{"id":104205,"date":"2007-10-30T09:16:01","date_gmt":"2007-10-30T08:16:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104205"},"modified":"2022-11-10T12:57:27","modified_gmt":"2022-11-10T11:57:27","slug":"zu-ines-hagemeyers-gedichtband-bewohnte-stille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/10\/30\/zu-ines-hagemeyers-gedichtband-bewohnte-stille\/","title":{"rendered":"Zu Ines Hagemeyers Gedichtband Bewohnte Stille"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bewohnte Stille <\/em>klingt ungewohnt. Erst recht, wenn sie \u2013 kaum verklungen \u2013 im Nachwort widerhallt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leitmotiv des Gedichtbandes ist die Dissonanz von Schreiben und Schweigen, von Stille und Stimme. Sie gr\u00fcndet im Bruch zwischen Leben und Geschichte. Dem gerade geborenen Kind wird das Leben im Vaterland und in der Muttersprache von der Deutschen Geschichte abgesprochen (<em>St\u00fcck-<\/em>). Leben ist nur als \u00dcberleben m\u00f6glich, als st\u00e4ndige Erinnerung an vergangenen und k\u00fcnftigen, an fremden und eigenen Tod, an Mord (<em>\u00fcberlebt<\/em>;<em> postrituell<\/em>; <em>eine Zeit<\/em>). Der historische Exodus wird zum existentiellen Exil des Ich, zum universalen Exitus von Sinn (<em>lebensort<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leise versuchen <em>Muttermilchstories <\/em>(<em>Berlin 33<\/em>) den Schmerz des Verlusts mittels Sprechen zu stillen. Auf der Flucht in die Fremde dient die Dichtung als Zuflucht, das Ich richtet sich ein im Papierhaus des Gedichts (<em>Nomade<\/em>;<em> Findel<\/em>). Die Stille wird bewohnt von einer fremd klingenden Sprache, einer durch innere und \u00e4u\u00dfere Mehr- und Fremdsprachigkeit ver\u00e4nderten und vertieften Sprache (<em>largo assai<\/em>; <em>betroffen<\/em>;<em> Clair de lune<\/em>; <em>canci\u00f3n para guitarra<\/em>, <em>canci\u00f3n a Madrid<\/em>). Ein zuh\u00f6rendes und ein sprechendes, ein lesendes und ein schreibendes, ein zusammengeh\u00f6rendes Ich und Du begegnen sich in der Stille des Buchs, das den Bruch der Geschichte zu verarbeiten sucht. Im dualen Selbstgespr\u00e4ch versuchen das Du und das Ich den Mi\u00dfklang von Stille und Stimme, von Aufschrei und Schreiben in Einklang zu bringen (<em>tja<\/em>;<em> ein<\/em>; <em>Flucht<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bisweilen gl\u00fcckt dies in \u00fcberraschend gef\u00fcgten Bildern und Kl\u00e4ngen, insbesondere an den \u00dcberg\u00e4ngen zwischen den Sprachen. Die Bild- und Klangfolgen bilden ein ausgedehntes Netz von Assoziationen, das die Gedichte der Sammlung subtil miteinander verkn\u00fcpft. So spiegelt sich das finstere Fluchtmeer der Kindheit (<em>St\u00fcck-<\/em>) im lichten Naturmeer der Gegenwart (<em>Cala d\u2019Or<\/em>). Wechselseitig verdunkeln und erhellen die Meeresbilder einander; oder sie verst\u00e4rken sich wie der stumme Einbaum am Ufer (<em>TREIBhaus<\/em>) und das verlorene Segel auf dem Atlantik (<em>St\u00fcck-<\/em>). Daheimgebliebene und Heimkehrende treffen sich zu fugalem Klagegesang (<em>largo assai<\/em>), der angesichts sich unverhofft einfindender Kinder zum Hohen Lied der Hoffnung wird. Die Tr\u00e4nenkr\u00fcge, die Sulamit und Margarethe an der Trauerquelle f\u00fcllen, lassen sich daher \u2013 assoziativ \u2013\u00a0 zur\u00fcckverwandeln in den lebenspendenden Wasserkrug der Brunnen- und Fr\u00fchlingsheiligen Margarethe und in den Lebens- und Liebesbronn der biblischen Sulamit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gespr\u00e4ch der Sprachen liegt die vielleicht wichtigste Botschaft der Gedichte. Der Entzug des sprachlichen Mutterbodens (<em>Exilfoto<\/em>) bringt eine neuartige Fremd- und Mehrsprachigkeit hervor; die sprachliche Notgeburt wird zur dichterischen Tugend. Sie versucht den Urgrund der Dichtung, die zu sich selbst kommende Sprache, welche vielsprachig und weltsprachig ist, sprachenvergleichend zu erkunden. Die deutsche Muttersprache wird gewisserma\u00dfen noch einmal erlernt, und zwar auf dem Hintergrund des lateinamerikanischen Spanisch, der Sprache des Exils, und weiterer Sprachen wie Franz\u00f6sisch, Italienisch, Englisch, Lateinisch und Katalanisch. Die ungewohnte Fremdheit der Muttersprache wird begleitet von einer zunehmenden Vertrautheit mit der Fremdsprache, wodurch insgesamt ein neues Sprachgebilde, ein Interlekt, entsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn auch die \u00fcberwiegende Menge der Gedichte des Bandes eine deutschsprachige Oberfl\u00e4che hat, so ist diese doch von fremden Klang- und\u00a0 Bedeutungslinien durchzogen, die ihr eine polyglotte Marmorierung verleihen,\u00a0 beginnend mit bedeutsamen, bisweilen seltsamen Fremdw\u00f6rtern, die bald im Titel bald im Text als Schl\u00fcsselw\u00f6rter erscheinen. So wird