{"id":104218,"date":"2003-09-13T13:01:37","date_gmt":"2003-09-13T11:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104218"},"modified":"2022-11-14T13:08:07","modified_gmt":"2022-11-14T12:08:07","slug":"ueber-den-versuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/13\/ueber-den-versuch\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Versuch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Da\u00df ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Friedrich Nietzsche<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1572, im Jahr der Bartholom\u00e4usnacht, zog sich der damals 38-j\u00e4hrige Michel de Montaigne in die Abgeschiedenheit seiner Bibliothek zur\u00fcck, um mit der Niederschrift seiner epochalen Essays zu beginnen. Als Inspirationsquellen dienten ihm zum einen seine eigenen Lebenserfahrungen und Beobachtungen, zum anderen antike Autoren \u2013 insbesondere jene, die in ihren Schriften eine ruhige, gelassene Weltanschauung vertreten und die Bedeutung menschlicher Vernunft und geistiger Freiheit betonen, so etwa Sokrates, Epikur, Seneca und Cicero. Montaigne behandelt diese Autoren in der Tradition des gelehrten Textkommentars, wobei er dieser typisch humanistischen literarischen Form ein eigenes Gesicht verleiht. Aber auch dem gro\u00dfen Humanisten Erasmus von Rotterdam und dessen \u00dcbersetzungen klassischer Werke verdankte Montaigne viel. In der wuchernden Unkontrollierbarkeit von Montaignes Themen kann man eine Entsprechung zu der von ihm thematisierten Unbest\u00e4ndigkeit des menschlichen Daseins sehen: Diese l\u00e4sst sich nur mithilfe einer unsystematischen Darstellungsweise ann\u00e4hernd erfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mit der vorurteilsfreien Menschen- und Selbstbetrachtung leitete Michel de Montaigne die Tradition der franz\u00f6sischen Moralisten ein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seinem Hauptwerk <em>Les essais<\/em> war Montaigne der Begr\u00fcnder des Essays als eigenst\u00e4ndiger literarischer Form, den er zur Darstellung seiner Reflexionen \u00fcber Literatur, Politik, Geschichte, Philosophie, Religion, Fragen der pers\u00f6nlichen Lebensf\u00fchrung, der Kindererziehung u. a. verwendete. Seine <em>Essais<\/em> sind eine \u00fcberaus reichhaltige Fundgrube an Gedanken, Beobachtungen, gelehrten Betrachtungen, Kommentaren, autobiografisch gef\u00e4rbten Erlebnissen und Interpretationen klassischer Werke. Im Zentrum der Textsammlung steht der Mensch in seiner Widerspr\u00fcchlichkeit. Aufgegriffen werden zahllose Fragen, die Sittlichkeit, Verhalten, Tugend und Laster betreffen. Montaigne vertritt eine gem\u00e4\u00dfigt skeptische Lebenshaltung und versucht, \u00fcberkommene Vorstellungen und Dogmen im Licht der Vernunft zu betrachten \u2013 wobei er sich bewusst ist, wie sehr der Mensch dazu neigt, ebendiese Vernunft zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Die in einem mehr als 20-j\u00e4hrigen Prozess entstandene Essay-Sammlung hat weder einen roten Faden noch eine erkennbare innere Struktur, erh\u00e4lt jedoch durch Montaignes sachliche und schn\u00f6rkellose Sprache eine gewisse Einheitlichkeit. Geschrieben wurden die Texte in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts, als die Religionskriege zwischen Hugenotten und Katholiken tobten. Durch seine Essays wurde Montaigne zu einem der bedeutendsten Vertreter der franz\u00f6sischen Renaissanceliteratur und zum Begr\u00fcnder der literarischen Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Wie mein Geist m\u00e4andert, so auch mein Stil.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Michel de Montaigne<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Essais sind charakteristisch f\u00fcr die spielerische Offenheit seiner vielf\u00e4ltigen Abschweifungen sowie der Entwicklung seiner zu Papier gebrachten Gedanken. Seine Schriften sind so reichhaltig und flexibel, dass sie von nahezu jeder philosophischen Schule adaptiert werden k\u00f6nnten. Andererseits widersetzen sie sich noch heute so konsequent jeder konsistenten Interpretation, dass sie eben dadurch deren Grenzen aufzeigen. F\u00fcr Montaigne war die sinnliche Wahrnehmung ein h\u00f6chst unzuverl\u00e4ssiger Akt, denn Menschen k\u00f6nnen unter falschen Wahrnehmungen, Illusionen, Halluzinationen leiden; man k\u00f6nne nicht einmal sicher sagen, ob man nicht tr\u00e4ume. Der Mensch, der die Welt mit seinen Sinnen wahrnimmt, erhofft sich daraus Erkenntnis. Doch unterliegt er der Gefahr der Sinnest\u00e4uschung, auch seien die menschlichen Sinne nicht ausreichend, um das wahre Wesen der Dinge zu erfassen. Es sei die Erscheinung vom eigentlichen Sein zu trennen; das h\u00e4lt er f\u00fcr unm\u00f6glich, denn daf\u00fcr ben\u00f6tige man ein Kriterium, als untr\u00fcgliches Zeichen der Richtigkeit. Ein solches Kriterium w\u00e4re aber seinerseits nicht allein zuverl\u00e4ssig, so dass ein zweites Kontrollkriterium notwendig sei, das wiederum zu kontrollieren sei usw. bis ins Unendliche. F\u00fcr Montaigne beruht die scheinbare Gewissheit der Sinneseindr\u00fccke ausschlie\u00dflich auf subjektiven