{"id":104899,"date":"2023-08-09T00:01:55","date_gmt":"2023-08-08T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104899"},"modified":"2023-08-07T14:23:28","modified_gmt":"2023-08-07T12:23:28","slug":"die-wirklichkeit-und-die-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/09\/die-wirklichkeit-und-die-ewigkeit\/","title":{"rendered":"Die Wirklichkeit und die Ewigkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ein dialogischer Essay<br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aquin Kohl war ein vertrockneter Hegelianer, der sich immer mal wieder in die Einsiedelei ver\u00adkroch und dann alles und jeden negierte. Aber auch als Hegelianer braucht man mitunter einige so\u00adziale Kontakte, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, zumal wenn man noch dazu schriftstellerisch t\u00e4tig sein will. So kam Aquin Kohl dann also nach monate- oder auch jahrelanger Zur\u00fcckgezogenheit aus sei\u00adnem Schneckenhaus gekrochen, nahm Tabletten gegen seinen Selbsthass und sprach wieder mit Menschen. So auch mit Hylaia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia kannte Kohl seit etwa zwanzig Jahren. Es hatte damit angefangen, dass sie eines seiner He\u00adgel-B\u00fccher rezensiert hatte. Kohl hatte dann auch Texte von ihr in seiner Literaturzeitschrift publi\u00adziert, und sie hatten einander Briefe geschrieben und sich besucht. Sie hatten sich gut verstanden, aber etwas irritierte Hylaia: Aquin Kohl war ein Mann ohne Gegenwart. Es gab ihn eigentlich gar nicht. Er lebte nur durch seine Hegel-Forschungen. Er lebte daf\u00fcr, Hegel f\u00fcr die Nachwelt aufzube\u00adreiten. Die Gegenwart war ihm da nur l\u00e4stig, er legte keinen Wert auf sie. Er lebte in einer winzigen Wohnung, die au\u00dfer einem Schreibtisch und einer umfangreichen Bibliothek quasi nichts enthielt. Er ern\u00e4hrte sich von Fertigpizza und D\u00f6ner, ging nie aus, trug alte Klamotten. Ein Handy besa\u00df er nicht, und das Internet hatte er so lange negiert, bis es sich nicht mehr negieren lie\u00df. Er hatte es f\u00fcr eine kurzlebige Mode gehalten und sich dann nur widerwillig einen internetf\u00e4higen Laptop zuge\u00adlegt. Seither hatte Hylaia im ganzen zwei E-Mails von ihm bekommen. Das Gestern und das Mor\u00adgen waren ihm wichtiger als das Heute: Hegel, Marx, das neunzehnte Jahrhundert \u2013 und die Nach\u00adwelt auf der anderen Seite. Wenn er allerdings seine Therapiephase hatte, dann war er pr\u00e4sen\u00adter, ge\u00adgenw\u00e4rtiger als sonst, und man konnte sogar mit ihm kommunizieren<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages stand er vor ihrer T\u00fcr, grinste schief und gab Hylaia einen Kuss auf die Wange. Hylaia bat ihn herein und kochte Kaffee. Sie wusste, dass Kohl, wenn er aus der Isolation kam, keinen Al\u00adkohol trank, weil der die Wirkung der Tabletten zunichte machen w\u00fcrde. Nach ein paar Wochen w\u00fcrde Kohl die Tabletten absetzen und wieder in Wei\u00dfwein und Wodka versinken, das kannte Hylaia schon; aber jetzt war er noch in der Heilungsphase. Er l\u00e4chelte auch viel, wie ein Genesen\u00adder, lie\u00df Hylaia ausreden, blaffte ihr nicht dazwischen wie sonst \u00fcblich und negierte auch nicht al\u00adles, was sie sagte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann fragte er sie nach ihrem Goethe-Buch. \u201eBei welchem Verlag ist das denn erschienen? Ich habe in Buchhandlungen gefragt, ich wollte es bestellen. Aber der Buchh\u00e4ndler hat nichts gefunden.\u201c Er lachte verlegen. \u201eIch wusste ja auch nicht mal den genauen Titel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Goethe-Buch, dachte Hylaia. Erscheinen, erschienen, Erscheinungen. Aquin Kohl glaubte tat\u00ads\u00e4chlich noch an Erscheinungen. Hamlets Geist war ihm erschienen. In welchem Verlag war er er\u00adschienen? Ihr wurde bewusst, in was f\u00fcr einer Geisterwelt sie lebte. Gelebt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist \u00fcberhaupt nicht erschienen\u201c, sagte Hylaia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie?\u201c sagte Kohl. \u201eHast du keinen Verlag gefunden f\u00fcr das Buch?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gibt kein Buch\u201c, sagte Hylaia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kohl stutzte. \u201eAber du hast mir doch damals Entw\u00fcrfe geschickt, Kapitel&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa\u201c, sagte Hylaia, \u201eich habe Entw\u00fcrfe erstellt, Grundrisse, Leseproben. Das Ger\u00fcst. Ich bin mit dem Ger\u00fcst hausieren gegangen. Aber keiner wollte das Haus. Keiner wollte da einziehen. Es gab auch Leute, die Anschl\u00e4ge auf das Ger\u00fcst ver\u00fcbt haben. Da habe ich es eben wieder abgerissen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie meinst du das?