{"id":104304,"date":"2003-12-12T10:04:00","date_gmt":"2003-12-12T09:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104304"},"modified":"2022-12-14T10:09:08","modified_gmt":"2022-12-14T09:09:08","slug":"der-doktor-faust-ein-tanzpoem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/12\/der-doktor-faust-ein-tanzpoem\/","title":{"rendered":"Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e4chtlicher Schauplatz des Hexen-Sabbaths: Eine breite Bergkoppe; zu beiden Seiten B\u00e4ume, an deren Zweigen seltsame Lampen h\u00e4ngen, welche die Scene erleuchten; in der Mitte ein steinernes Postament, wie ein Altar, und darauf steht ein gro\u00dfer schwarzer Bock mit einem schwarzen Menschenantlitz und einer brennenden Kerze zwischen den H\u00f6rnern. Im Hintergrunde Gebirgsh\u00f6hen, die einander \u00fcberragend, gleichsam ein Amphitheater bilden, auf dessen kolossalen Stufen als Zuschauer die Notabilit\u00e4ten der Unterwelt sitzen, n\u00e4mlich jene H\u00f6llenf\u00fcrsten, die wir in den vorigen Akten gesehen und die hier noch riesenhafter erscheinen. Auf den erw\u00e4hnten B\u00e4umen hocken Musikanten mit Vogelgesichtern und wunderlichen Saiten- und Blasinstrumenten. Die Scene ist bereits ziemlich belebt von tanzenden Gruppen, deren Trachten an die verschiedensten L\u00e4nder und Zeitalter erinnern, so da\u00df die ganze Versammlung einem Maskenball gleicht, um so mehr, da wirklich viele darunter verlarvt und vermummt sind. Wie barock, bizarr und abenteuerlich auch manche dieser Gestalten, so d\u00fcrfen sie dennoch den Sch\u00f6nheitssinn nicht verletzen, und der h\u00e4\u00dfliche Eindruck des Fratzenwesens wird gemildert oder verwischt durch\u00a0m\u00e4hrchenhafte Pracht und positives Grauen. Vor dem Bocksaltar tritt ab und zu ein Paar, ein Mann und ein Weib, jeder mit einer schwarzen Fackel in der Hand, sie verbeugen sich vor der R\u00fcckseite des Bocks, knieen davor nieder und leisten das Homagium des Kusses. Unterdessen kommen neue G\u00e4ste durch die Luft geritten, auf Besenstielen, Mistgabeln, Kochl\u00f6ffeln, auch auf W\u00f6lfen und Katzen. Diese Ank\u00f6mmlinge finden hier die Buhlen, die bereits ihrer harrten. Nach freudigster Willkomm-Begr\u00fc\u00dfung mischen sie sich unter die tanzenden Gruppen. Auch Ihre Durchlaucht die Herzogin kommt auf einer ungeheuren Fledermaus herangeflogen; sie ist so entbl\u00f6\u00dft als m\u00f6glich gekleidet und tr\u00e4gt am rechten Fu\u00df den g\u00fcldenen Schuh. Sie scheint Jemanden mit Ungeduld zu suchen. Endlich erblickt sie den Ersehnten, n\u00e4mlich Faust, welcher mit Mephistophela auf schwarzen Rossen zum Feste heranfliegt; er tr\u00e4gt ein gl\u00e4nzendes Rittergewand und seine Gef\u00e4hrtin schm\u00fcckt das z\u00fcchtig enganliegende Amazonenkleid eines deutschen Edelfr\u00e4uleins. Faust und die Herzogin st\u00fcrzen einander in die Arme und ihre \u00fcberschwellende Inbrunst offenbart sich in den verz\u00fccktesten T\u00e4nzen.\u00a0Mephistophela hat unterdessen ebenfalls einen erwarteten Gespons gefunden, einen d\u00fcrren Junker in schwarzer, spanischer Manteltracht und mit einer blutrothen Hahnenfeder auf dem Barett; doch w\u00e4hrend Faust und die Herzogin die ganze Stufenleiter einer wahren Leidenschaft, einer wilden Liebe, durchtanzen, ist der Zweitanz der Mephistophela und ihres Partners, als Gegensatz, nur der buhlerische Ausdruck der Galanterie, der z\u00e4rtlichen L\u00fcge, der sich selbst persiflirenden L\u00fcsternheit. Alle vier ergreifen endlich schwarze Fackeln, bringen in der obenerw\u00e4hnten Weise dem Bocke ihre Huldigung, und schlie\u00dfen sich zuletzt der Ronde an, womit die ganze vermischte Gesellschaft den Altar umwirbelt. Das Eigenth\u00fcmliche dieser Ronde besteht darin, da\u00df die T\u00e4nzer einander den R\u00fccken zudrehen, und nicht das Gesicht, welches nach Au\u00dfen gewendet bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits in jungen Jahren faszinierte Heine Goethes \u201eFaust\u201c. So kam es w\u00e4hrend seiner Harzreise 1824 zum Treffen der beiden, wobei Goethe zu Heines Entt\u00e4uschung sehr distanziert wirkte. In den darauffolgenden Jahren besch\u00e4ftigte er sich mehrfach mit Faust, legte die Arbeiten aber 1826 nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-97877 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine-160x227.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst w\u00e4hrend der Zeit der bis zu seinem Lebensende andauernden Matratzengruft besann sich Heine des Fauststoffes. Operndirektor Benjamin Lumley (1811\u20131875), von Th\u00e9ophile Gautier \u00fcber Heines literarisches Mitwirken an dem seinerzeit erfolgreichen Ballett \u201eGiselle\u201c informiert, besuchte 1846\/47 Heine in seiner Pariser Wohnung. Lumley tr\u00e4umte schon damals von der Verarbeitung des Fauststoffes \u2013 einer \u201eid\u00e9e originelle\u201c. Von Ende November 1846 bis Anfang Februar 1847 schrieb Heine den <em>Doktor Faust<\/em> nieder. Nach dessen \u00dcbergabe am 28. Dezember schickte Heine am 27. Februar seine Erl\u00e4uterungen f\u00fcr ein Programmheft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund innerer Streitereien der Choreografen und des anhaltenden Erfolges Jenny Linds wurde das St\u00fcck jedoch gestrichen; Heine erhielt dennoch eine hohe Abfindung von 240 Pfund. Das Werk sollte nun 1851 als viertes Buch der Gedichtsammlung Romanzero ver\u00f6ffentlicht werden. Da der Verleger Julius Campe aber die Massenwirksamkeit dieses Buches bezweifelte und das Gesamtwerk damit nicht zerst\u00f6ren wollte, erschienen die ersten 5000 Exemplare unter dem Titel \u201eDer Doktor Faust. Ein Tanzpoem, nebst kuriousen Berichten \u00fcber Teufel, Hexen und Dichtkunst\u201c. Die Erstauflage hatte 106 Seiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; N\u00e4chtlicher Schauplatz des Hexen-Sabbaths: Eine breite Bergkoppe; zu beiden Seiten B\u00e4ume, an deren Zweigen seltsame Lampen h\u00e4ngen, welche die Scene erleuchten; in der Mitte ein steinernes Postament, wie ein Altar, und darauf steht ein gro\u00dfer schwarzer Bock mit einem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/12\/der-doktor-faust-ein-tanzpoem\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":94,"featured_media":97877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[853],"class_list":["post-104304","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-heine"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104304","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/94"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104304"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104304\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104306,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104304\/revisions\/104306"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97877"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104304"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104304"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104304"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}