{"id":104454,"date":"2003-04-05T08:20:25","date_gmt":"2003-04-05T06:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104454"},"modified":"2023-01-29T08:27:12","modified_gmt":"2023-01-29T07:27:12","slug":"schaetze-heben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/05\/schaetze-heben\/","title":{"rendered":"Sch\u00e4tze heben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Redaktionelle Vorbemerkung:<\/span> Bericht \u00fcber ein Kunst-am-Bau-Projekt in einem K\u00f6rperbehindertenzentrum. Die Darstellung hat in zweifacher Hinsicht etwas mit Raum zu tun. Einmal im w\u00f6rtlich konkreten Sinne: Ausgestalten, Schm\u00fccken, Gebrauchsf\u00e4higmachen von architektonischen R\u00e4umen. Zum anderen geht es um Raumschaffen im erweiterten Wortsinn, um die Ausdehnung des eingeschr\u00e4nkten Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Erlebnisraumes k\u00f6rperbehinderter Kinder.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit zwei Jahren arbeite ich in einem K\u00f6rperbehindertenzentrum in Oldenburg, um dort, nach einem gewonnenen Kunst-am-Bau-Wettbewerb, eine Konzeption zu verwirklichen, die den Bed\u00fcrfnissen, Mangelerfahrungen und Gewohnheiten der hier lebenden Kinder entgegenkommt. Der Erfahrungsbericht, wie ich mit Achim, einem gel\u00e4hmten Jungen, ein Bild malte, soll diese Konzeption beispielhaft verdeutlichen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst-am-Bau: nicht nur ein Mittel der K\u00fcnstlerf\u00f6rderung, nicht ein nachtr\u00e4glicher Zusatz, um M\u00e4ngel der Architektur zu kaschieren, nicht nur eine M\u00f6glichkeit Prestigebed\u00fcrfnisse von Bauherren zu befriedigen. Es besteht bei diesem Projekt die Chance, Kunst f\u00fcr die und mit denen zu machen, die in diesem Geb\u00e4ude leben und arbeiten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon die Ausschreibung des Wettbewerbs wich vom \u00dcblichen ab, weil sie zu einem Zeitpunkt stattfand, als noch nicht alle Entscheidungen gefallen waren (also vor Baubeginn), so da\u00df eine-Zusammenarbeit mit dem Architekten noch m\u00f6glich war und ist. Die Auslober machten sich auch un\u00fcbliche Gedanken \u00fcber die m\u00f6gliche Funktion von Kunst in einem Behindertenzentrum: ,, Integration von Kunst im Baugef\u00fcge,&#8230; Aktivit\u00e4ten, Kommunikation f\u00f6rderndes Element, -sinnlich wahrnehmbare Erlebnisbereiche herstellen, &#8230; Erziehungs- und Verhaltenshilfen geben.&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Aufgabenstellung<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein K\u00f6rperbehindertenzentrum am Stadtrand von Oldenburg soll einen Erweiterungsbau erhalten. Es besteht ein Altbau und ein schon fertiggestellter Neubauteil. Schule und Tagesst\u00e4tte unter einem Dach, aber zwei verschiedene Tr\u00e4ger: Kommune und Diakonisches Werk. Circa 100 k\u00f6rperbehinderte Kinder vom Vorschul- bis zum Schulentlassungsalter verbringen hier am \u201eBorchersweg&#8220; den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Alltags: von 7.30-16.00 Uhr. Sie werden in kleinen Gruppen betreut und erfahren zus\u00e4tzlich die unterschiedlichste Einzelf\u00f6rderung, von der Reittherapie bis zur speziellen Sprachf\u00f6rderung. 60 % von ihnen sind Rollstuhlfahrer, viele sind mehrfachbehindert.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Erste Eindr\u00fccke<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein erster Besuch in dieser Einrichtung bringt schon die entscheidenden Eindr\u00fccke, die das Arbeitskonzept sp\u00e4ter bestimmen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6rperbehinderte Kinder haben dieselben Bed\u00fcrfnisse wie andere Kinder auch: W\u00e4rme, Zuneigung, Anerkannt-werden, Abenteuerlust, Entdeckerfreude. Sie m\u00fcssen aber Einschr\u00e4nkungen ihres Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Erlebnisbereiches hinnehmen. Auf Schritt und Tritt sp\u00fcren wir das hohe Ma\u00df der Abh\u00e4ngigkeit von Technik und menschlicher Betreuung. Technische Apparaturen wie Rollst\u00fchle, Gehwerkzeuge jeglicher Art, Korsette, Beinschienen, Sitzschalen: Wenn nachmittags die Abholtaxen kommen, wird das ganze Arsenal von Hilfswerkzeugen sichtbar, und wieviel menschliche Handgriffe n\u00f6tig sind, um sich ihrer zu bedienen. Eigeninitiative und Selbst\u00e4ndigkeit der Kinder sind dadurch notgedrungen eingeschr\u00e4nkt. Die gelegentlich \u00e4ngstlich gesteigerte F\u00fcrsorge der Eltern tr\u00e4gt noch zus\u00e4tzlich dazu bei. Von vielen Alltagserfahrungen sind diese Kinder ausgeschlossen, die zum Begreifen der Welt geh\u00f6ren und die das Ausdrucksverhalten bestimmen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Behinderte Kinder haben ein anderes Verh\u00e4ltnis zu Zeit und Raum. Ich habe beobachtet, wie ein Rollstuhlfahrer in minutenlangem Zeitaufwand eine T\u00fcr schlo\u00df, st\u00e4ndig mit dem Rollstuhl rangierend. Verrichtungen, die gesunde Kinder beil\u00e4ufig und m\u00fchelos erledigen, sind f\u00fcr ihre behinderten Altersgenossen mit erheblichem Aufwand an Zeit, M\u00fche und Konzentration verbunden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und trotzdem, schon zu Beginn und erst recht im Laufe unserer Arbeit habe ich immer wieder erfahren, da\u00df Mangel und Einschr\u00e4nkung auf der einen Seite Reichtum und F\u00fclle auf anderen Gebieten entstehen l\u00e4\u00dft. Wahrnehmung und Ausdrucksverhalten und die Art, menschliche Kontakte anzukn\u00fcpfen, sind oft anders als bei nicht behinderten Kindern, aber nicht minder intensiv, wie wir immer wieder zu sp\u00fcren bekamen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufgabe, die ich mir selber stellte, war da anzukn\u00fcpfen, wo die Kinder sensibler, wahrnehmungsf\u00e4higer und st\u00e4rker sind. Ich wollte ihnen einen Rahmen zur Verf\u00fcgung stellen, innerhalb dessen sie sich selber nach ihren M\u00f6glichkeiten und Bed\u00fcrfnissen ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, wohl wissend, da\u00df man Ausdrucksm\u00f6glichkeiten erst herauslocken und manche latente Bed\u00fcrfnisse erst wecken mu\u00df. Das Vertrauen in ihre eigene Ausdrucksf\u00e4higkeit will ich st\u00e4rken und damit ihr Selbstvertrauen und ihre Lebenst\u00fcchtigkeit. Dar\u00fcber hinaus sollen in ihrem ordentlichen, rechtwinkligen, hygienischen Geb\u00e4ude Objekte entstehen, die ihnen wenigstens ansatzweise Erlebnisbereiche erschlie\u00dfen helfen, die andere Kinder in Pf\u00fctzen, Schlamm, B\u00fcschen, Wiesen und B\u00e4umen finden: Klangobjekte, Tastobjekte, Objekte, die wandlungsf\u00e4hig sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht vorgefertigte Kunstobjekte werden wir (meine Mitarbeiter und ich) hinstellen und anbringen, sondern die Konzeption weitgehend mit Kindern und Betreuern entwickeln und die Objekt zu-. sammen erstellen oder zumindest ihre Herstellung miterleben lassen. Wir hoffen, da\u00df es m\u00f6glich ist, aufgrund konkreter Beobachtung der Gegebenheiten Prozesse einzuleiten, die sp\u00e4ter auch ohne unsere Mitwirkung fortsetzbar sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Meine Voraussetzungen:<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Kunsttherapie hatte ich bislang nichts zutun. Allenfalls an mir selber habe ich erfahren, da\u00df das Kunstmachen auch. therapeutische Wirkungen f\u00fcr mich hat. Kunstp\u00e4dagogik ist mein Beruf im Rahmen einer Fachhochschule f\u00fcr Sozialp\u00e4dagogik. In zwei Projekten habe ich Kunst-am-Bau-Erfahrungen gesammelt, als ich zusammen mit einer Arbeitsgruppe zwei Berliner Mittelstufenzentren mit ausgestaltete. Lernzeiten, teures Lehrgeld haben wir bezahlen m\u00fcssen. Auch in diesen Projekten hatten wir versucht, die \u201eBetroffenen&#8220; soweit wie irgend m\u00f6glich in die Konzeption mit einzubeziehen. Vor allem ging unserer Arbeit eine Phase der \u201eUmfeldanalyse&#8220; voraus, in der wir die Bed\u00fcrfnisse, Lebensbedingungen und Gewohnheiten der Sch\u00fcler zu ermitteln suchten, um konkret auf sie einzugehen. Vor allem folgende Lehren habe ich aus dieser Arbeit gezogen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Gedankeng\u00e4nge und Konzeptionen m\u00f6gen in sich schl\u00fcssig und gut sein, sie k\u00f6nnen aber nur zu befriedigenden Ergebnissen f\u00fchren, wenn sie auf Aufnahmebereitschaft und -verm\u00f6gen derer treffen, f\u00fcr die sie entwickelt werden. Daf\u00fcr Voraussetzungen zu schaffen ist Bestandteil der Arbeit.<\/li>\r\n<li>In der Arbeit f\u00fcr andere mu\u00df ich mich selbst wiederfinden k\u00f6nnen, meinen Anspr\u00fcchen ebenso gerecht werden, wie den Anspr\u00fcchen derer, mit denen ich arbeite.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr uns K\u00fcnstler mu\u00df auf die Phase der Wahrnehmung und Einf\u00fchlung immer wieder eine Phase des Zur\u00fcckziehens folgen. Erst aus der Distanz lassen sich die gewonnenen Eindr\u00fccke und Erfahrungen verarbeiten und in konkrete Pl\u00e4ne umsetzen.<\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>F\u00fcr eine Konzeption der beschriebenen Arbeit ist eine Hauptvoraussetzung Flexibilit\u00e4t und die F\u00e4higkeit zum spontanen Eingehen auf sich wandelnde Bedingungen und Einsichten. Bei gr\u00f6\u00dferen Arbeitsgruppen besteht die Gefahr des Reibungsverlustes. Die speziellen Probleme der Zusammenarbeit haben die Tendenz, die Sachprobleme zu \u00fcberwuchern, habe ich erfahren.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(Es ist ein Gl\u00fccksfall, wenn schon zwischen zwei Mitarbeitern ein solches Ma\u00df an \u00dcbereinstimmung und Gleichklang im Wahrnehmen, Erleben und Verarbeiten besteht, da\u00df ein spontanes, synchrones Reagieren m\u00f6glich ist, oder da\u00df zumindest der eine die Reaktionsweise des anderen billigt. Ich habe auch dies erfahren in der noch zu beschreibenden Endphase der Arbeit mit Achim.)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zur Arbeitsweise<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Voruntersuchung<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe davon aus, da\u00df ich nicht wei\u00df, was die Kinder brauchen, da\u00df ich aber Methoden entwickeln mu\u00df, um etwas \u00fcber sie herauszubekommen, das hei\u00dft unter anderem Hilfestellung geben, damit sie sich \u00e4u\u00dfern. Eine Umfeldanalyse sollte (wie in Berlin) der Arbeit vorausgehen, besser Umfelduntersuchung. Der Begriff Analyse deutet auf ein vorgegebenes wissenschaftliches Instrumentarium, mit der man der Wirklichkeit zerlegend, zergliedernd zuleiber\u00fccken kann. Mir kam es vor allem auf Anschaulichkeit, sinnliche Erfahrbarkeit an. Wenn die Arbeit zu anschaulichen Ergebnissen f\u00fchren sollte, dann sollte auch die Methode der Voruntersuchung selbst schon anschaulich sein, ausgehend von unseren (meiner und meiner Mitarbeiter) subjektiven sinnlichen Wahrnehmungen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Methode ist eine k\u00fcnstlerische: sammeln, subjektiv verarbeiten und neu organisieren von sinnlichen Eindr\u00fccken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser internes Motto war:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">genau hinsehen,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">genau hinh\u00f6ren,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zu Wort, zum Ausdruck kommen lassen (daf\u00fcr u. U. Artikulationshilfen geben).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Offen und unvoreingenommen zu sein, hatten wir uns vorgenommen. Wir wollten m\u00f6glichst wenig Vorstellungen mitbringen, die uns ja auch die Wirklichkeit verstellen k\u00f6nnen, sondern uns erst einmal beeindrucken lassen. Unn\u00f6tig zu sagen, da\u00df wir nat\u00fcrlich Vorpr\u00e4gungen, Vorerfahrungen unterschiedlichster Art mitbrachten. Das Offensein f\u00fcr Eindr\u00fccke ist durchaus eine physische Anstrengung, etwas, das Kraft kostet, haben wir erfahren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einstellung, eine Haltung kennzeichnet den Beginn unserer Arbeit, weniger ein ausformuliertes gedankliches Konzept. N\u00f6tig war vor allem: physische Anwesenheit, Zeitnehmen f\u00fcr das Sammeln von Eindr\u00fccken. Eine wichtige Rolle r\u00e4umten wir dem Zufall ein: aufgreifen, was auf uns zukommt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste, was uns zufiel, war eine Rolle bei einer Mitarbeiterfortbildungsveranstaltung: etwas von unserem Vorhaben zu erz\u00e4hlen. Die Initiative ging von der Einrichtung aus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine neue Perspektive: Einen Vormittag lang bewegte ich mich nur im Rollstuhl fort. Nicht nur die geringere Sehh\u00f6he, sondern auch die Art, sich auf Gegenst\u00e4nde und Personen zuzubewegen, beeinflu\u00dft die Wahrnehmung.