{"id":104540,"date":"2023-04-20T00:01:27","date_gmt":"2023-04-19T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104540"},"modified":"2023-04-20T10:34:40","modified_gmt":"2023-04-20T08:34:40","slug":"sein-ist-zeit-sonst-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/20\/sein-ist-zeit-sonst-nichts\/","title":{"rendered":"Sein ist Zeit, sonst Nichts"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt keine Eigenschaft, kein separates Etwas, keine Gr\u00f6\u00dfe, die allem Seienden gemeinsam ist oder in gleicher Weise zukommt. Kein ontologisches Gespenst namens Sein, dass sich neben dem Seienden ausmachen l\u00e4sst: hier Seiendes, dort Sein. Es existiert nur eines: Seiendes. Und das existiert nur in der Zeit. Genauer gesagt: in der Raumzeit, dem Raum-Zeit-Kontinuum. Denn seit der Inflation des Urknalls gilt: ohne Zeit kein Raum, ohne Raum keine Zeit. Und f\u00fcr diese so bestimmte Zeit gilt: Sie hat eine eindeutige, unumkehrbare Richtung \u2013 in die Zukunft. Das hei\u00dft: Es gibt kein Zur\u00fcck. Die Zeit ist der Fluss, in den wir niemals zweimal steigen k\u00f6nnen<a href=\"https:\/\/oehm60.blogspot.com\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[<\/a><a href=\"https:\/\/oehm60.blogspot.com\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">1]<\/a>. M\u00fcssen wir uns also endg\u00fcltig von dieser liebgewonnenen abendl\u00e4ndischen Hilfskonstruktion \u201aSein\u2018 verabschieden? An dieser Stelle sei an Heideggers fundamentalontologische Bestimmung des Seins erinnert. Mit ihr stellt er, so Hans-Georg Gadamer, die \u201eFrage nach dem Sinn von Sein im Horizont der Zeit\u201c (Gadamer 1978: 106) \u2013 ausgerichtet auf \u201esein Ziel, Sein als Zeit zu denken\u201c (ebd.: 106). Sein als Zeit resp. Raumzeit zu denken l\u00e4sst die Aussage \u201aDas Seiende ist\u2018 als unsinnig erscheinen. Es sei denn, man versteht sie als ungl\u00fccklich verk\u00fcrzte Form der Aussage \u201aSeiendes hat allein Bestand in der Raumzeit, die als Sein zu denken ist\u2018. Eben dieses Seiende ist als <em>physikalische<\/em> Pr\u00e4senz bestimmt, die f\u00fcr eine gewisse Dauer Bestand in der als Sein zu denkenden Raumzeit hat. Dabei sind zwei Formen <em>physikalischer<\/em> Pr\u00e4senz zu unterscheiden:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li style=\"text-align: left;\">die persistierende Entit\u00e4t (physische Pr\u00e4senz) \u2022 das transitorische Ereignis (Ton, Bewegung, Frequenz u.\u00e4.)<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bestand des Seienden in der als Sein zu denkenden Raumzeit: Diese so bestimmte Raumzeit ist aber weder allgemeines Merkmal noch individuelle Eigenschaft von Seiendem. Ihre Gegebenheit ist vielmehr die <em>conditio sine qua non<\/em> der M\u00f6glichkeit des Bestands des Seienden. Sei es als persistierende Entit\u00e4t, sei es als transitorisches Ereignis. Mit anderen Worten: Nach menschlichem Ermessen ist Seiendes <em>allein<\/em> in der als Sein zu denkenden Raumzeit gegeben, <em>allein<\/em> darin kann es Bestand haben. Implizit f\u00e4nde damit auch die alte Frage nach dem Nichts eine plausible Antwort: Solange die als Sein zu denkende Raumzeit gegeben ist, ist das Nichts ausgeschlossen. In dem Augenblick jedoch, wo die Raumzeit nicht mehr gegeben ist, w\u00e4re: Nichts. In diesem Gedankenkonstrukt kann es keine Gleichzeitigkeit von Sein und Nichts geben: Wenn Sein, dann kein Nichts; wenn Nichts, dann kein Sein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass nun die Zeit eine eindeutige, unumkehrbare Richtung hat und ein bruchloses Kontinuum, reine Dauer ist, hat dramatische Konsequenzen, die sich uns erst auf den zweiten Blick zeigen: Mit unserer Konzeption von Zeit, der Teilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, trennen wir Untrennbares, um es erfassen zu k\u00f6nnen. Es beginnt mit dem Begriff \u201aZukunft\u2018, der auf nichts faktisch Gegebenes rekurriert. Zukunft ist nur der von uns stets imaginierte kommende Moment, dessen Eintreten wir nach menschlichem Ermessen zwar erwarten d\u00fcrfen, dessen wir aber nie gewiss sein k\u00f6nnen (wir haben es hier mit dem Induktionsproblem zu tun, auf das schon David Hume aufmerksam gemacht hat). Jeder Moment unseres Daseins, der eintritt, ist Realit\u00e4t gewordene Zukunft, die wir als \u201aGegenwart\u2018 zu bezeichnen gelernt haben. Nun rauscht aber die Zeit als reine Dauer <em>de facto <\/em>ungebremst durch eben diese Gegenwart in die Vergangenheit. Erwies sich die Zukunft als der imaginierte kommende Moment, so erweist sich nun die Gegenwart als Chim\u00e4re. Denn sie ist das zeitliche Momentum, das im Augenblick ihres Eintretens bereits vergangen ist. Und kaum ist diese Gegenwart vergangen, ist die Zukunft, der imaginierte kommende Moment, schon die neue Gegenwart, w\u00e4hrend die vormalige Gegenwart ihrerseits l\u00e4ngst Vergangenheit ist. Das, was jeder Einzelne in seiner jeweiligen Lebenswelt \u201aGegenwart\u2018 nennt, bezeichnet stets einen unbestimmten Zeitraum, von dem es keine klar umrissene und allgemein akzeptierte Vorstellung gibt: \u201aGegenwart\u2018 ist nichts weiter als ein skalenabh\u00e4ngiger Hilfsbegriff.