{"id":104604,"date":"2010-01-30T10:59:35","date_gmt":"2010-01-30T09:59:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104604"},"modified":"2023-04-13T11:04:56","modified_gmt":"2023-04-13T09:04:56","slug":"dialektische-lyrik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/30\/dialektische-lyrik\/","title":{"rendered":"Dialektische Lyrik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><i><span style=\"color: #999999;\">Ich wei\u00df, <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Ich entkomme aus mir. <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Aus dieser Stimme, dieser Haut. <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Diesem Wunsch nach Einigkeit<\/span>.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Zeilen auf der R\u00fcckseite pr\u00e4sentiert uns Sternmut seinen neuen Lyrikband und das immer wieder (nicht nur) in der modernen Literatur virulente Problem der Identit\u00e4t bzw. der Integrit\u00e4t einer sich selbst bewussten Pers\u00f6nlichkeit. Schon die Behauptung &#8222;Ich wei\u00df ist k\u00fchn, denn sie etabliert ein &#8222;Ich&#8220; (dessen Existenz ja in der modernen Philosophie \/ Psychologie \/ Hirnforschung umstritten ist), wie es an Sokrates und Descartes mahnt. Dann hei\u00dft es wohlweislich nicht &#8222;ich komme&#8220;, sondern &#8222;ich entkomme aus mir&#8220; -eventuell doch eine sprachlich riskante Doppeldeutigkeit?!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Modellvorstellung ist ja ebenso unvermeidlich wie absurd: um sich zu entfliehen, muss man erst existieren. Versteckt ist hier auch die Frage nach dem Sein-Wollen. Mit der &#8222;Stimme&#8220; und der &#8222;Haut&#8220; werden relative \u00c4u\u00dferlichkeiten einer Identit\u00e4t benannt. Die &#8222;Einigkeit&#8220; kann als Voraussetzung und als Zielvorstellung gelten: ich brauche sie, um mich mit mir aus-ein-ander-zu-setzen. Identit\u00e4tsfindung (Identit\u00e4tsfahndung?) ist eben ein dialektischer Vorgang: These (Ich wei\u00df&#8220;) &#8211; Antithese (&#8222;entkomme&#8220;) -Synthese (&#8222;Wunsch nach Einigkeit&#8220;). Dieser Prozess ist hier kurz und pr\u00e4gnant wie selten in (noch dazu) lyrische Worte gefasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun k\u00f6nnte man obige Zeilen noch weiter bedenken und analysieren &#8211; allerdings muss man einen Lyrikband auch erst einmal komplett durchlesen mit gro\u00dfz\u00fcgiger Aufmerksamkeit, um zu sortieren nach Texten mit unterschiedlichem sprachlichem, thematischem und existentiellem Tiefgang. Die Kunst besteht ja immer darin, etwas Innerliches mit etwas \u00c4u\u00dferlichem auszusagen, etwas Allgemeing\u00fcltiges durch etwas Besonderes &#8211; und das in einer jeweils eigenen Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da sind wir eben bei Sternmut richtig, er wei\u00df um den &#8222;sonderbaren \/ Grenzverlauf der Hirnh\u00e4lften&#8220;, er bewegt sich im &#8222;Sumpfgebiet meiner Ahnung&#8220;, er findet das Wesen einer Angelegenheit &#8222;in sich mit anderen Worten&#8220;. Und schlie\u00dflich die erschreckende Erkenntnis:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nichts ist wahr wie es ist.&#8220; Und der &#8222;Samenstrahl der Sprache&#8220; ist ausgeliefert dem &#8222;Waffenblick der Wirklichkeit&#8220;. Es hilft nur die &#8222;Selbstmutmachung&#8220; w\u00e4hrend wir den &#8222;Sekundentanz des Bewusstseins&#8220; erleiden im &#8222;Dschungel der Vorstellung&#8220;. Und immer m\u00fcssen wir so tun, &#8222;als g\u00e4be es Aussicht \/ auf Wirklichkeit&#8220;, als sei &#8222;die innere Welt ausgelotet&#8220;, aber &#8222;das eigene Ich \/ die innere Verwerfung&#8220; bringt uns bestenfalls in &#8222;Nichtsnichts des Gespr\u00e4chs&#8220;. Da existieren wir in der Kommunikation mit dem Universum am Vereinigungspunkt von Raum und Zeit &#8211; und da passieren die unwichtigsten und die wichtigsten Dinge gleichzeitig: &#8222;Der Salamander fiel in ein Wasserloch \/ Und ertrankt, \/ W\u00e4hrend eine Erdkr\u00f6te gerettet wurde, \/ Einen Tag zuvor in Kalifornien.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wieder einmal geht es um den Tod und die Liebe und die poetische Flucht aus der Melancholie. Und irgendwie wird die Vorstellung einer Endg\u00fcltigkeit auch schon wieder komisch, wenn es hei\u00dft: &#8222;Der Tod ist das Ende vom Tod.&#8220; So eine Formulierung dreht sich ebenso wirr in unserem Hirn wie die Aussage &#8222;Ich l\u00fcge&#8220; &#8211; aber die Wahrheit ist ja eben das Gipfelkreuz des Sisyphos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Nachtlichter<\/strong>, von Norbert Sternmut. Pop Verlag, Ludwigsburg 2010<\/p>\n<div class=\"csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div id=\"attachment_98207\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98207\" class=\"wp-image-98207 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-lyrik-eine-bresche-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><p id=\"caption-attachment-98207\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich wei\u00df, Ich entkomme aus mir. 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