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gespr\u00e4chskontakte ergaben sich m\u00fchelos und beil\u00e4ufig. Ein Kind, dessen Sprache ich kaum verstand, das sich aber mit Gesten mir gut verst\u00e4ndlich machen konnte, f\u00fchrte mich mit dem Rollstuhl durch die Einrichtung, zeigte mir seinen Bereich. Viele Beispiele lie\u00dfen sich noch. anf\u00fchren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Folge unserer Anwesenheit zeigte sich bald: wir, die wir uns vor allem wahrnehmend in der Einrichtung aufhielten, beeinflu\u00dften auch die Wahrnehmung derer, die mit uns umgingen. Einige Mitarbeiter fingen an, ihre Umgebung mit unseren Augen, unter unserer Problemstellung zu sehen. Ein Erzieher z. B. h\u00e4ngte f\u00fcr Rollstuhlfahrer zu hoch angebrachte Bilder niedriger.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\r\n<li>Feedback<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die f\u00fcr uns so wichtige Bereitschaft der Lehrer, Betreuer und Kinder zur Mitarbeit zu gewinnen, war es n\u00f6tig, unsere gewonnenen Eindr\u00fccke und Erfahrungen zur\u00fcckzugeben. Welche Mittel konnten wir daf\u00fcr gebrauchen? Zun\u00e4chst einmal hatten wir die Schwierigkeit, unsere Wahrnehmungen f\u00fcr uns zu speichern und zu ordnen, um sie wieder in der Einrichtung \u00f6ffentlich und verf\u00fcgbar zu machen. Wir w\u00e4hlten die Mittel Fotografie und Tagebuchnotizen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuhause in D\u00fcsseldorf (die r\u00e4umliche und zeitliche Distanz war wichtig) werteten wir unsere Fotos und Tagebucheintragungen so aus, da\u00df wir sie bei unserem n\u00e4chsten Besuch in den Fluren als Wandzeitung aush\u00e4ngen konnten. Verst\u00e4ndliche, anschauliche Sprache und \u00fcbersichtliche Gliederung sollten der Lese- und Sehlust entgegenkommen. Die schriftlichen Notizen waren mehr f\u00fcr Mitarbeiter und \u00e4ltere Sch\u00fcler bestimmt. Eine Bemerkung zur Notwendigkeit von Distanz: Um den n\u00f6tigen freien Bewegungsraum f\u00fcr unsere Arbeit zu erhalten, durften wir nicht zu sehr in die allt\u00e4gliche Arbeit integriert werden. Anregen und Einflu\u00dfnehmen ist leichter, wenn man von au\u00dfen kommt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben Fotodokumentationen und Tagebuchnotizen half eine Wandzeitung f\u00fcr spontane Niederschrift von Ideen und Vorstellungen, den Kontakt aufrechtzuerhalten, wenn wir nicht anwesend waren. Eine graduierte Sozialp\u00e4dagogin, die Anerkennungsjahr und Abschlu\u00dfarbeit mit der Mitarbeit in diesem Projekt verband, war h\u00e4ufiger in der Einrichtung, beteiligte sich am Unterricht, an vielen Veranstaltungen der Tagesst\u00e4tte mit dem Ziel, m\u00f6glichst viel \u00fcber Bed\u00fcrfnisse und Gewohnheiten der Kinder zu erfahren, was f\u00fcr die konkrete Entwurfsarbeit wichtig sein konnte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Kritzeiwand<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Beispielhaft f\u00fcr unseren Versuch, die Erkundungsphase nahtlos in die Entwurfs- und Ausf\u00fchrungsphase \u00fcbergehen zu lassen, war die Kritzelwand. Ich hatte den Mitarbeitern von unserer Berlin-Arbeit berichtet, Dias gezeigt und vor allem eine Erfahrung n\u00e4her ausgef\u00fchrt: wie ein Projektmitarbeiter im Kreuzberger Mittelstufenzentrum eine Betonwand wei\u00df anstrich, um sie f\u00fcr die Sch\u00fcler zur Bearbeitung freizugeben. Es war spannend und \u00fcberraschend, &#8218;was sich da innerhalb k\u00fcrzester Zeit entwickelte: von zaghaften, angeleiteten Versuchen bis zu explosionsartigen Schmierereien, Spr\u00fcchen, Obsz\u00f6nit\u00e4ten, Politparolen. De Wand wurde zum Politikum: bestimmte Spr\u00fcche mu\u00dften gel\u00f6scht werden, verf\u00fcgte die Schulleitung. Dies nur knapp zur Entstehungsgeschichte. Wir konnten viele Schl\u00fcsse aus dieser Erfahrung ziehen, die Wand war sowohl analytisches Instrument als auch gestaltetes Objekt. Sie erwies sich f\u00fcr unser Erkundungsbed\u00fcrfnis wirksamer als eine soziologisch fundierte Matrix, mit deren Hilfe wir Daten erheben wollten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel f\u00fcr eine sinnlich anschauliche Erkundungsmethode: Eine Mitarbeiterin des Oldenburger Behindertenzentrums schlug vor \u2014was ich urspr\u00fcnglich gar nicht beabsichtigt hatte &#8211; so etwas doch auch hier zu versuchen. Wir spannten also einen 10 m langen Packpapierstreifen auf eine kahle Flurwand. Und &#8222;taten dar\u00fcber hinaus nichts. Mit den Betreuern verabredeten wir, geduldig auf das zu warten, was kommt. Es kam lange nichts. Wir sp\u00fcrten, wie scheu, ordentlich und vorsichtig die Kinder sind. Das Haus tr\u00e4gt keinerlei mutwillige Spuren, heimlich gekritzelt oder gekerbt, wie man das aus Schulen kennt (eine mutma\u00dfliche Folge der \u00dcberbetreuung und Abh\u00e4ngigkeit der behinderten Kinder). Dann kommen die ersten \u00c4u\u00dferungen auf der Wand. Erwachsenenhandschrift. Mitarbeiter wurden offensichtlich ungeduldig und fingen an. Die Kinder brauchten Ermutigung, Aufforderung. Allm\u00e4hlich kommen die ersten Kinderspuren, sch\u00f6ne, spontane, gro\u00dfz\u00fcgige Zeichnungen. Nun war der Bann gebrochen, die Wand f\u00fcllte sich. Ein Kind wagte sich \u00fcber den Packpapierstreifen hinaus und kritzelte auf der Wand weiter. Eine wichtige Grenze war damit \u00fcberschritten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir dokumentierten fotografisch die verschiedenen Stadien, kommentierten sie mit unseren Beobachtungen und h\u00e4ngten diese Fotodokumente der Kritzelwand gegen\u00fcber auf. Ohne auf die Kritzelei Einflu\u00df zu nehmen, bekundeten wir damit Ernstnehmen des Entstandenen, wovon wiederum Ermutigung und Anregung zum Weitermachen ausging.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Kritzelwand sollte ein Dialoginstrument werden. Eines Tages installierten wir anstelle der provisorischen Packpapierwand eine ebenso gro\u00dfe aus Spanplatten, beklebten sie mit Bildteilen aus der alten Papierwand, malten dazu, l\u00f6schten Teile, montierten flache Gegenst\u00e4nde. Erstmals kam Farbe dazu. Kurz, mit Relikten der alten Wand klebten, malten wir ein neues Bild mit vielen offenen Zonen und gaben sie wieder zum Weiterarbeiten frei. Zwiesprache zwischen K\u00fcnstlern und Kindern der Einrichtung. Zwischendurch kargere Zeiten, wo wenig passiert. Wir m\u00fcssen immer wieder Impulse geben. Es ist wie mit einem schwarzen Brett, das seinen Informationscharakter verliert, wenn es nicht sorgf\u00e4ltig gepflegt wird. Irgendwann werden wir vielleicht die Wand als fertig betrachten und zumindest teilweise konservieren. Ein offen angelegtes Experiment mit ungewissem Ausgang, f\u00fcr uns eine reiche Quelle von Erfahrungen und Einsichten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anstatt nun alle Erfahrungen zu notieren und die aus ihnen resultierenden Entwurfsideen, will ich lieber die Erfahrungen des ersten abgeschlossenen Teilprojekts schildern. Es zeigt am anschaulichsten, wie die Grundkonzeption des Dialogs mit Kindern und Mitarbeitern zu einer Arbeit f\u00fchrte, deren Ergebnis wir nicht h\u00e4tten vorplanen k\u00f6nnen und wie sie k\u00fcnstlerische, p\u00e4dagogische und therapeutische Elemente vereint.