stiftete freilich dadurch eine neue Aristokratie, aber diese, beruhend auf dem unzuverl\u00e4ssigsten Elemente, auf dem Gelde, kann nimmermehr so nachhaltig mi\u00dfwirken, wie die ehemalige Aristokratie, die im Boden, in der Erde selber, wurzelte. Geld ist fl\u00fcssiger <a id=\"page439\" title=\"Epiphanius\/Senilix\" name=\"page439\"><\/a> als Wasser, windiger als Luft, und dem jetzigen Geldadel verzeiht man gern seine Impertinenzen, wenn man seine Verg\u00e4nglichkeit bedenkt\u202f.\u202f.\u202f. er zerrinnt und verdunstet, ehe man sich dessen versieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem ich oben die Namen Richelieu, Robespierre und Rothschild zusammenstellte, dr\u00e4ngte sich mir die Bemerkung auf, da\u00df diese drei gr\u00f6\u00dften Terroristen noch mancherlei andere \u00c4hnlichkeiten bieten. Sie haben z.\u00a0B. mit einander gemein eine gewisse unnat\u00fcrliche Liebe zur Poesie; Richelieu schrieb schlechte Trag\u00f6dien, Robespierre machte erb\u00e4rmliche Madrigale, und James Rothschild, wenn er lustig wird, f\u00e4ngt er an zu reimen\u202f.\u202f.\u202f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch das geh\u00f6rt nicht hierher, diese Bl\u00e4tter haben sich zun\u00e4chst mit einem kleineren Revolution\u00e4r, mit Ludwig B\u00f6rne, zu besch\u00e4ftigen. Dieser hegte, wie wir mit Bedauern bemerken, den h\u00f6chsten Ha\u00df gegen die Rothschilde, und in seinem Gespr\u00e4che, als wir zu Frankfurt dem Stammhause derselben vor\u00fcbergingen, \u00e4u\u00dferte sich jener Ha\u00df bereits eben so grell und giftig, wie in seinen sp\u00e4teren Pariser Briefen. Nichtsdestoweniger lie\u00df er doch den pers\u00f6nlichen Eigenschaften dieser Leute manche Gerechtigkeit widerfahren, und er gestand mir ganz naiv, da\u00df er sie nur hassen k\u00f6nne, da\u00df es ihm aber trotz aller M\u00fche nicht m\u00f6glich sei, sie ver\u00e4chtlich oder gar l\u00e4cherlich zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDenn sehen Sie\u00ab, sprach er, \u00bbdie Rothschilde haben so viel Geld, eine solche Unmasse von Geld, da\u00df sie uns einen fast grauenhaften Respekt einfl\u00f6\u00dfen; sie identifizierten sich, sozusagen, mit dem Begriff des Geldes \u00fcberhaupt, und Geld kann man nicht verachten. Auch haben diese Leute das sicherste Mittel angewendet, um jenem Ridik\u00fcl zu entgehen, dem so manche andere baronisierte Million\u00e4renfamilien des alten Testaments verfallen sind: sie enthalten sich des christlichen Weihwassers. Die Taufe ist jetzt bei den reichen Juden an der Tagesordnung, und das Evangelium, das den Armen Jud\u00e4a&#8217;s vergebens gepredigt worden, ist jetzt <i>in floribus<\/i> bei den Reichen. Aber da die Annahme desselben nur Selbstbetrug, wo nicht gar L\u00fcge ist, und das angeheuchelte Christentum mit dem alten Adam bisweilen recht grell kontrastiert, so geben diese Leute dem Witze und dem Spotte die bedenklichsten Bl\u00f6\u00dfen. Oder glauben Sie, da\u00df durch die Taufe die innere Natur ganz ver\u00e4ndert worden? Glauben Sie, da\u00df man L\u00e4use in Fl\u00f6he verwandeln kann, wenn man sie mit Wasser begie\u00dft?