{"id":104581,"date":"2023-04-17T00:01:36","date_gmt":"2023-04-16T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104581"},"modified":"2023-04-17T05:23:13","modified_gmt":"2023-04-17T03:23:13","slug":"ein-unbequemer-denker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/17\/ein-unbequemer-denker\/","title":{"rendered":"Ein unbequemer Denker"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>In der von den Massenmedien formatierten \u00d6ffentlichkeit ist Kritik durch Moralisierung ersetzt worden: Zwischen den Polen Lob und Tadel wird das Nachdenken eingespart, in Feuilletons und Talkshows wird l\u00e4ngst nicht mehr diskutiert, sondern nur noch emotionalisiert.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Norbert Bolz<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die \u00dcbel dieser Welt kennt die aktuelle Debatte vor allem einen Schuldigen: den alten wei\u00dfen Mann. Er steht f\u00fcr Kolonialismus, Rassismus und Sexismus und auf sein Konto gehen sowohl die Armut in der Welt als auch die Zerst\u00f6rung der Natur und nat\u00fcrlich der Klimawandel. Doch wie wurde er zum S\u00fcndenbock und was steckt hinter dieser kollektiven Schuldzuweisung?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Fackel der Theorie haben Sie schon weitergereicht. Sie haben namhafte Sch\u00fcler wie Norbert Bolz hervorgebracht, man spricht sogar von der \u201aKittlerjugend\u2018<\/em>. (Welt am Sonntag)<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_98124\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98124\" class=\"wp-image-98124 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98124\" class=\"wp-caption-text\">Walter Benjamin, oft kopiert, selten erreicht<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie weisse M\u00e4nner alt geworden sind, zeigt sich am Lebenslauf von Norbert Bolz. Die von\u00a0 ihm entwickelte <em>\u201eTheorie der neuen Medien\u201c<\/em> (1990) kn\u00fcpft an Gedanken Friedrich Nietzsches, Walter Benjamins und Marshall McLuhans an. Bolz\u2019 Position baut auf Friedrich Kittlers Ideen auf. In seinem Buch setzt er sich mit der Tatsache auseinander, dass das Buch als Leitmedium der Gesellschaft durch den Computer abgel\u00f6st werde. Aus der \u201eGutenberg-Galaxie\u201c (McLuhan) sei der \u201eCyberspace\u201c geworden. Die Information sei nicht mehr an einen physischen Tr\u00e4ger gebunden und damit enthumanisiert. Der Code, in dem die Information \u00fcbertragen wird, sei dem Menschen nicht mehr unmittelbar zug\u00e4nglich, wie es beim Buch noch der Fall gewesen sei. Der Mensch bed\u00fcrfe eines Ger\u00e4tes als Interface zur Information. Aus den bisher lokal vorhandenen Informationen w\u00fcrden Netze globaler Reichweite. Dies habe mit dem Telegraphen und dem Radio begonnen und sich mit dem Fernsehen ausgeweitet. Bis dahin seien die Massenmedien Distributionsmedien gewesen, bei denen der Konsument die Information passiv aufgenommen habe. Indem das Internet auch Aktivit\u00e4t des Nutzers zulasse, insbesondere in benutzergenerierten Inhalten wie im Internetlexikon Wikipedia, entst\u00fcnden M\u00f6glichkeiten der Kooperation und der Selbstdarstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Medien wie das Bild sind nach Bolz nicht nur Wege der Erkenntnis, sondern auch bei entsprechenden Handhabungen, beispielsweise einer Vergr\u00f6\u00dferung oder Wiederholung, Instrumente der Erkenntnis. Sie ver\u00e4ndern zum Teil die Zeitwahrnehmung und ersetzen sogar Erfahrung und Erinnerung. \u201eFern-Sehen\u201c wird zum Organ des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Streitgespr\u00e4ch mit Julian Nida-R\u00fcmelin trug Bolz im Jahr 1998 die These vor, dass angesichts der neuen Medien die seit Platon \u00fcbliche Vorstellung