{"id":104448,"date":"2023-04-13T00:01:38","date_gmt":"2023-04-12T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104448"},"modified":"2023-01-29T08:03:18","modified_gmt":"2023-01-29T07:03:18","slug":"ein-literarischer-geniestreich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/13\/ein-literarischer-geniestreich\/","title":{"rendered":"Ein literarischer Geniestreich ?!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eMit sprachlicher Bravour sperrt Hana Lehe\u010dkov\u00e1 ihre Leserinnen und Leser in den Kopf eines geistig beeintr\u00e4chtigten jungen Mannes ein.\u201c<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Auszug aus dem\u00a0 Werbetext auf der R\u00fcckseite des Hardcover Bandes mit dem seltsam anmutenden Titel erregt insofern besondere Aufmerksamkeit als ein zweiter Blick auf den mit unterschiedlichen Graphemen und Textformen gestalteten Text die neugierig gewordenen Lesern ins Gr\u00fcbeln geraten l\u00e4sst. K\u00f6nnte dieser mit einem kleinen Anfangsbuchstaben versehene <em>roman<\/em> gar nicht \u201eALLEN ZERBRECHLICHEN SEELEN GEWIDMET\u201c sein, die Triggerwarnung vor einer angeblich rassistischen und sogar diskriminierenden Sprache eine ebenso verfremdende Ansage sein wie die provokante Aussage, dass die \u201eAussage der Figuren \u2026 nicht die Ansichten der Autorin\u201c wiedergeben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits der Einstieg in die Texthandlung, die dem verwunderten Leser in konsequenter Kleinschreibung, fehlenden Satzzeichen, merkw\u00fcrdigen Wiederholungen von Aussagen \u00fcber allt\u00e4gliche Verrichtungen des Protagonisten Zdenek dargeboten werden, ruft gewisse Zweifel an der G\u00fcltigkeit dieser Aussage hervor. Gewiss, die Autorin Hana Lehe\u010dkov\u00e1 entledigt sich ihrer Verantwortung f\u00fcr das literarische Produkt, indem sie ihrem \u201ehalbw\u00fcchsigen\u201c Protagonisten jegliche kritische Bewertung des religi\u00f6s-konservativem Milieus in dem tschechisch-\u00f6sterreichischen Grenzdorf abspricht. Zugleich aber \u00fcbereignet sie ihrem Text eine autonome Funktion, die sowohl durch die in die Texthandlung eingef\u00fcgten grafischen st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Landschaftskonturen(Ond\u0159ej Dolej\u0161\u00ed) als auch durch unterschiedliche Textgestaltungsformen umgesetzt werden soll. In diesen graphisch variantenreichen Textpassagen \u00e4u\u00dfert sich der Protagonist Zdenek mal folgerichtig (im Hinblick auf t\u00e4gliche Abl\u00e4ufe seines monoton ablaufenden Alltags), mal in katatonisch sich wiederholenden Wort- und Satzfolgen (was auf seinen angeblich minderwertigen Geisteszustand hinweisen soll), mal auch wirr und zugleich selbstreflektierend im Hinblick auf die durch ihn erfahrende k\u00f6rperliche Gewalt. Eine solche irritierende Folge von Situationen, denen Zdenek hilflos oder erstaunlich reflektiert ausgesetzt ist, erfordert beim Lesen dieser Passagen wie auch bei dem Versuch, eine vorl\u00e4ufige Einsch\u00e4tzung und individuelle Wertsch\u00e4tzung vorzunehmen, h\u00f6chste Konzentration.