\u201c fragte Kohl perplex. \u201eDu hast das Projekt aufgegeben, nur weil du keinen Verlag gefunden hast? Du kannst doch nicht nur wegen Geld so ein Projekt&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWozu h\u00e4tte ich das Buch schreiben sollen?\u201c fragte Hylaia. \u201eF\u00fcr mich? F\u00fcr mich brauche ich es nicht zu schreiben, ich kenne es ja schon. F\u00fcr die Welt? Wenn mir die Welt signalisiert, dass kein Bedarf besteht, dann mache ich mir die Arbeit nicht. Zumal ich nicht daf\u00fcr entsch\u00e4digt wer\u00adde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kohl schwieg irritiert. \u201eIch dachte\u201c, sagte er dann, \u201edu w\u00e4rest schon fast fertig gewesen mit dem Buch damals. Als du mir f\u00fcr meine Zeitschrift einen Auszug angeboten hattest.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wei\u00df\u201c, sagte Hylaia. \u201eDas dachten wohl viele.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDem war nicht so?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein\u201c, sagte Hylaia. \u201eIch habe ein paar Essays geschrieben, mehr nicht. Ob das dann Kapitel ge\u00adworden w\u00e4ren oder Teilkapitel oder ob ich sie g\u00e4nzlich wieder verworfen h\u00e4tte, wei\u00df ich nicht. Ein Buch ist es nie geworden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSchade\u201c, sagte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGott sei Dank\u201c, sagte Hylaia. \u201eIch bin froh, dass ich das Projekt rechtzeitig abgetrieben habe, be\u00advor es mich kaputtmacht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu h\u00e4ttest es schreiben sollen\u201c, meinte Kohl dann. \u201eDu solltest nicht so funktional denken. Es geht bei solchen Projekten nicht um Geld, sondern es geht darum, ob in der Forschung diese L\u00fccke be\u00adsteht. Besteht sie, dann wird sich das Projekt so oder so Bahn brechen. Besteht sie nicht, wird dir auch der beste Verlag nichts n\u00fctzen. Aber so wie ich das sehe, besteht die L\u00fccke in deinem Fall. Du h\u00e4ttest einen wesentlichen Beitrag zur Goethe-Forschung geleistet. Die Nachwelt&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, die Nachwelt\u201c, sagte Hylaia. \u201eDie Nachwelt interessiert mich aber nicht. Davon habe ich ja nichts. Wenn ich tot bin und dann entdeckt einer in hundert Jahren das Manuskript im Nachlass und publiziert es, und es wird ein Bestseller und die ganze Welt steht kopf &#8211; was habe ich davon? Ich bin ja schon tot.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs geht doch nicht nur um dich!\u201c rief Kohl aufgebracht. \u201eIch, ich, ich! Mein Haus, mein Auto, meine Schriftstellerkarriere, oder wie? Das ist ja furchtbar, dieser Karrierismus!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia l\u00e4chelte. \u201eWenn es nicht um dich geht, worum geht es dann? Um das Projekt? Das Projekt ist das Gro\u00dfe, dem sich der kleine Mensch unterordnen muss? F\u00fcr das sich der Mensch opfert? Sorry, aber so wichtig ist Goethe auch wieder nicht, dass man f\u00fcr ihn sein Leben draufgeben m\u00fcsste. Au\u00dferdem ist in hundert Jahren die Welt eine komplett andere als heute, da sollen sich die Leute lieber mit ihrem Kram befassen als verschollene Schriften von anno dunnemals wieder auszu\u00adgraben. Das ist Eskapismus. Das Ewiggestrige zieht uns hinan. Frei nach Goethe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNaja\u201c, sagte Kohl \u00fcberrumpelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist wie mit dir und deinem Hegel\u201c, sagte Hylaia unerbittlich. \u201eNat\u00fcrlich hast du einen Beitrag zur Hegel-Forschung geleistet mit deinen Werken \u00fcber die Dialektik. Aber jahrzehntelang an diesen B\u00fcchern zu arbeiten und sie am Ende bei einem Druckkostenzuschussverlag rauszubringen oder bei Books on Demand, das w\u00e4re es mir nicht wert. Schau dich doch an: du hast einen Selbstmordver\u00adsuch hinter dir, du bist pleite, du hast Depressionen, du hattest einen H\u00f6rsturz und hast eine Leber\u00adzirrhose. Die Welt schreitet voran ohne dich, sie l\u00e4sst dich als Wrack zur\u00fcck. Du bist das Wrack, das seinen M\u00fchlstein schleppt, komme was da wolle, du