von Wahrheit ins Wanken gerate, weil immer weniger zwischen Illusion und Wirklichkeit unterschieden werden k\u00f6nne. Die Realit\u00e4t werde immer mehr zu einem universalen, undurchschaubaren und undurchdringlichen Komplex von Projektionen. Die neuen Medien f\u00fchrten zu einer Wirklichkeit, der man nicht mehr mit kritischer Distanz begegnen k\u00f6nne. Jede kritische Reflexion dieses Sachverhaltes sei bereits Bestandteil dieser Wirklichkeit. Der von Bolz damit verbundenen Meinung, dass mit dieser neuen Wirklichkeit die Philosophie ihre Funktion verliere, wird entgegengehalten, dass die Philosophie mit dem Konzept der Immanenzphilosophie schon bei Nietzsche, Foucault oder Deleuze hierauf l\u00e4ngst eine Antwort gegeben habe. Kurt R\u00f6ttgers h\u00e4lt Bolz entgegen: \u201eUnd da\u00df menschliche Erkenntnis immer Probleme mit der Unterscheidung von Sein und Schein hat, ist seit Platon bekannt. Seit Kants Verzicht auf die Erkenntnis des Ding-an-sich sei Medialit\u00e4t aller Erkenntnis zur opinio communis geworden. [\u2026] Wirklichkeitserkenntnis mit Wahrheitsanspruch charakterisiert nicht vorrangig die Philosophie, sondern das Unternehmen der Wissenschaft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Flut der Informationen k\u00f6nne nur noch durch Selektion bew\u00e4ltigt werden. Dabei spielten K\u00fcrze und Pr\u00e4gnanz, die Sensation, eine ma\u00dfgebliche Rolle, durch die Informationen verk\u00fcrzt und beschleunigt w\u00fcrden. Es entst\u00fcnden Medienhypes besonderer Intensit\u00e4t, die sich schnell verfl\u00fcchtigten. Das Leben mit der medial vermittelten Katastrophe f\u00fchrt nach Bolz zu einer pessimistischen Weltsicht, die den Realit\u00e4ten widerspricht, und als Befreiung zu einem dringenden Wunsch nach Nachhaltigkeit. Eine L\u00f6sung sieht Bolz in der Selbstverantwortung und im Unternehmertum.<\/p>\n<p>Zum Buch <em>ABC der Medien<\/em> (2007) meinte J\u00fcrgen Kaube in der FAZ:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>So findet man nirgendwo Tatsachen, die durchdacht, sondern immer nur akademische Melodien, die abgespielt werden. Bolz renommiert mit coolen Einsichten, die er nicht nach der Einsicht, sondern nach der Coolness ausgew\u00e4hlt hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Buch <em>Das Wissen der Religion. Betrachtungen eines religi\u00f6s Unmusikalischen<\/em> (2008) vertritt Bolz die These: \u201eAtheisten k\u00f6nnen die Antworten des Glaubens negieren, aber nicht die Fragen.\u201c Bolz meint: \u201eVielleicht ist Religion heute nicht mehr die Antwort auf die Frage nach dem Sinn, sondern nur noch die Unterstellung, da\u00df die Frage einen Sinn hat. Man k\u00f6nnte sagen: Die Religion h\u00e4lt die Wunde des Sinns offen.\u201c (S. 11) Er betrachtet Kommunikation als Substitut f\u00fcr Religion:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Medien bieten Ersatzformen von Allwissenheit und Allgegenw\u00e4rtigkeit an. An die Stelle religi\u00f6ser Kommunikation tritt heute Kommunikation als Religion. Totale Verkabelung, die Verstrickung im elektronischen Netz, wird der unbefangene Blick aber als profane Variante der religio \u2013 und das hei\u00dft ja eben: R\u00fcckbindung erkennen. In der Vernetzung zum integralen Medienverbund ist uns eine stabile Umbesetzung der Transzendenz gelungen. Das G\u00f6ttliche ist heute das Netzwerk. Und Religion funktioniert als Endlosschleife.