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Geschichte der gemeinsamen Arbeit mit Achim<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Achim ist ein junger Mann von knapp 20 Jahren, fast v\u00f6llig gel\u00e4hmt, Muskelschwund. Er kann sich nur im Elektrorollstuhl fortbewegen. W\u00e4hrend der Arbeit an der Wandzeitung vor 2 Jahren kam er immer wieder mit seinem Rollstuhl an unserem Arbeitsplatz vorbei. Sein waches, intelligentes Gesicht fiel mir auf, aber auch seine sp\u00fcrbare Scheu und Zur\u00fcckhaltung. Spontan fordere ich ihn auf, auch einen der gro\u00dfen Buchstaben auszumalen, wie es gerade andere Kinder taten, wohl wissend, da\u00df er dies nicht kann. Ich w\u00fcrde es f\u00fcr ihn tun, sage ich, genau nach seinen Angaben. Nach kurzem Z\u00f6gern, Err\u00f6ten, willigt er ein, beauftragt mich, ein gro\u00dfes E ganz blau zu malen. Ich f\u00fcge seinen Namen ein, wie es die anderen Kinder auch taten. Diese kleine Geschichte hat mich lange besch\u00e4ftigt: ob es m\u00f6glich ist, einem Behinderten seinen gesunden Arm zu leihen (und nicht nur diesen), um mit ihm gemeinsam ein Bild zu malen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel Vorarbeit m\u00fc\u00dfte da geschehen. Im Laufe der folgenden Arbeit spreche ich Achim immer wieder an. Wir wollen ein Bild zusammen malen. Er ist einverstanden. Unser Kontakt ist immer noch scheu und sparsam. Aber immerhin, es kommen schon mal Unterhaltungen zustande, er erz\u00e4hlt mir auf Fragen, was er gerne mag, was ihn bedr\u00fcckt. Von seinen Gruppenbetreuern h\u00f6re ich, da\u00df das schon viel hei\u00dft. Er ist auch in der Gruppe scheu, wagt kaum jemanden um Hilfe zu bitten, die er so dringend braucht. Als er mich einmal bittet, seine Hand wieder auf den Schaltknopf des Elektrorollstuhls zu legen, nehme ich dies als ein Zeichen eines wachsenden Vertrauens. Viel Zeit vergeht dann, durch Bauverz\u00f6gerung dehnt sich auch unsere Arbeit in die L\u00e4nge. Im Fr\u00fchjahr dieses Jahres, 11\/2 Jahre nach der 1. Episode, vereinbaren wir, konkret mit der Arbeit zu beginnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei mir tauchen Zweifel auf: wie wird das im Behindertenzentrum aufgenommen, einen Jungen so herauszuheben, wie wirkt sich das im Zusammenleben und auf den Jungen selber aus? Gespr\u00e4che mit der Leiterin der Tagesst\u00e4tte und der Gruppenleiterin ermutigen mich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df inzwischen von Achim, da\u00df er trotz seiner Behinderung gern Autos zeichnet. Es soll ein Autobild werden. Ein Briefwechsel geht voran. Achim schickt mir Zeichnungen, schreibt mir, da\u00df er Rennautos liebt. Ich erz\u00e4hle von meiner<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Arbeit, mache fl\u00fcchtige Entwurfsskizzen. Die Zeit dr\u00e4ngt, Achim wird im Sommer aus der Schule und Tagesst\u00e4tte entlassen. Ich fahre zum ersten Gespr\u00e4chstermin nach Oldenburg. Viel Zeit zum Unterhalten wollen wir uns nehmen. Da sitzen<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wir uns nun etwas befangen gegen\u00fcber. Wie anfangen? Wir m\u00fcssen uns erst genauer kennenlernen, bevor wir zusammen arbeiten k\u00f6nnen. Achim zum Reden zu bringen ist schwierig, er antwortet nur pr\u00e4zise und knapp auf gestellte Fragen. Wir beschlie\u00dfen, uns gegenseitig unseren typischen Alltagsablauf zu schildern; ich fange an, um die Befangenheit redend zu \u00fcberwinden. Achim folgt mit der knappen Beschreibung seines Tagesablaufs. Ich merke erstmals, wie wichtig seine Mutter f\u00fcr ihn ist, die ihm intensive Gespr\u00e4chspartnerin ist, die die Arbeit f\u00fcr ihn und mit ihm als ihre akzeptierte Aufgabe angenommen hat. Unser Gespr\u00e4ch hat lange Pausen; Wir kommen darauf, als hinter uns die T\u00fcr \u00f6fter aufgeht, wie anders seine Wahrnehmungsart ist als die meine, die ich den Kopf schnell drehen kann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Wahrnehmung ist anders, aber intensiver, scheint mir, eine andere Koordination von H\u00f6ren &#8211; Sehen &#8211; Bewegen. Wir beschlie\u00dfen den ersten Termin mit Wahrnehmungsspielen: Beschreiben, wie die Flure aussehen; Augen schlie\u00dfen, wie das Fenster vor uns aussieht. Achim ist mir \u00fcberlegen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer spontanen Eingebung folgend, frage ich Achim, ob ich mit ihm nach Hause kommen k\u00f6nne. Nach langem Z\u00f6gern Zustimmung, als ich vorschlage, eine Stunde sp\u00e4ter zu kommen als er. Das war wichtig, begreife ich sp\u00e4ter. Denn diese Stunde brauchen er und seine Mutter f\u00fcr hygienische Verrichtungen. Zuhause bei Achim kommen die entscheidenden Erkenntnisse: Achim liebt nicht etwa Autos, wie alle Jungen, er ist ein ausgesprochener Spezialist f\u00fcr Formel-I-Rennwagen. Ich bekomme Stapel von verbl\u00fcffend sch\u00f6nen Zeichnungen zu sehen. Ich kann sie erst sp\u00e4ter richtig w\u00fcrdigen, als ich Zeuge des Entstehungsprozesses werde. Da er seine H\u00e4nde kaum bewegen kann, ist eine minuti\u00f6se Koordinationsarbeit beider H\u00e4nde n\u00f6tig: mit der linken das Blatt Papier schiebend, zeichnet er mit der rechten Hand mit geduldigen Schraffuren Autoansichten in komplizierter Perspektive. Achim kann nicht direkt auf&#8217;s Blatt schauen, durch eine Prismenbrille wird die Blickrichtung um 90 Grad gebrochen. Neben dem Zeichnen beschreibt Achim viele Seiten mit Rennergebnissen, Ranglisten der Formel-l-Rennfahrer, nachempfundenen Rennberichten in erstaunlich ordentlicher Erwachsenenhandschrift.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen bekomme ich eine Lehrstunde. Achim erkl\u00e4rt mir anhand vieler B\u00fccher, was ich \u00fcber Rennwagen wissen mu\u00df, bevor wir zusammenarbeiten k\u00f6nnen. So gespr\u00e4chig hatte ich ihn noch nicht erlebt. Der Boden f\u00fcr weitergehende Fragen war bereitet. Wie er denn leben m\u00f6chte, wenn er k\u00f6nnte, wie er wollte, frage ich ihn. Und dann kommen &#8211; ich kann&#8217;s kaum fassen &#8211; von diesem sanften, zur\u00fcckhaltenden jungen Mann aggressive Phantasien: Durch die Gegend rasen m\u00f6chte er; weit vorn sein; Erster sein; Ehrgeiz; durch wilde Dreher auffallen; bi\u00dfchen riskant, bi\u00dfchen Leute \u00e4rgern (,\u201aw\u00fcrde ich wohl bringen&#8216;); alle von der Bahn boxen, abdr\u00e4ngen, weiterfahren; wenn was kaputt ist, sich nicht drum k\u00fcmmern; Aufholjagden, nach Reifenwechsel wieder ganz nach vorn kommen; nicht nur Rennfahrer sein, auch Mechaniker, Konstrukteur, Held, Fanatiker; als Rennfahrer f\u00e4llt man mehr auf; bei anderen Menschen Achtung, Verbl\u00fcffung ausl\u00f6sen, auch unter den Kollegen; da kommt ein Neuer und mischt schon ganz vorne mit; PH\u00d6NIX AUS DER ASCHE!