l\u00e4sst dich nicht beirren und schleppst ihn wei\u00adter und weiter &#8211; f\u00fcr was? Wozu? Niemand ist an diesem M\u00fchlstein interessiert. H\u00e4ttest du ihn lie\u00adgengelassen, w\u00e4rest du davongekommen. So aber frisst dich die Zeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie frisst mich auch so\u201c, sagte Kohl ungehalten. \u201eSterben muss jeder. Ich habe wenigstens etwas Bleibendes geschaffen. Die Dialektik wird mich \u00fcberleben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia lachte. \u201eAch, Aquin, glaubst du immer noch diesen romantischen Unsinn? Etwas Bleiben\u00addes\u2026 Ja, du hast noch ein paar M\u00fchlsteine geschaffen, damit auch andere Leute enden wie du. Du bist das Wrack, das der Treck in der W\u00fcste zur\u00fcckl\u00e4sst. Da kannst du hundertmal den Finger heben und mit Hegel argumentieren &#8211; kein Hahn wird nach Hegel kr\u00e4hen. Kein Hahn &#8211; nur die Geier. Die warten auf dich. Und das ist kein Heldentod, was du da zelebrierst. Das ist Feigheit, Duckm\u00e4userei vor der Gegenwart, feiges Verschanzen in der Etappe der Vergangenheit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Nachwelt&#8230;\u201c, fing Kohl wieder an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIrgendwann\u201c, fuhr Hylaia fort, \u201ewird dann ein anderer Treck kommen und an den Leichen vorbei\u00adfahren: an Hegel, dir und deinem Werk. Und es werden auch von diesem Treck Ewiggestrige ab\u00adspringen und sich um dich scharen, so wie du seinerzeit von deinem Treck abgesprungen bist und dich zum toten Hegel gesellt hast. Aber auch diese Ewiggestrigen werden vom Treck in der W\u00fcste zur\u00fcckgelassen. Das ist die Nachwelt, von der du tr\u00e4umst: ein paar Spinner in hundert Jahren. Die dann wiederum von ein paar weiteren Spinnern in zweihundert Jahren betrauert und wiederentdeckt werden, und so immer fort. Aber der Treck wird nicht f\u00fcr dich haltmachen, auch nicht f\u00fcr die Spin\u00adner. Er wird weiterziehen, und die Spinner werden von der Zeit aufgefressen werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHm\u201c, sagte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSicher\u201c, sagte Hylaia, \u201egibt es Projekte, die es lohnen, dass man abspringt. Man kann abspringen vom Treck, das Projekt mitnehmen und wieder aufspringen. Den Faden weiterspulen, das Feuer von damals wieder zum Lodern bringen. Manche Projekte, die da am Wegrand liegen, sind ja auch noch nicht tot, sondern vielleicht nur bewusstlos oder ersch\u00f6pft. Also abspringen, das Projekt wiederbele\u00adben und dann Hand in Hand mit ihm auf den Treck aufspringen. Aber abspringen und tote Asche an\u00adbeten und dann selbst zu toter Asche werden &#8211; das hat mit Mut und Leben nichts zu tun. Das Le\u00adben ist ein Projekt der Wirklichkeit und kein Projekt der Ewigkeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kohl schwieg und sagte dann: \u201eMach doch mal ein Beispiel f\u00fcr deine These.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eK\u00fcrzlich\u201c, sagte Hylaia nach einigem Nachdenken, \u201elas ich \u00fcber eine Schlagers\u00e4ngerin, die ein Al\u00adbum aufgenommen hatte mit Liedern, die ihr in ihrem Leben wichtig waren. Zu diesem Album wollte sie eine Tour machen, eine Deutschlandtour. Daf\u00fcr machte sie viel Werbung, redete von Selbstverwirklichung und diesem ganzen ichbezogenen Mist. Und dann kam die Energiekrise, der Vorverkauf lief schleppend \u2013 und sie sagte die geplante Tour kurzerhand komplett ab. Da dachte ich: Respekt. Sie hat erkannt, dass die Leute derzeit anderes im Kopf haben als ihr Trallala. Sie hat erkannt, dass der Treck der Wirklichkeit, die Energiekrise, der Krieg, an ihr vorbeilief, und sie lie\u00df ihr totes Projekt liegen und sprang wieder auf den Treck auf. Das fand ich beachtlich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHm\u201c, machte Kohl und kratzte sich am Kinn. \u201eDer Treck der Wirklichkeit \u2013 du meinst damit die politische Richtung, die politische Situation?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch meine damit die Gegenwart, die Wirklichkeit. Jenes Nadel\u00f6hr, durch das man durchmuss auf dem Weg von Gestern nach Morgen. Jeder muss da durch, durch dieses Nadel\u00f6hr, aber die meisten tun alles, um es nicht zu merken. Sitzen im Treck der Wirklichkeit mit dem R\u00fccken zur Fahrtrich\u00adtung oder schleppen tote Projekte mit sich. Und man merkt, wenn ein Projekt nur noch ein toter M\u00fchlstein ist. Dann muss man es abwerfen, abtreiben, absto\u00dfen. Genau das habe ich mit meinem Goethe-Buch gemacht. Es abgesto\u00dfen. Den Treck habe ich wieder erreicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWoher wei\u00dft du das?