{"id":104907,"date":"2003-03-06T13:25:14","date_gmt":"2003-03-06T12:25:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104907"},"modified":"2023-08-06T13:27:26","modified_gmt":"2023-08-06T11:27:26","slug":"geruest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/06\/geruest\/","title":{"rendered":"Ger\u00fcst"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die blonde Mutter hat sch\u00f6n gerollte Haare in weiblich anmutender L\u00e4nge. Sie tr\u00e4gt sch\u00f6ne weiche Sachen, helle, pastellfarbene, flie\u00dfende. Der Vater kaufte der Mutter immer teure Sachen. Kleider machen Leute, sagten die Eltern immer. Kleider sind ein Ger\u00fcst f\u00fcr Erfolg der Leute. Du verstandest diese S\u00e4tze lange nicht. Denn die \u201eLeute\u201c, das waren\u00a0 immer die, die nichts erfahren durften, die \u201edachten\u201c, wenn man anders war. Sp\u00e4ter entdecktest Du, dass die Mutter keinen ausgepr\u00e4gten guten Geschmack hatte und viel Synthetik trug, was du verabscheutest. Sp\u00e4ter wu\u00dftest du, was ein Ger\u00fcst war, ein sogenannter \u201eHerrendiener\u201c, auf den die Mutter sorgf\u00e4ltig die Dienstsachen des Vater wie an einer Vogelscheuche drapierte. Die Kinder hatten Angst davor. Noch heute macht dir so ein Kleidergestell mit m\u00e4nnlichen Kleidungsst\u00fccken oder auch ganz unbedeckt Angst. Das Herz klopft und das Wort brutal dr\u00e4ngt sich immer auf. Auch beim Wort brutal, wenn es andere verwenden, stellt sich gleich das Bild des \u201eHerrendieners\u201c ein. Der Vater vermittelte den Kindern, dass selbst ein solches Gestell ihm, dem Vater, der alles wisse und k\u00f6nne, dem\u00fctig zu Diensten sei. Nach dieser Erkl\u00e4rung wurde das Gestell zu einer Art \u00dcberperson oder gar Spitzel, Stellvertreter, wenn der Vater nicht da war. Die Kinder gingen aber auch, wenn die Eltern zum Einkaufen unterwegs und sie alleine waren, zum Herrendiener ins Schafzimmer und schimpften laut und wichtig mit ihm. Denn sie wu\u00dften eigentlich recht gut, dass das Gestell tot war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du siehst aus, wie ein Klapperger\u00fcst, hatte die Mutter oft tadelnd zur Tochter gesagt. Sie war viel zu d\u00fcnn. Sie wurde als unterern\u00e4hrt f\u00fcr die Schule ein Jahr zur\u00fcckgestellt. Das \u00e4rgerte die Eltern. Jetzt denken alle, wir haben ein dummes, zur\u00fcckgebliebenes Kind, das sitzengeblieben ist in den n\u00e4chsten Jahren, jammerten sie. Sie schoben dem Kind die Schuld zu. Es a\u00df einfach zu wenig Butter, Eier und zu wenig halbgargekochte Saubohnen mit fettem, angebranntem Speck. Und obwohl das Kind ein Jahr sp\u00e4ter noch immer kleiner und d\u00fcnner als die anderen Kinder war, sch\u00e4mte es sich, weil es schon \u00e4lter war als die anderen. Die ganze Kindheit blieb mit dieser Scham verbunden, und manchmal befahlen ihr die Eltern, ihr wahres Alter um ein Jahr zur\u00fcckzustellen, wenn sie gefragt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Du mu\u00dftest immer ein J\u00e4gergr\u00fcn tragen, oder puddingrot, &#8211; dein Ger\u00fcst in der Tiefe der dich absto\u00dfenden Erinnerung ist j\u00e4gergr\u00fcn und \u00fcbelerregend himbeerrot gestrichen. So ein Bonbonrot von einem synthetischen Pudding, den du im Heim zwangsweise als schon erbrochenen ausl\u00f6ffeln mu\u00dftest. Gr\u00fcn waren die sperrigen Sachen, Hosen, M\u00e4ntel und Pullover, die sp\u00e4ter die kleineren Br\u00fcder weiterzutragen hatten, deshalb erhielt das M\u00e4dchen nur Kleidung f\u00fcr Jungens. Synthetikhimberrotfarben waren muffig riechende, sich schlecht anf\u00fchlende und ungewaschen abgelegte Kleidungsst\u00fccke von Kollegent\u00f6chtern des Vaters. Meist waren diese Kost\u00fcme, R\u00f6cke und Kleider zu gro\u00df und das kleine M\u00e4dchen stak darin wie eine Tomatenpflanze im Frost, \u00fcber die man einen Sack gezogen hatte und ging damit gesenkten Kopfes und mit eingezogenen Schultern durch eine es mitleidig oder h\u00e4misch bel\u00e4chelnde Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_19507\" style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19507\" class=\"size-full wp-image-19507\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19507\" class=\"wp-caption-text\">Angelika Janz<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die blonde Mutter hat sch\u00f6n gerollte Haare in weiblich anmutender L\u00e4nge. Sie tr\u00e4gt sch\u00f6ne weiche Sachen, helle, pastellfarbene, flie\u00dfende. Der Vater kaufte der Mutter immer teure Sachen. 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