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit meine w\u00f6rtliche Mitschrift. Wir haben viel gelacht zusammen an diesem Tag. Achim war entspannt und lebendig wie nie zuvor. Er hatte eine sehr sprechende Mimik. Sein Gesichtsausdruck leistet all das, was gesunde Menschen auch mit Gestik und K\u00f6rperhaltung ausdr\u00fccken: Bewegung der Augen, Lachen, Z\u00e4hne zeigen, Err\u00f6ten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon vorher waren wir darauf gekommen, da\u00df es viele Analogien zwischen Formel-l-Rennfahrern und Achims Situation gibt: kaum bewegungsf\u00e4hig, in engen Schalensitzen angeschnallt; \u201eein Rennfahrer braucht das Steuer nur 2 cm zu-bewegen und schon ist er um die Kurve&#8220;; eingeengtes Gesichtsfeld; mit wenig k\u00f6rperlicher Kraft \u00fcber Motorkraft verf\u00fcgen. Auch Eigenschaften hat Achim entwickelt, die Rennfahrer haben m\u00fcssen: Ehrgeiz, Ausdauer, Z\u00e4higkeit, Konzentration, Disziplin, Leistungswillen, sich selber Ziele setzen. Mit Z\u00e4higkeit, Ausdauer und Konzentration zeichnet er seine m\u00fchsamen Autobilder. Eine besondere Disziplin-Leistung, f\u00fcr die er jahrelang trainiert hat: morgens, bevor er in die Schule\/Tagesst\u00e4tte f\u00e4hrt, hilft ihm seine Mutter auf die Toilette, dann h\u00e4lt er aus, bis er am Sp\u00e4tnachmittag wieder zu Hau-<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">se ist. \u201eWie ein Computer&#8220;. Er achtet sorgf\u00e4ltig darauf, wieviel er trinkt tags\u00fcber. F\u00fcr ihn bedeutet diese Leistung ein St\u00fcck Unabh\u00e4ngigkeit von der Hilfe anderer.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage Achim, wie er, der so auf andere Menschen angewiesen ist, denn seinerseits Menschen eine Freude machen kann: \u201eWenn ich zeige, da\u00df ich mit mir selbst gut zurechtkomme, l\u00f6se ich Achtung und Verbl\u00fcffung aus.&#8220; Eine Aussage, die man mit gutem Recht f\u00fcr Nichtbehinderte verallgemeinern kann, nur Achim hat es viel schwerer innerhalb seiner Grenzen mit sich zurechtzukommen. Die Beschr\u00e4nkung zwingt ihn zu ganz besonderen Leistungen.. Er resigniert nicht, ist z\u00e4h, ehrgeizig. Aber wer honoriert diese Art Leistung, wer nimmt sie \u00fcberhaupt zur Kenntnis?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Leistungen sind mitteilenswert, \u00fcberlege ich mir. Zwar kann ich ihm nicht zu einem Rennsieg verhelfen, aber ein Zeitungsartikel \u00fcber ihn k\u00f6nnte ihn einmal \u201eganz vorn&#8220; zeigen. Eine Oldenburger Journalistin, die meine Arbeit freundlich interessiert verfolgt, greift die Idee auf: ein langer Artikel \u00fcber Achim mit Abbildungen erscheint in der Oldenburger Zeitung (Nord-West-Zeitung): \u201eAchim und der gro\u00dfe Traum vom Rennfahrer&#8220;.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorher wieder Bedenken meinerseits: was bedeutet dies f\u00fcr Achim, wie wird er damit fertig, im Mittelpunkt zu stehen, wie nehmen es die Vertreter der Einrichtung, die Mitsch\u00fcler auf? Wiederum best\u00e4rken mich die Leiterin und Achims Gruppenbetreuerin in meinem Vorhaben. Eines unter wiederkehrenden Beispielen, das zeigt, wie sehr ich in meiner Arbeit auf die Einvernehmlichkeit mit den Betreuern in der Einrichtung angewiesen bin. Schon wegen des Vorbildcharakters, die Achims Leistungen und seine Haltung f\u00fcr \u00e4hnlich Behinderte haben, halten beide eine Hervorhebung seiner Person f\u00fcr gerechtfertigt. Als ich auch seine Mutter vorher fragen will, wird mir deutlich, da\u00df ich einen typischen Fehler mache: Achim ist vollj\u00e4hrig, erwachsen. Er macht es mir klar. Wie oft werden Behinderte wie Kinder behandelt. Achim f\u00fchlt sich manchmal unterfordert. Sein Kopf kann viel leisten. Er mu\u00df sich seine Leistungsziele oft selber stecken, und tut es, wenn zu wenig Anforderungen an ihn gestellt werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Achim ist eine starke Pers\u00f6nlichkeit. Die Entwurfsskizze f\u00fcr das Bild, das wir zusammen machen wollen, liefert er: Eine d\u00fcstere Landschaft \u00f6ffnet sich wie ein Fenster, dahinter eine Landschaft in strahlenden Farben. Aus der \u00d6ffnung rast ein roter Ferrari-Rennwagen frontal auf den Betrachter zu. So soll das Bild werden. Achim ist beratend bei der Arbeit dabei, billigt eine ver\u00e4nderte Farbgebung (das Bild mu\u00df sich von der Klinkerwand abheben), gibt fachm\u00e4nnische Hinweise, wie der Ferrari auszusehen hat. Wir arbeiten ihn nach seiner winzigen Zeitungsvorlage aus, \u00fcbertragen nicht sein skizziertes Auto. Der Wagen mu\u00df m\u00f6glichst echt&#8220;.sein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir arbeiten \u201evor Ort&#8220;, \u00f6ffentlich, in dem Flur, wo das Bild auch sp\u00e4ter angebracht wird. Rollstuhlfahrer fahren Slalom um unsere Farbt\u00f6pfe und Arbeitsutensilien. St\u00e4ndig sind Zuschauer um uns herum. Wir st\u00f6ren auch, lassen uns st\u00f6ren. Immer wieder Fragen, Gespr\u00e4che. Erzieher machen uns mal Tee, sprechen uns aufmunternd an. Ein besonders freundlicher Kontakt entsteht zu den Putzfrauen. Der Hausmeister hilft an verschiedenen Stellen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel mehr, als wir es vorher ahnten, werden wir wirklich zum ausf\u00fchrenden Organ, zum Werkzeug. Mir und meiner K\u00fcnstler-Mitarbeiterin bleiben die L\u00f6sung technisch-organisatorischer und k\u00fcnstlerisch-handwerklicher Probleme: z. B. die angemessene Umsetzung einer Buntstiftzeichnung in Gro\u00dffl\u00e4chenmalerel: aus einer DIN-A-4-Skizze wird ein 2,50 x 5 m-Bild, von Fu\u00dfboden bis zur Decke, auf beiden Seiten flankiert von Reproduktionen seiner Autozeichnungen, von Achims Handschrift-Texten, Fotos von Achim, seinem Rollstuhl, technischen Details, Reproduktionen von Rennwagen, Rennfahrer-Fotos. Gerade bis zu seiner Schulentlassung wird das Bild fertig, bis auf Detailausf\u00fchrung, die wir nach den Ferien nachholten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wirkungen und Einsichten<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Achim verkraftet seinen Erfolg (Zeitungsartikel und Bild betreffend) mit souver\u00e4ner Gelassenheit. Er schreibt mir in einem Brief: \u201eEs hat mir auch gefallen im Mittelpunkt zu stehen, was sonst nicht der Fall ist&#8230; Die Betreuer hat es gefreut, da\u00df Sie sich so intensiv mit mir befa\u00dft haben&#8230; Meine Eltern haben sich dar\u00fcber gefreut, da\u00df ich noch vorm Schulabgang an der Wand verewigt wurde&#8230; Meinen Eltern hat der Zeitungsartikel sehr gefallen&#8230; Durch ihre Mitarbeit bekam ich Anregung, andere Zeichnungsutensilien zu verwenden, wie \u00d6lfarbe. Bei den Autozeichnungen versuche ich m\u00f6glichst Landschaften hineinzubringen..