\u201c fragte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch lebe noch\u201c, sagte Hylaia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aquin Kohl war sichtlich angeschlagen. Hylaia sah ihm an, dass er hier gerne mit \u201eNonkonformis\u00admus\u201c und \u00e4hnlich romantischen Siebziger-Jahre-Begriffen eingehakt h\u00e4tte. Aber dank der Tabletten, die er nahm, blieb er ruhig. Er nippte an seinem Kaffee und fragte dann: \u201eWas hast du geschrieben in den letzten Jahren?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNichts\u201c, sagte Hylaia und f\u00fchlte sich frei und leicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Weile frage Aquin Kohl: \u201eHabe ich dich recht verstanden &#8211; du findest das Aufspringen auf Z\u00fcge erstrebenswert? Trittbrettfahrerei und Mitmachen beim Mainstream als hehre Ziele?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein\u201c, sagte Hylaia nachdenklich, \u201enein, ich meinte das genaue Gegenteil, auch wenn ich \u00e4hnliche Metaphern gew\u00e4hlt habe. Du meinst den Treck des Mainstreams. Wovon ich rede, ist der Treck der Wirklichkeit. Der Mainstream ist aber nicht die Wirklichkeit, er ist nur Propaganda. Regierungspro\u00adpaganda. Die bekannte Panzerwalze. Aber diesen Zug meine ich nicht. Ich meine das, was ist. Das zu erkennen ist oft schwer, weil man es immer verwechselt mit dem, was sein k\u00f6nnte, oder dem, was die Gesellschaft gerne h\u00e4tte. Die Wirklichkeit, das ist der Treck, dem zu folgen eine Kunst ist. Das ist der Treck, dem zu folgen Mut braucht. Das ist das Gegenteil von Karrierismus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHm\u201c, machte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch meine mit dem Treck nicht irgendetwas, was geschrieben wird\u201c, sagte Hylaia. \u201eIch meine mit dem Treck das, was passiert. Verstehst du? Der Treck der Wirklichkeit, das ist der einzige Zug, der z\u00e4hlt. Bei dem als Trittbrettfahrer zu re\u00fcssieren ist die Vorstufe der Erleuchtung. Und wer ganz vorn mitf\u00e4hrt, hat es geschafft. Der hat die h\u00f6chste Stufe des Daseins erreicht. Das ist der Zenit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber was ist der Treck der Wirklichkeit?\u201c fragte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNa, das Leben\u201c, sagte Hylaia. \u201eDie Lebenswirklichkeit. Die Gegenwart. Das, worauf es ankommt. Dein Alltag. Arbeiten. Aufs Amt gehen, Briefe schreiben, Geld abholen. Finanzen verwalten. Ein\u00adkaufen. Freunde treffen. Telefonieren. Fernsehen. Was auch immer. Essen, trinken, schlafen, ficken. Kartoffeln anbauen, Spiegeleier braten. Steuererkl\u00e4rung, Anwalt, Arzt, Lesen. Gymnastik machen. Schwimmen gehen. Klauen und abhauen. Alles m\u00f6gliche. Leben und \u00dcberleben. Vorw\u00e4rtsleben. Sich am Kacken halten. Das, wozu du Geistesgegenwart brauchst. Das, wozu du lebst. Keine Ges\u00adpenster. Das, wozu du deine Sinne brauchst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber du kannst mir doch nicht erz\u00e4hlen, dass du Fernsehen einen h\u00f6heren Stellenwert beimi\u00dft als der Dialektik!\u201c rief Kohl. \u201eUnd wenn du \u201aarbeiten\u2019 mit aufz\u00e4hlst, dann hei\u00dft das doch auch in dei\u00adnem und meinem Fall, dass wir uns hineinf\u00fchlen in die Dichter und Denker, \u00fcber die wir schreiben. Das ist doch unsere Arbeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, sicher\u201c, sagte Hylaia. \u201eAber eben nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wenn du \u00fcber diese Grenze hinausgehst, verlierst du den Bezug zur Wirklichkeit. Wenn du morgens aufstehst und dann bis zum Schlafengehen nur hinter deiner Sekund\u00e4rliteratur klemmst; wenn du nichts mehr mit\u00adkriegst, weder politisch auf dem Laufenden bist noch wei\u00dft, was in deiner Stra\u00dfe passiert; wenn du nicht mal merkst, was du isst; wenn du selbst von Hegel tr\u00e4umst \u2013 dann f\u00e4ngt es an, sch\u00e4dlich zu werden. Dann bist du vom Treck abgefallen f\u00fcr eine Leiche und solltest zusehen, dass du wieder draufkommst auf den Zug. Il faut \u00eatre absolument moderne, das Zitat von Arthur Rimbaud kennst du ja \u2013 man muss absolut auf der H\u00f6he der Zeit sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber damit\u201c, rief Kohl, \u201emeint er doch etwas v\u00f6llig anderes, damit meint er doch nicht, dass man jedem Trend hinterherjagen und jede Mode mitmachen soll, sondern\u2026\u201c Er brach ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGenau davon rede ich ja\u201c, sagte Hylaia. \u201eGenau das meine ich ja auch nicht.