{"id":104355,"date":"2023-05-30T00:01:39","date_gmt":"2023-05-29T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104355"},"modified":"2022-12-29T16:03:42","modified_gmt":"2022-12-29T15:03:42","slug":"das-himmelsnetz-der-sterne-faengt-die-seele-auf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/30\/das-himmelsnetz-der-sterne-faengt-die-seele-auf\/","title":{"rendered":"das himmelsnetz der sterne f\u00e4ngt die seele auf"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkel, in eilenburg geboren und in bad d\u00fcben aufgewachsen, betrachtet in den meist kurzen und teils autobiographischen prosast\u00fccken dieses bandes, die zwischen 1993 bis 2022 entstanden, vor allem seine lebensarbeitsundwohnstadt halle an der saale und die kleinstadt seiner kindheit an der mulde. er erinnert, neben orten, an menschen, die er erlebte, etwa seinen vater und einen gro\u00dfvater, und szenen mit ihnen. in halle ist er, so in \u00bbBlick auf die Stadt\u00ab, auch an den kesselr\u00e4ndern, zwischen denen es liegt, unterwegs, von wo aus er die stadt teilweise \u00fcberschauen kann, was er f\u00fcr stadtgeschichtliche, geologische und jahreszeitliche exkurse nutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">durch die beschriebene liebe und den dialog mit dem geliebten weiblichen du, einer bildenden k\u00fcnstlerin, und das mit ihr und sich eins sein im gegenseitigen und gemeinsamen begehren und ersp\u00fcren ist das buch zum teil lichtdurchfluteter, befreiender, zuversichtlicher, ermutigender und nachsichtiger als fr\u00fchere b\u00fccher von ihm, und erneut dicht und tief, zumal sprachlich, authentisch, pers\u00f6nlich und ehrlich. die sensibelsten passagen erz\u00e4hlen momente der hingabe und des aufgehens im anderen. das erste wort im buch ist \u00bbBlau\u00ab, und damit eine farbe der sehnsucht und des \u00fcberwirklichen, das letzte \u00bbHoffnung\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">etliche texte sind nach bildern, grafiken und fotografien entstanden, wie \u00bbUltramarin\u00ab: \u00bbDies Leuchten. Dieses Leuchten, das keiner begreift, das alle herabzieht \u2212 nein, umgekehrt: auf die <em>H\u00f6he<\/em> der Tr\u00e4ume herab. Niemand, der wei\u00df, wie dieses kalte Leuchten einen Anschein von W\u00e4rme erzeugt. Keiner kann das erkl\u00e4ren. Das \u00dcbermeerische\u00ab. die r\u00fcckseite des buches zeigt den \u00bbrosenfarbnen Glanz der Liebe\u00ab. franz kafka erkl\u00e4rte, die jugend w\u00e4re gl\u00fccklich, weil sie die f\u00e4higkeit habe, sch\u00f6nheit zu sehen. jeder, der diese gabe behalte, werde niemals alt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">liebend liegt das lyrische ich unterm sternbild camelopardalis, kamelpanther, also giraffe, pardalis = pantherweibchen. die form der giraffe wirkt so unwirklich, da\u00df sie auch liebe m\u00f6glich macht. dazu pa\u00dft ein j\u00fcdischer witz: \u00bbFrei nach Hegel. Ein Dorfjude kommt in den Zoologischen Garten von Moskau, bewundert lange befremdet die Giraffe und erkl\u00e4rt schlie\u00dflich mit Entschiedenheit: &#8222;Das kann nicht sein!&#8220;\u00ab h\u00e4ufig findet der leser blicke zum himmel, wo das licht der unendlich vielen sterne winkt, von denen hier die liebe kommt. jean paul erkannte: \u00bbGegen der Erde Leid gibt es keinen Trost als den Sternenhimmel.\u00ab und: \u00bbDas Leben wird wie das Meerwasser nicht eher s\u00fc\u00df, als bis es zum Himmel steigt.\u00ab, ossip mandelstam dachte, es sei eine w\u00fcrdige aufgabe des dichters, mit dem planeten mars signale auszutauschen. stanis\u0142aw jerzy lec meinte, arm w\u00e4r, wer keine sterne sehe ohne einen schlag ins gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkel schildert meteorschw\u00e4rme im august, dem erntemonat, bei denen man sich etwas w\u00fcnschen darf. wenn man sternschnuppen sieht, verrauchen sie freilich. der autor wei\u00df: \u00bbWo Licht ist, ist Klarheit, aber auch Leere.