Empfindungen, das Ergebnis des Wahrgenommenen bleibt im Relativen. Mit Hilfe des Begriffs <em>apparence<\/em> (Erscheinung) schafft sich Montaigne einen Ausweg. Obwohl also der Mensch das Wesen der Dinge nicht erkennen kann, ist er doch in der Lage, sie in ihren stetig wechselnden Erscheinungen wahrzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Hilfe der pyrrhonischen Skepsis kritisierte Montaigne die menschliche Erkenntnisf\u00e4higkeit: Wahrheit k\u00f6nne der Mensch nicht mit Gewissheit erkennen. Dies liege vor allem an der Unzuverl\u00e4ssigkeit der menschlichen Sinne. In gleicher Weise g\u00e4be es kein allgemein g\u00fcltiges Kriterium f\u00fcr rationale Urteile. Die skeptische Betrachtung aufgrund eigener Erfahrung der uns umgebenden Dinge, der uns umgebenden Menschen und von uns selbst, befreie unsere Vorstellungen von T\u00e4uschung, und man gelange nur so zu unabh\u00e4ngiger Erkenntnis. Damit sei das eigene Selbst das geeignetste Objekt zur Erlangung dieser Unabh\u00e4ngigkeit. Die Introspektion lasse uns \u00fcber die Entdeckung des eigenen Wesens auch das der anderen Menschen verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Montaigne verstand seinen Skeptizismus jedoch nicht als destruktiv, sondern beschrieb bereits die Absichten Pyrrhons als eine positive Grundeinstellung. \u201eEr [Pyrrhon] wollte sich keineswegs zum f\u00fchllosen Stein oder Klotz machen, sondern zu einem lebendigen Menschen, der hin und her \u00fcberlegt und nachdenkt, der s\u00e4mtliche nat\u00fcrlichen Annehmlichkeiten und Freuden genie\u00dft, der alle seine k\u00f6rperlichen und geistigen F\u00e4higkeiten bet\u00e4tigt und sich ihrer auf rechtschaffene und wohlgeordnete Weise bedient. Dem eingebildeten und wahnhaften, vom Menschen zu Unrecht in Anspruch genommenen Vorrecht aber, die Wahrheit festzulegen, zu reglementieren und zu schulmeistern, hat Pyrrhon ehrlichen Herzens entsagt.\u201c Gerade in dieser Haltung sieht etwa G\u00fcnter Abel einen Grundstein f\u00fcr ein modernes Toleranzdenken. Die skeptische Haltung ist Grundlage, um jede Form von Dogmatismus und Fanatismus kritisch abzulehnen und eine anspruchsvolle Ethik zu entwickeln. Ans\u00e4tze einer den Skeptizismus transzendierenden ethischen Position innerhalb der <em>Essais<\/em> wurden verschiedentlich herausgearbeitet. Neben Skepsis und Toleranz er\u00f6ffnet Montaignes Exemplarit\u00e4t, aus seiner vorher beschriebenen individuellen Introspektion heraus, eine undogmatische Verbindlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Als Philosoph begr\u00fcndete er im Anschluss an antike Traditionen den neuzeitlichen Skeptizismus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dank seines Hauptwerkes gilt Michel de Montaigne als Begr\u00fcnder der literarischen Gattung des Essays. Neben Fran\u00e7ois Rabelais (<em>Gargantua und Pantagruel<\/em>) ist er \u00fcberdies der bedeutendste Vertreter der franz\u00f6sischen Renaissanceliteratur. Seine Textsammlung fand bereits bei seinen Zeitgenossen beachtlichen Anklang, rief jedoch auch die erbitterte Kritik kirchlicher Kreise hervor. Montaignes skeptische Grundhaltung und seine Zweifel an den christlichen Dogmen und Jenseitsvorstellungen veranlassten etwa Blaise Pascal, von einem \u201eantichristlichen Werk der eitlen Selbstgef\u00e4lligkeit\u201c zu sprechen. 1676 setzte die katholische Kirche die <em>Essais<\/em> auf den Index verbotener B\u00fccher. Die Bedeutung, die Montaigne dem nat\u00fcrlichen moralischen Bewusstsein beimisst, machte ihn \u2013 in Verbindung mit seinen Vorbehalten gegen\u00fcber ewigen Wahrheiten und starren ethischen Normen \u2013 zu einer wichtigen Inspirationsquelle f\u00fcr die franz\u00f6sischen Moralisten des 17. Jahrhunderts, insbesondere f\u00fcr La Rochefoucauld und La Bruy\u00e8re. Au\u00dferdem \u00fcbte Montaigne mit seiner liberalen, der Welt zugewandten Geisteshaltung gro\u00dfen Einfluss auf die Schriftsteller und Philosophen der Aufkl\u00e4rung aus, beispielsweise auf Montesquieu und Voltaire. Doch auch au\u00dferhalb des franz\u00f6sischen Sprachraums wurde der Verfasser der <em>Essais<\/em> in zeitlich weit auseinander liegenden Epochen von unterschiedlichen Autoren gesch\u00e4tzt und bewundert, etwa von Francis Bacon, William Shakespeare, Johann Wolfgang von Goethe und Arthur Schopenhauer. Montaignes Einfluss auf die gesamte europ\u00e4ische Literatur ist deshalb kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Auch auf sp\u00e4tere gro\u00dfe Essayisten wie Paul Val\u00e9ry, Karl Kraus und Walter Benjamin \u00fcbte Montaignes Werk eine starke Wirkung aus. Auch KUNO ist von seinem Denken zutiefst beeindruckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16327 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> F\u00fcr KUNO ist\u00a0Michel de Montaigne, ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Blogger<\/a> aus dem 16. Jahrhundert. In dieser Tradition begreifen die Redaktion die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da\u00df ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden. 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