\u201c Kohl nickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch denke oft\u201c, sagte Hylaia, \u201edas gr\u00f6\u00dfte Problem der Menschen ist, dass sie gar nie richtig wahr\u00adnehmen, was um sie herum vorgeht, weil sie immer mit dem Kopf in irgendwelchen fernen Welten stecken. Nicht nur du mit deinem Hegel und ich mit meinem Goethe. Ich meine zum Beispiel auch das ewige Surfen in der Vergangenheit und Kindheit via Facebook. Da tauschen die Leute Fotos ih\u00adrer Lieblingsteddys aus, schreiben ellenlange Kommentare \u00fcber ihre Schulzeit, suhlen sich in alten Geschichten&#8230; Ich kenne einen, dem sind letztes Jahr ein Hund und zwei Freunde gestorben, und jetzt suhlt er sich t\u00e4glich auf Facebook in seinem Schmerz, teilt Fotos von dem Hund und den Freunden, kriegt daf\u00fcr Herzchen \u00fcber Herzchen und teilnahmsvolle Kommentare, auf die er aus\u00adf\u00fchrlich antwortet&#8230; er muss t\u00e4glich mehrere Stunden am Daddelfon h\u00e4ngen, nur deswegen. Und w\u00e4hrenddessen rauscht die Wirklichkeit davon. Drau\u00dfen geht der dritte Weltkrieg los, und der Typ merkt es nicht mal, weil er mit dem Kopf im Daddelfon steckt. Er sitzt im Treck der Wirklichkeit mit dem R\u00fccken zur Fahrtrichtung und kriegt gar nicht mit, wohin die Reise geht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch so meinst du das\u201c, meinte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe auch von einem Typen gelesen, der den ersten Corona-Lockdown dazu benutzt hat, um sein Projekt \u00fcber den Zweiten Punischen Krieg, das schon seit Jahren in der Schublade herumd\u00fcm\u00adpelte, fertigzustellen. Da fragte ich mich wirklich: Alter, wo hakt\u2019s bei dir? Drau\u00dfen geht die gr\u00f6\u00dfte Krise der Nachkriegszeit ab, und du hockst in deiner Bude und tippst irgendwas \u00fcber die alten R\u00f6\u00admer! Wozu? Wer soll so was nach Corona lesen? Nach Corona sind ganz andere Dinge wichtig, da interessiert dein punischer Krieg keine abgestochene Sau mehr!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNach Corona\u201c, meinte Kohl, \u201edu sagst das so, als ob Corona eine \u00e4hnlich tiefe Z\u00e4sur darstellt wie nach dem Krieg&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas tut es ja auch\u201c, sagte Hylaia. \u201eCorona stellt eine genauso tiefe Z\u00e4sur dar wie 1945. Wirtschaft\u00adlich, politisch, sozial, finanziell. Das Leben seither ist nicht mehr dasselbe. Aber die Kultur macht weiter, als w\u00e4re nichts gewesen: Schlagerparade, Dschungelcamp, Fu\u00dfball-WM, Trallala und Hopp\u00adsassa. Und die grassierende Gedenkeritis: vor drei\u00dfig Jahren war dies, vor f\u00fcnfzig Jahren war das\u2026 Die Literatur, Aquin, die Stoffe f\u00fcr gute zeitgen\u00f6ssische Literatur hic et nunc liegen auf der Stra\u00dfe rum, aber keiner hebt sie auf. Man quatscht von fr\u00fcher, man macht Nabelbeschau und h\u00e4lt endlose Retrospektiven. Es gibt sogar eine B\u00fchnenrevue \u201aDie zwanziger Jahre \u2013 Absinth und Charleston\u2018. Das waren aber die 1920er Jahre! Hundert Jahre her! Die Leichen verwesen schon! Der Zug der Ge\u00adgenwart rast durch Krieg und Inflation, und die Zuginsassen haben die Fenster mit Sichtschutz ver\u00adh\u00e4ngt und gedenken lachend der Zeit vor hundert Jahren!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gab auch im Warschauer Ghetto Leute, die sich mit der italienischen Renaissance besch\u00e4ftig\u00adten\u201c, sagte Kohl. \u201eUm mal ein krasses Beispiel zu nennen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, ich wei\u00df\u201c, meinte Hylaia. \u201eAbsurd. V\u00f6llig absurd.