{"id":104523,"date":"2023-04-30T00:01:57","date_gmt":"2023-04-29T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104523"},"modified":"2023-03-15T12:44:09","modified_gmt":"2023-03-15T11:44:09","slug":"eine-spannungsgeladene-novelle-mit-hoher-symbolkraft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/30\/eine-spannungsgeladene-novelle-mit-hoher-symbolkraft\/","title":{"rendered":"Eine spannungsgeladene Novelle mit hoher Symbolkraft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Blick auf die Untertitel und die Gestaltungsmittel des Hard-Cover-Bandes hinterl\u00e4sst gewisse Irritationen: Es sind <em>Tropen <\/em>als semantische Figuren, die ein ganzes Handlungsgef\u00fcge definieren, und Leitlinien, die mit dem als <em>Novelle<\/em> bezeichneten Text gewisse Hinweise auf den Plot liefern. Dazu die Garnierung auf dem Umschlag des schmalen B\u00e4ndchens: einander sich kaum ber\u00fchrende lilafarbige Str\u00e4nge. Und dann der Vorspann zur Lekt\u00fcre des Textes. Er verdichtet die Spannung mit einem Zitat aus einem Gedicht von Matthias Claudius, in dem Sachen belacht werden, \u201eweil unsre Augen sie nicht sehen.\u201c Und: mit einem Textdeutungsversuch des Autors, der jede Begegnung von Menschen als ein kleines Wunder bezeichnet, das sich dann aber dessen Deutung entzieht, wenn am Ende der Beziehung auf einem Grabstein steht, sie seien zu zweit gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Zweifel, Simon Strauss, Spiegel-Journalist und Autor\u00a0 von zwei Aufsehen erregenden B\u00fcchern (\u201eSieben N\u00e4chte\u201c, \u201eR\u00f6mische Tage\u201c) und einer polemischen Doku zum neuen Theater hat mit der vorliegenden Novelle einen Text vorgelegt, der durch eine Reihe ungew\u00f6hnlicher Merkmale den Leser gleich zu Beginn in eine spannungsgeladene Neugier versetzt. Es sind f\u00fcnf Ortsangaben, die gleichsam als Topoi die Handlung des B\u00e4ndchens strukturieren: Zimmer-Stadt-Fluss-Land-Haus. Sie strukturieren als Flussdiagramm den Handlungsstrang. Und der setzt mit einer ungew\u00f6hnlichen Beschreibung eines jungen Manns ein, der schlaflos in einer Dachkammer einem heftigen Regenguss lauscht. Er ist von Visionen und Erinnerungen gequ\u00e4lt, wird pl\u00f6tzlich durch ein heftiges scharrendes Ger\u00e4usch von Katzenkrallen hellwach, w\u00e4hrend ihn zugleich eine Flut von Erlebnissen und traumatischen Erinnerungen qu\u00e4lt. Die langj\u00e4hrige Freundschaft mit Florian, die verst\u00f6rende Kindheit in einem Elternhaus, in dem der Vater seine Probleme \u201ewie die Leerstellen in seinen Kreuzwortr\u00e4tseln\u201c l\u00f6ste, die Mutter sich dem Ehedrama durch Flucht mit ihrem Liebhaber entzog und der Junge nach dem dramatischen Freitod des Vaters das Teppichgesch\u00e4ft der Eltern \u00fcbernimmt. Er erh\u00e4lt nunmehr von dem auktorialen Erz\u00e4hler der Novelle die Bezeichnung <em>Verk\u00e4ufer. <\/em>Es ist ein einsamer junger Mann, der nur noch seinen immer sp\u00e4rlicher werdenden Kunden gegen\u00fcber\u00a0 eine gesch\u00e4ftsbedingte Freundlichkeit zeigt, sich immer mehr seiner Umwelt gegen\u00fcber verschlie\u00dft, so lange bis \u2026 eine junge Frau \u201ein einem roten Wollkragenkleid aus Wolle\u201c in seinem Gesch\u00e4ft auftaucht, die er staunend betrachtet, ihren wirkungsvollen Auftritt als Teppich- und Gardinen-Verk\u00e4uferin bewundert, ohne ins Gespr\u00e4ch mit ihr zu kommen. Erst die Sehnsucht nach ihr l\u00e4sst ihn handeln, doch seine verzweifelten Telefonanrufe erweisen sich als vergeblich \u2013 die <em>Vertreterin <\/em>ist untergetaucht, w\u00e4hrend der