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer den Moment des Gegenw\u00e4rtigen zu greifen versucht, greift ins Leere. Das Konzept der Gegenwart ist lediglich die Imagination der Zuflucht, die uns einen Spalt zwischen Vergangenheit und Zukunft er\u00f6ffnet, in dem wir unser Leben leben k\u00f6nnen. Einen Spalt, der uns f\u00fcr einen Moment den unerbittlich steten Fluss der Zeit vergessen und uns im <em>hic et nunc<\/em> verweilen l\u00e4sst. Damit erweist sich uns die Gegenwart als to chaos im urspr\u00fcnglichen Sinn des Wortes, den wir bei Hesiod in der <em>Theogonie<\/em> finden. Karl Albert zitiert dazu den Philosophiehistoriker Olof Gigon: \u201eDas Wort Chaos hei\u00dft \u201aSpalt, H\u00f6hlung\u2018\u201c (Albert 1978: 21). Es \u201egeh\u00f6rt zum Verbum chao, das etwa in seinen gebr\u00e4uchlichen abgeleiteten Formen vom Aufsperren des Mundes, vom Klaffen einer Wunde, vom G\u00e4hnen einer H\u00f6hle im Berge gebraucht werden kann\u201c (ebd.: 22). Diese Fiktion der Gegenwart als to chaos ist f\u00fcr uns ein Geschenk. Sie widerspricht g\u00e4nzlich der realen Zeit, die sich nicht einmal als Uhrzeit darstellen l\u00e4sst, da diese doch im Sekundentakt permanent eben das zergliedert, was nur als Kontinuum, als reine Dauer, als steter Fluss gegeben ist. Gadamer nennt diese fiktive, subjektive Zeit \u201edie erf\u00fcllte Zeit oder auch die Eigenzeit\u201c (Gadamer 2012: 68). Sie scheint, so Gadamer, \u201eauch f\u00fcr das Fest charakteristisch, dass es durch seine eigene Festlichkeit Zeit vorgibt und damit Zeit anh\u00e4lt und zum Verweilen bringt \u2013 das ist das Feiern\u201c (ebd.: 69). Die Zeit \u201ewird im Feiern sozusagen zum Stillstand gebracht\u201c (ebd. 69). Gegenwart als to chaos bezeichnet also ein hypothetisches episodales Momentum der Zeit, wo tats\u00e4chlich nur Diachronie im Zeitkontinuum besteht bis ans Ende der Welt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><strong>Literatur: <\/strong><\/span><strong>Albert, Karl <\/strong>(1978): Einf\u00fchrung, in: ders. (Hg.): Hesiod Theogonie, Texte zur Philosophie Band 1, A. Henn Verlag, Kastellaun.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer, Hans-Georg<\/strong> (1977\/2012): Die Aktualit\u00e4t des Sch\u00f6nen, Reclam Verlag, Stuttgart.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer, Hans-Georg<\/strong> (1978): Zur Einf\u00fchrung, in: Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Reclam Verlag, Stuttgart.<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"right\",\"linkDestination\":\"custom\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/oehm60.blogspot.com\/#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Da die Zeit gerichtet ist, ist sie auch nicht wiederholbar. Nun spielt aber gerade die Wiederholpr\u00e4zision bei Experimenten, wenn es um die \u00dcberpr\u00fcfung der Korrektheit ihrer Ergebnisse geht, die entscheidende Rolle. Da eine wesentliche Bedingung der \u00dcberpr\u00fcfung die Wiederholung des Experiments unter <em>denselben<\/em> Versuchsbedingungen ist, m\u00fcsste folglich auch die Zeit dieselbe sein. Nur ist dies aber nicht m\u00f6glich, da die Zeit ja <em>nicht<\/em> wiederholbar ist. Wir k\u00f6nnen also Experimente stets nur unter Ausblendung dieses Faktors wiederholen. Was in der Konsequenz bedeutet: Wir k\u00f6nnen Experimente <em>niemals<\/em> unter exakt denselben Versuchsbedingungen wiederholen. Und das bedeutet wiederum: Ergebnisse von Experimenten k\u00f6nnen niemals verbindliche Aussagen sein, sondern bestenfalls Aussagen von gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Wahrscheinlichkeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es gibt keine Eigenschaft, kein separates Etwas, keine Gr\u00f6\u00dfe, die allem Seienden gemeinsam ist oder in gleicher Weise zukommt. Kein ontologisches Gespenst namens Sein, dass sich neben dem Seienden ausmachen l\u00e4sst: hier Seiendes, dort Sein. Es existiert nur eines:&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/20\/sein-ist-zeit-sonst-nichts\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":100363,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[508,3816,2074],"class_list":["post-104540","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hans-georg-gadamer","tag-karl-albert","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104540"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104540\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104618,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104540\/revisions\/104618"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100363"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}