{"id":104342,"date":"2013-08-21T06:23:38","date_gmt":"2013-08-21T04:23:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104342"},"modified":"2022-12-20T06:29:33","modified_gmt":"2022-12-20T05:29:33","slug":"cleopatra","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/21\/cleopatra\/","title":{"rendered":"Cleopatra"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Man kann so viel reden wie Schnee f\u00e4llt das Wirkliche fehlt der Mund l\u00e4sst mich allein wenn er mein Leben erz\u00e4hlt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Herta M\u00fcller<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Freund, Liebhaber und Kenner der Literatur, schrieb mir vor Jahren einen Brief, in dem er eine Geschichte festhielt, die ihm an der K\u00fcste der Nordsee ein anderer Kenner und Liebhaber der Dichtung einmal erz\u00e4hlt hatte, noch in der Zeit, als die ber\u00fchmte Mauer Deutschland zerschnitt und die ganze Welt teilte, als der Ostblock noch existierte und der Kommunismus mehr bedeutete als Papier und Druckerschw\u00e4rze und das Reisen von Ost nach West und von West nach Ost keine leichte Sache war. Von Ost nach West noch viel schwieriger als von West nach Ost, weil die Herrscher des Ostens bef\u00fcrchteten, dass die in den Westen Reisenden nicht wieder zur\u00fcckkamen wie die Zugv\u00f6gel, sondern bestrebt waren, im Kapitalismus ein sch\u00f6neres Nest zu bauen. Bei den Dichtern kam es allerdings darauf an, ob man froh war sie loszuwerden oder als Besitz betrachten wollte, weil sie der kulturellen Reputation nutzten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe den Brief meines Freundes immer wieder gelesen, und ich fragte mich oft, ob es sich um eine Legende handelt, oder um die Legende einer Legende, denn der Bekannte meines Freundes st\u00fctzte seine Erz\u00e4hlung auf eine ungenannte Quelle, die jedoch, so versicherte dieser, absolut rein und glaubhaft sei; die Geschichte habe einen wahren Kern, der nur aus politischen Gr\u00fcnden habe verkleidet werden m\u00fcssen, um den ersten Erz\u00e4hler nicht zu gef\u00e4hrden. Und ich deute jetzt schon an, dass ich inzwischen mehr erfahren habe &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zitiere nun den Brief meines Freundes, um keine weitere Eintr\u00fcbung oder Verschleierung zu erzeugen, und ich verzichte deswegen auch auf jede Erl\u00e4uterung oder gar Deutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages, so hei\u00dft es in dem undatierten Brief meines Freundes, sei aus den Niederungen der ungarischen Tiefebene die Dichterin Leonie Herz nach Deutschland gekommen, wo sie an einer Literaturtagung im hohen Norden teilnahm. Sie war weit gereist, von einer Tiefebene zur anderen. \u201eLieber B\u00e9la\u201c, schrieb er, \u201eLeonie sagte mir gestern, als wir von Cuxhaven zur\u00fcckkamen, wo wir einen Nordseekrabben-Teller im \u201aWattenkieker\u2019 verzehrten, das Meer verwandele die terrestrische Tristesse in auflebende Farben, die Erde steige und sinke, die Bodenwellen flimmerten im M\u00e4rzlicht: \u201aEs ist sch\u00f6n unter diesem rauhen Himmel, hier will ich mich verlieben.\u2018 Ich dachte, ich h\u00f6re nicht recht. Sie sah mich an, sp\u00fcrte genau, was ich dachte und sagte: \u201aEs wird bald Fr\u00fchling, ich ertrage die Bl\u00fcten nicht, wenn ich selber nicht bl\u00fche.\u2018 In der Sonne wolle sie sein und nachts als Mondholz geschlagen werden. \u201aDann kann ich auch wieder schreiben. Jetzt muss ich schweigen und warten.\u2018 Und stell dir vor, heute hat sie einen Mann kennengelernt, einen blassen Herrn, sagt sie, als sie durch die Stadt lief und vor einem Gesch\u00e4ft der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Manufaktur stehen blieb. In der Schaufensterscheibe spiegelte sich, indem sie die wei\u00dfen, halb chamoisfarbenen Mokkatassen betrachtete, das Gesicht des Mannes, in das sie sich sofort verliebt habe. \u201aWeil es so blass war\u2018, sagte sie, \u201awie die Mokkatassen, die allerdings vor lauter Wei\u00df strahlten.\u2018 Und schon habe sie den Titel f\u00fcr ihren neuen Gedichtband im Kopf gehabt. Leonie wohnte zu der Zeit bei zwei Frauen in B., deren eine die Literaturtage des Nordens organisierte und schon oft Autoren aufgenommen hatte. Peter R\u00fchmkorf zum Beispiel, der bei den beiden Damen dionysische Abende des Geistes feierte, und das nicht nur einmal. Die Frau aus der balkanischen Tiefebene blieb, als die Tagung mit dem Thema <em>Die Poesie im Handgemenge<\/em> vorbei war, noch einige Wochen l\u00e4nger \u2013 eben wegen dieses blassen Herrn, der bald immer mehr Farbe bekam. Das merkten auch die zwei gastfreundlichen Frauen, als sich ihr Haus von Fall zu Fall als Liebesnest entpuppte, jedenfalls nachmittags. Der blasse Herr aus W. kam fast jeden Tag, aber abends musste er wieder nach Hause. Wenn er kam, erschien er in den sp\u00e4twinterlichen Tagen fahl und kalt. Aber war er wirklich so blass wie in der Schaufensterscheibe? No, Bl\u00e4sse oblige, dachten die beiden Frauen, wenn er ihr Haus wieder