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaub&#8217;s auch nicht, und ein ebenso melancholischer wie l\u00e4cherlicher Anblick ist es f\u00fcr mich, wenn die alten L\u00e4use, die noch aus \u00c4gypten stammen, aus der Zeit der pharaonischen Plage, sich pl\u00f6tzlich einbilden, sie w\u00e4ren Fl\u00f6he, und christlich zu h\u00fcpfen beginnen. In Berlin habe ich auf der Stra\u00dfe alte T\u00f6chter Israel&#8217;s gesehen, die am Halse lange Kreuze trugen, Kreuze, die noch l\u00e4nger als ihre Nasen und bis an den Nabel reichten; in den H\u00e4nden <a id=\"page440\" title=\"ppanter\/Senilix\" name=\"page440\"><\/a> hielten sie ein evangelisches Gesangbuch, und sie sprachen von der pr\u00e4chtigen Predigt, die sie eben in der Dreifaltigkeitskirche geh\u00f6rt. Die eine frug die andere, bei wem sie das Abendmahl genommen, und beide rochen dabei aus dem Halse. Widerw\u00e4rtiger war mir noch der Anblick von schmutzigen Bartjuden, die aus ihren polnischen Kloaken kamen, von der Bekehrungsgesellschaft in Berlin f\u00fcr den Himmel angeworben wurden, und in ihrem mundfaulen Dialekte das Christentum predigten und so entsetzlich dabei stanken. Es w\u00e4re jedenfalls w\u00fcnschenswert, wenn man dergleichen polnisches L\u00e4usevolk nicht mit gew\u00f6hnlichem Wasser, sondern mit Eau-de-Cologne taufen lie\u00dfe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Hause des Geh\u00e4ngten, unterbrach ich diese Rede, mu\u00df man nicht von Stricken sprechen, lieber Doktor; sagen Sie mir vielmehr: wo sind jetzt die gro\u00dfen Ochsen, die, wie mein Vater mir einst erz\u00e4hlte, auf dem j\u00fcdischen Kirchhofe hier zu Frankfurt herumliefen und in der Nacht so entsetzlich br\u00fcllten, da\u00df die Ruhe der Nachbaren dadurch gest\u00f6rt wurde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIhr Herr Vater\u00ab, rief B\u00f6rne lachend, \u00bbhat Ihnen in der Tat keine Unwahrheit gesagt. Es existierte fr\u00fcherhin der Gebrauch, da\u00df die j\u00fcdischen Viehh\u00e4ndler die m\u00e4nnliche Erstgeburt ihrer K\u00fche nach biblischer Vorschrift dem lieben Gotte widmeten, und in dieser Absicht aus allen Gegenden Deutschlands hieher nach Frankfurt brachten, wo man jenen Ochsen Gottes den j\u00fcdischen Kirchhof zum Grasen anwies, und wo sie bis an Ihr seliges Ende sich herumtrieben und wirklich oft entsetzlich br\u00fcllten. Aber die alten Ochsen sind jetzt tot, und das heutige Rindvieh hat nicht mehr den rechten Glauben, und ihre Erstgeburten bleiben ruhig daheim, wenn sie nicht gar zum Christentume \u00fcbergehen. Die alten Ochsen sind tot.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit zu erw\u00e4hnen, da\u00df mich B\u00f6rne w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Frankfurt einlud, bei einem seiner Freunde zu Mittag zu speisen, und zwar, weil derselbe, in getreuer Beharrnis an j\u00fcdischen Gebr\u00e4uchen, mir die ber\u00fchmte Schaletspeise vorsetzen werde; und in der Tat, ich erfreute mich dort jenes Gerichtes, das vielleicht noch \u00e4gyptischen Ursprungs und alt wie die Pyramiden ist. Ich wundre mich, da\u00df B\u00f6rne sp\u00e4terhin, als er scheinbar in humoristischer Laune, in der Tat aber aus plebejischer Absicht, durch mancherlei Erfindungen und Insinuationen, wie gegen Kronentr\u00e4ger \u00fcberhaupt, so auch gegen ein gekr\u00f6ntes Dichterhaupt den P\u00f6bel verhetzte\u202f.\u202f.\u202f. ich wundre mich, da\u00df er in seinen Schriften nie erz\u00e4hlt hat, mit welchem Appetit, mit welchem Enthusiasmus, mit welcher Andacht, mit welcher \u00dcberzeugung ich einst beim Doktor St.\u202f.\u202f.