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ursache sei eine zunehmende S\u00e4kularisierung und ein wachsender Atheismus in der modernen Gesellschaft. Da Gesellschaft nach Bolz f\u00fcr ihr Funktionieren eine religi\u00f6se Grundlage ben\u00f6tige, suchten sich die Menschen Themen, die als Ersatzreligion dienten, aus denen sie Trost und Sinn sch\u00f6pfen k\u00f6nnten. In diesem Sinne sei die Umweltschutzbewegung die m\u00e4chtigste Bewegung, die diese Funktion \u00fcbernommen habe. Ursache seien die Bedrohungen, die fr\u00fcher von der Atombombe, dann von der Kernenergie und in j\u00fcngerer Zeit von der globalen Erw\u00e4rmung ausgingen. Die hierdurch ausgel\u00f6sten \u00c4ngste w\u00fcrden durch Medien verbreitet und die alternativen Bewegungen weckten die Hoffnung, dass die zum Teil nur irrational wahrgenommenen Bedrohungen vermieden werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst Geistliche spr\u00e4chen heutzutage nur \u00fcber Werte statt \u00fcber Dogmen des Glaubens. In der Bibel gibt es laut Bolz keine Werte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Man liebt die Menschheit, um Gott verdr\u00e4ngen zu k\u00f6nnen. Und hier gewinnt die christliche Lehre vom Antichrist eine skandal\u00f6se Aktualit\u00e4t.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Antichrist, so Bolz, sei an seiner Rhetorik von Sicherheit und Frieden erkennbar. Das vom Antichristen verbreitete \u201eGutmenschentum\u201c sei nur eine Maskierung schlechter Eigenschaften. In seinem Buch <em>Das Wissen der Religion<\/em> nennt er drei Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eSoziale Gerechtigkeit\u201c sei die Maske des Neids.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eTeamf\u00e4higkeit\u201c sei die Maske des Hasses auf die Erfolgreichen.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eDialog der Kulturen\u201c sei die Maske der geistigen Kapitulation vor fremden Kulturen<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem er sich selbst mit einer Metapher Max Webers als \u201ereligi\u00f6s unmusikalisch\u201c bezeichnet, betont Bolz, dass er keinen Atheismus vertrete, da er diesen als reine Position des Unglaubens f\u00fcr ebenso unplausibel h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Buch <em>Die Wirtschaft des Unsichtbaren<\/em> (1999) konstatiert Bolz, k\u00fcnftig stehe nicht mehr das physische Produkt im Vordergrund, sondern Service und Engagement, Trends und Events, Marken und Mythen. Die entscheidenden Produktivkr\u00e4fte seien Wissen, Kommunikation, Spiritualit\u00e4t und Design. Die postkapitalistische Gesellschaft wird zur Wissensgesellschaft und zur Multimedia-Gesellschaft. Design als Instrument der Komplexit\u00e4tsreduktion trete an die Stelle von Religion, um Sicherheit und Weltvertrauen zu vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein <em>konsumistisches Manifest<\/em> (2002) ist eine Auseinandersetzung mit dem Konsumismus. Hierzu stellt Bolz fest:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich halte den Konsumismus f\u00fcr eine unglaublich primitive Lebensform. Im Vergleich zum religi\u00f6sen Fundamentalismus halte ich ihn f\u00fcr das geringere \u00dcbel.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er betrachtet den Kapitalismus in Anlehnung an Walter Benjamin als Religionsersatz. Damit wird er zu einer neuheidnischen Kultreligion, in der jeder Tag zu einem Festtag des Warenfetischismus wird. Allerdings scheint ihm eine grunds\u00e4tzliche Ablehnung allzu leicht. Die emotionale Bindung an den Reichtum mache den Konsumismus zu einem Immunsystem der Weltgesellschaft gegen fanatische Ideologien. Konsum liefert dabei Anerkennung und Bed\u00fcrfnisbefriedigung, die aus einer abstrakten Rechtsordnung oder aus Krieg nicht m\u00f6glich sind. Waren lieferten einen \u201espirituellen Mehrwert\u201c. Sie b\u00f6ten \u00fcber die \u00c4sthetik hinaus Freiheit, Geborgenheit, Gesundheit, Individualit\u00e4t, Liebe und Sinn. Bolz h\u00e4lt es f\u00fcr m\u00f6glich, dass \u00fcber den Konsum Wertunterschiede von Kulturen \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer kritischen Betrachtung in der Zeit verweist J\u00f6rg Lau darauf, dass Bolz manchen Kollegen als \u201ezynischer Zeitgeistphilosoph\u201c gilt, \u201eder den Mund gern ein wenig zu voll nimmt. Er ist nicht ganz unschuldig an diesem Ruf. In seinen vielen B\u00fcchern und Aufs\u00e4tzen wird gern das Ende (der Aufkl\u00e4rung, der Philosophie, der Kunst, des Menschen und anderer gro\u00dfer Dinge) verk\u00fcndet, und immer wieder hebt ein neues Zeitalter (des Computers, der Digitalisierung, des Roboters, der Simulation) an.