{"id":104473,"date":"2023-03-02T00:01:44","date_gmt":"2023-03-01T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104473"},"modified":"2023-02-06T13:50:17","modified_gmt":"2023-02-06T12:50:17","slug":"er-hats-erfunden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/02\/er-hats-erfunden\/","title":{"rendered":"Er hats erfunden!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Philosophie ist, und zwar auch bei gescheiten Leuten, nur ein leeres Wort, das keine Beziehung zur Wirklichkeit hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat zum dritten Mal ein essayistisches Jahr ausgerufen. Die Redaktion muss daher zwingend auf den Erfinder der neuen literarischen Gattung hinweisen. 1571, mit achtunddrei\u00dfig Jahren, quittierte Michel de Montaigne sein Richteramt und zog sich auf sein Schloss zur\u00fcck. Die finanziellen Voraussetzungen und damit die Unabh\u00e4ngigkeit sind gegeben, und er kann es sich leisten, sein Richteramt abzugeben, da er das Erbe seines Vaters, als Schlossherr de Montaigne, angetreten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Genug nun f\u00fcr andere gelebt \u2013 leben wir zumindest dies letzte St\u00fcck des Lebens f\u00fcr uns.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Rolle des Landedelmanns, als der Montaigne sich nach seinem R\u00fcckzug ins Private offenbar sah, vertrug es sich durchaus, zu lesen und literarisch zu dilettieren. Dies tat er mit Hilfe einer f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse relativ umfangreichen Privatbibliothek (etwa tausend B\u00e4nde), die ihm zu gro\u00dfen Teilen von seinem Freund La Bo\u00e9tie vermacht worden war. Er begann, markante S\u00e4tze aus den Werken klassischer, meist lateinischer Autoren aufzuschreiben und zum Ausgangspunkt eigener \u00dcberlegungen zu machen. Diese \u00dcberlegungen sah er als Versuche, der Natur des menschlichen Wesens und den Problemen der Existenz, insbesondere des Todes, auf den Grund zu kommen. Die passende Darstellungsweise f\u00fcr diese \u201eVersuche\u201c (franz\u00f6sisch <em>essais<\/em>) musste er selber tastend entwickeln, denn erst sp\u00e4ter, nach ihm und dank ihm, wurde der Begriff <em>Essay<\/em> zum Namen einer neuen literarischen Gattung. Montaigne schildert beim Schreiben seine Gedanken, als sei das Blatt vor ihm sein Gegen\u00fcber \u2013 so wie er es seinem verlorenen Freund La Bo\u00e9tie mitteilen w\u00fcrde. Sich selbst mit der Zeit ver\u00e4ndernd, begegnet ihm beim Wiederlesen auch der Text neu. Dieser wird dann von ihm aus der neuen Perspektive korrigiert, vervollst\u00e4ndigt und verworfen. Sein Gedankenprozess f\u00fchrt dazu, dass er sich dabei wiederum selbst ver\u00e4ndert. \u201eF\u00fcr ihn besteht das ganze Menschsein aus lauter eigengesetzlichen Augenblicken, und er reproduziert seine Einf\u00fchlung in seine eigene Vergangenheit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Es gibt noch eine andere Art von<\/span> Ruhmsucht. Sie besteht darin, dass wir unseren Wert und unsere Verdienste \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Montaigne lernte die gebildete und an Poesie interessierte Diane d\u2019Andouins, ab dem Jahr 1583 M\u00e4tresse des sp\u00e4teren franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Heinrich IV., kennen. Beide traten in einen intensiven brieflichen Austausch ein, etwa \u00fcber das Schaffen von Pierre de Ronsard und Joachim du Bellay. Seine <em>Les 29 Sonnets de la Bo\u00e9tie<\/em> in den Essais widmete er Diane d\u2019Andouins. Im \u00fcbrigen gab es noch weitere Widmungen, so wurden Charlotte Diane de Foix-Candale die <em>De l\u2019institution des enfants<\/em>, Louis de Madaillan d\u2019Estissac (ca. 1502\u20131565) die <em>L\u2019Apologie de Raymond Sebond<\/em> und <em>De la ressemblance des enfants aux p\u00e8res<\/em> der Marguerite de Grammont, Witwe des Jean de Durfort, Seigneur de Duras gewidmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Man mu\u00df uns nie so viel Verachtung zeigen, wie wir verdienen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermutlich hatte Montaigne seinen Wechsel ins Private mit der Hoffnung verbunden, seine Tage ungest\u00f6rt von den kriegerischen Wirren der Zeit zu verbringen. Als sich aber nach den Massakern der Bartholom\u00e4usnacht (22.\/23.