\u00ab ob man klarheit im licht findet, das auch blendet, sei dahingestellt. lec bemerkte, es w\u00e4re uns nicht gegeben, unter einem gl\u00fccklichen stern geboren zu werden. wir seien auf ihm geboren worden. friedrich hebbel empfahl illusionslos, in \u00bbuntr\u00f6stlicher Hellsichtigkeit\u00ab, wie uljana wolf \u00fcber peter huchel schrieb, wer zu den sternen reisen wolle, der schaue sich nicht nach gesellschaft um. alles gl\u00fcck ist paradox. und lieben bedeutet oft, einsam zu sein. die sonne, die w\u00e4rmt, wo nicht einmal antoine de saint-exup\u00e9rys kleiner prinz war, nennt schinkel im gedicht heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">einige texte f\u00fchren zur\u00fcck in die kindheit, also bad d\u00fcben, wo auch belastendes geschah, das sich in k\u00f6rper und seele einschrieb, wie in \u00bbFliegen k\u00f6nnen\u00ab: \u00bbEinmal aber versuchte mein Vater mir am Lauch, so hie\u00df der Weg in der stadtseitigen Muldeaue, wiederholt das Fahrradfahren beizubringen, \u2212 was, wie immer, in Gebr\u00fcll, Beleidigungen und Schl\u00e4gen endete, die ich nicht vergessen kann.\u00ab da m\u00f6chte man davonfliegenoderlaufen. hebbel sah: \u00bbJemanden zu pr\u00fcgeln hei\u00dft, ihm aus seiner eigenen Haut einen Panzer zu schmieden.\u00ab der vater, oder etwas in ihm, das vermutlich selbst verletzt war, wollte dem sohn weniger das radfahren beibringen als vielmehr seine autorit\u00e4t, oder was er daf\u00fcr hielt, man k\u00f6nnte auch sagen seine macht, beweisen, und zwar gewaltsam. man denkt an kafkas \u00bbBrief an den Vater\u00ab. andr\u00e9 schinkel hat den panzer l\u00e4ngst wieder abgelegt, jedenfalls zum gr\u00f6\u00dften teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schinkels text blickt zur\u00fcck auf eine zeit, die er \u00bbWolfszeit\u00ab nennt, wo, wie er schreibt, neben seinem vater der atomkrieg und die tollwut synonyme f\u00fcr angst waren. die vergangen geglaubte atomkriegsgefahr haben wir heute wieder, oder mindestens die diskussion dar\u00fcber, gewaltt\u00e4tige v\u00e4ter gibt es immer noch, wenngleich vermutlich prozentual weniger als fr\u00fcher. nur die tollwut, wenigstens etwas, scheint hier \u00fcberwunden. zudem k\u00f6nnten w\u00f6lfe k\u00fcnftig eine neue aufgabe erhalten: sie sch\u00fctzen den wald, der keiner mehr ist, vor menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">solche erfahrungen k\u00f6nnen, besonders wo sie sich wiederholen, traumatisieren. zugleich sind sie, wenn man sie verarbeitet, lehrreich. susan sontag, die vermerkte, nur in der literatur k\u00f6nne man sich seine eltern aussuchen, betonte, dichterprosa handle zuerst vom dichter-sein, und das dichter-ich sei das wirkliche selbst, das andere nur der tr\u00e4ger. sterbe das dichter-ich, sterbe die person. friedrich nietzsche wu\u00dfte, der schmerz frage immer nach der ursache, w\u00e4hrend die lust geneigt w\u00e4re, bei sich selber stehenzubleiben und nicht r\u00fcckw\u00e4rts zu schauen. der dichter verdichtet schmerz in seiner poesie. die urne des vaters blieb beim versetzen der grabsteine unauffindbar. sollte er als b\u00f6ser geist aus dem grab gefahren sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in diesem erz\u00e4hlband findet der leser genaue beschreibungen von lebenswelten sowie deren zerbrechen, ersetzen und erneuern, daneben motive aus mythen, diese aber etwas seltener als in andern b\u00fcchern schinkels, vor allem den gedichtb\u00e4nden. der minotaurus erscheint in \u00bbEin Minotaurus\u00ab wie gewohnt im labyrinth. doch er r\u00fchrt die frauen, die man ihm opfert, nicht mehr an, die dadurch altern und schlie\u00dflich verhungern. bei jim jarmusch trinken, (post)moderne vampire blutkonserven, und ophelia ertrinkt, sofern ich mich richtig entsinne, in der badewanne. auch bei schinkel verbinden sich allt\u00e4gliche wirklichkeit und mythisch zeitloses. in \u00bbSeherins H\u00e4nde\u00ab w\u00fchlt eine seherin in leipzig im m\u00fcll. texte mit bedr\u00fcckenden und plagenden und daher melancholischen und depressiven motiven sind hier teils satirisch oder ironisch, zumindest stellenweise, so \u00bbIm Geflecht\u00ab, oder \u00bbTagwerk\u00ab, wo wir lesen: \u00bbEs braucht so wenig, um gl\u00fccklich zu sein, sagt die Stimme im Radio, und ich wei\u00df, sie meint mich.