{"id":104300,"date":"2022-12-16T00:01:09","date_gmt":"2022-12-15T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104300"},"modified":"2022-12-13T15:56:48","modified_gmt":"2022-12-13T14:56:48","slug":"krim-erkundungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/16\/krim-erkundungen\/","title":{"rendered":"Krim \u2013 Erkundungen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zeitraum der Entstehung der vorliegenden Publikation (2014 bis 2021) \u00fcber die Krim\u00a0 als \u201eeinzigartigen multikulturellen Ort am Rand Europas\u201c, und die angestrebte Teilnahme der Autorin an einem <em>geopoetischen Bosporusforum <\/em>bilden den Rahmen einer Erkundung, deren Umsetzung auf eine Reihe von Vorbehalten gesto\u00dfen ist. Die Autorin, in Sewastopol geboren, \u00dcbersetzerin, Ethnologin, Verfasserin mehrerer Publikationen \u00fcber die Krim und die ukrainische Literatur, Slawistin an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, seit mehr als ein Jahrzehnt in Deutschland und in der Schweiz lebend, versucht sie in einem langen Vorspann auszur\u00e4umen. In ihrem methodisch vielschichtigen Argumentationsstrang bedient sie sich historischer und geopolitisch belegbarer Fakten, die sie mit dem Blick auf die ethnisch gemischte Bev\u00f6lkerung der Halbinsel differenziert, wie z.B. ihre Behauptung, dass \u2013\u00a0 \u201eviele Menschen\u201c auf der Krim \u201esagen, die h\u00e4tten -im Hinblick auf die Abstimmung Anfang 1991 &#8211; f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Autonomen Republik Krim] ihr Recht auf Meinungsvielfalt und Mitbestimmung gebraucht.\u201c Dieses Recht sei ihnen drei Jahr sp\u00e4ter durch einen Verwaltungsakt genommen worden, weil im Anschluss an die ukrainische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung die eben gegr\u00fcndete Ukrainische Republik im Jahr 1994 den Posten eines Pr\u00e4sidenten der autonomen Republik abgeschafft habe. Dennoch bestand die Halbinsel Krim, so Hofmann, \u201eauf ihrer Sonderbehandlung und erhielt 1998 sogar eine eigene Verfassung, \u00e4hnlich wie S\u00fcdtirol 1948 und 1972\u201c (S. 13).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihren weiteren Ausf\u00fchrungen \u00a0verweist sie auch auf ihre sowohl in Deutschland (Berlin 2014) und in Russland (St. Petersburg 2017) Erinnerungen \u201eSewastopologia\u201c, in denen sie ihre Kindheit und Jugend auf der Krim beschreibt. Nach dieser Publikation habe sie sich in ein \u201eheilende[s] Schweigen geh\u00fcllt\u201c, aus dem sie gerissen worden sei. Sie wollte nun ihre Erlebnisse aus dem Jahr 1990 mit den Bewertungen aus den Jahren 2017, dem zuletzt stattgefundenen Bosporusforum, vergleichen. Zu diesem Zweck reiste sie zun\u00e4chst in Begleitung des Schweizer Filmemachers Cyril Venzin auf die Krim, wo sie Begleitung des dort lebenden Projektgestalters Igor Sid, des Fotografen Alexander Barbuch und des Dichters Aleksander Poljakow\u00a0 ihre geopoetische Expedition zu den markantesten Orten der Halbinsel unternimmt. Die Voraussetzungen f\u00fcr ein solches, von den russischen Beh\u00f6rden erlaubten Unternehmens erweisen sich augenscheinlich als g\u00fcnstig. Hofmanns Begleiter und Mitgestalter des Projekts betonen, dass es nach 2014 auf der Krim keine Ukrainophobie gegeben habe. Auch Poljakow als Anh\u00e4nger einer globalen Geopoetik betont, dass er seine Poesie ohne Einschr\u00e4nkungen verbreiten k\u00f6nne. Er erl\u00e4utert auch die Idee des Bosporusforums, das auf dem postmodernen Spielplatz Krim die besten Voraussetzungen f\u00fcr einen ungehinderten Dialog schaffe. In seinen weiteren Ausf\u00fchrungen vertritt er, im Gegensatz zu den Ukrainern, \u201edie sich eine enge Schachtel geschaffen haben\u201c (S. 77), eine weltoffene Literatur, in der viele ber\u00fchmte russische Schriftsteller wie Nabokow, Belyj oder Schestow von der Offenheit der russischen Literatur zeugten. Seine weiteren Ausf\u00fchrungen, die von der Autorin kaum kommentiert werden, zeugen von einer verwirrenden und naiven Russland-Bewunderung, in deren Zentrum Poljakows Position steht, Russland brauche die Krim, weil sich nur dort ein globaler Dialog entfalten k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die in neunundzwanzig Kapitel eingeteilte, geopolitisch abgestimmte und geopoetisch intendierte Reportage folgt unterschiedlichen Schwerpunkten. Mal setzt Hofmann sich mit fotografischen Techniken auseinander, mal beschreibt sie ihren Geburtsort Sewastopol, mal kommentiert sie ausf\u00fchrlich die Annexion der Krim aus der Position des konzeptualistischen Dichters Pawel Pepperstein. Auch mit den vielschichtigen Krimvisionen klassischer russischer Dichter setzt sie sich auseiander. Mehr noch: sie wandert in eie R\u00fcckblende durch die Moskauer Schriftsteller-Kolonie Peredelkino, kommentiert w\u00e4hrend einer \u201aHinr\u00fcckfahrt\u2018 durch die Krim eine Reihe von Berichten, in denen die Annexion der Halbinsel sich als \u201enotwendig\u201c erweist. Kurzum die Autorin m\u00f6chte ein Forum der \u00f6ffentlichen Meinung in Verbindung mit den vielen geschichtstr\u00e4chtigen Orten auf der Krim pr\u00e4sentieren. Dazu