\u202f. das altj\u00fcdische Schaletessen verzehrt habe! Dieses Gericht ist aber auch ganz vortrefflich, und es ist schmerzlichst zu bedauern, da\u00df die christliche Kirche, die dem alten Judentume so viel Gutes entlehnte, nicht auch den Schalet <a id=\"page441\" title=\"ppanter\/Senilix\" name=\"page441\"><\/a> adoptiert hat. Vielleicht hat sie sich dieses f\u00fcr die Zukunft noch vorbehalten, und wenn es ihr mal ganz schlecht geht, wenn ihre heiligsten Symbole, sogar das Kreuz, seine Kraft verloren, greift die christliche Kirche zum Schaletessen, und die entwischten V\u00f6lker werden sich wieder mit neuem Appetit in ihren Scho\u00df hineindr\u00e4ngen. Die Juden wenigstens werden sich alsdann auch mit \u00dcberzeugung dem Christentume anschlie\u00dfen\u202f.\u202f.\u202f. denn, wie ich klar einsehe, es ist nur der Schalet, der sie zusammenh\u00e4lt in ihrem alten Bunde. B\u00f6rne versicherte mir sogar, da\u00df die Abtr\u00fcnnigen, welche zum neuen Bunde \u00fcbergegangen, nur den Schalet zu riechen brauchen, um ein gewisses Heimweh nach der Synagoge zu empfinden, da\u00df der Schalet, sozusagen, der Kuhreigen der Juden sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch nach Bornheim sind wir miteinander hinausgefahren am Sabbat, um dort Kaffee zu trinken und die T\u00f6chter Israel&#8217;s zu betrachten\u202f.\u202f.\u202f. Es waren sch\u00f6ne M\u00e4dchen und rochen nach Schalet, allerliebst. B\u00f6rne zwinkerte mit den Augen. In diesem geheimnisvollen Zwinkern, in diesem unsicher l\u00fcsternen Zwinkern, das sich vor der innern Stimme f\u00fcrchtet, lag die ganze Verschiedenheit unserer Gef\u00fchlsweise. B\u00f6rne n\u00e4mlich war, wenn auch nicht in seinen Gedanken, doch desto mehr in seinen Gef\u00fchlen, ein Sklave der nazarenischen Abstinenz; und wie es allen Leuten seinesgleichen geht, die zwar die sinnliche Enthaltsamkeit als h\u00f6chste Tugend anerkennen, aber nicht vollst\u00e4ndig aus\u00fcben k\u00f6nnen, so wagte er es nur im Verborgenen, zitternd und err\u00f6tend, wie ein gen\u00e4schiger Knabe, von Eva&#8217;s verbotenen \u00c4pfeln zu kosten. Ich wei\u00df nicht, ob bei diesen Leuten der Genu\u00df intensiver ist als bei uns, die wir dabei den Reiz des geheimen Unterschleifs, der moralischen Kontrebande, entbehren; behauptet man doch, da\u00df Muhammed seinen T\u00fcrken den Wein verboten habe, damit er ihnen desto s\u00fc\u00dfer schmecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gro\u00dfer Gesellschaft war B\u00f6rne wortkarg und einsilbig, und dem Flu\u00df der Rede \u00fcberlie\u00df er sich nur im Zwiegespr\u00e4ch, wenn er glaubte, sich neben einem gleichgesinnten Menschen zu befinden. Da\u00df B\u00f6rne mich f\u00fcr einen solchen ansah, war ein Irrtum, der sp\u00e4terhin f\u00fcr mich sehr viele Verdrie\u00dflichkeiten zur Folge hatte. Schon damals in Frankfurt harmonierten wir nur im Gebiete der Politik, keineswegs in den Gebieten der Philosophie oder der Kunst oder der Natur, \u2013 die ihm s\u00e4mtlich verschlossen waren. Vielleicht entfallen mir sp\u00e4terhin in diese Beziehung einige charakteristische Z\u00fcge. Wir waren \u00fcberhaupt von entgegengesetztem Wesen, und diese Verschiedenheit wurzelte am Ende vielleicht nicht blo\u00df in unserer moralischen, sondern auch physischen Natur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt im Grunde nur zwei Menschensorten, die mageren und die fetten, oder vielmehr Menschen, die immer