\u00ab der wissende wisse, da\u00df er glauben m\u00fcsse, hei\u00dfts bei friedrich d\u00fcrrenmatt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor verweist auf seine ersten s\u00e4tze, die oft naturwahrnehmungen beschreiben und eine grundstimmung andeuten: \u00bbBlau d\u00e4mmerte \u00fcber den Waldrand weitab vom Fenster meiner Behausung der Morgen herein.\u00ab (\u00bbPerseus\u00ab), \u00bbIm Juni riecht diese Stadt und ihr Umland, wenn die Robinien und Pappeln abgebl\u00fcht sind, nach Lindenbl\u00fcten.\u00ab (\u00bbBlick auf die Stadt\u00ab), robinien kamen aus amerika nach europa, \u00bbEine Ammer sang, und es klang so, als k\u00f6nnte der Sommer nicht enden.\u00ab (\u00bbAus den tiefen Gr\u00fcnden\u00ab), oder \u00bbJahre hatte ich ges\u00e4t und keine Ernte eingefahren.\u00ab (\u00bbDie Aussicht\u00ab).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">erneut sp\u00fcrt schinkel v\u00f6geln und deren gesang nach, der auf liebe hindeutet. so erw\u00e4hnt er den f\u00fcnfsilbigen ruf der ringeltaube und den dreisilbigen der t\u00fcrkentaube, die, urspr\u00fcnglich ein steppenvogel, aus indien kam und im 15. jahrhundert am bosporus auftauchte. vor 100 jahren lebte sie innerhalb europas nur in der europ\u00e4ischen t\u00fcrkei und einem kleinen gebiet auf dem balkan. deutschland erreichten t\u00fcrkentauben 1943, england 1955, irland 1966 und island 2018. l\u00e4ngst sind sie in ganz deutschland verbreitet. ich h\u00f6re sie im sommer t\u00e4glich. man sollte immer fragen, woher etwas kommt. warum, wozu und wohin sind weitere wichtige frageworte, aber, vielleicht, allerdings und wenn gute anfangsworte einer antwort. voltaire empfahl, man solle menschen eher nach ihren fragen als nach ihren antworten beurteilen, lec, hinter antworten sollte ein fragezeichen stehen und eine frage mit einem ausrufezeichen enden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">den kernbei\u00dfer nennt er in \u00bbGott liebt die V\u00f6gel\u00ab \u00bbK\u00f6nig der kleinen V\u00f6gel\u00ab. einst wurden kernbei\u00dfer in w\u00e4ldern gefangen, verkauft, in k\u00e4figen gehalten und gegessen. sonst war meist der zaunk\u00f6nig auf dem kopf des adlers der k\u00f6nig der kleinen v\u00f6gel und der v\u00f6gel insgesamt, worauf auch das goldh\u00e4hnchen anspruch h\u00e4tte, das, mit seinem k\u00f6niglich aussehenden scheitel auf dem kopf, der einer krone \u00e4hnelt, deutsch auch k\u00f6nig, k\u00f6niglein, sonnenk\u00f6nig und haubenk\u00f6nig hei\u00dft. neben v\u00f6geln beschreibt oder erw\u00e4hnt der autor viele b\u00e4ume, eichen, kastanien, pappeln, weiden, ahorn, platanen, robinien und efeu, deren bestend teils gef\u00e4hrdet ist, und \u00fcberhaupt die ihm nahe natur. kleist nannte die natur einen lehrer. lec wu\u00dfte, in der natur gehe nichts verloren, mit ausnahme der hoffnungen, die sich nicht erf\u00fcllten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gef\u00e4hrdungen bleiben durch manipulierte und manipulierende kr\u00e4fte. andr\u00e9 schinkel wohnt nahe der synagoge in halle, die 2020 opfer eines rechtsradikalen anschlags wurde. mehrere texte spielen darauf an, wie \u00bbAurora\u00ab, wo der erste Satz lautet: \u00bbPl\u00f6tzlich klirrten die Scheiben. Noch war keinem klar, da\u00df es nicht mehr sein w\u00fcrde wie vorher.