geh\u00f6re auch eine <em>Permanente Konferenz<\/em>, an der sicherlich, wie sie versichert, gerne auch Josef Beuys teilgenommen h\u00e4tte. Schlie\u00dflich sei der nach seinem Absturz in einem Kampfbombers im M\u00e4rz 1944 von einem Krim-Tataren geheilt worden, obwohl zu diesem Zeitpunkt alle krimtatarischen Bewohner bereits auf Befehl von Josif Stalin nach Usbekistan deportiert worden waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos erweisen sich die multithematischen Erkundungen der Verfasserin in Begleitung ihrer Freunde, als Akteurin und \u00dcbersetzerin auf Empf\u00e4ngen mit diplomatischer Prominenz und als Kommentatorin der j\u00fcngsten ukrainisch-krimtatarisch-russischen Geschichte als lesenswert, wenngleich wesentliche Ausf\u00fchrungen oft sprunghaft auf einzelne Kapitel verteilt sind. So setzt in dem Kapitel <em>Histblick<\/em> (vgl. 157ff.) eine R\u00fcckblende in die Jahre 1993\/94 ein, um Aktionen des Krimklubs als letzte ukrainisch-russisch-krimtatarische Veranstaltung zu kommentieren. Es folgt ein Bericht \u00fcber den traditionsreichen Z\u00fcrichclub in einem \u201ehalbzerfallenden tatarischen Dorf\u201c, einem \u201eOrt westeurop\u00e4ischer \u00dcberlebensk\u00fcnstler\u201c zwischen Simferopol und Feodossija. Und im n\u00e4chsten Augenblick f\u00fchrt Tatjana Hofmann ihre Leser\/innen durch das ehemalige geistige Zentrum der Krimtataren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nun folgenden Ausf\u00fchrungen \u00fcber den Bachtschikomplex (vgl. S. 281 bis 303) kennzeichnen die Art der Berichterstattung der Autorin \u00fcber einen Gegenstand, der meist aus dem Blickwinkel des Westeurop\u00e4ers wahrgenommen worden sei. Dieser Wahrnehmung widersetzt sich die Autorin unter R\u00fcckgriff auf drei Quellen. Die Erfahrung und das Wissen ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern, authentische Quellen emigrierter russisch-j\u00fcdischer Autor\/innen, wie z.B. Olga Martynowas \u201eDer goldene Apfel der Zwietracht\u201c, und ihre historischen und ethnologischen Erkenntnisse. Ausgestattet mit diesem fundierten Wissen w\u00fcrdigt sie ihren geopolitischen Gegenstand Krim am Rande Europas auf besondere Weise. Es ist ihr Blick auf die zwischen 2014 und 2018 von russischen Ingenieuren erbaute Br\u00fccke zwischen Kertsch auf der Halbinsel Krim und dem russischen Festland. Sie bezeichnet sie als einen nationalen Erinnerungsort, ungeachtet der Tatsache, dass sie vor allem als Objekt f\u00fcr die russische milit\u00e4rische Kontrolle der Krim benutzt wird. An dieser Stelle wundert sich der Rezensent \u00fcber die naive Sichtweise einer erfahrenen Krimologin, die ihre Widerrede gegen die eigenwilligen Ukrainer und Krimtataren benutzt, um die \u201eEigenst\u00e4ndigkeit\u201c der russischen Halbinsel-Bewohner auf der Grundlage ihrer geopoetischen Konzeption zu legitimieren. Bedauerlicherweise nimmt er auch zur Kenntnis, dass sie sich nicht mit den Auswirkungen der milit\u00e4rischen Besetzung der Krim im Jahr 2014 durch die russische Besatzungsmacht auseinandersetzt. Es bleibt daher die Frage, auf welche Weise eine vielschichtige geopoetische Bewertung eines brisanten Gegenstands umgesetzt werden kann, wenn die Verfasserin dessen Betrachtung einer so eingeschr\u00e4nkten Bewertung unterzieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Krim<\/strong> \u2013 Erkundungen am Rand Europas, von Tatjana Hofmann. Mit Fotografien von Aleksander Barbuch. Berlin (Noack&amp;Block) 2022.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99761 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/JuppBeuys-212x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Der Absturz mit seiner <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/04\/die-tartarenlegende\/\">Nachgeschichte<\/a> diente Beuys als Stoff einer Legende, der zufolge nomadisierende Krimtataren ihn \u201eacht Tage lang aufopfernd mit ihren Hausmitteln\u201c (Salbung der Wunden mit tierischem Fett und Warmhalten in Filz) gepflegt h\u00e4tten. Diese Legende, die Beuys\u2019 Vorliebe f\u00fcr die Materialien Fett und Filz erkl\u00e4ren sollte und die Beuys in einem BBC-Interview ebenso beschrieb,<sup id=\"cite_ref-19\" class=\"reference\"> <\/sup>hat auch sein Biograph Heiner Stachelhaus vertreten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Zeitraum der Entstehung der vorliegenden Publikation (2014 bis 2021) \u00fcber die Krim\u00a0 als \u201eeinzigartigen multikulturellen Ort am Rand Europas\u201c, und die angestrebte Teilnahme der Autorin an einem geopoetischen Bosporusforum bilden den Rahmen einer Erkundung, deren Umsetzung auf eine&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/16\/krim-erkundungen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1429,3788,1158],"class_list":["post-104300","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-joseph-beuys","tag-tatjana-hofmann","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104300"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104303,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104300\/revisions\/104303"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}