d\u00fcnner werden, und solche, die aus schm\u00e4chtigen Anf\u00e4ngen allm\u00e4hlich zur rundlichsten Korpulenz \u00fcbergehen. Die ersteren sind eben die gef\u00e4hrliche Sorte, die C\u00e4sar so sehr f\u00fcrchtete \u2013 \u00bbich wollte, er w\u00e4re fetter\u00ab, <a id=\"page442\" title=\"ppanter\/Senilix\" name=\"page442\"><\/a> sagte er von Cassius. Brutus war von einer ganz andern Sorte, und ich bin \u00fcberzeugt, wenn er nicht die Schlacht bei Philippi verloren und sich bei dieser Gelegenheit erstochen h\u00e4tte, w\u00e4re er ebenso dick geworden wie der Schreiber dieser Bl\u00e4tter \u2013 \u00bbUnd Brutus war ein braver Mann.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich hier an Shakespeare erinnert werde, so ergreife ich die Gelegenheit, mich f\u00fcr eine alte Lesart zu erkl\u00e4ren, die den Hamlet \u00bbfett\u00ab nennt. \u2013 Bedauernsw\u00fcrdiger Prinz von D\u00e4nemark! die Natur hatte dich dazu bestimmt, in gl\u00fccklichster Wohlbeleibtheit deine Tage zu verschlendern, und da f\u00e4llt auf einmal die Welt aus ihren Angeln, und du sollst sie wieder einrahmen! Armer dicker D\u00e4nenprinz!\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei Tage, welche ich in Frankfurt in B\u00f6rne&#8217;s Gesellschaft zubrachte, verflossen in fast idyllischer Friedsamkeit. Er bestrebte sich angelegentlich, mir zu gefallen. Er lie\u00df die Raketen seines Witzes so heiter als m\u00f6glich aufleuchten, und wie bei chinesischen Feuerwerken am Ende der Feuerwerker selbst unter spr\u00fchendem Flammengeprassel in die Luft steigt, so schlossen die humoristischen Reden des Mannes immer mit einem tollen Brillantfeuer, worin er sich selbst aufs keckste preisgab. Er war harmlos wie ein Kind. Bis zum letzten Augenblick meines Aufenthalts in Frankfurt lief er gem\u00fctlich neben mir einher, mir an den Augen ablauschend, ob er mir vielleicht noch irgendeine Liebe erweisen k\u00f6nne. Er wu\u00dfte, da\u00df ich auf Veranlassung des alten Baron Cotta nach M\u00fcnchen reiste, um dort die Redaktion der politischen Annalen zu \u00fcbernehmen und auch einigen projektierten literarischen Instituten meine T\u00e4tigkeit zu widmen. Es galt damals, f\u00fcr die liberale Presse jene Organe zu schaffen, die sp\u00e4terhin so heilsamen Einflu\u00df \u00fcben k\u00f6nnten; es galt die Zukunft zu s\u00e4en, eine Aussaat, f\u00fcr welche in der Gegenwart nur die Feinde Augen hatten, so da\u00df der arme S\u00e4emann schon gleich nur \u00c4rger und Schm\u00e4hung einerntete. M\u00e4nniglich bekannt sind die giftigen J\u00e4mmerlichkeiten, welche die ultramontane aristokratische Propaganda in M\u00fcnchen gegen mich und meine Freunde aus\u00fcbte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbH\u00fcten Sie sich, in M\u00fcnchen mit den Pfaffen zu kollidieren\u00ab, waren die letzten Worte, welche mir B\u00f6rne beim Abschied ins Ohr fl\u00fcsterte. Als ich schon im Coup\u00e9 des Postwagens sa\u00df, blickte er mir noch lange nach, wehm\u00fctig, wie ein alter Seemann, der sich aufs feste Land zur\u00fcckgezogen hat und sich von Mitleid bewegt f\u00fchlt, wenn er einen jungen Fant sieht, der sich zum ersten Male aufs Meer begibt\u202f.\u202f.