\u00a0August 1572) die Spaltung im Land vertiefte und beide Seiten sich erneut bekriegten, hielt er es f\u00fcr seine Pflicht, sich der k\u00f6niglichen Armee und damit dem katholischen Lager anzuschlie\u00dfen. 1574 trat er aber auch mit einer Rede vor den Richtern des Parlements in Bordeaux f\u00fcr eine Vers\u00f6hnung der Konfessionen ein. Nach dem Friedensschluss von 1575, der den Protestanten vor\u00fcbergehend volle B\u00fcrgerrechte gew\u00e4hrte, lie\u00df er sich von Heinrich von Navarra, dem De-facto-Herrscher in weiten Teilen Westfrankreichs, zu dessen Kammerherrn ernennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Unsere Welt besteht aus lauter Geschw\u00e4tz, und ich habe noch keinen Menschen getroffen, der nicht eher mehr als weniger denn n\u00f6tig geredet h\u00e4tte; jedenfalls entschwindet uns hier\u00fcber die halbe Lebenszeit.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wenn die Leute mir vorwerfen, dass ich zu viel von mir spreche, so werfe ich ihnen vor, dass sie \u00fcberhaupt nicht mehr \u00fcber sich selber nachdenken.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die KUNO-Redaktion empfiehlt zur weiteren Vertiefung die Biographie von Volker Reinhardt, die den Philosophen Michel de Montaigne als Kind seiner Zeit portr\u00e4tiert. Er erz\u00e4hlt das Leben des philosophischen Virtuosen Montaigne konsequent in seinem historischen Kontext, der Zeit der B\u00fcrgerkriege in Frankreich. So erh\u00e4lt der Parlamentsrat, Romreisende, B\u00fcrgermeister von Bordeaux und Kammeredelmann scharfe Konturen, und wir k\u00f6nnen den Philosophen in seinem Schlossturm, der mit souver\u00e4ner Distanz auf sich und die Welt blickt, besser verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schauplatz von Reinhardts Biographie ist das Schloss Montaigne. Die Zeit, wird befindet und auf dem H\u00f6hepunkt der B\u00fcrgerkriege. Es klopft. Ein Mann wurde \u00fcberfallen und begehrt eilig Einlass. Nach und nach treffen seine Begleiterein. Montaigne sch\u00f6pft Verdacht: ein trickreicher \u00dcberfall! Doch er l\u00e4sst alle gastfreundlich ein. Die Naivit\u00e4t des Schlossherrn erweicht schliesslich den Anf\u00fchrer, der das Signal zum Abzug gibt. Der Krieg zwingt zu unkonventionellen \u00dcberlebensstrategien. Montaigne empfiehlt mit dieser Episode \u00abNat\u00fcrlichkeit\u00bb im Verhalten und zugleich kluge Verstellung. Das ist auch die Strategie seiner Essays: Ob er \u00fcber Freundschaft und Ehe, gute Gespr\u00e4che und Erziehung oder \u00fcber seine Krankheiten, Spleens und Obsessionen schreibt, immer wirkt er ganz arglos und spielt doch mit seinen Lesern. Bisher wurde die Biographie Montaignes meist aus seinen verf\u00fchrerisch authentisch klingenden Schriften abgeleitet. Reinhardt geht den umgekehrten Weg und macht von Montaignes Leben aus die Essays neuverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Montaigne. Philosophie in Zeiten des Krieges<\/strong>. Eine Biographie von Volker Reinhardt; C. H. Beck, M\u00fcnchen 2023<\/p>\n<div id=\"attachment_98980\" style=\"width: 285px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98980\" class=\"wp-image-98980 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98980\" class=\"wp-caption-text\">Michel de Montaigne * 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne im P\u00e9rigord; \u2020 13. September 1592 ebenda)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Zur Einf\u00fchrung finden sich von Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/01\/gedanken-ueber-das-denken\/\"><span style=\"color: #333333;\"><em><span style=\"color: #ff0000;\">Gedanken \u00fcber das Denken<\/span><\/em><\/span><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Was den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">Rezensionsessays<\/a> von Holger Benkel die \u00dcberzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen er sein Material unterwirft, seine Texte zeigen, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar machen kann, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, da\u00df die F\u00fclle der Literatur, der Kunst und des Lebens eben darin liegen, nie alles wissen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Philosophie ist, und zwar auch bei gescheiten Leuten, nur ein leeres Wort, das keine Beziehung zur Wirklichkeit hat. KUNO hat zum dritten Mal ein essayistisches Jahr ausgerufen. 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