\u00ab, und \u00bbVor dem Augenblick\u00ab, das beginnt mit: \u00bbEin Stein flog durchs Fenster, wovon auf dem Tisch die Schere gegen die Vase mit den L\u00f6wenm\u00e4ulchen stie\u00df, deren Inhalt sich \u00fcber die Papiere ergo\u00df, die ich soeben unterschrieben hatte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im buch finden sich einige parabelundlegendenhafte texte, die zu den besten geh\u00f6ren, speziell \u00bbVor dem Grund: Die Seelen\u00ab, wo ich beim lesen an edgar allan poes \u00bbWassergrube und Pendel\u00ab und kafkas \u00bbIn der Strafkolonie\u00ab dachte, grausame geschichten. phantasie sei nur in einer gesellschaft der verstehenden ertr\u00e4glich, \u00e4u\u00dferte hebbel. in einem gebirgigen land mit schneeleoparden, die vom aussterben bedroht sind, mir fiel bhutan ein, und zudem die deutsche wilde jagd der unerl\u00f6sten seelen durch die l\u00fcfte fliegt, werden seelen gen\u00e4ht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nicht jeder erh\u00e4lt eine seele, oder gar eine gute. \u00bbDer Zuschneidemeister und sein Gef\u00e4hrte legen dem Seelenn\u00e4her die Leiber der Delinquenten hin, der nach eigener Musterung entscheidet, wer eine Seele bekommt und wem er sie von Beginn an verweigert.\u00ab so wird ein lebensurteil vollstreckt, das eine marterung und strafe ist, noch bevor das lebendigsein der betroffenen wirklich begonnen hat. \u00bbDiejenigen K\u00f6rper, die sich als nicht geeignet erweisen, behalten so ihre h\u00f6lzernen Knie, und die Augen in ihren, sicher nicht weniger perfekt geschnitzten, K\u00f6pfen, bleiben tot, so, wie es letztlich Puppenaugen oder Leichenaugen auch sind.\u00ab \u00bbNur der Seelenn\u00e4her wei\u00df, wie viele mi\u00dfratene Seelen er der Welt schon geschickt hat. Es lastet ihm auf dem Gewissen und l\u00e4\u00dft ihn unsicher werden ob der G\u00fcte seiner Wahl.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der seelenn\u00e4her, der gliederpuppen beseelt, oder eben nicht, gleicht den moiren, parzen und nornen, die den lebensfaden spinnen und damit das schicksal bestimmen. in irischen sagen finden wir in einer der \u00bbReisen des Maildun\u00ab einen seelenm\u00fcller, der unrechtes eigentum zermahlt. ich verstehe schinkels geschichte so, da\u00df menschen h\u00e4ufig an eine tr\u00fcgerische, also illusion\u00e4re, freiheit glauben, tats\u00e4chlich aber abh\u00e4ngig sind von faktoren. die sie nicht selbst bestimmen, also etwas schicksalhaftem. schicksal ist h\u00e4ufig nur ein synonym f\u00fcr die erbanlagen des menschen oder gesellschaftliche verh\u00e4ltnisse und daraus entstehende verhaltensweisen, siehe lateinisch, urspr\u00fcnglich altgriechisch, f\u0101tum = g\u00f6tterspruch, g\u00f6tterwille, schicksal, weissagung, verh\u00e4ngnis, verderben, tod, untergang, lateinisch fata = schicksalsg\u00f6ttinnen, parzen, wovon auch das schicksal der g\u00f6tter abhing. man mu\u00df immer wach sein daf\u00fcr, was unter menschen entfremdet, das hei\u00dft verkehrt ist, n\u00e4mlich das meiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in der erz\u00e4hlung \u00bbIm Nebel gewandert\u00ab fragt das prosaische ich, wann die richtige zeit f\u00fcr nebel sein k\u00f6nnte. der november ist der nebelmonat nebelung, wo man nach nebelheim zu gelangen scheint, in die germanische totenwelt, zumal wenn der totenvogel kr\u00e4he ruft. das empfindet jeder, der an novembernebeltagen durch flu\u00dfauen geht oder f\u00e4hrt. durch den nebel gehend, zitiert der wandernde in schinkels text, wohl um halt und schutz zu finden, johann wolfgang goethes \u00bbUnd so lang du das nicht hast, \/ Dieses: Stirbt und Werde, \/ Bist du nur ein tr\u00fcber Gast \/ Auf der dunklen Erde.\u00ab ein haus, das die ich-figur betreten will, wird zur hoffnung. huchel schrieb: \u00bbbis eine Nebelwand \/ ihn z\u00f6gernd aufnahm, \/ eine H\u00f6hle, bewohnbar\u00ab. ein gutes gedicht wird f\u00fcr einen guten leser durch ihn selbst bewohnbar und er dadurch behaust, wie in bachelards \u00bbPoetik des Raumes\u00ab. sonst ist man im nebel dem tod der natur nahe, die mit der sonne wieder aufersteht, am n\u00e4chsten morgen oder im fr\u00fchjahr oder in der ewigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die nebelwanderung erinnerte mich an georg b\u00fcchners \u00bbLenz-Novelle\u00ab. \u00bbEs lag ihm nichts am Weg.