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie tranken den Kaffee, den Hylaia gekocht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Treck der Wirklichkeit\u201c, sagte Hylaia dann, \u201eist eine gro\u00dfe Herausforderung. Und es ist auch keineswegs nur ein Problem der Handy- und Facebook-Generation. Dass die Leute nicht wahrneh\u00admen, was um sie herum passiert, weil sie mit dem Kopf gar nicht hier sind, sondern an irgendwel\u00adchen Nicht-Orten, das ist ja schon seit Jahrhunderten so. Auch die Leute im Zweiten Weltkrieg ha\u00adben ja nicht aufmerksam die Tr\u00fcmmer registriert, sondern sie wollten sie oft gar nicht wahrhaben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber es geht ja auch\u201c, sagte Kohl, \u201eum ein lebensnotwendiges Abschalten des Verstandes. Ich mei\u00adne, heute haben die Leute Netflix und WhatsApp, um abzuschalten von der brutalen Realit\u00e4t. Du kannst nicht vierundzwanzig Stunden am Tag Bundestag live gucken. Oder wenn Krieg ist, da kannst du auch nicht vierundzwanzig Stunden aufmerksam durch die brennenden Tr\u00fcmmer gehen und Leichen z\u00e4hlen. Irgendwann drehst du dann durch. Das ist zu viel Wirklichkeit. Die Leute in Berlin 1945, die brauchten auch was zum Abschalten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNaja\u201c, sagte Hylaia, \u201eda stimme ich dir vollkommen zu. Das Abschalten von der Realit\u00e4t ist ja auch nicht das Problem. Zum Problem wird es erst, wenn die Realit\u00e4t zum Abschalten der Ablen\u00adkung benutzt wird. Die Leute sind so versunken in ihre Scheinwelt auf Instagram, mit ihren Herz\u00adchen und Katzenvideos, dass sie den Einbruch der Realit\u00e4t als St\u00f6rung wahrnehmen. Und zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das wohl \u00e4hnlich \u2013 1945 in Berlin krachte wohl ein gro\u00dfer Realit\u00e4ts\u00adschock auf die Leute ein, nach zw\u00f6lf Jahren Ablenkung mit Propaganda.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia machte eine Pause und sagte dann: \u201eAber dieser Realit\u00e4tsschock, der steht heute noch aus. Die Z\u00e4sur der letzten Jahre ist noch nicht durchgesickert durch den ganzen Wust von Ablenkungen und Geistergefechten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu meinst, die Propaganda h\u00e4lt noch an?\u201c fragte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa\u201c, sagte Hylaia nachdenklich, \u201eden Eindruck habe ich tats\u00e4chlich. Es wird getan, was m\u00f6glich ist, um die Leute in ihrer \u00fcberzuckerten Scheinwelt zu lassen. Sie stehen morgens auf, gucken in ihr Smartphone, lesen die Nachrichten und lesen: alles geht aufw\u00e4rts, wird schon alles wer\u00adden, der Auf\u00adschwung ist da, die Zukunft wird rosig. Und dazu gibt es ein paar Geistergefechte, ein paar sch\u00f6ne Skandale und Eklats, die einen tagelang besch\u00e4ftigen und einen tagelang vom Treck der Wirklich\u00adkeit abziehen. Und Ern\u00e4hrungstipps, Schminktipps, Yogatipps \u2013 was muss ich essen, welchen Sport muss ich treiben, damit ich hundert Jahre alt werde und dann immer noch sch\u00f6n bin? Der Main\u00adstream l\u00e4uft auf Hochtouren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie machte eine Pause und sagte dann: \u201eLebensmittelpreise steigen, Energiepreise steigen, Mieten steigen. Arbeitslosigkeit steigt. Insolvenzzahlen steigen. <em>Das<\/em> ist die Wirklichkeit. Und was tun die Leute? Entweder sie ignorieren es und wollen es nicht wahrhaben. Oder sie machen Selfies von sich in den Schlangen vor den L\u00e4den, sie gehen auf Demos, halten das Handy hoch und lachen in die Kamera. Sie fassen das als Event auf, wie bei einem Rockkonzert! Und dann posten sie ihre Videos und Selfies auf Instagram, holen sich ihre Herzchen und Likes ab und surfen behaglich in der R\u00fcck\u00adschau. Verstehst du, was ich meine, wenn ich sage, der Realit\u00e4tsschock ist noch nicht ange\u00adkommen? Sie konservieren die Realit\u00e4t wie eine wertvolle Erinnerung, f\u00fcllen das Gef\u00fchl f\u00fcr die Nachwelt in Dosen und suhlen sich dann in ihren reproduzierten Fake-Gef\u00fchlen. Als ob die Situation ein Happe\u00adning w\u00e4re, was Besonderes. Die Realit\u00e4t als Ablenkung von der Ablenkung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFake-Gef\u00fchle in Dosen\u201c, meinte Kohl. \u201eWas hast du gegen Gef\u00fchle? Ich meine, du redest hier an\u00addauernd davon, dass man regungslos \u00fcber Leichen stapfen soll, den Blick nach vorn gerichtet\u2026 Und in die Zukunft sehen kann auch niemand, egal wie intensiv er seine Gef\u00fchle abt\u00f6tet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia sch\u00fcttelte heftig den Kopf. \u201eNein, da verstehst du mich falsch\u201c, sagte sie entschieden. \u201eIch spreche keinesfalls davon, die Gef\u00fchle abzut\u00f6ten oder regungslos \u00fcber Leichen zu marschieren. Was ich mit Fake-Gef\u00fchlen aus der Dose meine, das sind reproduzierte, wiederaufgew\u00e4rmte, oft auch k\u00fcnstlich und