{"id":104155,"date":"1997-10-30T16:02:20","date_gmt":"1997-10-30T15:02:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=104155"},"modified":"2022-10-25T16:05:57","modified_gmt":"2022-10-25T14:05:57","slug":"zu-raoul-schrotts-pamphlet-wider-die-modische-dichtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/30\/zu-raoul-schrotts-pamphlet-wider-die-modische-dichtung\/","title":{"rendered":"Zu Raoul Schrotts \u201ePamphlet wider die\u00a0modische Dichtung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seiner\u00a0Suche nach den tiefen und trotzdem leichten, musikalischen und metaphorisch \u00fcberzeugenden Versen kann man theoretisch leicht zustimmen, aber wie sieht es aus in den W\u00fcsten, W\u00e4ldern, Meeren und Dschungeln der real existierenden Lyrikwelt?\u00a0Was w\u00fcrde er sagen zu den Gedichten von Jan Wagner (Regentonnenvariationen), zu dessen absichtlich &#8218;unreinen&#8216; Reimen, also zu der so erreichten Reimerweiterung? Wieviel K\u00fcnstlichkeit und Ludik sind genehm? Fragen \u00fcber Fragen. Am Ende landen wir wohl immer\u00a0bei den Gedichten, die uns ad hoc gefallen oder die unseren individuellen Kriterien entsprechen. Oder wir merken, wie abh\u00e4ngig wir selbst\u00a0sind von den gro\u00dfen Gedichten der Vergangenheit, etwa gereimte Benn-Gedichte, Prometheus von Goethe, Schillers Handschuh, Ingeborg Bachmanns h\u00e4rtere Tage, und vielleicht auch von Morgensterns oder\u00a0Jandls\u00a0skurril-tiefsinnigen Versen &#8230; Und ich merke, wo ich\u00a0das jetzt schreibe, wie gro\u00df die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit der Gedichte ist, die ich schon vor Jahrzehnten gut fand, und der Gedichte, die ich in den letzten Jahren las &#8211; und frage mich: es w\u00fcrde mir schon schwerfallen, daf\u00fcr Kriterien zu finden; und um wieviel schwerer w\u00e4re es, Kriterien zu finden, die \u00fcberindividuell gelten k\u00f6nnten. Denn es ist doch so: dass uns manchmal ein Gedicht gef\u00e4llt, obwohl oder weil es vollkommen sinnlos erscheint, absolut verspielt ist oder meine Gef\u00fchle genau trifft &#8230; und ich merke auch: das\u00a0Gedicht gef\u00e4llt mir nur in einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Stimmung. Und ich wei\u00df: Ich k\u00f6nnte auch Gedichte niederkritisieren, wenn ich meinen Kriterienma\u00dfstab nur hoch genug spanne &#8211; und ich wei\u00df au\u00dferdem: ein Gedicht, dass meine h\u00f6chsten Kriterien erf\u00fcllt, kann mich auch langweilen, je nach dem, in welcher Zeit, in welcher Lebenssituation es mir begegnet. NUR ZWEI DINGE von Benn liebe ich, und ich kann es auch vernichten, und ich kann an meine Gedichtvernichtung heute glauben und mich morgen dar\u00fcber wundern. Zur\u00fcck zu Raoul Schrott: Er attackiert die modischen Gedichte, da wo sich zeitbedingte Strukturen, Bilder, sprachliche Ph\u00e4nomene wiederholen oder \u00e4hnliche Gedanken wiederkehren, wo sich vielleicht auch K\u00fcnstlichkeiten, ludische Manierismen\u00a0oder geistige K\u00e4lte zeigen &#8211; doch auch hier kann es sein, dass solche Gedichte Jahre sp\u00e4ter anfangen zu leuchten. Der\u00a0Kanon der gelungenen oder wenigstens in irgendeiner Weise bedeutenden Gedichte bildet sich im Lauf der Zeit trotzdem heraus durch Leser, verkaufte B\u00fccher, Jurys und Preise, kulturelle Veranstaltungen, Schule, Wissenschaft und Forschung &#8211; ich bin nicht dagegen, anders geht es ja auch kaum. Aber kein Leser muss daran glauben und dem Kanon folgen. Und so geschieht es auch &#8211; und das ist tr\u00f6stlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Pamphlet wider die modische Dichtung<\/strong>, von Raoul Schrott, in: Fragmente einer Sprache der Dichtung. Innsbruck 1997<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Seiner\u00a0Suche nach den tiefen und trotzdem leichten, musikalischen und metaphorisch \u00fcberzeugenden Versen kann man theoretisch leicht zustimmen, aber wie sieht es aus in den W\u00fcsten, W\u00e4ldern, Meeren und Dschungeln der real existierenden Lyrikwelt?\u00a0Was w\u00fcrde er sagen zu den Gedichten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/30\/zu-raoul-schrotts-pamphlet-wider-die-modische-dichtung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[489,866],"class_list":["post-104155","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-raoul-schrott","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104155","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104155"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104155\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104157,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104155\/revisions\/104157"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98207"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}