in einem der eindringlichsten Gedichte, in <em>Fall<\/em>, die Echtheit der Erinnerung an die Vergangenheit durch das doppelt entfremdende Wort \u201eSouvenir\u201c in Frage gestellt. Dagegen wird in dem skeptischen <em>Clair de lune <\/em>mittels eines spiegelverkehrten\u00a0 Echos \u2013 \u201eLuna verkl\u00e4rt\u201c \u2013 ein subliminaler, beinahe sublimer Einklang zwischen den Sprachen geschaffen. Eine \u00e4hnliche Wirkung ruft der zwischensprachliche Zusammenklang von \u201elargo\u201c und \u201eMargarethe\u201c in <em>largo assai <\/em>hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Gedichte treten in einer deutsch-spanischen Doppelfassung auf (<em>Korrespondenz \/ correspondencia<\/em>,<em> Cala d\u2019Or<\/em>, <em>Djang<\/em>,<em> schau mal<\/em> \/ <em>mira<\/em>). In ihnen sind Original und \u00dcbersetzung nicht zu erkennen. Analog dem rhetorischen Umkehrverfahren des <em>Hysteron Proteron<\/em>, der zeitlichen Verdrehung des Sp\u00e4teren und des Fr\u00fcheren, das in der numerischen Abfolge der Strophen II (1) und I (2) in der deutschen wie in der spanischen Fassung von <em>Cala d\u2019Or<\/em> vorliegt, k\u00f6nnen die deutsche und die spanische Fassung wechselweise als Original oder als Selbst\u00fcbersetzung gelesen werden. Die \u00dcbersetzung hat keine blo\u00dfe Nutzfunktion, sondern versteht sich als sprachenvergleichende Korrespondenz, als dichterische \u00dcbersprachlichkeit. Als Gegenprobe dienen zwei spanische Gedichte, <em>canci\u00f3n para guitarra <\/em>und <em>canci\u00f3n a Madrid<\/em>, die un\u00fcbersetzt bleiben und als reine Lieder, als in einem anderen Sinne \u00fcbersprachliche <em>canciones<\/em>, wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das in meinen Augen gelungenste Gedicht, <em>betroffen<\/em>, mischt als einziges ausgedehnte deutsche und spanische Sequenzen. Nachdem zun\u00e4chst die deutsche und die spanische Sprache, beginnend mit der deutschen, alternierend auf einzelne Sequenzen verteilt wurden (I-III), kreuzen sich die Sprachen innerhalb derselben Sequenz (IV), bevor das Gedicht eine Wende nimmt und in einer spanischen Strophe (V) endet. Die Dichterin inszeniert auf der ozeanischen B\u00fchne des Lebens und der Geschichte ihre eigene Lebensgeschichte als Sprachgeschichte. In dem wogenden Sprachentheater setzt sie abwechselnd die Masken des Deutschen und des Spanischen auf. Der \u201eStacheldraht\u201c \u2013 des Lagers und des Krieges \u2013 wird verwandelt in \u201ebambalinas\u201c, in eine rituelle Kulisse, \u201ecumpliendo ritos als ob nichts sei\u201c. Quer \u00fcber den Ozean kn\u00fcpft sich von Norden nach S\u00fcden, \u201ede norte a sur\u201c, entlang eines ergrauten Kabelzopfes, \u201euna larga trenza &#8230; un cabo ya vuelto gris\u201c, ein Bildnetz, das den Klang der Meeres- und Mehrsprachigkeit einzufangen sucht. Das Sprachentheater entfaltet sich auf der inneren B\u00fchne des Ich, hei\u00dft aber auch den Leser als Mitbewohner der Stille des Buches willkommen: \u201eesperando que alguno \/ se ponga a escuchar\u201c \u2013 \u201ein Erwartung von jemand, der hinh\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Bewohnte Stille<\/strong>, Gedichte von Ines Hagemeyer. Pop, Ludwigsburg 2007<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99179 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hagemeyer-235x300.jpg\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Einf\u00fchrung<\/a> in das Werk von Ines Hagemeyer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0<strong>Fragen im Schlepptau<\/strong>, Gedichte von Ines Hagemeyer. Ludwigsburg: Pop Verlag 2021. Lesen Sie hierzu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/05\/kein-ankerplatz-nirgendwo\/\"><em>Kein Ankerplatz, nirgendwo<\/em><\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0<strong>handverlesen<\/strong>: Gedichte von Ines Hagemeyer. Mit 15 Tuschezeichnungen von PAPI. POP-Verlag, Ludwigsburg 2015 \u2013 Lesen Sie hierzu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/01\/ueber-schatten-und-nebel\/\">\u00dcBER SCHATTEN UND NEBEL<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0<strong>aus dem Gef\u00e4hrt das dir Tr\u00e4ume aufl\u00e4dt, <\/strong>Gedichte von Ines Hagemeyer, mit\u00a014 Tusche-Zeichnungen von PAPI. POP-Verlag, Ludwigsburg 2011 \u2013 Lesen Sie hierzu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/10\/01\/ueber-den-welten\/\"><em>\u00dcber den Welten<\/em><\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bewohnte Stille klingt ungewohnt. Erst recht, wenn sie \u2013 kaum verklungen \u2013 im Nachwort widerhallt. Das Leitmotiv des Gedichtbandes ist die Dissonanz von Schreiben und Schweigen, von Stille und Stimme. Sie gr\u00fcndet im Bruch zwischen Leben und Geschichte. 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