<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Wort kommen lassen, beim Ausdr\u00fccken helfen, war unsere Grundeinstellung. Das Teilprojekt: Bild-mit-Achimmalen, mag exemplarisch verdeutlichen, was mit dieser Einstellung entstehen kann. Die Aspekte, mit denen ich bei einer solchen Kunst-am-Bau-Konzeption zutun habe, sind vielf\u00e4ltig: k\u00fcnstlerische, organisatorische, technische, psychologische, therapeutische Gesichtspunkte m\u00fcssen integriert und zu einem Ganzen werden. Ein Balance-Akt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir wurde am Ende dieses Arbeitsabschnittes klar, da\u00df vor allem meine k\u00fcnstlerischen Voraussetzungen mir bei dieser Arbeit genutzt haben:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arbeitsproze\u00df, wenn ich eine Grafik produziere, eine Serie von Zeichnungen herstelle, weist viele Parallelen zu der Arbeit mit Achim auf: Einen beliebigen Einstieg w\u00e4hlen, den Zufall nutzen (es ist nicht zuf\u00e4llig, was mir zuf\u00e4llt), aber dann z\u00e4h und systematisch daran weiterarbeiten, nicht zu schnell werten,.,sondern entstehen lassen, offen sein f\u00fcr sich \u00e4ndernde Bedingungen, nicht zu starr an vorgefa\u00dften Vorstellungen festhalten, Sinn und Augenma\u00df f\u00fcr die ad\u00e4quaten Umsetzungsmittel (Werkzeug, Materialien) Umfeldbedingungen einsch\u00e4tzen, nutzen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen hat meine Einsch\u00e4tzung von den M\u00f6glichkeiten des \u201eF\u00f6rderns&#8220; einen Wandel erfahren. Nicht \u201eF\u00f6rderungskonzepte&#8220; vorerstellen und dann anwenden wie Rezepte; ich verstehe f\u00f6rdern viel mehr in dem urspr\u00fcnglichen Sinn von zu-Tage-F\u00f6rdern (wie im Bergbau), verborgene Sch\u00e4tze heben, die vorhanden sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Heinrich von Kleist schreibt in seinem \u201eAllerneusten Erziehungsplan&#8220; in Bezug auf die Erziehung von Kindern im allgemeinen: \u201eAber das Kind ist kein Wachs, das sich in eines Menschen H\u00e4nden zu einer beliebigen Gestalt kneten l\u00e4\u00dft: es lebt, es ist frei, es tr\u00e4gt ein unabh\u00e4ngiges und eigent\u00fcmliches Verm\u00f6gen der Entwicklung und das Muster aller innerlichen Gestaltung in sich.&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Achim f\u00fcllt mit der ihm eigenen Energie sein Muster der innerlichen Gestaltung bis an die ihm gesetzten engen Grenzen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe versucht, ihm selber, mir und anderen die damit verbundene Leistung deutlich zu machen, diesen Schatz ans Tageslicht der \u00d6ffentlichkeit zu f\u00f6rdern. Ich brauche, glaube ich, nicht mehr im einzelnen auszuf\u00fchren, da\u00df die gemeinsame Arbeit und ihr Ergebnis f\u00fcr Achim therapeutische Wirkung hatte, da\u00df sie bei einigen Lehrern und Erziehern produktives Nachdenken ausl\u00f6ste (nat\u00fcrlich sind wir bei anderen auch auf Unverst\u00e4ndnis, Kritik und Gleichg\u00fcltigkeit gesto\u00dfen) und da\u00df sie f\u00fcr uns, die wir mit Achim und an dem Bild arbeiteten, ein ausgewogenes Gef\u00fchl von Anstrengung und Befriedigung hinterlie\u00df. Meine anf\u00e4ngliche Befangenheit und mein Mitleid Achim gegen\u00fcber haben sich in Respekt und Zuneigung gewandelt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zusammenarbeit mit Achim ist mir zugefallen, weil meine Arbeitsweise solche Zuf\u00e4lle zul\u00e4\u00dft. Andere Behinderte h\u00e4tten eine so intensive Besch\u00e4ftigung mit ihnen gleicherma\u00dfen verdient. Ich hoffe, da\u00df wir in den noch ausstehenden Teilprojekten deutlich machen k\u00f6nnen, da\u00df bei gleicher Grundhaltung aber ver\u00e4nderter Aufgabenstellung, mit anderen Methoden und Mitteln, noch andere Sch\u00e4tze zu heben sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Beispiel, wie unsere Arbeit sich im K\u00f6rperbehindertenzentrum auswirkte, f\u00fcge ich die Stellungnahme von Elke Heger bei, der Leiterin der Tagesst\u00e4tte:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Was bedeutet die Gestaltung des Rennfahrer-Bildes f\u00fcr mich?<\/em><\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Vorbereitung zu dem Bild war nur m\u00f6glich durch intensive, intuitive Kommunikation zwischen der K\u00fcnstlerin und dem jungen Mann Joachim.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es ermutigt mich, da\u00df ein k\u00f6rperlich so eingeschr\u00e4nkter und emotional so zur\u00fcckhaltender, fast bed\u00fcrfnislos wirkender junger Mann aus seiner starken Zur\u00fcckgezogenheit in sich selbst herauszulocken ist.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der lange Proze\u00df der Kommunikation f\u00f6rderte ein Fachwissen \u00fcber Rennsport zutage, von dem wir bisher nur ansatzweise wu\u00dften.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich frage mich, warum wir solche Ans\u00e4tze nicht ernst genug genommen haben, um mit diesem Mittel die Kommunikation mit Achim auszuweiten.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beeindruckend ist die Assoziation (\u00c4hnlichkeit zwischen der Technik, die Joachim selber zur Verf\u00fcgung steht und in die er sich beim Rennfahrer geradezu kin\u00e4sthetisch hineindenkt.)<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist die kin\u00e4sthetische Wahrnehmung schwerbehinderter Rollstuhlfahrer&#8220; reicher und tiefer als wir es uns denken? Ist die Erlebnisf\u00e4higkeit mancher Menschen mit starken Bewegungsbehinderungen tiefer als meine \/ unsere\u2014\u00e4hnlich wie beim Blinden, der besser h\u00f6ren, tasten kann als ein Sehender?<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>K\u00f6nnen, sollen wir uns bem\u00fchen, in unserer \u201e F\u00f6rderungs-Arbeit&#8220; noch mehr zutage zu f\u00f6rdern, tiefer zu graben? Wieviel versteckte F\u00e4higkeiten, Vorlieben Sehns\u00fcchte schlummern in allen anderen Kindern und Jugendlichen?