durch Manipulation erzeugte und vermehrte Gef\u00fchle. Die sind das Problem, meines Erachtens nach. Das meinte ich auch am Beispiel meines Bekannten: dass er um seinen Hund und seine zwei Freunde, die gestorben sind, trauert, ist verst\u00e4ndlich und normal, und das zieht ihn auch nicht vom Treck der Wirklichkeit ab. Aber wenn er seine Trauer wieder und wieder auf\u00adw\u00e4rmt, sich in diesen Zustand der echten Trauer zur\u00fccksehnt und sie mit allen Tricks wiederzubele\u00adben sucht, dann erzeugt er Fake-Gef\u00fchle. Fake-Gef\u00fchle entstehen auch bei der klassischen Manipu\u00adlationsmethode vieler Medien: Fotos von Kindern und Tieren zeigen. Oder wenn Politiker und an\u00addere Showfuzzis \u201aEmotionen\u2018 zeigen. Die Fake-Gef\u00fchle sind es, die wir eind\u00e4mmen m\u00fcssen. Die vermehren sich wie Ratten und verstopfen den Kopf. Echte Gef\u00fchle sind etwas ganz anderes, etwas Lebenswichtiges, ein Gru\u00df der Intuition. Echte Gef\u00fchle sind wie Drogen, aber gute Drogen, Drogen von Qualit\u00e4t. Fake-Gef\u00fchle sind minderwertige Drogen, billige Massenware. Fusel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWarum suchen so viele Leute den Kick durch Fake-Gef\u00fchle, was meinst du?\u201c fragte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch vermute\u201c; sagte Hylaia, \u201eweil sie ihre echten Gef\u00fchle nicht nutzen k\u00f6nnen und leer sind ohne Fake-Gef\u00fchle. Und ihnen ist wohl auch langweilig, weil sie im Treck der Wirklichkeit ja nie vorne mitfahren. T\u00e4ten sie das, h\u00e4tten sie f\u00fcr Fake-Gef\u00fchle keine Zeit. Echte Gef\u00fchle sind Rauschzust\u00e4n\u00adde, aber man ist nicht s\u00fcchtig. Fake-Gef\u00fchle hingegen machen s\u00fcchtig, und man giert dann wie ein haltloser Junkie immer nur noch nach dem n\u00e4chsten Kick. Wenn der Geist leer ist, empfindet man das als negativ und bedr\u00f6hnt sich gleich wieder. Genau das zieht einen vom Treck der Wirklichkeit ab. Wir m\u00fcssen einfach aufmerksam bleiben und nach vorne bli\u00adcken, uns nicht geistig verzetteln mit Trallala und Hoppsassa, mit Hegel und Goethe und Befindlichkeiten. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir auch dann die Zukunft nicht voraussehen. Aber ein herannahendes Gewitter kann man ja schlie\u00dflich auch sehen, wenn man sich ein wenig mit dem Himmel befa\u00dft. Die Zukunft wird ja erst in der Ge\u00adgenwart geboren. Das Heute ist der Ursprung, die Keimzelle f\u00fcr Morgen und Gestern, deshalb ist es besser, aufmerksam durch dieses Nadel\u00f6hr zu gehen als sich mit synthetischen Fake-Gef\u00fchlen voll\u00adgepumpt in der Etappe der Vergangenheit zu verkriechen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aquin Kohl sah sie an und nickte. \u201eDie Zukunft und die Vergangenheit werden beide erst in der Ge\u00adgenwart geboren, sagst du. Rimbauds \u201a\u00catre absolument moderne\u2018 ist der k\u00fchne Tanz an der Schnitt\u00adstelle von Gestern und Morgen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch denke immer an Piloten\u201c, meinte Hylaia. \u201eLangstreckenpiloten. Die m\u00fcssen stundenlang in Habachtstellung sein. Die k\u00f6nnen nicht rechts ranfliegen, um zu gucken, wie viele Likes ihr Selfie auf Facebook schon hat. Wenn sie an was denken, was nicht zum Flug geh\u00f6rt, dann m\u00fcssen diese Gedanken durchziehen, wie die Wolken, an denen sie vorbeifliegen. Stell dir vor, ein Pilot ist im Kopf bei seinem Hegelbuch. Das geht nicht \u2013 da kommt die Katastrophe sofort. Das meine ich. Im Kopf leer und auf die Wirklichkeit aufpassend.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie alten Griechen\u201c, sagte Kohl, \u201esahen es ja so: die Zukunft kommt von hinten \u00fcber einen, w\u00e4h\u00adrend man dasteht und die Vergangenheit betrachtet, die vor einem ausgebreitet liegt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia nickte. \u201eDa ist es dann einfach zu sagen, \u201awir haben von nichts gewusst\u2018.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa f\u00e4llt mir ein\u201c, sagte Kohl, \u201ein meiner Jugend hatte ich Gitarrenunterricht. Wenn ich im Bus sa\u00df und zur Musikschule fuhr, dachte ich: jetzt in einer halben Stunde gehst du rein in die Musikschule \u2013 jetzt in einer Stunde kommst du wieder raus \u2013 jetzt in eineinhalb Stunden sitzt du im Bus nach Hause \u2013 jetzt in zwei Stunden kannst du dich endlich ausruhen. Das waren meine Gedankenspiele. Und w\u00e4hrend des Unterrichts dasselbe: ich bewegte meine Finger, wie es die Lehrerin mir zeigte, und dachte dabei: nur noch zwanzig Minuten \u2013 nur noch zehn Minuten\u2026 Sp\u00e4ter r\u00fchrte ich meine Gitarre nie wieder an. Kein Wunder: ich war ja nie richtig dabeigewesen beim Unterricht. Ich war w\u00e4hrend des Unterrichts in meinem Kopf, und mein Kopf war woanders. An einem Nicht-Ort.