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wesentliche Orientierungsmuster in dem diffusen Wahrnehmungsprozess des Protagonisten Zden\u011bk zeichnen sich in dessen Beschreibung seiner tief religi\u00f6sen Gro\u00dfmutter ab. Sie hat ihm den w\u00f6chentlichen Gang zur Dorfkirche gleichsam rituell anerzogen und versorgt ihn auch mit Heiligenbildern zur Deutung von allt\u00e4glichen Handlungen. Zu ihr entwickelt Zden\u011bk ein Vertrauensverh\u00e4ltnis, das sich auch nach dem \u00a0Tod seiner Oma fortsetzt. Angesichts der sperrigen Textfragmente ist es allerdings f\u00fcr Lesern, die an narrativ \u201edurchl\u00e4ssigen\u201c Texthandlungen geschult sind, ungew\u00f6hnlich schwierig, sich einer F\u00fclle von unterschiedlichen Textformen hinzugeben und diese zugleich auch semantisch und noetisch einzuordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb verfolgt der Rezensent bei der Deutung des vorliegenden \u201eromans\u201c eine zweite Spur, die die Arbeitstitel \u201akonkrete Poesie\u2018, \u201atraumatische Erlebnisprosa\u2018 und \u201aAlltagschronologie\u2018 tr\u00e4gt. Er lenkt dabei seine Aufmerksamkeit auf das Kapitel \u201aKulturtreff\u2018 (vgl. 103-126), in dem Verfahren der konkreten Poesie, traumatisch besetzte Erinnerungsfetzen, Todesanzeigen, gemischt mit Sachtexten, eine unbewusst ausgel\u00f6ste Sex-Szene, Pr\u00fcgeleien, Einbruch in einen Laden mit dem \u00dcberfall auf eine Vietnamesin so dargestellt werden, als ob simultan ablaufende Szenen sich nur durch unterschiedliche Textarten trennen lassen. Dem diesem Tohuwabohu v\u00f6llig unterschiedlicher Alltagserlebnisse davonrennenden Zdenek gelingt es nur noch nur Worte wie \u201e<em>warum sehe ich die welt \/ und nicht jemand anderes\/ warum schmerzt mein kopf \/ vor gedanken \u2026<\/em>.\u201c (S. 126) auszusto\u00dfen, w\u00e4hrend ein Luzifer ihn anl\u00e4chelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Hana Lehe\u010dkov\u00e1, Jg. 1990, Absolventin der Prager Kunsthochschule DAMU, mit ihrem \u201eroman<strong>\u201c<\/strong> ein literarischer Geniestreich gelungen, wie die tschechische Literaturkritik und eine Auswahlkommission es mit ihrem Urteil \u201a bestes Werk von Autoren unter 30, im Jahr 2019 ausgezeichnet\u00a0 mit dem Ji\u0159i Orten Preis, verk\u00fcndet? Der auf den sogenannten \u201eersten Blick\u201c Verwunderung und Langeweile ausl\u00f6sende Text gewinnt \u2013 nicht beim Lesen &#8211; seine magische Anziehungskraft. Erst aufgrund der unterschiedlichen Textarten und seiner beharrlichen, fast manischen Wiederholung von Aussagen eines \u201eDorfdeppen\u201c \u00fcber Alltagsvorg\u00e4nge erh\u00e4lt er seine magische Anziehungskraft \u2013 beim lauten Rezitieren. Ob nun das auf dem Buch-Cover schwarz umrandete \u201eDas heilige Haupt\u201c im deutschsprachigen Feuilleton ein \u201egn\u00e4diges\u201c Urteil finden wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall eine mutige Publikation, f\u00fcr die der Homunculus-Verlag zu loben ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das heilige Haupt<\/strong>. Roman von Hana Lehe\u010dkov\u00e1. Aus dem Tschechischen von Hana Hadas. Erlangen (homunculus verlag) 2022<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMit sprachlicher Bravour sperrt Hana Lehe\u010dkov\u00e1 ihre Leserinnen und Leser in den Kopf eines geistig beeintr\u00e4chtigten jungen Mannes ein.\u201c &nbsp; Der Auszug aus dem\u00a0 Werbetext auf der R\u00fcckseite des Hardcover Bandes mit dem seltsam anmutenden Titel erregt insofern besondere Aufmerksamkeit&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/13\/ein-literarischer-geniestreich\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3797,1158],"class_list":["post-104448","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hana-leheckova","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104448"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104451,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104448\/revisions\/104451"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}