Verk\u00e4ufer, gelenkt von seinem auktorialen Erz\u00e4hler, durch eine \u00fcberflutete Stadt watet, deren Bilder ihm wohlvertraut sind, obwohl sie immer wieder von Erinnerungen an seine Schulzeit und von bizarren Visionen \u00fcberlagert werden. Je l\u00e4nger der Leser diesem m\u00e4anderartigen Bilderstrom folgt, je mehr er mit seinem Protagonisten durch leere Wohnungen streift, von kurzweilig\u00a0 auftauchenden Katzen \u00fcberrascht wird, verst\u00e4ndnislose Blicke mit einem pl\u00f6tzlich auftauchenden M\u00e4dchen wechselt, desto mehr vermischen sich die textlichen Botschaften mit den immer r\u00e4tselhafter werdenden \u201eBildern\u201c in der Rezeption durch den Leser. Doch auch der Protagonist entzieht sich seinem Leser, in dem er sich in die Fluten eines Flusses st\u00fcrzt \u2026 und auf einem Flo\u00df landet, auf dem \u201edie Gestalt einer jungen Frau zu sehen\u201c ist. Es ist die <em>Vertreterin<\/em>, die auch auf der Flucht vor etwas ist, was zun\u00e4chst nicht wahrnehmbar ist und sich erst in der folgende Erz\u00e4hlpassage des Protagonisten herauskristallisiert. Im Gegensatz zu den Erz\u00e4hlstrukturen in den Topoi 1 und 2 verst\u00e4rkt sich der Anteil der Personen, die in der Erinnerung des jungen M\u00e4dchens in w\u00f6rtlicher Rede zuweilen etwas zum Ausdruck zu bringen, was ihr gleichsam leitmotivisch pl\u00f6tzlich einf\u00e4llt. Der Onkel, der das Schreckbild des stummen Menschen vor Augen h\u00e4lt: \u201eWer nicht redet, der trocknet innerlich aus\u201c und ihre Mutter, die ihr zufl\u00fcstert: \u201eSiehst du, wie sch\u00f6n es ist, nicht allein zu sein.\u201c In diesen Stunden, w\u00e4hrend sie auf dem Flo\u00df durch die \u00fcberflutete Stadt treibt, erf\u00e4hrt der Leser endlich etwas \u00fcber ihre Jugendzeit, erf\u00e4hrt etwas \u00fcber ihr eigenwilliges Verh\u00e4ltnis zu M\u00e4nnern, die sie, wie der Erz\u00e4hler behauptet, \u201enie gebraucht \u2026 hatte, aber die M\u00e4nner brauchten sie.\u201c Sp\u00e4testens an dieser Stelle des Erz\u00e4hlplots kristallisiert sich ein L\u00f6sungsweg auf dem verworrenen Weg hin zum \u201ezu zweit\u201c heraus. Aus einem Kleiderhaufen in der Kaj\u00fcte l\u00f6sen sich die Konturen eines menschlichen K\u00f6rpers, den die erschrockene Flo\u00dfbesitzerin erst dann in ihr Ged\u00e4chtnis einordnen kann, als sie eine ihr bekannte Stimme fl\u00fcstern h\u00f6rt: \u201eDas kann doch nicht wahr sein.\u201c Doch der Wiederkennungsprozess verz\u00f6gert sich, weil rings um das Flo\u00df viele Kadaver von Tieren auftauchen, die augenscheinlich aus dem \u00fcberfluteten st\u00e4dtischen Zoologischen Park stammen und nach ihrer vergeblichen Flucht aus den K\u00e4figen j\u00e4mmerlich ertrunken sind. Erst nach der Einordnung dieser schrecklichen Bilder zeichnet sich eine Beruhigung der Situation ab. Zwischen den auf dem Flo\u00df dahintreibenden Personen, denen der Autor noch immer keine Namen gewidmet hat, h\u00e4ufen sich nun Wunschbilder, verdichten sich die ihre eigenen Erlebnisse. Ein allm\u00e4hlicher Gedankenaustausch zwischen dem Verk\u00e4ufer und der Vertreterin zeichnet dann ab, als beide mit ihrem Flo\u00df jenseits der \u00fcberfluteten Stadt ein Ufer erreichen, das im Flie\u00dftext als \u201eDas Land\u201c genannt wird. Beim schwierigen Durchqueren des sumpfigen Gel\u00e4ndes kommen sich die beiden auch k\u00f6rperlich n\u00e4her. Ein direktes dialogisches Gespr\u00e4ch zwischen beiden entsteht, ohne dass der \u00fcberm\u00e4chtige auktorialer Erz\u00e4hler sich einmischt. Beide bekennen sich zu ihren Schw\u00e4chen, schwelgen in ihren