{"id":104432,"date":"2023-02-28T00:01:56","date_gmt":"2023-02-27T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104432"},"modified":"2023-01-16T13:31:42","modified_gmt":"2023-01-16T12:31:42","slug":"rentierflechte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/28\/rentierflechte\/","title":{"rendered":"Rentierflechte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind eigenartige, immer wieder \u00fcberraschende Widerspr\u00fcche, die einen aufmerksamen Leser bei seiner ersten Begegnung mit den Photographien von Sebastiao Salgado auf dem Umschlag und den Eingangsseiten des Buches mit dem seltsam fremden und zugleich scheinbar vertrauten Titel fesseln. Noch betrachtet er die eisesstarrende Szenerie mit dutzenden Rentieren, die halb beladenen Schlitten, die zum Aufbruch bereiten, in Rentierfelle eingemummelten Menschen, ein bereits halb abgebautes Zelt, da \u00fcberf\u00e4llt ihn schon die Neugier. Wei\u00dfe Rentierflechte? Auf der Seite 187 entdeckt er im kleinen-<em>ABC des nenzischen Lebens<\/em> eine Erl\u00e4uterung: \u201e\u2026 im nenzischen Mythos \u2026 ist die Rede von der wei\u00dfen Rentierflechte , die an heiligen Orten im Herzen der gro\u00dfen Berge (Uralgebirge) als g\u00f6ttliche Kleidung der Herren der Berge w\u00e4chst und selbst in dunkler Nacht leuchtet.\u201c Und schon fesseln ihn die ersten Seiten des Romans der nenzischen Schriftstellerin Anna Nerkagi. Der auf Russisch geschriebene Text ist mit zahlreichen, fett markierten Begriffen aus einer Sprache abgedruckt, die gegenw\u00e4rtig von mehr als 40.000 Menschen gesprochen wird. Sie geh\u00f6rt der samojedischen Gruppe aus der Familie der Ural-Sprache an und ist reich versehen mit mythologischen Begriffen, die im Flie\u00dftext markiert sind. Mit solchen fundierten Hinweisen ausgestattet, vermag der Leser schnell einen Zugang zu der von Anfang an fesselnden Handlung finden. Es sei denn, er h\u00e4lt immer wieder inne, weil ihm schon auf den ersten Seiten eine F\u00fclle von bizarren Begriffen begegnen, die ihn neugierig machen, ihn sehr schnell von der Textoberfl\u00e4che in die r\u00e4tselhaft erscheinende mythologische Lebenswelt der Nenzen locken. Da ist es ihr Wohnzelt, Tschum genannt, da werden die verschiedenen Funktionen des Schlittens erl\u00e4utert, da tauchen die Protagonisten eines Handlungsgef\u00fcges auf, das sich allm\u00e4hlich entfaltet und in eine reale, in eine zugleich mit tiefgr\u00fcndigen Symbolen angereicherte mythologische Welt einf\u00fchrt. Petko, Aljoschka, Wanu, Chassawa, die m\u00e4nnlichen Protagonisten verf\u00fcgen \u00fcber Namen, die M\u00fctter und T\u00f6chter erweisen sich aber als namenlose H\u00fcterinnen des Tschum. Sie bereiten folgsam das Essen f\u00fcr ihre Gebieter, sie s\u00e4ubern das Wohnwelt, sie k\u00fcmmern sich sorgf\u00e4ltig um die Schlafecke aus Rentierfellen, sie sind tief ungl\u00fccklich, wenn\u00a0 ihr Aljoschka sich immer wieder der gew\u00fcnschten Verm\u00e4hlung mit der zuk\u00fcnftigen Braut entzieht, weil auch die nenzische Lebenswelt sich in einer zivilisatorischen Krise befindet. Die Rentierz\u00fcchter und ihre Familien sp\u00fcren diese Ver\u00e4nderungen in ihrem Alltag sehr deutlich. Sie wehren sich gegen die gravierenden Ver\u00e4nderungen des polaren Klimas, sie \u00fcbernehmen die mangelhafte Versorgung mit Lebensmitteln in Eigenregie, weil die staatlichen Versorgungsstationen oft nicht funktionieren. Noch gravierender trifft es sie, wenn ihre Kinder zuweilen aus der russischen st\u00e4dtischen Zivilisation unverhofft auftauchen, um von ihren meist armen Eltern mal eben zehn Rentierfelle als \u201eMitgift\u201c zu fordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der Einbruch der russischen Zivilisation in die Jahrhunderte alte nenzische Lebenswelt ist nur ein Erz\u00e4hlstrang in dem vielschichtigen Plot. Weitaus reizvoller f\u00fcr Leser aus mitteleurop\u00e4ischen Klimazonen sind die einf\u00fchlsamen Beschreibungen des Verh\u00e4ltnisses zwischen Tieren und Menschen, das vom \u00dcberlebenskampf gepr\u00e4gte Miteinander von Nenzen und Renen, die gegenseitige R\u00fccksichtnahme, die von Ritualen erf\u00fcllte Einsicht in die andere Welt. Und nicht zuletzt die Trauer \u00fcber den Verlust von Sippenmitgliedern, von Kindern, von gebrechlich gewordenen Tieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hltext wie auch die dialogischen Textabschnitte zeugen von der tiefsinnigen Durchdringung einer bedrohten kleinen Zivilisation, deren \u00dcberleben nicht nur von der f\u00fcrsorglichen staatlichen Betreuung abh\u00e4ngig ist, sondern vor allem von der f\u00fcrsorglichen Pflege des nordsibirischen Naturraumes und von dringenden Klimaschutzma\u00dfnahmen. Der sprachlich sorgf\u00e4ltige aus dem Russischen \u00fcbertragene fiktionale Text sowie die \u00dcbersetzung etymologischer und mythologischer Begriffe stellen somit \u00a0einen wertvollen literarischen Beitrag zur Situation einer bedrohten Zivilisation dar, deren Angeh\u00f6rige mit diesem Roman eine eindrucksstarke literarische Stimme erhalten haben. Ein Buch, das nachdenklich macht, ein Poem, das die K\u00f6rper und die Seelen einer im Norden Sibiriens lebenden Minderheit eindrucksstark beleuchtet, also unbedingt zu empfehlen ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wei\u00dfe Rentierflechte von Anna Nerkagi. Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. Mit Fotos von Sebastiao Salgado. Berlin (Faber &amp; Faber) 2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es sind eigenartige, immer wieder \u00fcberraschende Widerspr\u00fcche, die einen aufmerksamen Leser bei seiner ersten Begegnung mit den Photographien von Sebastiao Salgado auf dem Umschlag und den Eingangsseiten des Buches mit dem seltsam fremden und zugleich scheinbar vertrauten Titel fesseln.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/28\/rentierflechte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3796,1158],"class_list":["post-104432","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-anna-nerkagi","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104432"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104435,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104432\/revisions\/104435"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}