{"id":104600,"date":"2009-01-20T10:46:26","date_gmt":"2009-01-20T09:46:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104600"},"modified":"2023-04-13T10:53:51","modified_gmt":"2023-04-13T08:53:51","slug":"wider-die-verfuegbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/20\/wider-die-verfuegbarkeit\/","title":{"rendered":"Wider die Verf\u00fcgbarkeit"},"content":{"rendered":"<div><\/div>\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00bbPop\u00abiges von Sternmut, das w\u00e4re auch mal was \u2013 aber nein, Schluss gleich zu Beginn mit versuchten Wortspielereien, die wird der Autor substanzieller liefern.<\/span><\/p>\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ungew\u00f6hnlich ist, dass zum Titel ein Titelgedicht gleich zum Einsieg pr\u00e4sentiert wird. Aber hoffe niemand auf eine sofort griffige Erkl\u00e4rung dieser Wortneusch\u00f6pfung \u201eFadenw\u00fcrde\u201c \u2013<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Hier sei schlicht und ausnahmsweise die erste Strophe zitiert: \u201elege meine Sinne \u00fcber deine Haut \/ in die Zeitkerze brenne ich \/ durch den Windsplitter \/ der Aufruhr der Fadenw\u00fcrde \/ trampelt der Irrsinn durch den Hirnlappen \/ peitscht der Wind \u00fcber das Schwundmoor.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Hier ist Hermetik angesagt. Der moderne Lyriker beobachtet die Welt vielleicht nicht anders als wir \u2013 aber seine Ent\u00e4u\u00dferungen scheinen seltsam chiffriert. Verbunden mit der Frage, warum uns ein K\u00fcnstler die Welt in unverst\u00e4ndlichen Worten, T\u00f6nen oder Farben wiedergibt, sollte uns freilich die Frage \u00fcberfallen, ob wir denn tats\u00e4chlich die Welt verstehen, wenn sie uns in simplen Worten, T\u00f6nen, Farben begegnet?! Es ist klar: Kunst will uns sensibilisieren, zum Innehalten bewegen, zum Wechseln der Perspektive, zum Variieren der Distanz.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Dabei sind manche Texte Sternmuts dialogisch angelegt, das lyrische Ich wendet sich an ein Du, es behauptet auch ein Wir: \u201ekomm, \/ Wir lassen uns beirren von Sinnen.\u201c Und dann bl\u00fcht uns \u201eder Reichtum der Sonne der Worte\u201c und wir \u201ebaden im Gl\u00fcck der Sprache\u201c.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Das k\u00f6nnen aber nur die Menschen mit \u00dcberzeugung tun, die mit ihrem Bewusstsein auch ihre Sprache und ihr Auffassungsverm\u00f6gen entwickeln.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Eigenartigerweise vermeint man auch bei Sternmut die Standardthemen der Lyrik zu erkennen: der Mensch, das Leben, der Tod, die Liebe, die Natur. Und auch wenn er zu spezielleren Angelegenheiten kommt, welche unseren Alltag beschweren (Sucht, Geldgier, Amok, Politik), wird er nicht larmoyant \u2013 man sp\u00fcrt, wie er mitf\u00fchlt.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Der ganze Irrsinn l\u00e4sst ihn nicht kalt, aber er schw\u00e4cht ihn nicht \u2013 vielmehr fordert er ihn heraus zur Positionierung. Und nun m\u00fcsste man eben fragen: Wie viele seiner Mitmenschen werden Sternmut folgen k\u00f6nnen und wollen an seinem roten Wortfaden entlang, wenn es wom\u00f6glich \u201ekeine Aussicht auf Wirklichkeit\u201c gibt? Hier dr\u00e4ngt sich auch immer wieder Wittgensteins Diktum auf: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Wie erkenntnistr\u00e4chtig sollen Sternmuts Verse sein: \u201eAus B\u00fcchern Zeilen \/ Br\u00fcchen was eigentlich wirkt im Grund \/ der Seele wer wei\u00df von sich selbst?\u201c Sollen wir denn mit s\u00e4kularer Demut unsere Ratlosigkeit zelebrieren:<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201everworren in engen Hirnschalen\u201c? Doch da wird der engagierte Sternmut relativ konkret: \u201eden Windm\u00fchlen der Angst \/ setzen wir unseren Gleichmut entgegen \/ die Leidenschaft das Wort\u201c \u2013 auf dass \u201esich t\u00f6tet was uns t\u00f6tet \/ sich erledigt was uns zwingt\u201c \u2013 und wir den \u201eKr\u00fcppelpfad der Erkenntnis\u201c sicher durchschreiten und \u00fcberwinden.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Bleibt unter anderem die Frage, wie wir der \u201eHirnverstumpfung\u201c entgehen \u2013 wie setzen wir die \u201eGedankenschrauben\u201c an?! Da bleibt der bescheidene Wunsch: \u201ebei sich sein einmal am Tag \/ zwanzig Minuten mindestens.\u201c Und daraus quasi die Parole gewinnen: \u201ewir wollen uns: doch ver\u00e4ndern.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Sternmuts Lyrik ben\u00f6tigt man jedenfalls mehr als 20 Minuten, damit es nicht hei\u00dft: \u201eins Sein geworfen Br\u00fcder und Schwestern \/ ihr habt nichts verstanden \/ keine Wortsch\u00f6pfung\u201c. Damit nicht der \u201eSeelenkot\u201c und die \u201eSternkacke\u201c dominieren, so bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen unserem Willen und der Verwesung. Und wir sind es selbst, die zu sich finden und dem Sinn, der sich hinter dem Finden verbirgt. Sternmut hat uns herausgefordert \u2013 wir k\u00f6nnen ihm standhalten oder ins restliche Leben fl\u00fcchten. Dort begegnen wir scheinbar eing\u00e4ngigeren Wortkombinationen \u2013 aber die Sprachmagie verbleibt eben bei modernen Poeten, welche sich ihrer Verf\u00fcgbarkeit erwehren.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\">\n<p class=\"bodytext\">\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">* * *<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Fadenw\u00fcrde<\/strong>, von Norbert Sternmut. Pop Verlag, Ludwigsburg 2009<\/span><\/p>\n<div class=\"csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image\">\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.textem.de\/uploads\/pics\/61e-37_tOmL._SL500_AA240_.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"240\" border=\"0\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><\/span> <span style=\"color: #000000;\">Unter dem Pflaster liegt der Strand<\/span><\/p><\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbPop\u00abiges von Sternmut, das w\u00e4re auch mal was \u2013 aber nein, Schluss gleich zu Beginn mit versuchten Wortspielereien, die wird der Autor substanzieller liefern. 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