Erinnerungen. Und wenn ihre sprachliche Artikulation versagt, dann geben sie sich sogar k\u00f6rperlichen Ber\u00fchrungen hin. H\u00f6chste Zeit also f\u00fcr den Topos V. Beide entdecken ein einsames Haus, in dem sich nun, wenn auch unter schwierigen klimatischen Bedingungen, ein Leben zu zweit abzeichnen k\u00f6nnte. Doch der Erz\u00e4hler d\u00e4mpft die Erwartungen seiner wohl immer neugieriger werdenden Leser*innen. Das Haus wird \u201evon Erinnerungen erfasst\u201c, \u201eschnell geschnittene Filmbilder\u201c fliegen vorbei, die Blenden \u00f6ffnen und schlie\u00dfen sich. Visionen mischen sich mit eingebildeten Erinnerungen, unbekannte Gestalten und verst\u00f6rte Menschen aus ihrer Jugendzeit purzeln durcheinander. Nur das Paar, dessen Namen wir auch im Finale nicht erfahren, liegt schlafend, als die Sonne aufgeht, in ihrem kaum von der Witterung gesch\u00fctzten Zimmer, w\u00e4hrend drei schwarze Katzen sie schnurrend umkreisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die spannungsgeladene Novelle mit hoher Symbolkraft und Handlungsdichte, von einem disziplinierten auktorialen Erz\u00e4hler und den verst\u00f6renden Erinnerungen zweier Protagonisten vorgetragen, fesselt aufgrund der fotografisch einpr\u00e4gsamen Wort- und Satzbilder. Ungeachtet des \u00fcberm\u00e4chtigen Erz\u00e4hlers, der unter der Regie des experimentalfreudigen Autors ein zwischen Fantasie und futuristischer Realit\u00e4t geblendetes Zeitdokument schafft, entsteht so eine packende traumbeladene Vision einer Gegenwart, die den Lesenden in hohem Ma\u00dfe beunruhigt. Zwischen einem st\u00e4dtischen \u00fcberflutenden Raum und einer vermeintlichen l\u00e4ndlichen Idylle pendelnd fasziniert ihn das Vakuum der in der Novelle zelebrierten Beziehungen zwischen Menschen, die erst unter extremen klimatischen Bedingungen ihre einstigen Lebensbedingungen gleichsam \u201etraumhaft\u201c wieder gewinnen. Ein hohes Lob f\u00fcr einen Autor, der mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher fiktionaler Strahlkraft den Lesenden \u201everzaubert\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Tropen<\/strong>. Zu Zweit. Novelle von Simon Strauss. Stuttgart (Cotta\u2019sche Buchhandlung) 2023<\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-300x284.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"284\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerh\u00f6rte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles, was in Deutschland unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern blo\u00df Erz\u00e4hlung.&#8220; &#8211; Johann Wolfgang von Goethe, an Johann Peter Eckermann, 29. Januar 1827<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2023 widmete sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der erste Blick auf die Untertitel und die Gestaltungsmittel des Hard-Cover-Bandes hinterl\u00e4sst gewisse Irritationen: Es sind Tropen als semantische Figuren, die ein ganzes Handlungsgef\u00fcge definieren, und Leitlinien, die mit dem als Novelle bezeichneten Text gewisse Hinweise auf den Plot&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/30\/eine-spannungsgeladene-novelle-mit-hoher-symbolkraft\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2513,1158],"class_list":["post-104523","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-simon-strauss","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104523"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104524,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104523\/revisions\/104524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}