verlie\u00df, den Hut zog, wie ein Kavalier alter Schule gr\u00fc\u00dfte und mit starkem Schritt zum Auto ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Nachmittags aber, um die Zeit, wo der blasse Herr aus W. sich eigentlich verabschiedete, schlossen die beiden Gastgeberinnen die Haust\u00fcr auf, traten nur halb in den Flur und trauten ihren Ohren nicht, als sie den L\u00e4rm h\u00f6rten, der aus der K\u00fcche kam \u2013 der Tisch schepperte \u00fcber die Steinfliesen hin und her, begleitet von hellen Schreien in den Intervallen des Tischrhythmus &#8230; Ein starker Parfum-Duft verschlug ihnen fast den Atem. Die Frauen tappten r\u00fcckw\u00e4rts \u00fcber die Schwelle nach drau\u00dfen, zogen die T\u00fcr zu und unternahmen einen Spaziergang bis zur Weser und wieder zur\u00fcck, um ihr Gl\u00fcck erneut zu versuchen, aber das Auto stand immer noch vor der T\u00fcr, so dass sie sich zu einem zweiten Spaziergang aufmachten. In der D\u00e4mmerung gelang ihnen die R\u00fcckkehr &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend langweilte sich Leonie und setzte sich zu den beiden Frauen ins Wohnzimmer, sie wartete auf ihn, der morgen wiederkommt, sie schnitt aus den Zeitschriften und Illustrierten, die sie im Wohnzimmer fand, ein Wort nach dem anderen aus, kleine S\u00e4tze, auch Bildchen und Symbole, farbig, schwarz, und grau und blass, klebte sie dann auf wei\u00dfes Papier, und so entstanden kleine skurrile Texte, die sie da auf dem Teppich zurecht schnipselte, manche waren traurig, andere absurd. Gedichte aus lauter Sandk\u00f6rnern. \u201aIch sammle das Strandgut aus der Zeit. Ich stehe am Sommerrand\u2018, las sie, \u201ada kam ein aufger\u00e4umter Mann, hatte kreidewei\u00dfe Schuhe und pfiff ein M\u00f6wenlied\u2018 &#8230; Abend f\u00fcr Abend sa\u00df Leonie an ihrem Strand und das ganze Haus roch f\u00fcr sie nach Meer, den der Wind in alle Zimmer wehte. Es war aber ihr Duschgel, und ihr Parfum, das den Namen <em>Cleopatra<\/em> trug, ein s\u00fc\u00dfes Gift der Verf\u00fchrung, das in der Erinnerung an den Nachmittag sie selbst ein wenig bet\u00e4ubte. \u201aIm kleinen Rausch am Strand der W\u00f6rter entstehen die D\u00fcnen, sagte sie.\u2018\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Lesenswert auch Ulrich Bergmanns deutsche Seelenlandschaften im Postkartenformat. Mit seinen \u201eCorrespondenzkarten\u201c verschafft er den Lesern das Vergn\u00fcgen von spezieller <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\">Twitteratur<\/a>. Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">NACHTRAG:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hier ist das Dokument, das den Brief meines Freundes gewisserma\u00dfen verbrieft, so dass nun vollkommene Glaubw\u00fcrdigkeit hergestellt ist. Es ist der Brief von einer der Frauen, bei der die Dichterin wohnte. Sie hatte den Brief vom 29.12.2009 an mich nicht abgeschickt, wahrscheinlich war ihr damals die Sache zu hei\u00df. Heute ist sie tot, und so kann ihr nichts schaden, wenn der unabgesandte Brief nun bekannt wird, der mir nun aus dem Nachlass zugestellt wurde:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLieber B\u00e9la,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schon lange ist die Antwort f\u00e4llig, aber die gegebenen Umst\u00e4nde haben es verhindert &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielen Dank f\u00fcr das Buch zu Weihnachten: <em>Die blassen Herren mit den Mokkatassen<\/em> sind ein Treffer ins Schwarze! Denn, was du nicht wei\u00dft: Herta, die Autorin der Schnibbelgedichte, wohnte bei uns, als sie an den Literarischen Wochen der Volkshochschule Bremerhaven teilnahm, und zwar im Juli 1989.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit mit Herta war spannend und anregend, aber sie war auch sehr anstrengend. Denn sie hatte damals gerade einen neuen Lover, der in der N\u00e4he wohnte (ich glaube Wilhelmshaven) und der kam oft und dann war unser Haus besetzt! Denn die beiden hatten keinen bevorzugten Ort f\u00fcr ihre hei\u00dfe Liebe. Wir wussten schon an der Haust\u00fcr, wenn wir von der Arbeit nach Hause kamen und die Haust\u00fcr \u00f6ffneten, ob es besser war, sie sofort wieder zu schlie\u00dfen und lieber in einer Stunde noch einmal vorbeizuschauen. Wenn dann Ruhe war, herrschte aber noch stark der Duft von <em>Cleopatra<\/em> &#8230; Herta benutzte die Marke als Duschgel, danach trug sie die Bodylotion auf und schlie\u00dflich das Parfum &#8230; Herta hat ihre Spontangedichte bei uns erfunden. Sie hatte ja viel Zeit, wenn ihr Stecher nicht da war. Ich hatte damals die ZEIT abonniert, und Herta sa\u00df im Wohnzimmer auf dem Fu\u00dfboden und schnippelte interessante Wortfetzen aus und montierte sie dann zu skurrilen Texten, manche voller Wortwitz, manche absurd, manche traurig &#8230;\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann so viel reden wie Schnee f\u00e4llt das Wirkliche fehlt der Mund l\u00e4sst mich allein wenn er mein Leben erz\u00e4hlt. 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