{"id":104269,"date":"2024-10-04T00:01:37","date_gmt":"2024-10-03T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104269"},"modified":"2022-11-28T14:58:57","modified_gmt":"2022-11-28T13:58:57","slug":"ein-diskursdestillat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/04\/ein-diskursdestillat\/","title":{"rendered":"Ein Diskursdestillat"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eagerkrokodil\u201c lautet der klingende Name des Debuts von Julia Steinbichler. Ein klingender Titel, der neugierig macht \u2013 und dabei auch noch mehr als h\u00e4lt, was er verspricht! Denn die 1992 in V\u00f6cklabruck geborene Jungautorin versteht es, jenseits g\u00e4ngiger formaler Strukturen Geschichten zu erz\u00e4hlen wie kaum eine Frau ihrer Generation in der \u00f6sterreichischen Gegenwartsliteratur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits die Aufmachung des Bandes macht neugierig: \u201eagerkrokodil\u201c ist in einzelne blockartige Kapitel gegliedert, von denen allein die Titel schon an poetische Werke grenzen: So beginnen wir \u2013 nomen est omen \u2013 mit dem Kapitel \u201ezwiebelburg\u201c und arbeiten uns dann schichtenartig von \u201ebaywatch\u201c weiter nach \u201ewean\u201c \u2013 um irgendwann wieder in der Zwiebelburg zu landen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits vor doch etwas l\u00e4ngerer Zeit bauten Philosophen wie Walter Benjamin auf das Wesen der Collage: Die Tradierbarkeit w\u00fcrde seiner Meinung nach der Zitierbarkeit weichen: Damit, dass eine wachsende Ausdehnung der Presse passierte, gerieten immer mehr Lesende in die Situation, auch Schreibende zu werden, so der Philosoph. Man denke nur an die Entstehung der sogenannten \u201eBriefkasten\u201c in der Tagespresse. Durch diese wichtige historische Entwicklung verlor die Trennung zwischen Autor und Rezipient, so Benjamin, nach und nach ihren grunds\u00e4tzlichen Charakter. Der Lesende kann sich jederzeit in einen Schreibenden verwandeln \u2013 genau so, wie Aufkl\u00e4rung in Mythos umschwappen kann \u2013 und umgekehrt. So wird die Befugnis, sich literarisch zu bet\u00e4tigen, zum Allgemeingut. Partikel aus Texten, Bildern und Musik k\u00f6nnen daher aufgenommen und in die eigenen Werke mit hinein verwoben, zitiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zitiert, collagiert und spielerisch mir Versatzst\u00fccken gearbeitet wird auch bei Julia Steinbichler h\u00e4ufig \u2013 und schon diese Tatsache macht angesichts der formal oft unspannenden Litera-tur der Gegenwart staunen. Und die Autorin wei\u00df, was sie tut: Die lyrischen Texte, die sich bei ihr kaum je \u00fcber mehr als eine Seite erstrecken, changieren in Farbe und Ton. Da gibt es lautmalerische Gedichte, die mit onomatopoetischen Repeti-tionen wie \u201eknax knax\u201c arbeiten, gereimte Stellen wie \u201edas ist was\/das macht spa\u00df\u201c oder \u2013 besonders kess \u2013 \u201ejeder will kosten den s\u00fc\u00dfen nektar\/den du verspr\u00fchst hektar um hektar\u201c, aber auch eingef\u00fcgte RAP- Songs, Traum-Schilderungen und Kursiv-Stellen, bei denen es sich meist um Sprechakte handelt, die den restlichen Text in irgendeiner Weise erweitern, in Frage stellen und\/oder neu strukturieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So spielerisch und leichtf\u00fc\u00dfig das klingt, so ersch\u00fctternd sind jedoch die Inhalte, an die sich die Autorin gesellschaftskritisch heranwagt. In kurzen Bl\u00f6cken, kaum mehr als Momentaufnahmen, f\u00e4chert sie vor unserem Auge ein Kaleidosokop aus Biographien aus, die sich von Anna \u00fcber Diana weiter zu Wolfgang und der Raketenfrau Frieda hangeln. Dass die verschiedenen Lebensentw\u00fcrfe alles andere als harmlos sind, wird bald klar, wenn es \u2013 wie k\u00f6nnte es bei der Darstellung einer \u00f6sterreichischen Familienstruktur anders sein \u2013 um die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, oder aber um die nach wie vor alles andere als ideale Stellung der Frau in der Gesellschaft geht. Kurz vor der \u201eReprise\u201c, die sich \u201enach- wort\u201c nennt, geht Julia Steinbichler noch einmal aufs Ganze, wenn in \u201eEin gro\u00dfes Finale\u201c die Familie noch einmal bei einer Feier zusammen trifft. Und auch an selbstreferentiellen Z\u00fcgen darf es freilich nicht fehlen, wenn es im letzten Gedicht ganz unemotional hei\u00dft: \u201epapa, gleich bist du tot\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Buch, mit dem man immer wieder auf Entdeckungsreise gehen kann \u2013 also, auf zu den Krokodilen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>agerkrokodil, <\/strong>von Julia Steinbichler. Edition Melos 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104270 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/agerkrokodil_Cover-213x300.jpg\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eagerkrokodil\u201c lautet der klingende Name des Debuts von Julia Steinbichler. Ein klingender Titel, der neugierig macht \u2013 und dabei auch noch mehr als h\u00e4lt, was er verspricht! Denn die 1992 in V\u00f6cklabruck geborene Jungautorin versteht es, jenseits g\u00e4ngiger formaler&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/04\/ein-diskursdestillat\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":104270,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3786,394],"class_list":["post-104269","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-julia-steinbichler","tag-sophie-reyer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104269","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104269"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104269\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104273,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104269\/revisions\/104273"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104270"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}