{"id":104444,"date":"2003-05-06T12:45:13","date_gmt":"2003-05-06T10:45:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104444"},"modified":"2023-01-24T12:49:36","modified_gmt":"2023-01-24T11:49:36","slug":"die-kunst-in-drei-tagen-ein-originalschriftsteller-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/06\/die-kunst-in-drei-tagen-ein-originalschriftsteller-zu-werden\/","title":{"rendered":"Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Menschen und Schriften, welche Anweisung geben, die lateinische, griechische, franz\u00f6sische Sprache in drei Tagen, die Buchhalterei sogar in drei Stunden zu erlernen. Wie man aber in drei Tagen ein guter Originalschriftsteller werden k\u00f6nne, wurde noch nicht gezeigt. Und doch ist es so leicht! Man hat nichts dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen; nichts zu erfahren, sondern manches zu vergessen. Wie die Welt jetzt beschaffen, gleichen die K\u00f6pfe der Gelehrten und also auch ihre Werke den alten Handschriften, von welchen man die langweiligen Z\u00e4nkereien eines Kirchenstiefvaters oder die Faseleien eines M\u00f6nchs erst abkratzen mu\u00df, um zu einem r\u00f6mischen Klassiker zu kommen. Jedem menschlichen Geiste sind sch\u00f6ne Gedanken und, weil mit jedem Menschen die Welt neu geschaffen wird, auch neue angeboren; aber das Leben und der Unterricht schreiben ihre unn\u00fctzen Sachen darauf und bedecken sie. Man bekommt eine ziemlich richtige Ansicht von dieser Lage der Dinge, wenn man etwa folgendes bedenkt. Ein Tier, eine Frucht, eine Blume erkennen wir in ihrer wahren Gestalt; was sie sind, erscheinen sie uns. W\u00fcrde aber <i>der<\/i> von der Natur eines Rebhuhns, eines Himbeerstrauchs, einer Rose eine wahre Anschauung haben, der nur eine Rebhuhnpastete, Himbeersaft und Rosen\u00f6l kennen gelernt? So ist es aber mit den Wissenschaften, mit allen Dingen, die wir mit dem Geiste und nicht durch die Sinne auffassen: zubereitet und verwandelt werden sie uns vorgesetzt, und in ihrer rohen und nackten Gestalt lernen wir sie nicht kennen. Die Meinung ist die K\u00fcche, worin alle Wahrheiten abgeschlachtet, gerupft, zerhackt, geschmort und gew\u00fcrzt werden. An nichts ist gr\u00f6\u00dferer Mangel als an B\u00fcchern ohne Verstand, an solchen n\u00e4mlich, die <i>Sachen<\/i> enthalten und keine Meinungen. Es gibt nur eine kleine Zahl origineller Schriftsteller, und die besten unterscheiden sich von den minder guten viel weniger, als man nach einer oberfl\u00e4chlichen Vergleichung denken mag. Einer schleicht, einer l\u00e4uft, einer hinkt, einer tanzt, einer f\u00e4hrt, einer reitet zu seinem Ziele; aber Ziel und Weg ist allen gemein. Gro\u00dfe und neue Gedanken gewinnt man nur in der Einsamkeit; wie gewinnt man aber die Einsamkeit? Man kann die Menschen fliehen, dann steht man auf dem ger\u00e4uschvollen Markte der B\u00fccher; man kann die B\u00fccher wegwerfen, wie entfernt man aber aus seinem Kopfe alle die herk\u00f6mmlichen Kenntnisse, die der Unterricht hineingebracht? In der Kunst, sich unwissend zu machen, ist die wahre Kunst der Selbsterziehung die n\u00f6tigste, die sch\u00f6nste, aber die am seltensten und am st\u00fcmperhaftesten ge\u00fcbt wird. Wie es unter einer Million Menschen nur tausend Denker gibt, so gibt es unter tausend Denkern nur <i>einen<\/i> Selbstdenker. Ein Volk ist jetzt wie ein Brei, dem nur der Topf Einheit gibt; etwas Kerniges und Festes findet sich nur an der Scharre, in der untersten Lage des Volks, und Brei bleibt Brei, und der goldene L\u00f6ffel, der einen Mundvoll heraussch\u00f6pft, hat, weil er die Verwandten getrennt, nicht darum auch die Verwandtschaft aufgehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wahre wissenschaftliche Streben ist keine Columbische Entdeckungsreise, sondern eine Ulyssesfahrt. Der Mensch wird in der Fremde geboren, leben hei\u00dft die Heimat suchen, und denken hei\u00dft leben. Aber das Vaterland der Gedanken ist das Herz; an dieser Quelle mu\u00df sch\u00f6pfen, wer frisch trinken will; der Geist ist nur Strom, Tausende sind daran gelagert und tr\u00fcben das Wasser mit Waschen, mit Baden, mit Flachsr\u00f6sten und andern schmutzigen Hantierungen. Der Geist ist der Arm, das Herz ist der Wille; Kraft kann man sich anbilden, man kann sie steigern, ausbilden; was n\u00fctzt aber alle Kraft ohne den Mut, sie zu gebrauchen? Eine schimpfliche Feigheit, zu denken, h\u00e4lt uns alle zur\u00fcck. Dr\u00fcckender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die \u00f6ffentliche Meinung \u00fcber unsere Geisteswerke aus\u00fcbt. Nicht an Geist, an Charakter mangelt es den meisten Schriftstellern, um besser zu sein, als sie sind. Aus Eitelkeit entspringt diese Schw\u00e4che. Der K\u00fcnstler, der Schriftsteller will seine Genossen \u00fcberragen, \u00fcberholen; aber um einen zu \u00fcberragen, mu\u00df man sich ihm zur Seite stellen; um einen zu \u00fcberholen, mu\u00df man auf gleichem Wege wandern als er. Daher haben die guten Schriftsteller so vieles mit den schlechten gemein: im guten steckt ganz der schlechte; nur ist er etwas mehr; der gute geht ganz den Weg des schlechten, nur geht er etwas weiter. Wer auf die Stimme seines Herzens h\u00f6rt statt auf das Marktgeschrei, und wer den Mut hat, lehrend zu verbreiten, was ihn das Herz gelehrt, der ist immer originell. Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialit\u00e4t, und die Menschen w\u00e4ren geistreicher, wenn sie sittlicher w\u00e4ren. Und hier folgt die versprochene Nutzanwendung. Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem T\u00fcrkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalproze\u00df, vom J\u00fcngsten Gerichte, von euern Vorgesetzten \u2013 und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr f\u00fcr neue, unerh\u00f6rte Gedanken gehabt, ganz au\u00dfer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_14208\" style=\"width: 246px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14208\" class=\"size-medium wp-image-14208\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg 236w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14208\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig B\u00f6rne (Gem\u00e4lde von Moritz Oppenheim, 1827)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es gibt Menschen und Schriften, welche Anweisung geben, die lateinische, griechische, franz\u00f6sische Sprache in drei Tagen, die Buchhalterei sogar in drei Stunden zu erlernen. 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