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Artikel der FAZ vom 22. Februar 2003 spricht sich Bolz unter Bezugnahme auf den Wirtschaftswissenschaftler Gary S. Becker gegen die Berufst\u00e4tigkeit der Frauen und seiner Meinung nach zu leichte Ehescheidung aus. Es entstehe ein Teufelskreis, der durch die Entscheidung der Frauen ausgel\u00f6st werde, eine Erwerbst\u00e4tigkeit aufzunehmen: Wenn Frauen arbeiten, werden Kinder teurer, denn sie kosten wertvolle Arbeitszeit. Folglich werden weniger Kinder geboren und damit schrumpft das gemeinsame \u201eKapital\u201c der Eheleute. Deshalb werden Scheidungen leichter und mehr Ehen werden geschieden. Dann aber m\u00fcssen Frauen arbeiten, weil sie sich nicht mehr auf die Ressourcen ihrer M\u00e4nner verlassen k\u00f6nnen. Der Staat unterst\u00fctze diesen Teufelskreis durch das Scheidungsrecht und die F\u00f6rderung von Kinderbetreuung. An die Stelle der Familienbeziehungen sei die Beziehung zwischen alleinerziehender Mutter und \u201eVater Staat\u201c getreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Schrift <em>Die Helden der Familie<\/em> (2006) kritisiert Bolz den F\u00fcrsorgestaat, den neuen Hedonismus der Selbstverwirklichung und eine als Political Correctness getarnte Kinderfeindlichkeit. Es entstehe eine immer gr\u00f6\u00dfere Kluft zwischen Eltern und Kinderlosen, an deren Ende er die Aufhebung des Generationenvertrages und der Stabilit\u00e4t der Renten sieht. Eine Gefahr daf\u00fcr liegt f\u00fcr Bolz auch in dem angeblichen gesellschaftlichen Trend der Homosexualisierung, dem man wegen der Tabuisierungen der \u201ePolitical Correctness\u201c nicht entgegentreten d\u00fcrfe: \u201eNicht die Homosexuellen sind krank, sondern diejenigen, die Homosexualit\u00e4t verurteilen. Daran glaubt nat\u00fcrlich kein vern\u00fcnftiger Mensch, aber man darf es nicht sagen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barbara Vinken nannte diese Auffassung eine \u201eprotestantische P\u00e4dagogik, urdeutsche Mutterpolitik\u201c. Albrecht von Lucke hat Bolz in den Frankfurter Heften Kulturzynismus vorgehalten, vor dem man sich in Acht nehmen m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen j\u00fcngeren Schriften (<em>Diskurs \u00fcber die Ungleichheit: Ein Anti-Rousseau<\/em> und <em>Profit f\u00fcr Alle \u2013 Soziale Gerechtigkeit neu denken<\/em>, beide 2009) setzt sich Bolz mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit auseinander. Dieses Thema ist f\u00fcr ihn durch das Spannungsverh\u00e4ltnis von Freiheit und Gleichheit gekennzeichnet. Er kritisiert, die Debatten der Gegenwart w\u00fcrden auf den Gegensatz von Arm und Reich zugespitzt und damit die Forderung nach st\u00e4rkerer Umverteilung verbunden. Dies f\u00fchre jedoch zur Einschr\u00e4nkung der Freiheit, worauf schon Alexis de Tocqueville hingewiesen habe. Eine egalit\u00e4re Gesellschaft k\u00f6nne die gesellschaftlichen Konflikte jedoch nicht l\u00f6sen, dies m\u00fcsse durch individuelle Teilhabe an der Gesellschaft geschehen. Menschen seien nicht gleich und k\u00f6nnten sich daher auch nicht auf die gleiche Weise verwirklichen. Daher k\u00f6nne man sinnvoll nur die Gleichheit der Chancen