<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Haben wir genug Zeit f\u00fcr den einzelnen? Wie sensibel, erlebnisf\u00e4hig, erfahren, reif m\u00fcssen unsere Mitarbeiter sein? Sollten wir die Tr\u00e4ume unserer Kinder und Jugendlichen als eine kreative Kraft nicht ernster nehmen?<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nehmen wir die \u201e realit\u00e4tsgerechte Selbsteinsch\u00e4tzung&#8220; als Lernziel zu ausschlie\u00dflich wichtig?<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\r\n<li><em> Ergebnis<\/em><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Achims Bild vom Rennfahrer der die Trennung von drinnen nach drau\u00dfen durchbricht, ist f\u00fcr mich ein Beispiel, wie ein Schwerbehinderter mit Hilfe seiner Phantasie die Grenze seiner Behinderung \u00fcberwindet. Vielleicht m\u00f6chten das alle Menschen mit einer Behinderung. Andere haben andere Vorstellungen, wie tanzen, Tiere pflegen oder Blumen binden.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In Achims realen Leben akzeptiert er seine eingeschr\u00e4nkten T\u00e4tigkeitsm\u00f6glichkeiten &#8211; in seiner Vorstellung ist er frei.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Achims Bild bedeutet f\u00fcr mich ein St\u00fcck Freiheit des Geistes in einem schwachen K\u00f6rper.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\r\n<li><em> Die Ausf\u00fchrung, d. h. die Projektion und Gestaltung des in der intuitiven Kommunikation und Interaktion zwischen der K\u00fcnstlerin und Joachim gewonnenen Bildthemas l\u00e4\u00dft die K\u00fcnstlerin in eine dienende Position zur\u00fccktreten<\/em><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aber ohne die Ideen zur Verwirklichung und die handwerklich-k\u00fcnstlerische Technik w\u00e4re eine solche Bildprojektion mit der dazugeh\u00f6rigen Foto- und Textdokumentation nicht zustande gekommen.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die k\u00fcnstlerische Diktion der Kunst am Bau, wie sie Frau Keusen schon in ihrer Grundkonzeption vertrat\u2014 n\u00e4mlich Entwicklung und Ausf\u00fchrung von Ideen in der Interaktion mit den Betroffenen &#8211; ist an diesem Beispiel in hohem Grade erf\u00fcllt und hat f\u00fcr den mitwirkenden jungen Mann und uns als Mitbetroffene eine tiefere, fast kathartische Wirkung erzielt, als ich es mir nach den ersten Entw\u00fcrfen anl\u00e4\u00dflich der Ausschreibung vorstellen konnte.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Oldenburg, den 14.9. 1981\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Elke Heger<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Abschlie\u00dfender Exkurs anstelle einer Literaturliste<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie beste Tendenz ist falsch, wenn sie die Haltung nicht vormacht, in der man ihr nachzukommen hat, schreibt Walter Benjamin.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will zum Schlu\u00df versuchen, mir Rechenschaft zu geben, wer mir die Haltung vorgemacht hat, wem ich etwas zu verdanken habe. In meinem Erfahrungsbericht habe ich weitgehend darauf verzichtet zu zitieren. Ich bin nicht mit dem Anspruch angetreten, eine bestehende Theorie zu verifizieren, noch eine neue zu entwickeln. Wohl bin ich aber der Meinung, da\u00df Erfahrungen der beschriebenen Art Schl\u00fcsse, Verallgemeinerungen zulassen, die zur Theoriebildung beitragen k\u00f6nnen. Anregungen habe ich kaum aus der fachdidaktischen Literatur gewonnen, viel mehr aus anderen Quellen, von lebendigen Beispielen (die nat\u00fcrlich zumeist auch Literatur sind). Hier meine unvollst\u00e4ndige und willk\u00fcrliche Auswahl:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Walter Benjamin habe ich viel gelernt (,\u201aDer Autor als Produzent&#8220; in: \u201eVersuche \u00fcber Brecht&#8220;, Ffm 1966), z. B. da\u00df die Technik, in der eine Aufgabenstellung gel\u00f6st wird, etwas zu tun haben mu\u00df mit der Tendenz, die der Autor verfolgt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Benjamin habe ich Sergej Tretjakov kennengelernt als Beispiel f\u00fcr einen \u201eoperierenden&#8220; Schriftsteller, der die Technik des Schreibens nicht trennt von der (politischen) Tendenz, die er als richtig erkannt hat, f\u00fcr die er arbeitet und k\u00e4mpft. Tretjakov schreibt nicht nur, sondern er verhilft anderen dazu, zu schreiben, sich auszudr\u00fccken, um die Kluft zu verringern zwischen Autor und Publikum. Daf\u00fcr gibt er organisierende Hilfestellung, schafft Rahmenbedingungen, erschlie\u00dft Wege f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung, weil er wie Benjamin der Meinung ist, da\u00df der Lesende jederzeit bereit sei, ein Schreibender, n\u00e4mlich Beschreibender oder auch Vorschreibender zu werden. Ein Vor-schreibender! Nicht nur Nach-denkener. Die Arbeit mit Achim hat f\u00fcr mich sehr anschaulich gemacht, was das hei\u00dfen kann. Von einem bestimmten Zeitpunkt an war er der Vorschreibende und Bestimmende und ich ausf\u00fchrendes Werkzeug &#8211; viel mehr, als ich das vorher je ahnen konnte &#8211; was meine Autoreneitelkeit durchaus nicht verletzte, denn es besteht kein Zweifel, da\u00df er ohne meine organisierende Vorarbeit, meine Einf\u00fchlung in seine Situation und ohne meine Geburtshilfedienste seine Vorstellungen und Phantasien nicht h\u00e4tte zur Welt (\u00d6ffentlichkeit) bringen k\u00f6nnen, zumal sie ihm zum Teil erst w\u00e4hrend unserer gemeinsamen Arbeit bewu\u00dft wurden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie bei Tretjakov nach: die Geschichte von der Tasche, wie er f\u00fcr eine Jugendzeitschrift Jugendliche anregt, den Inhalt ihrer Hosentaschen zu beschreiben, jedes einzelne Ding, auch das unscheinbarste, nach Herkunft und Gebrauch. Wie damit eine Biografie der Gegenst\u00e4nde entsteht, die soviel erz\u00e4hlt \u00fcber die Besitzer und Gebraucher dieser Gegenst\u00e4nde. Zu Wort kommen lassen, zum Ausdruck kommen lassen! Das Motto unserer ersten Erkundungen verdanke ich auch diesem Beispiel.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Maxie Wander ist eine Autorin, die die Haltung vorgemacht hat, der ich nachkommen m\u00f6chte: sie schafft im Gespr\u00e4ch eine Lage, die es anderen Menschen \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht, Wesentliches von sich zu erz\u00e4hlen. Man kann nur ahnen bei der Lekt\u00fcre ihres Buches (,\u201aGuten Morgen du Sch\u00f6ne, Frauen in der DDR&#8220;, Luchterhand), wieviel an Vorarbeit, Einstimmung, Mitgef\u00fchl, Atmosph\u00e4reschaffen n\u00f6tig gewesen sein mu\u00dften, bevor sich ein Gegen\u00fcber so r\u00fcckhaltlos artikulieren konnte. (Sie hat die Technik nicht erfunden, Erika Runge und andere sind vorangegangen.)