\u00ab hei\u00dfts da. selbst das sich treiben lassen verschafft keine ruhe, sondern erzeugt blo\u00df ein haltloses hasten und ohnm\u00e4chtiges taumeln, das sich mit einer mildernden tr\u00fcbung der sinne verbindet. wenn lenz sagt, es sei ihm manchmal unangenehm, da\u00df er nicht auf dem kopf gehen k\u00f6nne, benennt er den drang, die verkehrung der welt ertragbar zu machen, indem er sich selber umkehrt, um unter entfremdeten fortan kein fremder mehr zu sein. im alten \u00e4gypten wurden die s\u00fcnder im totenreich auf dem kopf laufend oder stehend dargestellt. kleist erkl\u00e4rte, er w\u00fcrde, um den druck im kopf loszuwerden, in eine verwechslung der erdachsen einwilligen. auch dies verweist auf ein gest\u00f6rtes raumgef\u00fchl, das keine wege mehr, sondern nur noch schr\u00e4gen, klippen, abgr\u00fcnde sehen und empfinden und l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bber w\u00fchlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat.\u00ab weil er das ersehnte lebensreal nicht zu fassen bekommt, greift er ins universum. das verlangen, sich einzul\u00f6sen, wird \u00fcbersteigert und zerbricht in ihm und damit ihn selber. \u00bbder Schmerz fing an, ihm das Bewu\u00dftsein wieder zu geben.\u00ab der schmerz mit eigner haut ins fleisch gesto\u00dfen, lindert den von andern zugef\u00fcgten. auch das ist eine umkehrung des urspr\u00fcnglich angestrebten: sich nur im schmerz, der allein hoffen und lust bewahrt, noch bewu\u00dft zu werden. ansonsten heilt einzig der schlaf, der den menschen in sich hineinkriechen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbReise im Traum Oder: An Dante denken\u00ab, tr\u00e4ume sind oft reisen, liest man: \u00bbEingekeilt in Bed\u00fcrfnisse und Pflichten, deren Notwendigkeit und Schein uns nicht mehr schl\u00fcssig erreicht, hockten wir in den Vorwarteh\u00f6fen der H\u00f6lle herum, die uns das Paradiso versprach, solange wir nur die Augen fest auf die gl\u00fchenden Ofent\u00fcren heften, die uns wie die zischenden Drehkreuze der Verhei\u00dfung vorkamen.\u00ab und diese trag\u00f6die, oder kom\u00f6die, oder beides zusammen, beginnt bei menschen seit jahrtausenden immer erneut von vorn. jede gegenwart kennt nur andere erscheinungsformen. und die g\u00f6tter auf der galerie, oder der trib\u00fcne, des himmels lachen \u00fcber uns. in zeiten von brennstoffmangel wird indes vielleicht auch die h\u00f6lle weniger beheizt. das immerhin gibt hoffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Sch\u00f6nheit der Stadt, die ich verlasse<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von Andr\u00e9 Schinkel. Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104356 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Die-Schoenheit-der-Stadt-die-ich-verlasse-Erzaehlungen-von-Andre-Schinkel-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>. Hier findet sich die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30810\">W\u00fcrdigung<\/a>\u00a0von Andr\u00e9 Schinkels Prosa, sowie die Rezension <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/29\/von-raum-zu-zeitraum\/\">Von Test zu Text, von Raum zu Zeitraum.<\/a><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl>\n<dd><\/dd>\n<dd><\/dd>\n<dd><strong>\u00a0\u2192<\/strong> Poesie ist ein identit\u00e4tsstiftende Element unsrer Kultur, lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; andr\u00e9 schinkel, in eilenburg geboren und in bad d\u00fcben aufgewachsen, betrachtet in den meist kurzen und teils autobiographischen prosast\u00fccken dieses bandes, die zwischen 1993 bis 2022 entstanden, vor allem seine lebensarbeitsundwohnstadt halle an der saale und die kleinstadt seiner&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/30\/das-himmelsnetz-der-sterne-faengt-die-seele-auf\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":104356,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,94],"class_list":["post-104355","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104355","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104355"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104357,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104355\/revisions\/104357"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104356"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}