fordern, nicht die Ergebnisgleichheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Rezension kritisiert Wolfgang Kersting den <em>Diskurs \u00fcber die Ungleichheit<\/em> als einen weitgehend argumentationsfreien Zettelkasten, der zu sehr auf den Zeitgeist ziele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Bereich der Bildung setzt Bolz auf eher traditionelle Inhalte. Es bed\u00fcrfe keiner besonderen Ausbildung in Hinblick auf neue Medien. Die in diesem Bereich notwendigen F\u00e4higkeiten w\u00fcrden Sch\u00fcler sich auch ohne Unterricht problemlos aneignen. Die \u00dcberforderung der Lehrer liege eher im Anspruch der Eltern als in der Schule. Das Mitbestimmungsrecht der Eltern in den Schulen h\u00e4lt er f\u00fcr eher sch\u00e4dlich. In Hinblick auf die Leistungen h\u00e4lt Bolz eine st\u00e4rkere Selektion f\u00fcr sinnvoll. Bessere Leistungen w\u00fcrden gef\u00f6rdert, wenn sich Eltern mehr um ihre Kinder k\u00fcmmerten. Die Fokussierung auf Teamgeist ist f\u00fcr Bolz der gr\u00f6\u00dfte Feind von Exzellenz und Genialit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Bolz, H\u00f6risch, Kittler und Winkels tanzen im Ratinger Hof. Was k\u00f6rperlich-sportiv begann, setzt sich auf anderer Ebene fort.<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Enno Stahl<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem neuen Buch analysiert Bolz den Begriff und zeigt, dass der alte wei\u00dfe Mann zur zentralen Symbolfigur in einem kulturellen B\u00fcrgerkrieg geworden ist. &#8222;Alt&#8220; steht dabei f\u00fcr Tradition und Erfahrung, &#8222;wei\u00df&#8220; f\u00fcr die europ\u00e4ische Rationalit\u00e4t und technische Naturbeherrschung und ,,m\u00e4nnlich&#8220; f\u00fcr Mut, Risiko und Selbstbehauptung. Dabei wird deutlich: In diesem Konflikt, der immer unbarmherziger gef\u00fchrt wird, geht es nicht um die Beschimpften, sondern um die Grundlagen der westlichen Welt. Die Wut bleibt jung, heute feiert Norbert Bolz seinen 70. Geburtag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Der alte wei\u00dfe Mann<\/strong>: S\u00fcndenbock der Nation, von Norbert Bolz, Langen M\u00fcller 2023<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-104582 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/content.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"202\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>KUNO irritiert seit einiger Zeit, da\u00df die Freiheit des Ausdrucks immer mehr reglementiert werden soll. Eine Ern\u00fcchterungskompensationsbewegung will die Parole Libert\u00e9, \u00c9galit\u00e9, Fraternit\u00e9 durch die der Identit\u00e4t ersetzen. Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/21\/sternchenhagelvoll\/\">Glosse<\/a> zum Thema, sowie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/21\/uebungen-fuer-correctless\/\">\u00dcbungen f\u00fcr Correctless<\/a> von Angelika Janz. Zuletzt Stefan Oehms Essay mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/12\/fragen-zur-kulturellen-aneignung\/\">Fragen zur kulturellen Aneignung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Ein Blick ins KUNO-Online-Archiv: Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\">Twitteratur<\/a> auffassen. \u201eBolz begann zu <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\">twittern<\/a>, als es Twitter \u00fcberhaupt noch nicht gab\u201c. (Daniel Hornuff)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der von den Massenmedien formatierten \u00d6ffentlichkeit ist Kritik durch Moralisierung ersetzt worden: Zwischen den Polen Lob und Tadel wird das Nachdenken eingespart, in Feuilletons und Talkshows wird l\u00e4ngst nicht mehr diskutiert, sondern nur noch emotionalisiert. 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