\u202f. Der Alte glaubte damals, dem t\u00fcckischen Elemente auf ewig Valet gesagt zu haben und den Rest seiner Tage im sichern Hafen beschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Armer Mann! Die G\u00f6tter wollten ihm diese Ruhe nicht g\u00f6nnen! Er mu\u00dfte bald wieder hinaus auf die hohe See, und dort begegneten sich unsere Schiffe, w\u00e4hrend jener furchtbare Sturm w\u00fctete, worin er zugrunde ging. Wie das <a id=\"page443\" title=\"ppanter\/Senilix\" name=\"page443\"><\/a> heulte! wie das krachte! Beim Licht der gelben Blitze, die aus dem schwarzen Gew\u00f6lk herabschossen, konnte ich genau sehen, wie Mut und Sorge auf dem Gesichte des Mannes schmerzlich wechselten! Er stand am Steuer seines Schiffes und trotzte dem Ungest\u00fcm der Wellen, die ihn manchmal zu verschlingen drohten, manchmal ihn nur kleinlich bespritzten und durchn\u00e4\u00dften, was einen so kummervollen und zugleich komischen Anblick gew\u00e4hrte, da\u00df man dar\u00fcber weinen und lachen konnte. Armer Mann! Sein Schiff war ohne Anker und sein Herz ohne Hoffnung. Ich sah, wie der Mast brach, wie die Winde das Tauwerk zerrissen\u202f.\u202f.\u202f. Ich sah, wie er die Hand nach mir ausstreckte\u202f.\u202f.\u202f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich durfte sie nicht erfassen, ich durfte die kostbare Ladung, die heiligen Sch\u00e4tze, die mir vertraut, nicht dem sicheren Verderben preisgeben\u202f.\u202f.\u202f. Ich trug an Bord meines Schiffes die G\u00f6tter der Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Carl Ludwig B\u00f6rne<\/b> war ein deutscher Journalist, Literatur- und Theaterkritiker. Er, der zuweilen mit Jean Paul verglichen wird, gilt aufgrund seiner pointiert-witzigen anschaulichen Schreibweise als Wegbereiter der literarischen Kritik \u2013 insbesondere des Feuilletons \u2013 in Deutschland.<\/p>\n<div id=\"attachment_14208\" style=\"width: 246px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14208\" class=\"size-medium wp-image-14208\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg 236w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14208\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig B\u00f6rne (Gem\u00e4lde von Moritz Oppenheim, 1827)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Holger Benkel machte sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war im Jahr 1815 nach Christi Geburt, da\u00df mir der Name B\u00f6rne zuerst ans Ohr klang. Ich befand mich mit meinem seligen Vater auf der Frankfurter Messe, wohin er mich mitgenommen, damit ich mich in der Welt einmal umsehe;&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/19\/ueber-ludwig-boerne\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":94,"featured_media":97877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[853,1169],"class_list":["post-104945","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-heine","tag-ludwig-boerne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104945","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/94"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104945"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104945\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104948,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104945\/revisions\/104948"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97877"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104945"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104945"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104945"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}