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Carmen Thomas und ihre \u00dc-Wagen-Sendungen im WDR verhelfen h\u00e4ufig Menschen zu Wort, die sich sonst nicht \u00f6ffentlich ausdr\u00fccken w\u00fcrden. Es gab hinrei\u00dfende Sendungen. Ich erinnere mich einer weit zur\u00fcckliegenden, als sie Probleme von Sprachbehinderten behandelte. Wie da diese flinkschn\u00e4uzige Frau minutenlange Geduld aufbrachte, um einen Stotterer ins Mikrofon stottern zu lassen, ohne ihn helfend zu unterbrechen! Man mu\u00df sich auch mit dem Helfen Zeit lassen und nicht voreilig vor-denken, vor-handeln, habe ich an diesem Beispiel gelernt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine p\u00e4dagogische Lieblingslekt\u00fcre ist Heinrich von Kleists \u201eAllerneuster Erziehungsplan&#8220;. Er hat mich gelehrt, nicht zu sehr den \u201eVirtuosen der neuesten Erziehungskunst&#8220; zu trauen, sondern das gemeine Gesetz des Widerspruchs zu achten, des Widerspruchs, den ich mit Gewi\u00dfheit heraufbeschw\u00f6re, wenn ich zu eingleisig-engstirnige Konzeptionen vertrete. Ich ziehe Konzeptionen, die ein Sowohl-als-auch zulassen den Entweder-oder-Konzeptionen vor (hier sei ein Hinweis gestattet auf die Fachdiskussion visuelle Kommunikation oder musische Erziehung).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin \u00fcbrigens der Meinung, da\u00df man Kleists Aufsatz nicht nur als Parodie verstehen sollte, sondern da\u00df er, wenn auch in ironischer Form, g\u00fcltige Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten aufzeigt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hugo K\u00fckelhaus warnt in seinem Aufsatz \u201eDie Phantasie des Leibes&#8220; (in.,, Organismus und Technik&#8220;, Fischer alternativ) auf andere Art vor Eingleisigkeit. An vielen eindrucksvollen und einleuchtenden Beispielen macht er deutlich, welche Gefahren drohen, wenn Systeme aus der Balance geraten. Das unerm\u00fcdliche proze\u00dfhafte Balancehalten zwischen Gegens\u00e4tzen, die sich gegenseitig bedingen, das Spannungaushalten zwischen Polen ist f\u00fcr ihn Menschenaufgabe, daraufhin sind Menschen organisiert. K\u00fckelhaus hat keine technik-feindliche Einstellung, sondern macht am Beispiel deutlich, da\u00df Menschen in der Lage sind, Technik sich so anzuverwandeln, da\u00df sie \u201eorganlogisch&#8220; hilfreich genutzt werden kann. Solche Gedankeng\u00e4nge, auf Architektur bezogen, haben etwas zu tun mit meiner Arbeit f\u00fcr Behinderte. Nicht zu glatt-funktional darf die Architektur sein, sondern sie mu\u00df gerade f\u00fcr die unter Wahrnehmungs- und Erlebnisverarmung leidenden Ki\u00f6der Wahrnehmungs- und Erlebnisreize bieten, die andere Kinder z. B. in der Natur finden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen-Ma\u00df, Menschenproportionen als Ausgang f\u00fcr Architekturma\u00df, konnte ich in einer Ausstellung in Z\u00fcrich studieren, die in Fotodokumenten \u201eChinesische Hof-H\u00e4user&#8220; darstellte. Der Katalog dieser Ausstellung ist auch in Buchform erh\u00e4ltlich. (Werner Blaser, Hofhaus in China&#8220;, Birkh\u00e4user Verlag Basel, Boston, Stuttgart.) Wundersch\u00f6ne Innen-Au\u00dfen-Durchblicke; R\u00e4ume \u00f6ffnen sich dem Durchschreitenden, W\u00e4nde sind so gegliedert, da\u00df sie dem Vorbeigehenden wechselnd anregende Seheindr\u00fccke vermitteln.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich vor dem Problem stand, lange kahle Flure zu gliedern, habe ich oft an diese chinesischen Beispiele denken m\u00fcssen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder habe ich auch Studenten zu danken, die in kunstp\u00e4dagogischen Abschlu\u00dfarbeiten mich best\u00e4rken, da\u00df es besser ist: erst Erfahrungen zu machen, dann Schl\u00fcsse zu ziehen, als ein fertiges theoretisches Konzept einer Situation \u00fcberzust\u00fclpen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<figure class=\"wp-block-image size-large\">\r\n<figcaption><\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} \/-->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":54937,\"width\":240,\"height\":244} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54937\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Almuth_Cover-1.png\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"244\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4t der Hungertuchpreistr\u00e4gerin Almuth Hickl findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/04\/10\/das-hungertuch-fuer-almuth-hickl\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und au\u00dferdem im KUNO-Archiv, ein Hinweis auf die Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/14\/spielerische-erkundung-des-vorhandenen-materials\/\">Freibank<\/a>. Photos der Reihe im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=2119\">Rheintor<\/a> und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=1877\">Veranstaltung<\/a> in Kunstverein Linz. Einen Essay zu den Aktionen im Rheintor finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12791\">hier<\/a>. Das Konzept der K\u00fcnstlerin zu ihren <em>Computerzeichnungen<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/04\/04\/zu-meinen-neuen-bildern-mit-computer-und-laserdrucker\/\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Redaktionelle Vorbemerkung: Bericht \u00fcber ein Kunst-am-Bau-Projekt in einem K\u00f6rperbehindertenzentrum. Die Darstellung hat in zweifacher Hinsicht etwas mit Raum zu tun. Einmal im w\u00f6rtlich konkreten Sinne: Ausgestalten, Schm\u00fccken, Gebrauchsf\u00e4higmachen von architektonischen R\u00e4umen. Zum anderen geht es um Raumschaffen im erweiterten Wortsinn,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/05\/schaetze-heben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":184,"featured_media":98494,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[46],"class_list":["post-104454","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-almuth-hickl"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/184"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104454"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104454\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104457,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104454\/revisions\/104457"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98494"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}