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa\u201c, sagte Hylaia, \u201eman ist geistesabwesend: der eigene Geist ist nicht da, er hat geschlossen. Man schafft dadurch ein Vakuum statt Zukunft. Geistesgegenwart ist, wenn der Laden ge\u00f6ffnet hat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kohl nickte wortlos und kratzte sich am Kinn. Dann fragte er schief grinsend: \u201eWenn man dir hun\u00adderttausend Euro Vorschuss zahlen w\u00fcrde f\u00fcr dein Goethe-Buch und dir eine Millionenauflage zusi\u00adchern, w\u00fcrdest du es dann machen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia dachte nach, dann sagte sie: \u201eNein. Vor zehn Jahren h\u00e4tte ich Ja gesagt. Aber heute, hier und jetzt \u2013 nein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aquin Kohl schien \u00fcberrascht. Er hob die Brauen und fragte: \u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeil mich das Konzept des Buches zu lang von der Wirklichkeit abhielte\u201c, sagte Hylaia. \u201eIch m\u00fcsste f\u00fcr Monate, ja f\u00fcr Jahre in die Vergangenheit reisen, ich w\u00e4re somit vielleicht jahrelang mit dem Kopf hinterm Schrank. Sicher, ich w\u00fcrde finanziell daf\u00fcr entsch\u00e4digt werden. Aber ich w\u00fcrde jahrelang nichts mitkriegen von der Wirklichkeit, ich w\u00e4re nach der Fertigstellung ein Zombie, der sich erst wieder im Heute zurechtfinden muss. Das ist es mir nicht mehr wert. F\u00fcr hunderttausend Euro einen weiteren M\u00fchlstein schaffen, der mich und andere vom Leben abh\u00e4lt \u2013 nein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd warum h\u00e4ttest du es vor zehn Jahren noch gemacht?\u201c fragte Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeil ich vor zehn Jahren\u201c, sagte Hylaia, \u201eschlicht noch nicht so weit war wie heute, was den Treck der Wirklichkeit betrifft. Damals stand ich noch im Pulk derer, die mitfahren, aber nichts h\u00f6ren und nichts sehen und meistens zum R\u00fcckfenster rausgucken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber das Geld\u201c, meinte Kohl, \u201edas hielte dich doch am Kacken, wie du es ausdr\u00fcckst. Du m\u00fcsstest nicht mittellos in der W\u00fcste verrecken mit dem M\u00fchlstein um den Hals.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hylaia l\u00e4chelte. \u201eDann w\u00fcrde ich lieber was anderes machen. Was Sinnvolles. Gar nicht erst den M\u00fchlstein erarbeiten. Keine tote Asche anbeten. Zum Beispiel w\u00fcrde ich Seminare halten \u00fcber die Kunst des Spiegeleierbratens.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Wochen nach Kohls Besuch sandte Hylaia ihm ein P\u00e4ckchen. Es kam zur\u00fcck. Sie schrieb ihm einen Brief, und auch der kam zur\u00fcck. Naja, dachte Hylaia. Er steckt wohl wieder im Stein\u00adbruch der Vergangenheit und schippt sich durch seinen Hegel. Will mit dem Gestern das Morgen retten und vergi\u00dft das Heute. Schade\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein halbes Jahr sp\u00e4ter bekam Hylaia eine Postkarte aus der Schweiz:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHallo Hylaia, ein Freund von mir hat einen Hof hier, dort lebe ich jetzt, miste den H\u00fchnerstall aus und helfe beim Kartoffelernten. Die M\u00fchlsteine habe ich aufgegeben. Die Regale meiner Bibliothek sind eingest\u00fcrzt, und ich w\u00e4re fast unter Hegel begraben worden. Da wurde mir klar, was du gemeint hast. Liebe Gr\u00fc\u00dfe, Aquin Kohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS: Du kannst sehr gern mal vorbeikommen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-99634 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ni-gudix.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"179\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ni-gudix.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ni-gudix-160x120.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein dialogischer Essay Aquin Kohl war ein vertrockneter Hegelianer, der sich immer mal wieder in die Einsiedelei ver\u00adkroch und dann alles und jeden negierte. 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